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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDer dornenreiche Weg zur Normalisierung und Aussöhnung11.11.2013

Der dornenreiche Weg zur Normalisierung und Aussöhnung

Christian Wehrschütz: "Brennpunkt Balkan. Blutige Vergangenheit - Ungewisse Zukunft", Verlag Styria Premium

Der österreichische Journalisten Christian Wehrschütz wirft in "Brennpunkt Balkan" einen Blick auf die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens und schaut auf die historischen und strukturellen Schwierigkeiten der Region in Südosteuropa.

Von Tom Goeller

Die Brücke von Mostar wurde im Bosnienkrieg 1993 von kroatischer Seite zerstört und 2004 wieder rekonstruiert. (AP)
Die Brücke von Mostar wurde im Bosnienkrieg 1993 von kroatischer Seite zerstört und 2004 wieder rekonstruiert. (AP)

Das großformatige Ölgemälde mit dem Titel "Das Floß der Medusa" aus dem Jahr 1819 hängt im Pariser Louvre. Es zeigt ausgemergelte Schiffbrüchige in stürmischer See, die hoffnungsvoll auf ein Rettungsschiff am düsteren Horizont blicken. Diese Szene hat der serbische Karikaturist Jovo Škomac nachgemalt und in einen modernen Kontext gestellt: Auf dem Floß der Schiffbrüchigen weht die serbische Fahne und als Rettungsschiff kommt ein Luxusliner angedampft, an dessen Bug der Sternenkranz der Europäischen Union strahlt, die Schornsteine tragen die deutschen Farben; das Schiff allerdings heißt "Titanic". Hier stimmt das Sprichwort "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte": Wäre die Aufnahme in den von Deutschland beherrschten Klub der Europäer wirklich die Rettung für Serbien oder eher ein weiterer Untergang?

Solche Stimmungsbilder im wahrsten Sinne sind es, die die politischen Aussagen des Balkan-Buchs von Christian Wehrschütz unterstreichen. Neben der erwähnten Schiffbrüchigen-Analogie, die im ersten Kapitel abgedruckt ist, ist zu Slowenien etwa ein Titelblatt des Politik-Magazins "Mladina" zu sehen, das einen EU-Bannerträger in SA-Uniform zeigt, mit der Überschrift "Neuer Kolonialismus". Rund einhundertdreißig farbige Abbildungen veröffentlicht Wehrschütz in seinem Buch.

Man spürt den Fernsehreporter, der es gewohnt ist, seine Eindrücke, seine Kommentare, seine Worte mit Bildern zu untermauern. Und dennoch ist es kein Bildband, sondern eine tief gehende Analyse der Psyche der neun Balkanvölker sowie ihrer Politik seit dem Zerfall des kommunistischen Ostblocks Ende 1990. Wehrschütz, der seit vierzehn Jahren für das österreichische Fernsehen ORF vom Balkan berichtet, verdeutlicht nun als Autor in eigens für dieses Buch verfassten Beiträgen die Probleme der Region. Häufig greift er dabei zum Stilmittel des Vergleichs, damit der west-europäische Leser die psychologischen Schwierigkeiten besser nachvollzeihen kann. So etwa die Tatsache, dass die ehemaligen Kriegsparteien noch immer nicht aufeinander zugehen:

Die tief greifende Aussöhnung der Völker setzt eine gewisse materielle Sicherheit voraus, die derzeit auf dem Balkan nicht gegeben ist. Dass Aussöhnung nicht nur dort Zeit braucht, zeigt etwa die Tatsache, dass (...) Angela Merkel erst 90 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als erste deutsche Kanzlerin zu einer Gedenkfeier nach Paris eingeladen wurde. Der Balkan ist somit keine Ausnahme in Europa.

