Donnerstag, 09. Dezember 2021

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Der Comiczeichner Mikael Ross"Es war mein Traum, Comics in mein Leben zu integrieren"

Die Geschichten des in Berlin lebenden Comiczeichners führen in die Punkszene der Hauptstadt in den 1990er Jahren, in einen Zauberwald und in eine Betreuungseinrichtung - ein ganzes Dorf, für geistig behinderte Menschen. Emotionsstarke und respektvolle Blicke auf die, die anders sind.

Mikael Ross im Gespräch mit Ute Wegmann | 12.01.2019

2 Comics von Mikael Ross
Comics des Berliner Zeichners Mikael Ross (Avant Verlag)
Am Anfang war die Herrenschneiderei
Ute Wegmann: Die Comics, über die wir heute sprechen, heißen "Lauter Leben", "Totem" und "Der Umfall". Der Illustrator heißt Mikael Ross. Er wurde 1984 in München geboren und ging zum Studium nach Berlin. Sein letztes Werk "Der Umfall" war gerade auf den Besten 7, der DLF Bestenliste vertreten, dazu später mehr. Wir wollen jetzt zuerst zurückschauen, denn angefangen hat das Arbeitsleben des Mikael Ross ganz anders, und zwar in der Bayrischen Staatsoper in München. Mikael Ross, welche Ausbildung haben Sie dort gemacht?
Mikael Ross: Nach dem Abitur habe ich gedacht, jetzt noch mal eine Bank drücken, dazu habe ich keine Lust und habe nach Alternativen gesucht. Meine Großmutter hat mich auf die Idee mit der Staatsoper gebracht. Und dann hat sich ergeben, dass dort eine Stelle für eine Ausbildung zum Herrenschneider frei war und dann hab ich das drei Jahre lang gemacht.
Wegmann: Hatten Sie denn vorher einen Bezug zur Mode?
Ross: Ja, da war schon immer so eine Lust. Ich hab davor auch schon viel für mich selbst genäht, hatte auch eine Nähmaschine.
Wegmann: Und nun aber Staatsoper, Sie hätten ja auch in eine Schneiderei gehen können, gab es einen Bezug zu Theater, Oper oder Musik?
Ross: Es war zuerst eine total fremde Welt. Vor allem der Opernbetrieb ist eine eigene Welt, aber so nah an einem großen Kunstbetrieb zu arbeiten und dann Stück für Stück die Oper kennenzulernen, war super spannend.
Als Gastarbeiter bei den Salzburger Festspielen
Wegmann: 2017 entstand ein Sachbuch "Die Herrenschneiderei", zusammen mit dem Herrenschneider Sven Jungclaus. War das ein Blick zurück?
Ross: Gar nicht. Ich arbeite ja sozusagen immer noch als Gastarbeiter einmal im Jahr bei den Salzburger Festspielen als Schneider. Also das ist gar nicht weit weg, es ist immer noch in meinem Leben existent. Wenn man sich darauf verlassen will, dass einem die Kunst die Miete bezahlt, verlangt man manchmal auch zu viel. Das kann sie oft nicht und nicht mit hundertprozentiger Sicherheit liefern. Deshalb ist das Handwerk für mich sehr präsent in meinem Leben.
Modedesign und belgische Comicszene
Wegmann: Zurück ins Jahr 2007, als Sie Ihr Studium an der Kunsthochschule in Berlin –Weißensee begannen. Wie kam es zu dem Schritt?
Ross: Das war ja zuerst gar kein Schritt in die Illustration. Ich muss ja zu meinem Bedauern sagen, ich wurde in Dresden und Leipzig für den Studiengang Illustration abgelehnt und Weißensee mit dem Studiengang Modedesign hat mir zugesagt. Und dann denkt man, besser als zuhause bleiben.
Wegmann: Das heißt, Sie haben gar nicht Illustration, sondern Modedesign studiert?
Ross: Also ich kann sagen, ich hab in meinem Leben keinen einzigen Unterricht in Illustration gehabt.
Wegmann: Zwischendurch führte Sie Ihr Weg nach Belgien, in ein Land mit einer starken Comicszene, mit einer langen Comictradition. Ab dem 10. Januar 1929 erschien in der Zeitschrift Le Petit Vingtième mit dem Abenteuer "Tintin au pays des Soviets" einer der ersten belgischen Comics. Die Abenteuer eines jungen Reporters in Kniebundhosen in der Sowjetunion stammten aus der Feder von Hergé. Tim und Struppi, weltweit bekannt und geliebt. Gab es für Sie einen Grund ausgerechnet nach Belgien zu gehen? Kannten Sie Tim und Struppi?
