Freitag, 16.11.2018
 
Seit 02:10 Uhr Dlf-Magazin
StartseiteKalenderblattDer erste Flug über die Alpen23.09.2010

Der erste Flug über die Alpen

Vor 100 Jahren: Jorge Chávez überquert Europas höchstes Gebirge mit dem Flugzeug

Das Gefährt des Peruaners Jorge Chávez war ein Eindecker ohne Windschutz und Haltegurte. Mit Schutzbrille und Spezialanzug bekleidet, hob der Millionärssohn ab und verunglückte bei der Landung in Italien tödlich.

Von Mathias Schulenburg

Die erste Luftüberquerung der Alpen ging nicht gut aus. (Archiv Großglockner Hochalpenstraßen AG)
Die erste Luftüberquerung der Alpen ging nicht gut aus. (Archiv Großglockner Hochalpenstraßen AG)

Jorge Chávez, Sohn eines nach Frankreich eingewanderten peruanischen Millionärs, hatte sich – obwohl blutjung und erst wenige Monate im Besitz einer Pilotenlizenz – innerhalb kürzester Zeit einen Namen als Rekordflieger gemacht und ganze Zeitungsseiten gefüllt, als ihm von einer Gruppe Mailänder Geschäftsleute ein fliegerischer Wettbewerb besonderer Art angetragen wurde: die Überquerung der Hochalpen.

Als Startpunkt war Brig – heute Ried-Brig – in der Schweiz festgelegt worden, 870 Meter über dem Meeresspiegel. Von dort galt es, sich steil nach oben zu schrauben, um den Simplon Pass in 1480 Metern Höhe überqueren zu können. Nach einer Zwischenlandung im tiefer gelegenen italienischen Domodossola sollte es weiter nach Mailand gehen.

Chávez’ Flugzeug, die Bleriot XI, war ein Eindecker mit einem einzelnen Sitz ohne alle Haltegurte, einem Motor mit kaum 50 PS Leistung, einem zur Hälfte mit Textil verkleideten Eschenholzrumpf und einer Klavierdrahtverspannung. Die Flügel und das Seitenleitwerk waren ebenfalls aus Eschenholz und mit Stoff bespannt. Die beiden Vorderräder stammten aus der Fahrradbranche. Einen Windschutz gab es nicht. Chávez trug Schutzbrille und Fliegerkappe und einen Spezialanzug aus dichter Chinaseide, gefüttert mit Chinapapier und Asbest.

Vor dem für Sonntag, den 18. September 1910 vorgesehenen Start befand die Kantonsregierung des Wallis überraschend, dass des Buß- und Bettages wegen erst ab
16 Uhr geflogen werden dürfe. Es gab ärgerliche Proteste; am Zwischenlandepunkt in Domodossola, wo die Schaulustigen vergeblich warteten, wurden Schweizer verprügelt. Gegen einen Start am Nachmittag legten die Italiener ein Veto ein.

Am folgenden Tag starteten Chávez und sein Konkurrent Charles Weymann – alle anderen hatten aufgegeben – einen ersten Versuch, vergeblich. Chávez schilderte dem Veranstalter, warum:

"Ich sah viele schwarze Wolken auf mich zukommen, getrieben von einem extrem starken Wind, der mich sechzig Meter nach unter drückte. Ich musste mich mit aller Kraft am Steuer festhalten, um nicht aus dem Flugzeug geschleudert zu werden. ... Dann kam ich in einen schrecklichen Luftwirbel und verlor die Kontrolle über die Maschine. Meine Bleriot war nur noch ein Spielzeug, das hin und her geworfen wurde, wie der Wind wollte. Ich hielt mich für verloren. In einem verzweifelten Manöver gelang mir eine Linkskurve und ich entkam."

Als am 23. September 1910 der Himmel wieder aufklarte, raste Chávez mit seinem Sportwagen den Simplonpass hoch, um die Windverhältnisse zu erkunden. Auf der Südseite des Gebirges gab es starke Böen. Gleichwohl entschloss sich Chávez
– gegen den Rat seiner Umgebung – zu starten; Startzeit: 13 Uhr 29.

Der Korrespondent New York Times kabelte aus Brig:

"Chávez drehte erst ein paar Runden im Tal und schraubte sich dann in weiten Kreisen höher und höher, bis sein Eindecker wie ein flatterndes Blatt am Himmel wirkte. Dann ging das Flugzeug im Schwarz der mit Fichten bestandenen Berghänge unter, dann war es wieder im Weiß eines Wolkenschleiers auszumachen. ... Dann schwebte das kleine, braune bemannte Insekt hoch über den Fichten und verschwand schließlich aus dem Blickfeld. Alle rannten zum Telefon. ... Um 1:30 kam die Nachricht, Chávez sei über dem Simplon gesichtet worden. ... Dann hatte der Eindecker Gondo passiert. Schließlich der Anruf, Chávez sei noch zwei Meilen vom Zielort Domodossola entfernt und komme herunter. Ein erleichtertes Raunen ging durch die versammelte Menge. Dann läutete das Telefon wieder. Chávez sei abgestürzt und habe beide Beine gebrochen. Das Raunen machte tiefen Seufzern Platz."

Tatsächlich hatten sich nur wenige Meter über dem Landeplatz die überstrapazierten Flügel teilweise gelöst und an den Flugzeugrumpf gelegt – wie bei einem gelandeten Vogel. Daraufhin führte die Maschine einen Salto aus und begrub Chávez unter sich. Der Luftfahrtpionier starb vier Tage später an seinen Verletzungen, die schwerer waren als zunächst erhofft. Er war nur 23 Jahre alt geworden. Im Gefolge seiner Ruhmestat begann sich der kommerzielle Luftverkehr über die Alpen zu entwickeln.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk