Donnerstag, 09. Februar 2023

Jean-Gabriel Causse: "Justine und die Rettung der Welt"
Ein laues Cybermärchen ohne utopische Kraft

Das Internet wird menschlich - zumindest im gar nicht so futuristischen Roman von Jean-Gabriel Causse. Neben dem Liebesabenteuer einer Hackerin und einem Offizier, geht es um die Gefahren und Chancen von KI.

Von Dirk Fuhrig | 19.01.2023

Das Buchcover von Jean-Gabriel Causse: „Justine und die Rettung der Welt“ vor einem Hinertgrund von Binärcodes
Was passiert, wenn sich das Internet selbstständig macht? (Buchcover Penguinverlag / Hintergrund IMAGO (c) 30298712)
Justine ist Mathematikerin mit Spitzenausbildung an einer Pariser Elitehochschule. Nach einem persönlichen Schicksalsschlag zieht sie nach New York, wo sie sich als Super-Hackerin betätigt - freiberuflich für verschiedene Firmen. Aber mit einem Mal gelingt ihr ein Coup:
„Vor zwei Wochen ist es ihr beim Testen eines ihrer Algorithmen zur Entschlüsselung von Passwörtern sogar gelungen, in die erste Ebene des sakrosankten Servers des US Cyber Command einzudringen. Diese in den Büros der NSA angesiedelte streitkräfteübergreifende Einheit ist für die ,Informationssicherheit´ verantwortlich. Ihre Bedeutung innerhalb der Armee steigt mit jedem Tag, und so ist auch ihr Budget in der letzten Zeit exponentiell angewachsen.“
Justine ist nicht nur hochbegabte IT-Spezialistin, sondern, wie es dieses Genre verlangt, siehe die weltweit erfolgreiche Serie „Mr. Robot“, ein Nerd. Ihr Ehrgeiz ist es, alle denkbaren Sicherheitslücken aufzudecken:
„Eine der tiefer liegenden Ebenen dieses Intranets zu erreichen, wäre für Justine wie der Heilige Gral. Dabei hat sie keinerlei finanzielle Interessen. Sie verdient bereits sehr gut. Was sie antreibt, ist die Vorstellung, in diese hochgesicherten Computer einzubrechen und den Leuten vor den Bildschirmen zu schreiben: ,Hallo, ich habe Licht gesehen und bin einfach reingekommen. Darf ich mich zu euch setzen?´“

Agentensex und Künstliche Intelligenz

Solche Spionage-Ambitionen bringen sie natürlich schnell in Konflikt mit dem amerikanischen Verteidigungsministerium, zunächst in Gestalt eines attraktiven jungen Offiziers, mit dem sie eine hervorragende Liebesnacht verbringt, bevor sie merkt, dass er mit ihrer Überwachung beauftragt ist. Klingt nach 007? Ist auch ein bisschen so. Nur dass die Story hier im Vergleich zu den waghalsigen James-Bond-Szenarien noch ein paar Drehungen unglaubwürdiger ist.
Denn aus den Tiefen des World Wide Web taucht plötzlich ein belebtes Wesen auf: eine „Künstliche Intelligenz“ - die sogar sprechen kann:   
„Ja, ich bin ein Lebewesen ... denn ich kann sterben. Das ist ganz einfach. Man braucht mir nur meinen Sauerstoff zu nehmen: den Strom. Ohne Strom keine Computer oder vernetzten Geräte mehr, keine Server, kein Speicher. Man kann mich auch ersticken, indem man alle Netzverbindungen kappt.“

Das Internet winkt mit der Pfote

Es geht aber noch kindischer, denn das sprechende Internet zeigt sich auf Bildschirmen in Form eines Kätzchens, das schnurrt und mit den Pfötchen winkt. Nun ja, denkt man da beim Lesen, wie niedlich und wenig originell… Aber immerhin greift die Story mit Cybersicherheit, dem Eigenleben der Schaltkreise und den daraus resultierenden weltweiten Gefahren eigentlich ja ein brisantes aktuelles Thema auf: Was passiert, wenn der Strom ausfällt? Wie könnte so ein „selbst denkendes“ Internet die Armeen der USA, Chinas und Koreas einschließlich deren Nuklearwaffen manipulieren?
Auch Barack Obama, Ex-US-Präsident und Friedensnobelpreisträger, hat in dem nur leicht in die Zukunft blickenden Science-Fiction-Roman eine tragende Rolle. Er taucht zwar nie mit seinem Namen, aber kaum verschlüsselt als „44. Präsident“ der USA auf. Causse lässt ihn als Mahner im Hintergrund agieren und kluge Reden halten:
„,Dank künstlicher Intelligenz wird in den kommenden Jahren jeder zweite Arbeitsplatz in den Vereinigten Staaten durch Roboter ersetzt werden. (…) Wir können nicht mehr zurück. Die Computer sind auf immer mehr Gebieten leistungsfähiger, schneller und verlässlicher als wir. Wir müssen uns auf den Tag vorbereiten, an dem die menschliche Spezies nicht mehr allein an der Spitze der Evolution steht.´“

Eine konstruierte Handlung

Die Frage, wie sich bewaffnete Konflikte durch den Einsatz einer „guten“ künstlichen Intelligenz verhindern lassen, schwingt in diesem Szenario ebenso mit wie philosophische Fragen über das Verhältnis von Realität und den künstlichen Welten, deren Fähigkeiten sich tagtäglich potenzieren. Ein interessantes Sujet. Aber leider ist die Handlung, die sich bis in geheime Hochsicherheits-Labors in China verästelt, allzu durchsichtig und vordergründig konstruiert. Auch sprachlich ist das Buch eher schlicht gehalten. „Justine und die Rettung der Welt“ ist also nur ein laues Cybermärchen ohne utopische und literarische Kraft.
Jean-Gabriel Causse: „Justine und die Rettung der Welt“
Aus dem Französischen von Nathalie Lemmens
Penguin Verlag, München
320 Seiten, 12 Euro.