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StartseiteInterview"Der Person Kurras galt eigentlich nicht eine solche Hassproduktion"26.05.2009

"Der Person Kurras galt eigentlich nicht eine solche Hassproduktion"

Christian Semler, führender Kopf der deutschen Studentenbewegung, über den Fall Kurras

Dass der Benno-Ohnesorg-Todesschütze Karl-Heinz Kurras Stasi-Mitarbeiter war, ändert für den damaligen Studentenprotestler Christian Semler nichts. Den starken Zulauf in die DKP-Studentenorganisation in den 70er-Jahren hätte es aber nicht gegeben, so der heutige "taz"-Journalist.

Der SED-Mitgliedsausweis des Westberliner Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras (AP)
Der SED-Mitgliedsausweis des Westberliner Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras (AP)

Jochen Spengler: Am 2. Juni 1967 demonstrierten Tausende Studenten gegen den Staatsbesuch des Schahs Resa Pahlewi, des iranischen Herrschers. Schah-Anhänger und Berliner Polizisten prügelten auf die Demonstranten ein und dann gab es den ersten Toten. Der Zivilfahnder der Westberliner Polizei Karl-Heinz Kurras erschoss den unbewaffneten Studenten Benno Ohnesorg. Erst jetzt, mehr als 40 Jahre nach dem Tod Benno Ohnesorgs, wird bekannt: der Polizist und Todesschütze stand auf der Gehaltsliste der Stasi, war ein Spitzel im Dienst der DDR.
Die Frage dieser Tage lautet: Inwieweit muss die Geschichte der Studentenbewegung neu geschrieben werden?
Das möchten wir wissen von einem, der damals an führender Stelle dabei war. Am Telefon ist Christian Semler, eine der Persönlichkeiten der damaligen Studentenbewegung, seinerzeit Mitglied im SDS, dann Mitgründer der maoistischen KPD-Aufbauorganisation, später Journalist und seit 20 Jahren inzwischen Autor bei der Tageszeitung "taz". Einen schönen guten Morgen, Herr Semler.

Christian Semler: Guten Morgen!

Spengler: Herr Semler, können Sie sich heute noch erinnern an Ihre eigene Reaktion auf die Nachricht vom Tode des ja doch unbekannten Studenten Benno Ohnesorg?

Semler: Ja, natürlich. Ich habe die Empörung und eigentlich auch die Niedergeschlagenheit dieser Tausenden von Demonstranten mitgemacht und für mich war es natürlich in gewisser Weise auch ein Beweis dafür, zu was dieser Polizeiapparat in dieser aufgeheizten Atmosphäre fähig war. Es gab dann ja auch einen Untersuchungsausschuss der FU und es gab große Bemühungen, diese Sache aufzuklären. Dass die Staatssicherheit damit irgendwas zu tun haben könnte, ist uns natürlich damals… Dafür gab es keine Indizien und daran haben wir nicht gedacht.

Spengler: Wenn das damals bekannt gewesen wäre, dass Ohnesorg nicht einer von der Springer-Presse aufgehetzter überforderter Polizist, sondern ein Stasi-Spitzel war, was hätte das für Sie geändert?

Semler: Im Prinzip relativ wenig, weil doch das Gros der linken Studenten sehr kritisch war gegenüber der DDR und der SED, ja im Grunde sogar dachte, dass es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Ost und West in dieser Hinsicht, in der Hinsicht der Repression gäbe. Es gab ja auch Versuche, schon in den frühen 60er-Jahren ins Gespräch zu kommen, beispielsweise mit der FDJ, und die sind ja alle gescheitert, und zwar aufgrund der Ablehnung der SED.

Spengler: Also die Studentenbewegung war kein Fan, kann man sagen, der DDR?

Semler: Nein. Es gab erst eine große Fangruppe in den 70er-Jahren, aber das traf für die 60er-Jahre ganz bestimmt nicht zu. Ich erinnere mich auch noch, beispielsweise nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei, dass wirklich nur eine Hand voll Leute im SDS das verteidigten.

Spengler: Dann gehen wir doch mal auf die Bundesrepublik ein. Kurras war ja damals dann für viele eine Hassfigur, er verkörperte sozusagen die blutige Fratze des imperialistischen Staates BRD. Das ist ja nun alles Quatsch.

Semler: Es ist so: Der Person Kurras galt eigentlich nicht eine solche Hassproduktion, sondern das war ganz klar, dass er quasi ein Produkt dieses blindwütigen Hasses auf die Studenten war, der nun mal in Berlin damals grassierte, und wenigstens meiner Erinnerung nach, gab es auch keine besonderen Anstrengungen, gewissermaßen die Person von Kurras ins Zentrum zu rücken.

Spengler: Er war ja ein Symbol für etwas, aber dieses Symbol, wenn man das jetzt im Nachhinein ...

Semler: Es gab andere, und zwar naheliegendere Symbole wie zum Beispiel Springer.

Spengler: Würden Sie denn nicht sagen, dass jetzt mit den neuen Erkenntnissen auch vielleicht der Springer-Verlag in einem etwas anderen, milderen Licht erscheinen müsste?