Ross: Das war wie eine Neuentdeckung. Ich habe mit Tim und Struppi lesen gelernt, das ist wie ein ganz früher Einfluss, über die Bilder hab ich mir den Text erschlossen. Und dann während des Studiums, wo ich mich eh nicht zuhause fühlte, bekam ich die Möglichkeit, über einen totalen Zufall, ein Erasmus-Jahr zu machen. Und es gab sogar eine Comicschule in Belgien. Dann fängt man an zu recherchieren und trifft plötzlich auf diese große belgische Comictradition und merkt, ah, das ist etwas, das ich schon lange kenne. Also war das wie eine Wiederentdeckung für mich.
Wegmann: Und gibt es da Vorbilder, Menschen, die Sie dann geprägt haben?
Ross: Das war ein kolossales Lehrerteam. Ich war da nur ein Jahr, aber was ich da in dem Jahr mitbekommen habe, war unglaublich wertvoll. Also ein sehr großes Auge aufs Detail, eine profunde Überprüfung des Zeichnens, sehr viel Aktzeichnen, mit einem sehr genauen Auge darauf. Also ich war baff, dass man einen so qualitativ-hochwertigen Unterricht in der Schule bekommen kann.
"Es war mein Traum, Comics in mein Leben zu integrieren"
Wegmann: In Belgien begegneten Sie Nicolas Wouters, ein junger belgischer Autor, 1984 in Brüssel geboren. Sie beide haben einen ersten Comic zusammen gemacht: der Titel "Lauter Leben", die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Freunde, in einer symbiotischen Freundschaft, von Kindheit an, der eine überbehütet und ängstlich, der andere ein wahrer Draufgänger, eher vernachlässigt, weil sich die Mutter um den behinderten Bruder kümmern muss. In den 1990er Jahren taucht der eine in die Berliner Punkszene ein und ab, der andere wird bürgerlich mit Eigenheim und Familie. Sie verlieren sich und begegnen sich viele Jahre später zufällig auf einem Bahnsteig wieder. Was war das Reizvolle an Wouters Geschichte?
Ross: Die Geschichte war am Anfang gar nicht richtig da. Wir haben uns auf einer Party getroffen. Vorher hat mir ein Freund gesagt: Micha, du zeichnest ganz okay, das reicht für einen Comic, aber mit dem Schreiben das haste nicht drauf. Such dir doch jemanden, der das kann. Ich hab den Rat nicht als Beleidung genommen, sondern als Hinweis und hatte in Belgien die Ohren gespitzt, jemanden gesucht, der mehr Erfahrung hat, der schreiben kann. Und hab dann Nico getroffen, der schon viel auch für andere geschrieben hat und hab ihn angesprochen: Haste mal eine Szene, die man austesten kann? Und die erste Szene, die dann auch in "Lauter Leben" die erste Szene im Buch ist, war der erste Entwurf, den wir gewagt haben. Also eine Szene mit 18 Seiten. Das ist gut von der Hand gegangen. Es war mein Traum, Comics in mein Leben zu integrieren. Und tatsächlich hat dann ein Verlag zugesagt, der französische Verlag Sabacan, der aber mehr sehen wollte, die Story sehen wollte. Und dann sind wir ziemlich ins Rudern gekommen.
Wegmann: Aber Ihr habt sie zusammen entwickelt, die Geschichte?
Ross: Nico hat alles geschrieben, ich hab alles gezeichnet. Aber es war ein intensiver Austauschprozess.
Wegmann: Ich habe es auch als eine Geschichte über scheinbare Freiheit und Anpassung gelesen. Es geht ja um die Punkszene, der Anfang ist eine Kindheitsszene. Diese Punkszene ist ja sehr intensiv und durchaus brutal dargestellt. Wie haben Sie da recherchiert?
Ross: Ach, Recherche. Ich hab damals noch in der Rigaer Straße in Berlin gewohnt, da fiel die Recherche nicht schwer, man musste nur vor die Haustür gehen. Und ich hatte ein großes Interesse an Subkultur und Konzerten. Es war mehr etwas, das ich erlebt und gesehen hatte und dachte, das würde gut in einen Comic passen.
Über das Besondere an Bruderbeziehungen
Wegmann: Es folgte ein zweiter Comic im Jahr 2016, "Totem", eine Geschichte über eine Bruderbeziehung und für Sie als Zeichner der europäische Durchbruch. Zwei Brüder beim Doktorspiel, so beginnt die Geschichte. Dann: Eine Pfadfindergruppe in einem Sommercamp bei Dauerregen in einem Wald. Louis, der ältere der beiden Brüder, muss in dieses Camp, weil sein Bruder ernsthaft erkankt zu sein scheint. Louis muss sich dort merkwürdigen Riten aussetzen, muss wie alle dort, mühsam seinen Platz finden, sich behaupten. Aber in diesem Wald ist noch etwas, etwas Merkwürdiges. Ein Tier? Louis wird nach einem großen Eklat, einem Brand, eine Nacht verschwunden sein und sich in das Tier seiner Totem-Maske verwandeln, und so eine enge Verbindung zu seinem Bruder herstellen. Er spürt, dass etwas Schreckliches passiert. Auf der Verlagsseite steht diese großartig erzählte Geschichte als: Mystery! Was bedeutet das?
Ross: Man braucht immer ein Label, das man fürs Marketing draufpacken kann, wenn man eine außergewöhnliche Geschichte erzählt. Mystery vielleicht, weil die Geschichte auf der realen Erfahrung Nicos als Pfadfinder basiert, in Belgien sind sehr viele Kinder bei den Pfadfindern und er war 13 Jahre dort. Aber wir haben gemerkt, dass dieser Realismus für die Geschichte nicht ausreicht und dass wir noch ein weiteres Element brauchen, und dann kam die Idee mit dem phantastischen Tier, das im Wald auftaucht.
Wegmann: Und der Junge verwandelt sich. Zumindest in Ihren Bildern, was in der Wirklichkeit passiert, bleibt ja offen.
Ross: Es ist ja auch einer der Stärken des Comics, in der Realität zu bleiben und an manchen Stellen auszubrechen, weil es in den zeichnerischen Medien so einfach ist, ins Phantastische hinüberzugehen. Du brauchst keine Special Effects, kein großes Team, du kannst es dir ausdenken, und der Leser nimmt es dir ab. Aber du musst es sparsam einzusetzen, nur an einem Punkt, das ist der Trick, dass der Leser es glaubt, weil die Geschichte ansonsten einen realistischen Ton hat.
Wegmann: Auch in dieser Geschichte geht es um frühe emotionale Bindungen und ihre Bedeutung für den Einzelnen? Kann man das so sagen?
Ross: Da haben die Leser vielleicht einen klareren Blick drauf. Ich fand, es geht ganz viel um Beziehung zwischen Brüdern. Es geht um den Brüder von Nico, aber ich hab auch zwei Brüder. Und das sind ganz besondere Beziehungen, weil wir die unsere ganzes Leben lang haben, die können wir nicht abschütteln, die verändern sich mal, aber sie bleiben immer da.
Und selbst wenn der Tod dazwischen kommt, bleibt sie bestehen, sodass Nico nach so langer Zeit noch über seinen Bruder etwas zu erzählen hat.
Das Fehlen der Unterschiede
Wegmann: Heute zu Gast im Büchermarkt ist der Comiczeichner Mikael Ross. Kommen wir zu Ihrem aktuellen Erfolg "Der Umfall". Nein, kein Sprachfehler, sondern es geht um einen Unfall durch Umfallen, und daraus leitet sich der Begriff Umfall ab. Es ist die Geschichte eines geistig eingeschränkten jungen Menschen, das Alter ist genauso wenig definierbar wie die Art seiner Behinderung. Er lebt mit seiner Mutter zusammen, seine einzige Bezugsperson, die plötzlich einen Schlaganfall erleidet. Wir erleben Noels enorme Anstrengung, eigenmächtig die Notrufzentrale zu benachrichtigen, und wie er es schafft, dass die Mutter ins Krankenhaus gebracht wird, wo man sie in ein künstliches Koma versetzt. Noel wird aus seinem Lebensumfeld gerissen und in einer Betreuungseinrichtung für behinderte Menschen untergebracht. Mikael Ross, der Ort, an dem Ihre Geschichte spielt, den gibt es tatsächlich. Er heißt Neuekerode und liegt in Niedersachsen. Und wie man dem Nachwort des Buches entnehmen kann, ist der Direktor auf Sie zugekommen, weil er zum 150. Jubiläum der Einrichtung gerne ein Buch haben wollte. Sie sind dann in dieses Dorf gezogen und haben da mit den Menschen gelebt. Das spürt man an Ihren Texten und Zeichnungen. Wie war das Leben dort für Sie?
