Bettina Klein: Aufruhr und Empörung auch nach dem öffentlichen Bedauern des Papstes. El Kaida ruft zum Krieg gegen Christen, islamische Staaten fordern eine Religionsdebatte bei der UNO und Irans geistliches Oberhaupt sieht in Papst Benedikts Äußerungen das "letzte Glied eines Komplotts für einen Kreuzzug". Das sind einige der Schlagzeilen von gestern.
Wie soll die Katholische Kirche umgehen mit den weiter anhaltenden Protesten gegen den Papst? Darüber möchte ich jetzt sprechen mit Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, zuständig für interreligiöse Fragen bei der Deutschen Bischofskonferenz. Schönen guten Morgen!
Hans-Jochen Jaschke: Guten Morgen!
Klein: Herr Jaschke, auch wenn der Papst eingeräumt hat, dass er sich möglicherweise missverständlich ausgedrückt hat, finden Sie die Reaktionen in irgendeiner Weise angemessen?
Jaschke: Der Papst hat ja nicht nur irgendwie eingeräumt. Er hat den Kardinalstaatssekretär sprechen lassen am letzten Freitag. Dann hat er selber beim Angelus-Gebet in aller Herzlichkeit gesagt, es lag ihm so fern, jemand zu verletzen, und wenn sein Zitat dazu geführt hat, dass Verletzungen entstehen konnten, dann tut ihm das sehr, sehr weh. Was soll er noch mehr sagen?
Wir erleben eine öffentliche Erregung. Überhaupt ist ja unsere Zeit eine Zeit der öffentlichen Erregung. Wenn jetzt weltweit Muslime dieser öffentlichen Erregung verfallen, dann müssen wir auch sagen bitte, die besonnenen Kräfte müssen das Sagen bekommen. Wir dürfen hier nicht einen Sturm der Massen entfachen und das Irrationale weiter anstacheln.
Klein: Müssen Sie auch klarer sagen, wir finden es nicht nur nicht angemessen, sondern eigentlich auch nicht in Ordnung, dass da weiter in dieser Weise protestiert wird?
Jaschke: Ich meine das ist nicht in Ordnung. Jeder der mit Verstand das Ganze wahrgenommen hat, hat sehr schnell gesehen: der Papst hat eine Universitätsvorlesung gehalten, hat ein Zitat aus dem Mittelalter gebraucht. Dieses Zitat aus dem Kontext gelöst kann missverstanden werden. Ich bin sicher: so ein Zitat würde er heute nicht wieder gebrauchen. Aber dieser Ausbruch von Fanatismus weltweit und sogar von gewalttätigen Drohungen zeigt doch, wie notwendig es ist, dass die vernünftigen Kräfte der Religion sagen, wir sind Männer und Frauen des Friedens und wir verzichten auf Gewalt. Wir lassen Religion nicht zum Instrument der Politik werden.
Klein: Nicht erst seit vergangener Woche beschäftigt auch die Päpste, aber auch nicht nur die, wie es andere Religionen, zum Beispiel der Islam, mit der Gewalt halten in der Praxis, während sie sich auf ihren Glauben beziehen: von demonstrierenden Massen auf der Straße über die Selbstmordattentäter bis hin zu politischen und religiösen Autoritäten. Muss die Katholische Kirche verzichten, darauf eine Antwort zu finden, wenn sie mit solchen Reaktionen konfrontiert wird?
Jaschke: Ich denke wir müssen ein erstes beachten: Gefühle sind in diesem Bereich sehr, sehr wichtig. Wenn Gefühle verletzt werden, dann kann man nicht mehr miteinander sprechen. Deswegen müssen wir das beachten.
Ein zweites: wir müssen miteinander sprechen. Sprechen heißt, dass wir ehrlich und offen miteinander umgehen, und zwar als religiöse Menschen, nicht als Menschen, die Politik im Namen der Religion machen.
Drittens: bei diesem Gespräch muss natürlich auch auf den Tisch kommen, was wir nicht gut verstehen können. Die Mehrzahl der Muslime heute distanziert sich von Gewalt, die Mehrzahl der Muslime. Die Christen haben auch schlimme Zeiten hinter sich. Es hat Kreuzzüge gegeben mit schrecklicher Gewalt, die freilich nie im Namen Jesu legitim ausgeübt werden konnten.
