Dienstag, 24.11.2020
 
StartseiteEssay und DiskursÜber das menschliche Zeitverständnis und seine Überwindung01.11.2020

Denken über tausend GenerationenÜber das menschliche Zeitverständnis und seine Überwindung

Das menschliche Zeitverständnis ist begrenzt. Wer kann sich Zeiträume von 10.000 Jahren und mehr vorstellen? Frank Herbert ließ in seinen „Wüstenplanet”-Romanen die Mensch­heit den nächsten Schritt tun. Er erfindet den Menschen, der die Erinnerungen von tausend Generationen in sich trägt.

Von Benedikt Schulz

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DER WÜSTENPLANET- Der junge Paul Atreides, lang erwarteter Erlöser des Wüstenplaneten, kämpft gegen den finsteren galaktischen Herrscher Shaddam IV, um den Schlüssel zur Macht - um Spice , eine geheimnisvolle Substanz, die ganz besondere mentale Fähigkeiten verleiht... Szene aus dem Fim "Der Wüstenplanet", Regie: David Lynch USA 1984  (TBM United Archives 0350668/ imago images )
Szene aus der Verfilmung von Frank Herberts Roman "Der Wüstenplanet", Regie: David Lynch, USA 1984 (TBM United Archives 0350668/ imago images )

"Sichtbare Veränderungen im natürlichen Universum sind ausnahmslos explosiv, sonst würde man sie nicht wahrnehmen. Sanft fortschreitende Veränderungen werden von Beobachtern, deren Zeit- und/oder-Aufmerksamkeitsspanne zu kurz ist, nicht gesehen.

Diese geistige Falle ruft sehr kurzfristige Konzepte von Effektivität und Konsequenz hervor; einen Zustand konstanter, ungeplanter Erwiderungen auf Krisen."

Es ist ein existentielles Risiko für das Überleben der Menschheit, kommt aber auf leisen Sohlen daher: Der menschengemachte Klimawandel. Er sollte uns tief bewegen. Flankiert von bedrohlich wirkenden Diagrammen, Berechnungen, Statistiken, er lässt uns aber doch meist kalt.

Manchmal, da wird aus dem abstrakten Wissen reales Unbehagen und spürbare Sorge. Wenn etwa im dritten Hitzesommer in Folge die Blätter schon im August braun von den Bäumen fallen. Oder wenn der Leiter der jüngsten Expedition des Forschungsschiffes Polarstern in den Medien sagt:

"Wir haben dem arktischen Meereis beim Sterben zugesehen."

Und wenn eine Generation junger Menschen auf der ganzen Welt auf der Straße den Druck erhöht, dass es so nicht weitergehen kann mit dem Klimaverhalten der Menschen, gibt es reales Unbehagen, dem kurze Zeit später wieder der Alltag folgt. Ohne spürbare Konsequenzen.

Ende der '50er-Jahre beobachtete der Journalist und bis dahin recht erfolglose amerikanische Schriftsteller Frank Herbert die Sanddünenlandschaft von Florence im Westküstenstaat Oregon. Er recherchierte für einen Artikel über ein Programm der US-Landwirtschaftsbehörde zur Stabilisierung der Dünen, um die Versandung der umliegenden Gebiete zu stoppen. Ein langfristig angelegtes Projekt mit langfristigen Folgen. Und der Schriftsteller Herbert, der einen Roman und vor allem Short Stories in diversen Pulp-Magazinen veröffentlicht hatte, begann nachzudenken: über Ökosysteme und deren Umwandlung, über langfristige Projekte, die weit über die eigene Lebenszeit hinaus geplant werden, und deren Folgen mehrere Generationen zu tragen haben.

Der Wüstenplanet - erfolgreichster Science-Fiction-Roman aller Zeiten

Aus den Recherchen von Frank Herbert entstand nach knapp sechs Jahren Arbeit sein Roman "Dune", auf Deutsch: Der Wüstenplanet. Dem in den USA 1965 erschienenen, bis heute erfolgreichsten Science-Fiction-Roman aller Zeiten folgen fünf weitere Bände, mehrere Prequels und Spin-Offs anderer Autoren sowie zwei Verfilmungen, eine dritte ist in Arbeit.

Die Handlung des "Wüstenplaneten" ist komplex, tausende von Seiten, hunderte handelnde Personen, unzählige fremdartige Begriffe. In einer fernen Zukunft, etwa 25.000 Jahre nach unserer Gegenwart, ist die Erde nur noch ein mythischer Ort, vergleichbar mit dem Garten Eden der Bibel. Über die Geschichte der frühen Menschheit ist dort nichts bekannt.