Ross: Ich bin nicht ganz dorthin gezogen, aber alle vier Wochen dorthin gefahren für drei vier Tage, hatte ein kleines Appartement. Ich habe versucht zu verstehen, wo ich da bin, welche Geschichten da passieren, wem ich begegne, um das wie ein Schwamm aufzusaugen.
Wegmann: Was hat Sie am meisten überrascht oder beeindruckt?
Ross: Am meisten überrascht hat mich das Fehlen der Unterschiede zu meinem Leben. Ich bin mit einem Vorurteil dorthin gegangen, dass in einer Einrichtung für geistig Behinderte alles anders läuft. Und dann habe ich Stück für Stück gemerkt, dass die Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten die Unterschiede bei weitem überwiegen. Es gibt ähnliche Interessen, man kann sich über gleiche Themen unterhalten und es gibt ganz viele Anknüpfungspunkte.
Wegmann: Wie viele Menschen leben dort?
Ross: In Neuekerode leben etwa 800 Menschen und etwa 1.000 Menschen kommen dorthin zur Arbeit.
Den Ton der Menschen in Schriftsprache umwandeln
Wegmann: Auf wen trifft man dort in Ihrem Comic: Auf Valentin, der extrem Ordnungsliebende, auf Alice, die bei Wut epileptische Anfälle bekommt – und auf viele andere. Wie schwer war es, sehr nah an den Eigenarten der Menschen zu bleiben, also das in seiner Besonderheit und in seinen Extremen Amüsante zu thematisieren, aber die Menschen nicht der Lächerlichkeit preiszugeben?
Ross: Das war ein ziemlicher Seiltanz. Und da es die erste Geschichte war, die ich selber schrieb, habe ich mir Hilfe geholt, um es nicht gegen die Wand zu fahren. Ich habe dann einen befreundeten Übersetzer gefragt, ob er mir als Lektor zur Seite stehen kann, um den Schreibprozess zu begleiten. Er hatte von außen einen klaren Blick: Hier hast du deine Figur nicht genau beobachtet, da musst du noch mal hinfahren, noch mal O-Töne sammeln, sodass ich immer die Feedbackschleife hatte, ob der Ton getroffen ist. Das war die Hauptaufgabe, diese ganzen Menschen von dort mit ihrem so eigenen Humor und ihrer eigenen Verdrehtheit erst mal kennenzulernen, zu verstehen und im dritten Schritt den Ton in eine Schriftsprache umzuwandeln, sodass diese ganz eigenen, für mich liebenswerten Charaktere entstehen können.
Wegmann: Das betrifft die Textebene. Wie war es denn auf der Illustrationsebene?
Ross: Die illustrative Ebene war das kleinste Problem, weil es so viel Lebendigkeit, so viele Ausdrücke, so viel Mimik und Gestik gab – fast ein Überangebot, aus dem man schöpfen konnte.
Der Grundvertrauensbruch
Wegmann: Es gibt eine Sequenz, in der sich eine alte Frau, die im Dorf lebt, an das Dritte Reich und die Verfolgung der behinderten Menschen erinnert, an einen Zaun, der mitten durchs Dorf ging, hinter dem ihr Bruder lebte, der ganz klar wusste, dass alle dort früher oder später umgebracht werden. Welche Bedeutung hat die historische Szene?
Ross: Ich glaube, das ist für die Einrichtung ganz wichtig. Einige Leute dort wissen auch sehr gut Bescheid über die T4-Aktion (Red: Aktion T4 ist eine nach 1945 gebräuchlich gewordene Bezeichnung für die systematische Ermordung von mehr als 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen in Deutschland von 1940 bis 1945 unter Leitung der Zentraldienststelle T4) und sind da auch belesen und erzählen darüber, und dann habe ich jemanden gefunden, die das miterlebt. Ich hab die älteste Bewohnerin Neuekerodes kennengelernt, die wird jetzt 92 Jahre alt, das ist im Buch Irma. Wir haben uns getroffen, und es war kompliziert, das Thema anzusprechen, weil damit auch viel Schmerz verbunden ist, aber sie hat mir Vieles aus der Zeit erzählt. Ich fand das superanrührend, weil sie schon mit neun Jahren dahin gekommen ist. Und so eine Einrichtung, die dein Zuhause wird und wo du dich aufgehoben fühlst, wenn die plötzlich beschließt, dich zu beseitigen. Und wie das immer noch spürbar, wie es in dieser Irma rumort hat, dieser Grundvertrauensbruch.
Nicht unsere Logik
Wegmann: Es gibt für einzelne Sequenzen Überschriften. Eine Seite heißt: "Wieder fliegen". Da sieht man die goldene Wärmedecke, an einer Seite abgerissen, und es geht um einen toten Vogel, den Noel in der Kühltruhe in einer Box aufbewahrte, weil er dachte, er würde irgendwann wieder fliegen. Sind das Szenen, die Sie aus Ihrem Erleben im Dorf übernommen haben?
Ross: Also in dem Buch besteht eigentlich der größte Teil aus Details, die mir im Dorf begegnet sind. Der Vogel ist tatsächlich ein Kniff. Aber es ist mir in Neuekerode ganz oft passiert: Du kriegst eine Geschichte erzählt, von einem Bewohner, einem Betreuer, dass jemand einen Vogel in der Kühltruhe aufbewahrt hat z. Bsp. Das hört sich für unsere "normalo" Ohren erst mal nach einer verrückten Handlung an. Und wenn man nachforscht, merkt man, da ist eine ganz klare Logik dahinter, und es macht total Sinn, es ist nur nicht unsere Logik.
Wegmann: Es hat etwas Kindliches!
Ross: Ja, es ist vielleicht auch in einem größeren Rahmen zu sehen, der mit der Autobiografie zu tun hat. Nicht unbedingt kindlich. Es ist eine andere Logik als unsere, die ist aber genauso stringent.
Wegmann: Dahinter steht ja Noels Gedanke, dass die Mutter existiert.
Ross: Oder der Gedanke, dass jemand aus seinem Leben verschwindet, oder stirbt, dass dieser Gedanke nicht greifbar ist. Und deshalb der Tod des Vogels auch nicht greifbar ist.
Wegmann: Sie arbeiten normalerweise mit Panels, eher selten mit ganzseitigen Bildern, wie bei der Wärmedecke. Warum war die an einer Ecke eingerissen?
Ross: Es ist ja die Decke, mit der seine Mumsie ins Krankenhaus transportiert wird: So eine Sanitäterdecke hat ja schon was Mythologisches, fast wie das Goldene Vlies, dass er die als besonderen Gegenstand aufbewahrt, war klar, und zum Schluss wird der kleine Vogel in ein Stück der Goldfolie eingewickelt. Er interpretiert den Gegenstand für sich um. Das war mir bei der Geschichte ganz wichtig zu zeigen, dass die Charaktere eine unglaubliche Kreativität haben, in der Umdeutung von Sprache, von Symbolen, von Sachen, die ihnen gesagt werden, und dass in der Umdeutung eine große Leistung besteht.
Wegmann:Zum Schluss lernt Noel Judo, dazu raten ihm seine Betreuer, damit er seine Aggressionen in den Griff bekommt, dabei war er doch nur eifersüchtig auf den Freund seiner angebeteten Penelope, seiner Prinzessin, in die er total verliebt ist. Er lernt durch Judo, dass man Umfallen lernen kann, mehr noch: Er lernt das Wieder-Aufstehen. Das ist ein sehr schönes Bild.
Ross: Schön, aber auch aus der Realität von Menschen mit geistiger Behinderung herausgegriffen, weil bei uns "Normalos", wenn wir eine Straftat begehen oder handgreiflich werden, dann haben wir das Recht auf einen Strafprozess. Wenn ein Mensch mit einer geistigen Behinderung in einer Einrichtung mehrfach gewalttätig wird, der ist ja nicht zurechnungsfähig, der hat einen Vormund, und es kommt gar nicht erst zu einem Strafprozess, sondern er kommt gleich in die Psychiatrie. Und das ist eine ganz haarige Geschichte in Deutschland. Oder er wird ganz einfach mit Medikamenten ruhig gestellt, was auch oft passiert. Da finde ich dann Judo als ganz anderen Weg sehr faszinierend. Und die Neuekeroder haben ihr Judo, das finde ich sehr geschickt.