Das vierte: wir stehen im Dialog auf so vielen Ebenen. In Deutschland haben wir ein reiches christlich-muslimisches Miteinander vor Ort zwischen Moschee-Gemeinden und Kirchen, in den Städten, auf Bundesebene. Das dürfen wir doch nicht aufs Spiel setzen. Gerade wir die Religionen müssen gute Dialogpartner sein. Der Papst will ja den Dialog der Religionen haben, um den Kampf der Kulturen gar nicht erst noch weiter voranzubringen.
Klein: Wie kann dann der Dialog konkret aussehen? Viele Menschen haben sicherlich selbst ein wenig mit der Angst zu tun bekommen, als sie noch mal diesen ja doch Hasserfüllten Aufruf von El-Kaida gehört haben, dass man versucht, dem Islam die Weltgeltung zu verschaffen. Wie stark muss die katholische Kirche dort positionieren an der Stelle?
Jaschke: Was der Papst in seiner Vorlesung gesagt hat, ist inhaltlich natürlich richtig. Wir müssen wirklich sehen, die großen Religionen, dass unser Gottesbild, unser menschliches Bild von Gott gereinigt wird. Gott ist ein Gott der Vernunft und Vernunft muss mit menschlicher Überzeugung zu tun haben. Vernunft darf nie in Gewalt ausarten im Namen Gottes. Darüber müssen wir reden. Der Papst hat das sehr stark angemahnt, aber der Sinn seiner Vorlesung war ja gar nicht so sehr der Blick auf den Islam, sondern er wollte ja die westliche Vernunft, die sich vielfach als gottlos gebärdet, herausfordern und uns im Westen als Dialogpartner fähig machen mit einem Islam, der so wenig Verständnis für eine westliche Welt hat, die den Grund unter den Füßen zu verlieren scheint.
Klein: Herr Jaschke wenn klar ist, was ja viele muslimische Gläubige immer wieder betonen, dass jeder Aufruf zur Gewalt im Namen des Islam unter Berufung auf Mohammed nicht mit dieser Religion in Einklang zu bringen ist, müssen sich dann nicht islamische Religionsführer auch hierzulande viel entschiedener von der Gewalt im Namen der Religion distanzieren und selbst von sich aus im Interesse der eigenen islamischen Religion darauf bestehen, dass dies unterbleibt, und es auch bekämpfen?
Jaschke: Ich gebe Ihnen Recht. Wenn wir mit den Muslimen vor Ort und in Deutschland sprechen sagen sie immer, wir tun doch alles, wir distanzieren uns. Und es stimmt: im Einzelnen wird da sehr viel Gutes gesagt. Es kommt öffentlich nicht immer so herüber, weil die islamischen Autoritäten auch nicht so konstruiert sind wie die christlichen etwa. Da gibt es keine Bischöfe und keine zentralen Instanzen. Aber ich würde mir schon etwa von der großen Universität in Kairo oder auch von Ayatollahs im Iran wünschen, dass sie deutlicher sagen, wie es mit Gewalt steht. Sie sollen ja nicht die Fehler des Westens rechtfertigen wollen, aber dass sie sich als religiöse Männer bekennen und die Instrumentalisierung, die die Politik manchmal mit der Religion vornimmt, ablehnen. Das möchte ich von ihnen schon erwarten.
Klein: Ich würde gerne noch zum Abschluss einen Blick auf die Diskussion über das Thema hierzulande werfen. Man konnte in den vergangenen Tagen auch Kommentare dazu lesen mit dem Tenor "es ist schon erstaunlich, dass gerade diejenigen unserer Gesellschaft, die sich sonst immer für die Aufklärung stark machen, nun fordern, der Papst hätte lieber versöhnlich schweigen sollen". Also unterm Strich: der Mann der Kirche plädiert für die Vernunft und die Aufklärer für ein Kritikverbot. Wie sehen Sie das?
Jaschke: Da muss man sehr wohl Acht geben. Also nein, wir dürfen nicht schweigen. Der Westen und auch der christliche Westen weiß, dass Aufklärung und dass Vernunft notwendig sind. Es geht nur darum, dass wir Gefühle nicht verletzen dürfen. Wenn erst mal Gefühle im Spiel sind, kann man gar nicht mehr argumentieren. Das Zitat, das der Papst gebraucht hat, das kann Gefühle verletzen und hat offenbar Gefühle verletzt. Vieles war auch gemacht. Ich denke an die Mohammed-Karikaturen. Da hat man ja auch eine Inszenierung in gewisser Weise veranstaltet. Aber gerade Religionsvertreter müssen sehen: Gefühle sind wichtig und die wollen wir nicht reizen. Aber wir schweigen auch nicht, wenn es um die Sache geht und um eine klare Auseinandersetzung.