Wehrschütz hat sein Buch klar strukturiert, indem er den Leser geografisch durch die Region von Nord nach Süd führt. Zu Beginn kommen statt eines Vorwortes namhafte Persönlichkeiten aus fünf der neun Balkanstaaten zu Wort, darunter Ivica Dačić, der Premierminister Serbiens, Danilo Türk, [ehemaliger] Präsident Sloweniens und Ivo Josipović, Präsident Kroatiens. Allen gemeinsam ist die Hoffnung, die beispielsweise Josipović folgendermaßen ausdrückt:
Wir möchten, dass der gesamte Balkan so rasch wie möglich in der Europäischen Union (...) eingeschlossen wird, denn das betrachten wir als Garantie des Friedens, der Sicherheit, des Wohlstandes und der Freiheit.

Ein gemeinsames Auftreten der neun Balkanstaaten vermisst Wehrschütz allerdings bisher. Und er leitet daraus viele der aktuellen politischen Probleme ab, die er in seinem Buch erläutert. Angefangen mit den weniger problematischen Staaten wie Slowenien und Kroatien im Norden arbeitet sich der Autor dann in den Süden bis Mazedonien und Bulgarien vor.

Der "dornenreiche Weg zur Normalisierung und Aussöhnung", wie Wehrschütz eines seiner fünf Kapitel über Serbien betitelt, ist wohl der wichtigste Teil des Buches; und zwar, weil es viel über die serbische Mentalität erklärt, die dem Westen so fremd ist. Und weil Serbien der dominante Staat der Region war und ist. War es doch der serbische Autokrat Slobodan Milosović, der die Balkankriege der Neunziger Jahre ausgelöst und bis zu seinem Sturz im Oktober 2000 zu verantworten hatte. Wehrschütz:

Seine verantwortungslose und verbrecherische Politik hatte Serbien ruiniert - wie sehr, dessen war sich die Bevölkerung damals nicht bewusst. Im Grunde genommen fehlt dieses Bewusstsein bis heute.

Das Kosovo wird von Wehrschütz in Verbindung mit Serbien betrachtet, wobei der Autor einen einfühlsamen Ton für diese anhaltende Konfliktregion findet. Wehrschütz hebt anhand des Kosovo die "größten Fehler des Westens", wie er sagt, hervor, indem er darauf verweist:

Besonders verhängnisvoll für die Staatsbildung des Kosovo und die Normalisierung der Beziehungen zwischen Belgrad und Pristina wirkte sich (...) die Sonderrolle aus, die dem serbisch dominierten Norden des Kosovo durch die internationale Gemeinschaft seit dem Ende des NATO-Krieges eingeräumt wurde - vom Dinar als Währung bis zum serbischen Autokennzeichen.

Dies verhindere, so Wehrschütz weiter, dass die verfeindeten Volksgruppen zusammenarbeiten.

Das Buch endet abrupt mit einer Reportage über jenen serbischen Offizier, der 1999 einen amerikanischen Tarnkappenbomber abschoss und heute als selbstständiger Bäcker arbeitet und seinen Teig mit einer umgebauten Betonmischmaschine herstellt. Wehrschütz versagt sich einen Ausblick, wie er typisch wäre für solch' ein Buch. Er weissagt dem Leser nicht, wie der Balken in zehn Jahren wohl aussieht. Denn im Untertitel seines Buches verweist der Experte offen auf eine "ungewisse Zukunft". Das Buch präsentiert sich als hoch-aktuell - das letzte Kapitel wurde erst vor einem Monat fertiggestellt. Als Empfehlung sei hier abschließend aus dem Grußwort des Erzbischofs von Belgrad, Stanislav Hoćevars, zitiert:

Durch diese Art der journalistischen Arbeit fällt mehr Licht auf uns und verdrängt die Dunkelheit, die zu lange auf dem Balkan lastete. Alle Leser seien deshalb aufgefordert, die 'Morgenröte' des Balkans zu entdecken.

Christian Wehrschütz:
Brennpunkt Balkan. Blutige Vergangenheit - Ungewisse Zukunft, Verlag Styria Premium, 240 Seiten, 24,99 Euro
ISBN: 978-3-222-13427-2

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