Die von Frank Herbert gezeichnete Zivilisation hat längst den Weltraum erobert. Das hat die Menschen nicht besser gemacht, immer noch führen sie Kriege, intrigieren, erobern, unterdrücken. Die Menschheit hat ein feudales Imperium errichtet, an dessen Spitze ein Imperator herrscht.

"Der Wüstenplanet" beschäftigt sich mit vielen Fragestellungen: Dysfunktionalität politischer Systeme, das Unterdrückungspotenzial religiöser Machtstrukturen, Auswirkungen psychogener Drogen, vor allem: Ökologie und ökologische Umwälzungen, die ein Menschenleben überdauern. Zwischen den Handlungssträngen der einzelnen Bücher vergehen hunderte oder tausende von Jahren. Ein zentraler Aspekt in den Romanen ist die Frage: Wie kann der Mensch seinen begrenzten zeitlichen Horizont überwinden – und welche Folgen könnte das für den Menschen haben?

Der titelgebende Wüstenplanet heißt Arrakis, ein karger Felsen im All, der aber das wirtschaftliche und politische Machtzentrum des von Menschen bewohnten Universums darstellt. Arrakis ist der einzige Planet, auf dem das "Spice" gewonnen wird, eine mysteriöse Droge, die seherische Fähigkeiten verleiht und so sicheres Reisen durch den interstellaren Raum ermöglicht. Wer das Spice kontrolliert, kontrolliert den Handel und damit die Ökonomie der menschlichen Zivilisation.

Mächtige Adelshäuser befinden sich in einer machiavellistischen Auseinandersetzung um das Spice, und damit um Macht und Einfluss.

Arrakis ist eine lebensfeindliche Umgebung, die beherrscht wird von gigantischen Sandwürmern und bewohnt von einem Wüstenvolk, das sich selbst Fremen nennt. Die Fremen leiden unter der Knechtschaft der imperialen Rohstoffausbeutung. Sie verfolgen insgeheim den Plan einer ökologischen Umwälzung des Planeten, der aus dem kargen Felsen im All eine wasser- und artenreiche Welt machen soll, der aber gleichzeitig das Spice zum Versiegen bringen könnte, da es nur in der Wüstenlandschaft des Planeten Arrakis gedeit. Der Plan der Fremen würde das wirtschaftliche und politische Machtgefüge des Universums erschüttern. Dessen Umsetzung aber wird einige Dutzend Generationen lang dauern. Die Fremen wissen, dass erst ihre Kindeskinder die Früchte dieser planetaren Umwälzung werden ernten können. Und doch verfolgen sie ihren Plan ganz gezielt.

Der durch den Menschen verursachte Klimawandel schreitet voran

In unserer realen Gegenwart, im Jahr 2020, schreitet der durch den Menschen verursachte Klimawandel voran – ohne, dass man dessen Auswirkungen von einem auf den anderen Tag unmittelbar spüren kann. Zielmarken wie die Begrenzung der globalen Erwärmung auf maximal 1,5 Grad bis zum Jahr 2100 bleiben für den Menschen im Alltag abstrakte Größen. Will der Mensch das zukünftige Leben auf seinem Planeten erhalten, ist schnelles und entschiedenes Handeln erforderlich, darüber herrscht in Wissenschaft und Politik weltweit breiter Konsens – von wenigen Ausnahmen abgesehen.

"Sichtbare Veränderungen im natürlichen Universum sind ausnahmslos explosiv, sonst würde man sie nicht wahrnehmen. Sanft fortschreitende Veränderungen werden von Beobachtern, deren Zeit- und/oder-Aufmerksamkeitsspanne zu kurz ist, nicht gesehen.

Diese geistige Falle ruft sehr kurzfristige Konzepte von Effektivität und Konsequenz hervor; einen Zustand konstanter, ungeplanter Erwiderungen auf Krisen."

Als Frank Herbert den Roman "Der Wüstenplanet" schrieb, ahnte er vermutlich noch nichts von den Folgen des heutigen Klimawandels. Aber er ahnte, dass ein grundsätzliches Handicap den Menschen irgendwann den Garaus machen würde: ihr begrenztes Zeitverständnis.

Das menschliche Zeitverständnis ist zu begrenzt, um epochale Veränderungen nicht nur abstrakt und theoretisch zu erkennen, sondern auch deren reale Auswirkungen wahrzunehmen. Auch wenn die Wissenschaft oder beispielsweise schon 1972 der Club of Rome mit der Publikation "Die Grenzen des Wachstums" sich für eine nachhaltige Entwicklung einsetzten und vor den Folgen der globalen Erwärmung warnten, sind die daraus notwendigen Konsequenzen nicht konsequent gezogen worden.

Ein Vergleich: Wenn die Banken weltweit auf einen Finanzcrash zusteuern, der sich innerhalb kürzester Zeit entlädt und hunderttausende Arbeitsplätze bedroht, ist die Politik zu schnellen Entscheidungen in der Lage. Beim Klimawandel scheint das bislang nicht möglich.

Der Klima-Kommunikationsexperte George Marshall schreibt in seinem Buch "Don´t even think about it. Why our brains are wired to ignore climate change":

"Die menschliche Psychologie, unsere Wahrnehmung von Risiken, unsere tiefsten Instinkte, unsere Familie und unseren Stamm zu beschützen: All diese urmenschlichen Triebe helfen uns beim Klimawandel nicht weiter. Die klaren Signale, auf die der Mensch reagiert, die seinen eingebauten Sinn für Bedrohung mobilisieren, gibt es beim Klimawandel nicht."

In früheren Epochen war das kein existenzielles Problem. Aber seit der Mensch in der Moderne Mittel gefunden hat, den eigenen Lebensraum so massiv zu beeinflussen, dass er dabei Risiken eingeht, die seine Lebensgrundlagen zerstören – seitdem kann und dürfte sich der Mensch auf seinem begrenzten Zeitwahrnehmungshorizont nicht mehr ausruhen.

"Eure Erinnerungen kommen aus der Richtung, in der ihr nicht sehen könnt. Manchmal werden sie Instinkt genannt."

Der Mensch benimmt sich wie ein kleines Kind

Der Mensch benimmt sich wie ein kleines Kind, das nicht über den Moment hinausdenkt, das die langfristigen Konsequenzen des eigenen Handelns noch nicht abschätzen kann. Es scheint aber an der Zeit, dass er in Bezug auf den Klimawandel endlich die Fragen nach der Zukunft weniger kurzsichtig behandelt und über die eigene Lebensspanne hinausdenkt. Dass er langfristige Bewegungen, Veränderungen wahrnimmt, die er bislang aufgrund seines begrenzten Zeitverständnisses nicht spürt.

Frank Herbert ist dieser Menschheitsfrage nach dem eigenen Zeitverständnis in seinem Roman "Der Wüstenplanet" und den Folgebänden nachgegangen. Was er dort entfaltete, war "das Streben nach Unendlichkeit und überlegenen Geisteskräften". So jedenfalls nannte es der chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky, der Mitte der ’70er-Jahre an einer ersten Verfilmung des "Wüstenplaneten" scheiterte. Damit blieb er nicht allein. Auch David Lynchs Verfilmung in den ’80er-Jahren war ein Flop.

Die Überwindung des menschlichen Zeithorizonts ist eine Frage nach der Überwindung des menschlichen Verstands. Frank Herbert erkundete damit im "Wüstenplaneten" ein Feld der philosophischen Denkrichtung des Transhumanismus und nahm etwas voraus, das die Transhumanisten beschäftigt: Grenzen des Menschseins gedanklich einreißen.

Wüstenplanet als Fallstudie für Transhumanismus

Transhumanisten wollen menschliche Möglichkeiten durch Einsatz von Technologie erweitern und streben nach Überschreitung oder Überwindung des begrenzten Menschen, und zwar intellektuell, physisch und psychisch.

Für die einen beginnt der Transhumanismus schon bei kleineren Verbesserungen, wenn etwa eine Beinprothese den eingeschränkten Menschen wieder laufen lässt, also Transhumanismus als Upgrade.

Andere verstehen das grundsätzlicher. Für sie heißt Transhumanismus, dass der Mensch irgendwann einem neuen Menschen Platz machen wird. "Der Wüstenplanet" funktioniert hier wie eine Fallstudie.

"Es gibt keine klare Trennung zwischen Göttern und Menschen; die Grenzen sind fließend."

Im "Wüstenplaneten" versucht eine weibliche Ordensgemeinschaft, die Bene Gesserit, durch ein genetisches Ausleseprogramm den Übermenschen, hervorzubringen, den "Kwisatz Haderach".

Als langfristigen Plan, der Orden hegt ein seit über 40 Generationen andauerndes geheimes Zuchtprogramm, verfolgt er das Ziel, die künftige Entwicklung der Menschheit durch Eugenik zu führen. Der Kwisatz Haderach soll über das Wissen und alle Erinnerungen aller Vorfahren verfügen können. So wäre dieser Übermensch mit Unterstützung der mysteriösen Droge Spice in der Lage, Aussagen über die Zukunft der Menschen zu treffen.

Eine faszinierende und zugleich verstörende Vorstellung. Über die ethischen und moralischen Bedenken, die das Prinzip der Eugenik begleiten, sind die Bene Gesserit dabei erhaben. Ihr auf Machtvergrößerung ausgelegtes Denken und Handeln ist funktional und amoralisch.

Fehlende Moral ist es auch, die dem Transhumanismus vorgeworfen wird, vor allem von Religionsgemeinschaften, die in einer vom Menschen gesteuerten Weiterentwicklung der Gattung einen prometheischen Eingriff in die Schöpfung sehen, wenn man so will: mangelnde Demut vor der Schöpfung.

Für Transhumanisten aber zielt das ins Leere. Sie gehen davon aus, dass Humanismus, in diesem Sinne die Vernunftbegabtheit des Menschen, nicht ein von Gott oder wem auch immer der Natur hinzugefügter immaterieller Funke ist. Sondern etwas, was sich evolutionär entwickelt hat. Demzufolge ist es nicht verwerflich, den Menschen zu gestalten, nur, weil eine vermeintliche Gottesebenbildlichkeit das nicht erlaube.

Die Kritik daran wird meist grundiert von einem pessimistischen Menschenbild, auch wenn das selten so ausgesprochen wird: Der Mensch sei egoistisch, suche seinen Vorteil gegenüber anderen. Und jede transhumanistische Verbesserung werde er nutzen um dieses Ziel zu verfolgen. Auch das Zuchtprogramm der Bene Gesserit auf dem Wüstenplaneten will einen Übermenschen entwickeln, um Macht und Einfluss zu gewinnen.

Ein solches Verfahren, die Züchtung einer überragenden Intelligenz, wie es der fiktive Roman-Orden der Bene Gesserit in Frank Herberts Science Fiction ersonnen hat, ist prinzipiell denkbar. Es würde allerdings extrem lange dauern. Zwar wächst die Intelligenz so schrittweise mit jeder Generation – aber jeder Schritt würde eben auch eine Generation Zeit brauchen.

Die Bene Gesserit im Wüstenplaneten haben das Zeitproblem bereits erkannt.

"Vor uns besaßen instinktgeplagte Forscher nur eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne – oft nicht länger als ein einzelnes Menschenleben. Projekte, die sich über fünfzig oder mehr Lebenszeiten erstreckten, kamen ihnen niemals in den Sinn."

Denn das menschliche Gedächtnis, wie wir es kennen, hat sich seit dem Übergang der Spezies zu vernunftbegabten Wesen vor etwa 30.000 Jahren nicht grundsätzlich geändert. Es ist, folgt man dem Kulturwissenschaftler Jan Assmann, eher auf Vergessen als auf Erinnern eingestellt. Assmann zufolge umfasst das unmittelbare kommunikative Gedächtnis eines Menschen gerade mal drei bis vier Generationen, etwa 80 Jahre.

Mensch bleibt ein Gefangener seiner unmittelbaren Gegenwart

Das Kulturelle Gedächtnis umfasst deutlich längere Zeiträume – ist aber mehr noch als das kommunikative Gedächtnis das Ergebnis einer gezielten Konstruktion, die über die Gegenwart mindestens genauso viel, wenn nicht sogar mehr aussagt als über die erinnerte Vergangenheit selbst. Und das gilt auch für eine elaborierte Form der Vergegenwärtigung von Vergangenheit, wie sie die Geschichtswissenschaft hervorbringt. Damit bleibt der Mensch auch im Blick auf die weit entfernte Vergangenheit ein Gefangener seiner unmittelbaren Gegenwart – und damit beschränkt: Ein Fluch.