Klein: Das war Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, zuständig für interreligiöse Fragen bei der Deutschen Bischofskonferenz. Danke schön für das Gespräch, Herr Jaschke!
Jaschke: Ich danke Ihnen!
Wie soll die Katholische Kirche umgehen mit den weiter anhaltenden Protesten gegen den Papst? Darüber möchte ich jetzt sprechen mit Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, zuständig für interreligiöse Fragen bei der Deutschen Bischofskonferenz. Schönen guten Morgen!
Hans-Jochen Jaschke: Guten Morgen!
Klein: Herr Jaschke, auch wenn der Papst eingeräumt hat, dass er sich möglicherweise missverständlich ausgedrückt hat, finden Sie die Reaktionen in irgendeiner Weise angemessen?
Jaschke: Der Papst hat ja nicht nur irgendwie eingeräumt. Er hat den Kardinalstaatssekretär sprechen lassen am letzten Freitag. Dann hat er selber beim Angelus-Gebet in aller Herzlichkeit gesagt, es lag ihm so fern, jemand zu verletzen, und wenn sein Zitat dazu geführt hat, dass Verletzungen entstehen konnten, dann tut ihm das sehr, sehr weh. Was soll er noch mehr sagen?
Wir erleben eine öffentliche Erregung. Überhaupt ist ja unsere Zeit eine Zeit der öffentlichen Erregung. Wenn jetzt weltweit Muslime dieser öffentlichen Erregung verfallen, dann müssen wir auch sagen bitte, die besonnenen Kräfte müssen das Sagen bekommen. Wir dürfen hier nicht einen Sturm der Massen entfachen und das Irrationale weiter anstacheln.
Klein: Müssen Sie auch klarer sagen, wir finden es nicht nur nicht angemessen, sondern eigentlich auch nicht in Ordnung, dass da weiter in dieser Weise protestiert wird?
Jaschke: Ich meine das ist nicht in Ordnung. Jeder der mit Verstand das Ganze wahrgenommen hat, hat sehr schnell gesehen: der Papst hat eine Universitätsvorlesung gehalten, hat ein Zitat aus dem Mittelalter gebraucht. Dieses Zitat aus dem Kontext gelöst kann missverstanden werden. Ich bin sicher: so ein Zitat würde er heute nicht wieder gebrauchen. Aber dieser Ausbruch von Fanatismus weltweit und sogar von gewalttätigen Drohungen zeigt doch, wie notwendig es ist, dass die vernünftigen Kräfte der Religion sagen, wir sind Männer und Frauen des Friedens und wir verzichten auf Gewalt. Wir lassen Religion nicht zum Instrument der Politik werden.
Klein: Nicht erst seit vergangener Woche beschäftigt auch die Päpste, aber auch nicht nur die, wie es andere Religionen, zum Beispiel der Islam, mit der Gewalt halten in der Praxis, während sie sich auf ihren Glauben beziehen: von demonstrierenden Massen auf der Straße über die Selbstmordattentäter bis hin zu politischen und religiösen Autoritäten. Muss die Katholische Kirche verzichten, darauf eine Antwort zu finden, wenn sie mit solchen Reaktionen konfrontiert wird?
Jaschke: Ich denke wir müssen ein erstes beachten: Gefühle sind in diesem Bereich sehr, sehr wichtig. Wenn Gefühle verletzt werden, dann kann man nicht mehr miteinander sprechen. Deswegen müssen wir das beachten.
Ein zweites: wir müssen miteinander sprechen. Sprechen heißt, dass wir ehrlich und offen miteinander umgehen, und zwar als religiöse Menschen, nicht als Menschen, die Politik im Namen der Religion machen.
Drittens: bei diesem Gespräch muss natürlich auch auf den Tisch kommen, was wir nicht gut verstehen können. Die Mehrzahl der Muslime heute distanziert sich von Gewalt, die Mehrzahl der Muslime. Die Christen haben auch schlimme Zeiten hinter sich. Es hat Kreuzzüge gegeben mit schrecklicher Gewalt, die freilich nie im Namen Jesu legitim ausgeübt werden konnten.
Das vierte: wir stehen im Dialog auf so vielen Ebenen. In Deutschland haben wir ein reiches christlich-muslimisches Miteinander vor Ort zwischen Moschee-Gemeinden und Kirchen, in den Städten, auf Bundesebene. Das dürfen wir doch nicht aufs Spiel setzen. Gerade wir die Religionen müssen gute Dialogpartner sein. Der Papst will ja den Dialog der Religionen haben, um den Kampf der Kulturen gar nicht erst noch weiter voranzubringen.
Klein: Wie kann dann der Dialog konkret aussehen? Viele Menschen haben sicherlich selbst ein wenig mit der Angst zu tun bekommen, als sie noch mal diesen ja doch Hasserfüllten Aufruf von El-Kaida gehört haben, dass man versucht, dem Islam die Weltgeltung zu verschaffen. Wie stark muss die katholische Kirche dort positionieren an der Stelle?
Jaschke: Was der Papst in seiner Vorlesung gesagt hat, ist inhaltlich natürlich richtig. Wir müssen wirklich sehen, die großen Religionen, dass unser Gottesbild, unser menschliches Bild von Gott gereinigt wird. Gott ist ein Gott der Vernunft und Vernunft muss mit menschlicher Überzeugung zu tun haben. Vernunft darf nie in Gewalt ausarten im Namen Gottes. Darüber müssen wir reden. Der Papst hat das sehr stark angemahnt, aber der Sinn seiner Vorlesung war ja gar nicht so sehr der Blick auf den Islam, sondern er wollte ja die westliche Vernunft, die sich vielfach als gottlos gebärdet, herausfordern und uns im Westen als Dialogpartner fähig machen mit einem Islam, der so wenig Verständnis für eine westliche Welt hat, die den Grund unter den Füßen zu verlieren scheint.
Klein: Herr Jaschke wenn klar ist, was ja viele muslimische Gläubige immer wieder betonen, dass jeder Aufruf zur Gewalt im Namen des Islam unter Berufung auf Mohammed nicht mit dieser Religion in Einklang zu bringen ist, müssen sich dann nicht islamische Religionsführer auch hierzulande viel entschiedener von der Gewalt im Namen der Religion distanzieren und selbst von sich aus im Interesse der eigenen islamischen Religion darauf bestehen, dass dies unterbleibt, und es auch bekämpfen?
Jaschke: Ich gebe Ihnen Recht. Wenn wir mit den Muslimen vor Ort und in Deutschland sprechen sagen sie immer, wir tun doch alles, wir distanzieren uns. Und es stimmt: im Einzelnen wird da sehr viel Gutes gesagt. Es kommt öffentlich nicht immer so herüber, weil die islamischen Autoritäten auch nicht so konstruiert sind wie die christlichen etwa. Da gibt es keine Bischöfe und keine zentralen Instanzen. Aber ich würde mir schon etwa von der großen Universität in Kairo oder auch von Ayatollahs im Iran wünschen, dass sie deutlicher sagen, wie es mit Gewalt steht. Sie sollen ja nicht die Fehler des Westens rechtfertigen wollen, aber dass sie sich als religiöse Männer bekennen und die Instrumentalisierung, die die Politik manchmal mit der Religion vornimmt, ablehnen. Das möchte ich von ihnen schon erwarten.
Klein: Ich würde gerne noch zum Abschluss einen Blick auf die Diskussion über das Thema hierzulande werfen. Man konnte in den vergangenen Tagen auch Kommentare dazu lesen mit dem Tenor "es ist schon erstaunlich, dass gerade diejenigen unserer Gesellschaft, die sich sonst immer für die Aufklärung stark machen, nun fordern, der Papst hätte lieber versöhnlich schweigen sollen". Also unterm Strich: der Mann der Kirche plädiert für die Vernunft und die Aufklärer für ein Kritikverbot. Wie sehen Sie das?
Jaschke: Da muss man sehr wohl Acht geben. Also nein, wir dürfen nicht schweigen. Der Westen und auch der christliche Westen weiß, dass Aufklärung und dass Vernunft notwendig sind. Es geht nur darum, dass wir Gefühle nicht verletzen dürfen. Wenn erst mal Gefühle im Spiel sind, kann man gar nicht mehr argumentieren. Das Zitat, das der Papst gebraucht hat, das kann Gefühle verletzen und hat offenbar Gefühle verletzt. Vieles war auch gemacht. Ich denke an die Mohammed-Karikaturen. Da hat man ja auch eine Inszenierung in gewisser Weise veranstaltet. Aber gerade Religionsvertreter müssen sehen: Gefühle sind wichtig und die wollen wir nicht reizen. Aber wir schweigen auch nicht, wenn es um die Sache geht und um eine klare Auseinandersetzung.
Klein: Das war Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, zuständig für interreligiöse Fragen bei der Deutschen Bischofskonferenz. Danke schön für das Gespräch, Herr Jaschke!
Jaschke: Ich danke Ihnen!