Den eigenen Stil finden
Wegmann: Es geht ja in den Szenen oft um emotionalen Stress. Und – wie gesagt – Sie arbeiten klassisch mit Panels, mit Sprechblasen, mit Unterzeilen, aber Sie haben eine besondere Art gefunden, den Stress darzustellen, das sind dann extrem gezackte Sprechblasen, oder Sie verwischen mal die Hintergründe oder färben Sie rot ein. Mit welchem Material arbeiten Sie?
Ross: Für dieses Buch hauptsächlich mit Buntstiften. Es gibt eine Vorzeichnung mit Bleistift und dann wird es mit Buntstift reingezeichnet. Und diese spezielle Art, die ist schon ganz schön abgekupfert, die hab ich mir in ganz Frankreich zusammengeklaut. Die hab ich bei Christoph Blanc gelernt, bei dem Geniezeichner Blache, da wird sich großzügig bedient.
Wegmann: Angelehnt!
Ross: Das ist schon fast Diebstahl. Ich denke immer, bei den ganz Großen darf man abgucken. Letzte Woche in einem Film über Claire Bretecher war ich überrascht zu hören, dass sie sagt: Ich hab überall links und rechts geklaut, und irgendwann hast du deinen eigenen Koffer zusammen und hast deinen eigenen Stil. Das sie das so offen sagt ...
Wegmann: Sie machen viele Workshops, Projekte mit Flüchtlingskindern, eine Comicklasse an der Jugendkunstschule in Charlottenburg – Sie sind sehr engagiert. Wie wichtig sind Ihnen die Begegnungen mit den jungen Menschen?
Ross: Das war eine totale Bereicherung, das Comiczeichnen beinhaltet das Problem, dass man sehr viel Zeit mit sich selbst verbringt und sehr viel Zeit am Tisch und das ist gar nicht immer gut. Und da war es total hilfreich, einen Fuß in das Unterrichten hinein zu bekommen, denn in dem Moment, wo du vor 16 Jugendlichen stehst, die total lebendig sind, musst du dich weiterentwickeln. Da reicht dein nerdiges Comic-Selbst nicht aus, da musst du dir was anderes ausdenken. Es war eine große Bereicherung, meine Stimme zu entwickeln, mein Auftreten, den Umgang mit jungen Menschen – das alles mal zu trainieren.
Wegmann: Wie lange arbeiten Sie in der Regel an einem Comic? Wie lange haben Sie an "Der Umfall" gearbeitet?
Ross: "Der Umfall" war eine knappe Geschichte, weil das an den 150. Geburtstag gebunden war, ein historisches Datum, deshalb war da nichts zu schieben. Der gesamte Prozess hat ungefähr zweieinhalb Jahre gedauert, davon waren eineinhalb Jahre die Recherche und das Schreiben und dann ein knappes Jahr die zeichnerische Umsetzung. Das war ein relativ straff geschnürter Zeitplan.
Wegmann: Gibt es ein neues Projekt?
Ross: Es gibt erste neue Gehversuche, aber das Buch ist ja gerade im Herbst erst rausgekommen, ich bin also immer noch sehr nah dran. Aber so langsam geht es wieder los mit den Ideen.
Wegmann: Danke für das Gespräch, Mikael Ross. Alle Bücher finden Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer auf unserer Webseite. Hier kann man das Gespräch erneut hören oder nachlesen. Nun folgt Forschung aktuell. Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen Ute Wegmann.
Sven Jungclaus und Mikael Ross (Illustration):
"Die Herrenschneiderei"
Books on Demand, 120 Seiten, € 39,- (2. Aufl.)
Nicolas Wouters und Mikael Ross (Illustration):
"Lauter Leben"
Aus dem Französischen von Annika Wisniewski
avant Verlag, Berlin 2014, 104 Seiten, € 19,95
Nicolas Wouters und Mikael Ross (Illustration):
"Totem"
Aus dem Französischen von Claudia Sandberg
avant Verlag, Berlin 2016, 128 Seiten, € 29,95
Mikael Ross:
"Der Umfall"
avant verlag, Berlin 2018, 129 Seiten, € 28,-