Im "Wüstenplaneten" scheitert das Zuchtprogramm der Bene Gesserit-Sekte kurz vor seinem Abschluss – am menschlichen Faktor. Aus Liebe wird – eine Generation zu früh – ein Kind geboren, das nicht der gewünschte Kwisatz Haderach ist: Es ist noch fehlerhaft. Immerhin verfügt der Erkorene in geringem Maße über die Fähigkeit, die Zukunft vorherzusehen. Aber er kann sein vorhandenes Wissen noch nicht einsetzen, um für die Zukunft der Menschheit die richtigen Entscheidungen zu treffen. Erst seinem Sohn scheint dies zu gelingen.

"Ich bin eine Million Jahre alt, und das erfordert eine Anpassung, zu der kein Mensch zu keiner Zeit je gezwungen war."

Es ist die Vorstellung einer Totalität menschlicher Erfahrungen. Eine Generation später wird Leto Atreides auf dem Wüstenplaneten geboren. Die Romanfigur ist ein Hoffnungsträger, der bereits im Mutterleib zu vollem Bewusstsein gelangt – und die Erinnerungen all seiner Vorfahren, rein rechnerisch also tatsächlich das Gedächtnis von über 1.000 Generationen, in sich trägt.

In unserer realen Gegenwart könnten solche generationenübergreifenden Fähigkeiten etwa mit Hilfe von Computern möglich werden. Es entspricht dem, was Transhumanisten Mind Uploading nennen. Wir speichern unsere neuronalen Muster, unsere Erinnerungen – und damit in gewisser Weise unsere Seelen auf einer Festplatte. Noch sind unser Wissen über das menschliche Gehirn und die Kapazität der Informationstechnologie zu begrenzt, um den menschlichen Verstand auf Festplatte zu speichern – erst recht den von 1.000 Generationen. Aber da die Entwicklung von Quantencomputern diese Kapazität perspektivisch exponentiell vergrößern dürfte, ist es auch nicht ausgeschlossen.

Forschungsvorhaben wie das Human Brain Project der EU kartieren das Gehirn bereits. Und wenn es möglich ist, dass die Menschheit auf diesem Wege ihren Horizont signifikant erweitert – darf sie sich dem verschließen? Handelt sie unverantwortlich, wenn sie die Möglichkeit nicht nutzt?

Der britische Kybernetiker Kevin Warwick hat bereits gezeigt, wie man mittels einer von ihm entwickelten Gehirn-Computer-Schnittstelle Gedanken als Information in einen Computer transportieren kann. Schon jetzt werden Chatbots erstellt, die, mit Informationen von Verstorbenen gefüttert, in deren Sinne Konversation betreiben. Wäre die technische Kapazität also groß genug – könnte eine Gehirnerweiterung, quasi eine externe Festplatte, dem Menschen alle zukünftigen Erinnerungen der Menschheit zur Verfügung stellen? In Frank Herberts Zukunftsvision ist das ein verstörendes Gedankenspiel.

"Wer noch nie die heiseren Schreie der Verwundeten und Sterbenden gehört hat, weiß überhaupt nicht, was Krieg ist. Ich habe diese Schreie so oft gehört, dass sie mich verfolgen. Und ich habe in den Nachwehen einer Schlacht selbst geschrien. Jede Epoche hat mir ihre Wunden zugefügt. Ich bin von Pfeilen, Lasguns und dem erstickenden Nebel radioaktiver Niederschläge gefällt worden und habe biologische Kampfstoffe erlebt, die einen die Zunge verdorren und die Lunge ertränken."

Der Mensch leidet schon genug unter der Last seiner eigenen Erfahrungen – wer vermag die Erinnerungen der gesamten Gattung zu ertragen, deren Geschichte eine stete Abfolge von Gewalt ist? Ist das begrenzte Vermögen einer zeitlichen Erfahrung gar kein Fluch, sondern eher ein evolutionärer Segen, ein Schutzmechanismus – damit wir über dem Schrecken der Vergangenheit nicht den Verstand verlieren? Und wäre nicht eher diese Totalität der Erinnerung ein Erkenntnisfluch, etwas, was uns aus der behüteten Kindheit unserer begrenzten Wahrnehmung entreißen würde?

Für diesen Gedanken steht in den Wüstenplanet-Romanen die Figur der Alia, eine Tante von Leto. Auch sie besitzt die Gabe der gesamten Erinnerung ihrer Vorfahren. Für sie ist es ein Fluch.

"'Ich, dein Vorfahr Agamemnon, verlange gehört zu werden!'

Es war eine Flut von Gesichtern, die sich herausfordernd in ihr visionäres Denkzentrum drängte und dort breitmachte. Der Druck, den der Schwarm der Eindringlinge auf sie einübte, forderte sie geradezu auf, sich vom eigenen Ich zu lösen."

Alia wird unter der Last vergangener Leben erdrückt und verliert sich im Wahnsinn miteinander ringender Stimmen längst verstorbener Menschen.

Offenbar ist es nicht allein die Fähigkeit, sich an alles zu erinnern, die eine Fortentwicklung des menschlichen Verstands möglich machen wird – sondern es braucht die Widerstandsfähigkeit, die Wucht der menschlichen Geschichte auch zu bewältigen. Auch die menschliche Psyche muss weiterentwickelt sein, wenn die menschliche Erinnerung sich nicht verlieren will in der Masse des bereits in der Vergangenheit Erfahrenen.

Auch im "Wüstenplaneten" fürchtet der mit überragenden Geisteskräften ausgestattete Leto dieses Schicksal des Identitätsverlusts und wählt einen radikalen Weg der Selbstoptimierung. Mit Hilfe der Droge Spice geht er eine Symbiose mit den Embryonen der Sandwürmer ein, die den Planeten Arrakis beherrschen. Er entwickelt sich zu einem riesigen und unsterblichen Wurm, der Herrscher des Universums wird und sich fortan als Gottkaiser verehren lässt.

Von seinem Palast auf Arrakis aus folgt Leto einem "Goldenen Pfad".

"Und was ist der Goldene Pfad? werdet ihr fragen. Er ist das Überleben der Menschheit, nicht mehr und nicht weniger."

In den Jahrtausenden seiner Herrschaft verordnet er damit der Menschheit einen Diktatfrieden, er unterbindet jeden Fortschritt und unterwirft die Menschheit einer umfassenden Stagnation, einer Art statischem Wärmetod des Universums, an dessen Ende eine neugeschöpfte Gattung entstehen soll.

"Ich habe diese menschliche Gesellschaft geformt und über dreitausend Jahre damit verbracht, damit die gesamte Spezies endlich erwachsen wird."

Letos Plan geht davon aus, dass die Menschheit sich in immer wiederkehrenden Konflikten über kurz oder lang selbst vernichten wird – und die Erfahrungen von Milliarden Menschen in seinem Inneren lassen für ihn auch keinen anderen Schluss zu. Diesen Drang nach Gewalt will er unterbinden. Als er nach seinen Motiven für sein Handeln gefragt wird, antwortet Leto:

"'Mein Bedürfnis, das Volk zu erretten.'

'Welches Volk?'

'Wenn ich dieses Wort gebrauche, meine ich damit die unendlichen Massen der Gesamtmenschheit. Ohne mich würde es jetzt nirgendwo mehr Menschen geben – keinen einzigen. Und der Weg in den Untergang war entsetzlicher als deine wildesten Phantasien.'"

Wer alle Erfahrungen gemacht hat, weiß alles und trifft für das Überleben der Menschheit die richtigen Entscheidungen. Leto ist dabei nicht von Egoismus oder Machtgier getrieben. Seine Omniszienz, die Allwissenheit, gibt ihm die Gewissheit, dass sein Handeln alternativlos ist. Dass abweichende Meinungen nicht akzeptiert werden können, folgt einer inhärenten Logik. Der radikal erweitertete Zeithorizont Letos hat somit enormes despotisches Potenzial.

Das erinnert an die Debatte über den Begriff der Ökodiktatur, über die Frage, ob der Kampf und Einsatz gegen den Klimawandel und Demokratie sich vertragen. "Wenn der anthropogene Klimawandel nicht zu radikalen Gegenmaßnahmen der Politik in einer Demokratie führt, dann hat die Demokratie versagt", sagt Roger Hallam. Im vergangenen Herbst gab der Klimaaktivist und Mitgründer von Extinction Rebellion gegenüber dem "Spiegel" zu Protokoll, die Gefahren der globalen Erwärmung seien größer als die Demokratie.

"Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant. Die globale Politik ist offensichtlich unfähig, den radikalen Wandel herbeizuführen, den es braucht."

Vielen Klimaaktivisten wurde und wird nicht zuletzt aufgrund solcher Aussagen unterstellt, ihnen gehe es um eine Ökodiktatur. Wer sich im Besitz der Wahrheit wähnt – und dass die Sorgen der Klimaaktivisten berechtigt sind, bestreitet ja kaum noch jemand – dem wird es schwerfallen, die kurzsichtigen Entscheidungszyklen demokratischer Systeme auszuhalten.

