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Der Gott der Produktivität

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat vielen Menschen in Erinnerung gerufen, dass es Grenzen des Wachstums geben muss. Von der Krise des Wachstumskapitalismus und den Gefahren des Überkonsums handelt "Die Ökonomie von Gut und Böse", das neue Buch des tschechischen Ökonomen Tomas Sedlacek.

Von Rebecca Hillauer | 13.02.2012

    "Ökonomie gilt als eine wertefreie Wissenschaft. Aber der Schein trügt: Wir sehen nur die Spitze eines Eisbergs, dessen größter Teil unsichtbar unter Wasser ist – und das sind Werte, Philosophie, Ethik, Moral, über die wir nicht sprechen."

    Tomas Sedlacek, Jahrgang 1977, Dozent an der Karls-Universität in Prag, Chefökonom der größten tschechischen Bank und Mitglied des dortigen Nationalen Wirtschaftsrats, will in seinem Buch die verborgene Seite dieses Eisbergs ans Licht bringen. Auf seiner Spurensuche geht er zurück bis zum Gilgamesch-Epos, forscht in der Mythologie und der Bibel, bei Aristoteles ebenso wie bei Descartes, Adam Smith und in der modernen Populärkultur. Zahlt es sich aus, Gutes zu tun? Ist Eigennützigkeit angeboren? Hat Eigennützigkeit sogar das allgemeine Wohl zur Folge? Ist der Mensch im Kern gut oder böse? Diese Fragen waren schon im Alten Testament von immenser Bedeutung.

    "Die alten Hebräer kannten das Konzept eines Himmelreichs im Jenseits nicht, so musste Gerechtigkeit zu Lebzeiten auf der Erde stattfinden. Das Christentum hat das sozusagen annulliert mit der guten Nachricht "Gesegnet sei der, dessen Sünden nicht zählen." Wenn wir heute im Jahr 2012 über Griechenland debattieren, geht es im Grund um die gleiche Frage: sollen wir Griechenland nach irdischen Recht beurteilen? Das heißt, ist Griechenland ein Markt? Oder sollen wir Gnade vor Recht ergehen lassen? Wir sind nicht sicher, wo wir stehen. Denn die EU begann als eine Wirtschaftsunion, ist aber zu etwas Größerem, einer Art Familie herangewachsen."

    Tomas Sedlaceks Buch verkaufte sich in seiner Heimat Tschechien in kürzester Zeit mehr als 60.000 Mal und wurde bei der Oxford University Press ein internationaler Bestseller. Auch die Erbsünden-Theorie interpretiert Sedlacek darin aus der Sicht des Wirtschaftswissenschaftlers.

    "Die Erbsünde ist im Mittelalter oft sexuell interpretiert worden. Im Alten Testament findet sich aber kein Wort über Sex. Stattdessen wird mehrfach erwähnt, dass Adam und Eva "die Frucht konsumierten". Wir Ökonomen nennen das "Überkonsum": Sie haben die Frucht nicht konsumiert, weil sie hungrig waren, sondern Lust darauf hatten. Und dasselbe gilt für den ersten materiellen Besitz in der Menschheitsgeschichte: Das ist das Tuch, mit dem Adam und Eva dann ihre Nacktheit verbargen. Sie taten dies wieder nicht aus Notwendigkeit, weil sie froren, sondern aus Scham. Der äußere Besitz ist ein Zeichen für ein inneres Ungleichgewicht."

    Unsere Konsumgesellschaft, so der Autor, könne man lesen als den Versuch, sich als Ersatz für die verlorene Harmonie einen säkularen "Himmel auf Erden" zu schaffen. Und dies um jeden Preis – wenn nötig auch durch Schulden. Schulden und Schuld? Die Ähnlichkeit der beiden Begriffe ist kein Zufall. In allen Sprachen des Neuen Testaments, betont Sedlacek, wie auch im Lateinischen sei das Wort "Schuld" ein Synonym für "Sünde". Sind unsere Schulden heute also unsere moderne Art des Sündenfalls?

    "In dem Film und dem Buch "Fight Club" sagt jemand: "Wir gehen zur Arbeit, die wir hassen, um uns Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen." Ich füge noch hinzu: "mit Geld, das wir nicht haben". Ich halte das für die gelungenste Umschreibung des Fluchs, mit dem Gott Adam und Eva belegt hat: "Ihr müsst produzieren, um zu konsumieren – und konsumieren, um zu produzieren. Da euch das, was ich euch im Garten Eden gegeben habe, nicht genug war, soll euch nichts mehr genug sein.""

    In den Augen von Tomas Sedlacek ist die aktuelle Krise daher auch keine Krise des Kapitalismus und des Konsums, sondern eine Krise des Wachstumskapitalismus und des Überkonsums. Dem Gott der Produktivität würden die Menschen alle anderen Werte unterordnen. Wie den Zwiespalt lösen' Tomas Sedlacek fordert eine Entschleunigung des Alltags und – so sein Credo – eine "Schabbat-Ökonomie".

    "Gott hat am siebten Tag auch nicht geruht, weil er danach noch ein zweites Universum erschaffen musste. Die Botschaft des Sonntags oder des Schabbats ist vielmehr: "Wir können sechs Tage lang produktiv und unzufrieden sein – aber an einem Tag sollen wir auf das blicken, was wir geschafft haben, und sagen: Es ist gut."