Montag, 26. September 2022

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Der Papst "vertritt Auffassungen, die völlig unmöglich sind"

Er halte einige politische Auffassungen des Papstes für falsch und gefährlich, sagt Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele. Deshalb sei es nicht vertretbar, Benedikt XVI. durch den Empfang im Bundestag besonders zu ehren. Dennoch werde er zunächst an der Sitzung teilnehmen, "weil ich mal sehen will, wie kommt er da eigentlich?".

Hans-Christian Ströbele im Gespräch mit Friedbert Meurer | 22.09.2011

    Friedbert Meurer: Mitgehört hat der Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Hans-Christian Ströbele. Guten Morgen, Herr Ströbele.

    Hans-Christian Ströbele: Ja guten Morgen!

    Meurer: Sie haben ja bisher gesagt, Sie gehen erst einmal hin, hören sich die Rede des Papstes an und entscheiden dann, was Sie tun. Wann würden Sie aufstehen und gehen?

    Ströbele: Das verrate ich Ihnen jetzt nicht, aber das, was der Bundesinnenminister da gerade gesagt hat,was der Bundesinnenminister da gerade gesagt hat, das glaubt er doch selber nicht, dass der Papst als Repräsentant des Vatikan-Staates dort redet. Der Vatikanstaat besteht, glaube ich, aus weniger als tausend Leuten, der Papst ist nicht mal demokratisch gewählt, und dann soll ihm die große Ehre zuteilwerden, im Deutschen Bundestag reden zu dürfen aus diesem Grunde. Nein!

    Meurer: Der Innenminister hat aber auch gesagt, weil er das Oberhaupt von Hunderten Millionen Katholiken ist, redet er.

    Ströbele: Ja, weil er der Heilige Vater ist, und der Heilige Vater, dieser Heilige Vater, vertritt leider politische Auffassungen, die überhaupt nicht meine sind und die ich für falsch und gefährlich halte. Also etwa, wenn er geschiedenen Paaren, die dann wieder heiraten, die dann andere Partner wieder heiraten, oder Homosexuellen vorwirft, sie leben in Sünde. Oder wenn er den afrikanischen Ländern Familienplanung und die Nutzung von Kondomen verbieten will. Oder wenn er die Kirche der Befreiung in Lateinamerika, die dort Wichtiges für die Armen geleistet hat, behindert und ihre Arbeit unmöglich macht. Das sind alles Punkte, die ich ihm nicht nachsehen kann. Er ist ja sogar einer, der nach wie vor für die Teufelsaustreibung ist, eine fürchterliche Zeremonie. Also diesen Mann dort im Deutschen Bundestag besonders zu ehren, halte ich für nicht vertretbar.

    Meurer: Das hat aber nun mal Ihre Fraktionsführung mitentschieden. Ist es einfach unhöflich und intolerant, wegzubleiben?

    Ströbele: Nein! Erstens stimmt das nicht, was der Innenminister gesagt hat. Die Bündnis 90/Grüne-Fraktion im Deutschen Bundestag hat nicht zugestimmt. Unser Parlamentarischer Geschäftsführer hat das noch mal ausdrücklich betont, Volker Beck. Das ist also nicht richtig.

    Meurer: Also er hat im Ältestenrat nein gesagt, oder wie lief das ab?

    Ströbele: Er hat gesagt, dass die Fraktion nicht zustimmt. Deshalb kann er das so nicht sagen. Außerdem ist es auch keine – auch da irrt der Bundesinnenminister – normale Sitzung des Deutschen Bundestages. An dieser Sitzung nehmen ja zahlreiche andere Personen teil. Da sind auch Stühle reingestellt worden für alle möglichen Gäste, die zwischen den Reihen sitzen sollen, und auch die Plätze, die von Abgeordneten nicht ausgefüllt werden, da sollen andere Personen hinkommen, ehemalige Abgeordnete, Freunde und weiß ich wer. Also das ist keine normale Sitzung des Deutschen Bundestages, zu der ein Abgeordneter verpflichtet ist hinzugehen.

    Meurer: Das ist aber, dass da zusätzliche Stühle reingeschoben werden, so ungewöhnlich nicht, wenn jetzt ein ausländischer Staatsgast beispielsweise redet. Was glauben Sie denn, ob man im Ausland nicht den Kopf schüttelt über die Deutschen, dass man sagt, sie haben einen Papst und 100 Abgeordnete gehen nicht in den Bundestag und hören seine Rede an?

    Ströbele: Ja, aber wir haben einen Papst, der jetzt hier auch eingeladen wird. Der kann auch in Deutschland Messen feiern wo er will, auf der Wiese, in einer Kirche oder auch im Olympiastadion, aber nicht im Deutschen Bundestag reden. Weil das ist doch gedacht als ganz besondere Ehrung dieser Person, dieses Heiligen Vaters, und der vertritt Auffassungen, die völlig unmöglich sind. Er hat ja selbst den Holocaust-Leugner wieder in die Kirche aufgenommen oder akzeptiert und rehabilitiert. Das sind Verhaltensweisen, die kritisiert werden, und das ist ja nicht nur in Deutschland so, das ist in Spanien so, einem ganz katholischen Land, das ist auch in vielen anderen Ländern der Welt so. Dieses Signal möchte ich gerne senden, genauso wie ich das Signal gesendet habe, als Putin, der lupenreine Demokrat, der angebliche, im Deutschen Bundestag geredet hat, oder als der Präsident Bush, der nun mal einen Angriffskrieg angefangen hat, im Deutschen Bundestag geredet hat, da bin ich auch rausgegangen, das wollte ich mir nicht antun.

    Meurer: Warum gehen Sie beim Papst überhaupt hin zunächst?

    Ströbele: Na ja, weil ich mal sehen will, wie kommt er da eigentlich: Kommt er im schwarzen Anzug, kommt er im Priesterkleid, kommt er im Bischofsgewand und wie wird er aufgenommen, wie wird er angekündigt. Das ist ja eine Zeremonie, die durchaus wichtig ist mitzubekommen.

    Meurer: Sie erliegen jetzt aber nicht der Faszination der katholischen Riten, Herr Ströbele?

    Ströbele: Nein, überhaupt nicht! Aber auch das ist ja nicht ohne Bedeutung: Wie wird er da angesagt, wie kommt er da rein und wie wird möglicherweise auch die Ehrung, die ihm dort zuteil werden soll, übertrieben.

    Meurer: Hans-Christian Ströbele, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, zum Besuch des Papstes heute in Berlin, zur Rede. Wie gesagt, wir im Deutschlandfunk werden sie live übertragen ab 16:30 Uhr. Danke schön, Herr Ströbele. Auf Wiederhören!

    Ströbele: Auf Wiederhören.

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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