"Was habe ich ihnen genommen? Das Recht, die Geschichte mitzubestimmen."

Leto symbolisiert eine Art Ökodiktator in der Fiktion des Wüstenplaneten. Leto, der Herrscher, verkörpert den Vater, die Menschheit sind seine unwissenden Kinder. Überzeugt davon, dass ohne sein Handeln die Menschheit langfristig dem Untergang geweiht ist, geht er rücksichtslos, despotisch, brutal vor, unterdrückt, lässt hinrichten.

Der langfristig angelegte Plan des Despoten, die Menschheit in einer Jahrtausende langen Unterdrückung zu entwickeln, ist am Ende nämlich tatsächlich von Erfolg gekrönt. Die Menschheit ist anschließend für lange Zeit eine im Universum verstreute, friedlich lebende Gattung.

Aber wenn wir alle – durch unseren begrenzten Horizont – nur unwissende Kinder sind – sind wir dann, wenn nicht unschuldig an der globalen Erwärmung, dann zumindest entschuldigt?

So einfach ist es nicht. Unwissenheit schützt in diesem Fall vielleicht vor Strafe – aber nicht vor Verantwortung. Mehr noch, könnte denn in Zukunft gelten: Verantwortlich macht sich auch, wer weiterhin den menschlichen Makel der begrenzten Zeitwahrnehmung akzeptiert – obwohl die Technik bereits jetzt einen Weg weist, ihn zu überwinden?

Publikum zieht eigene Schlüsse für Zukunft der Menschheit

Frank Herbert war klug genug, in seinen Wüstenplaneten-Geschichten Ambivalenz zuzulassen. Eine Ambivalenz, die seine Science Fiction mitunter schwer erträglich macht. Der Autor – Schriftsteller, kein Philosoph – enthält sich einer eindeutigen Positionierung, er überlässt es dem Publikum, aus seinem Angebot die eigenen Schlüsse für die Zukunft der Menschheit zu ziehen.

Welche sind das? Der transhumanistische Ansatz, den menschlichen Zeithorizont mit Hilfe der Technik zu erweitern, kann wegweisend sein für die Lösung der Klimafrage und anderer existentieller Risiken, die eine generationenübergreifende Perspektive benötigen. Es ist kein unmoralischer Eingriff in eine heilige Schöpfung. Die Gattung Mensch ist eine evolutionäre und nie eine statische Größe gewesen.

Frank Herbert zeigt in seinen Büchern aber auch die Gefahren auf.

So sollte man sich hüten, eine derart radikale Intelligenz mit einem derart erweiterten Zeithorizont herbeizusehnen, wie sie der Gottkaiser Leto darstellt. Auch dann, wenn diese kein Übermensch, sondern "nur" eine Künstliche Intelligenz ist, die sich dennoch durch ihre Omniszienz im Besitz der einzigen Wahrheit wähnen müsste. Bezogen auf die globale Erwärmung wäre das tatsächlich eine Ökodiktatur. Mag sein, dass unser Planet so überlebt – doch zu welchem Preis?

Außerdem sollte verhindert werden, dass all das geschieht, um einzelnen Akteuren ökonomische oder politische Macht zu sichern. Mit anderen Worten: ihnen einen Vorteil gegenüber anderen zu verschaffen, wie es bei Frank Herbert die Bene Gesserit tun. Bislang gibt es eher Anlass zu Pessimismus. Fortschritt und Forschung sind in aller Regel Teil ökonomischer Strategien von Staaten oder Unternehmen. Die Fortentwicklung des menschlichen Verstands wäre aber im besten Falle ein überstaatliches Projekt. Wenn nur ein Teil der Menschheit davon profitiert, droht der erweiterte Zeithorizont zum Instrument von Herrschaft und Unterdrückung gegenüber Zurückgebliebenen zu werden.

Und dennoch, trotz aller Risiken: Der begrenzte Zeithorizont sollte nicht mehr als Entschuldigung herhalten, wenn das Handeln – oder Nicht-Handeln – der Menschheit zu einer ökologischen Katastrophe führt. Wenn die Menschen unwissenden Kindern gleichen, gilt ab sofort: Es wird Zeit, dass sie erwachsen werden.

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