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StartseiteKalenderblattDer blonde Traum27.07.2008

Der blonde Traum

Vor 40 Jahren starb die deutsche Schauspielerin Lilian Harvey

Blonde Locken, spitzes Mündchen, klein und zierlich: Die Schauspielerin Lilian Harvey war in den dreißiger Jahren Leinwandtraum vieler deutsche Männer. Filme wie "Die drei von der Tankstelle", "Hokuspokus" oder "Ein blonder Traum" machten sie berühmt. Gemeinsam mit ihrem Schauspielpartner Willy Fritsch wurde sie zum Traumpaar der Ufa. Vor 40 Jahren starb Lilian Harvey.

Von Beatrix Novy

Die Filmschauspielerin Lilian Harvey, um 1931. (Deutsche Kinemathek, Berlin)
Die Filmschauspielerin Lilian Harvey, um 1931. (Deutsche Kinemathek, Berlin)

"Zwei Reihen Schutzleute müssen Lilian Harvey auf dem Weg zu ihrem Wagen behüten, sonst wird sie ein Opfer des Ruhmes."

Lilian Harveys Popularität ist heute nur noch schwer zu ermessen. Dieser "blonde Traum" schwebte durch die dreißiger Jahre, getragen vom Jubel der Massen und von der Berichterstattung der Presse, die sich keine Bewegung des Stars entgehen lässt. Der Star selbst war klein und äußerst zierlich, ein "Persönchen" wie aus dem Katalog der damals gängigen beliebten Frauentypen: Locken, spitzes Mündchen, keine 1,60 groß, kaum vierzig Kilo schwer.

"Liebes Kind, ich habe dir doch verboten unpünktlich zu sein."

Was die seinerzeit von Männern beliebte Anrede für erwachsene Frauen - "Liebes Kind" - fast gerechtfertigt erscheinen ließ.

"Und ich will nicht, dass Du mir etwas verbietest!"

"Lilian Harvey, sehr liebreizend, fast zu liebreizend."

Ja, es kam vor, dass ein Filmkritiker das Maß der Harvey-Niedlichkeit übertrieben fand. Überhaupt erschlossen sich ihre darstellerischen Fähigkeiten nicht jedem.

"Lilian Harvey ist erotisches Kunstgewerbe. Das Berliner Publikum strömt in Mengen zu diesem Film; ein Beweis dafür, wie hart die Zeiten sind","

schrieb Siegfried Kracauer über ihren Film "Ein blonder Traum". Aber auch nur wenige Drehbücher der Ufa waren geeignet, das Entwicklungspotenzial einer jungen Schauspielerin zu befördern.

""Ich werde dem Zaren meine Handschuhe zeigen!"

"Wirst Du nicht!"

"Werd' ich doch!"

"Wirst Du nicht!"

"Werd' ich doch!"

Die für Humor sich ausgebende Albernheit, die Schlichtheit der Gags, die Geschichts- und Politikferne der exotischen oder historischen Kulissen lassen auch einen berühmten Film wie "Der Kongress tanzt" heute besonders alt aussehen.

Filmisch ist er durchaus eine Leistung, auch von Lilian Harvey: Sie drehte ihn in drei Sprachen, jeweils mit englischen und französischen Partnern; das konnte sie, weil sie erstens anerkannt diszipliniert, zweitens Tochter einer Engländerin war und drittens in der Schweiz während des Ersten Weltkriegs Französisch gelernt hatte.

Sie fing sehr klein an, in Wien, am Varieté, kam zum Film, machte schließlich Karriere. In den Komödien "Ein blonder Traum", "Die drei von der Tankstelle", "Hokuspokus" wurde sie zum "süßesten Mädel der Welt" geformt.

Was Siegfried Kracauer erotisches Kunstgewerbe nannte, kann man freilich auch als die Leere der Neuen Sachlichkeit und Lilian Harvey als Typus bindungs- und folgenloser moderner Erotik interpretieren. Manche ihrer vor 1933 gedrehten Filme enthalten trotz ihrer Harmlosigkeit noch den ungezähmten, schrägen Geist der Weimarer Republik nach außen, die Komödie "Einbrecher" zum Beispiel:

"Ich lasse meinen Körper schwarz bepinseln."

In der Lilian Harvey eine unzufriedene verheiratete Frau spielt, die von ihrem Liebhaber in eine "Negerbar" und schließlich in ein neues Leben entführt wird.

Solche lockeren Drehbücher waren dann bald nicht mehr möglich. Der Held, den sie zum Schluss "kriegte", war meistens Willy Fritsch, und die Harvey war sehr darauf bedacht, dass es zumindest kein geringerer Star war, den sie "kriegte".

Lilian Harvey hielt es lange aus in Hitlerdeutschland, aber sie war eigensinnig, verhalf einem schwulen Kollegen energisch zur Flucht vor den Nazis, emigrierte schließlich über Paris nach Hollywood, wo sie schon vor dem Krieg gewesen war. Diesmal scheiterte sie. Erst kurz vor dem Krieg hatte sie ihre ersten Charakterrollen spielen können; das Selbstbewusstsein, mit dem sie nicht mehr jedes Drehbuch akzeptierte, verleitete sie in der Filmmetropole zu Fehleinschätzungen.

Verlust prägte ihr Leben nach dem Krieg: Sie kehrte zurück zur Bühne, mit wenig Erfolg. Der Rest war Erinnerung. Sie starb, erst 62 Jahre alt, vor 40 Jahren in ihrer Villa bei Cap d'Antibes an der französischen Riviera. Auf ihrem Grundstück hatte sie Bungalows bauen lassen, die sie im Sommer vermietete.

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