Semler: Nein, überhaupt nicht. Ich finde das sogar bezeichnend, dass der gleiche Verlag, der damals gewissermaßen Kurras fast zu einem Helden stilisiert hat, ihn jetzt verurteilt, gewissermaßen weil er die Fronten gewechselt hat im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Ich glaube, dass der Springer-Verlag weit davon entfernt ist, jetzt in einem positiveren Licht dazustehen, in geradezu delegierender Weise versucht, die Geschichte umzuschreiben, indem er jetzt bis hin zu dem Attentat auf Dutschke alles der Staatssicherheit in die Schuhe schieben will. Das ist ja ein groteskes Unternehmen.

Spengler: Also die DDR ist nicht im Nachhinein verantwortlich für den 2. Juni?

Semler: Ich sehe kein Indiz. Ich bin unbedingt dafür, alles noch mal ganz genau zu untersuchen, wobei meiner Ansicht nach der Birthler-Behörde im Moment sehr ungerechte Vorwürfe gemacht werden hinsichtlich von Unterlassungssünden. Aber ich habe auch ein bisschen die Akten studiert, die der untersuchende Forscher zur Hand gehabt hat, also Herr Müller-Ensberg, und im Gegenteil: Aus den Akten liest man eine Bestürzung des Stasi-Apparates, über das, was passiert ist. Sie haben einen guten Agenten verloren, sie mussten ihn abschalten.

Spengler: Nun sagt der Todesschütze Karl-Heinz Kurras heute, der ja damals aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde, zum Bekanntwerden seiner Stasi-Tätigkeit, "was macht das schon, das ändert nichts". Wenn ich Ihre Worte richtig verstehe, dann hat er damit Recht?

Semler: Es ändert schon was.

Spengler: Was denn?

Semler: Ich glaube, dass diese Versuche wenigstens in Bezug auf die Unterstützung des vietnamesischen Volkes, eine Art Führungseinheit zu bilden - 1968 gab es ja solche Versuche; die endeten dann beim Einmarsch in die Tschechoslowakei -, dass die unterblieben wären. Es hätte eine viel schärfere, schroffere Abgrenzung gegeben gegenüber der SED, und ich glaube auch, dass dieser starke Zulauf in den 70er-Jahren, den die Studentenorganisationen der DKP hatten, in dieser Form nicht stattgefunden hätte.

Spengler: Aber Sie, Sie wurden ja zum Maoisten. Das heißt, Sie fanden den chinesischen Kommunismus besser als die bundesrepublikanische Ordnung. Für Sie hätte das nichts geändert?

Semler: Nein. Nun muss man sagen, die ganze maoistische Orientierung ist ja ein Produkt der späten 60er-Jahre. Aber für mich hätte das absolut nichts geändert, nein.

Spengler: Finden Sie das heute eigentlich abstrus, Ihre Entwicklung hin zum Maoismus?

Semler: Das ist eine Fragestellung, die gewissermaßen so stark Ex-Post funktioniert, dass die Antwort darauf eigentlich belanglos ist. Ja, in gewisser Weise finde ich es nicht nachvollziehbar, aber bezogen auf die damalige Situation konnte es einem schon einleuchten.

Spengler: Die RAF-Mitglieder haben sich ja dann später in die DDR geflüchtet. Wäre das auch geschehen, wenn die Stasi-Verstrickung von Herrn Kurras bekannt gewesen wäre?

Semler: Das ist eine sehr schwierige Frage. Innerhalb der Staatssicherheit gab es ganz bestimmt Kräfte, die in Bezug auf den individuellen Terror nicht so ganz auf der Parteilinie sich bewegten - ich würde Mielke selbst dazuzählen -, die selbst so einen gewissen terroristischen Fable hatten und voller heimlicher Bewunderung für die RAF-Leute waren. Ich möchte das nicht ausschließen, dass auch auf Seiten der RAF das im Sinne einer strikten Ausnutzung von Möglichkeiten gesehen wird. Die waren ja auch nicht gerade Freunde der DDR, aber sie haben sie quasi als Hinterland, wie wir heute wissen, genutzt.

Spengler: Aber Sie glauben nicht, um noch mal auf Herrn Kurras zurückzukommen, dass das ein Auftragsmord war, oder dass Kurras gezielt provozieren wollte?

Semler: Es wäre jetzt etwas blöd, wenn ich sagen würde, ich glaube oder ich glaube nicht. Sagen wir so: Es gibt nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür.

Spengler: Was soll nun passieren? Wie soll die Zeit aufgearbeitet werden?

Semler: Ich finde schon wichtig, dass man die vorhandenen Materialien, die ja gewissermaßen durch diesen Zufallsfund zu Tage getreten sind, dass man da noch etwas systematischer vorgeht. Wie genau kann ich nicht sagen, weil ich habe mich nie mit der damaligen Aufnahmepraxis, der Kontrollpraxis der 50er-Jahre beschäftigt, aber das finde ich schon ein sehr interessantes Thema. Es ist ja auch ein bisschen so, dass die Stasi-Zugehörigkeit von Funktionsträgern im Westen - auch in West-Berlin - unterbelichtet war und auch ist. Ich glaube, das kann man festhalten.

Spengler: Die FDP fordert ja, die Stasi-Machenschaften bei den Bundesministerien und den Bundesbehörden aufzuklären. Das heißt, Sie schließen sich der FDP-Forderung an?

Semler: Ich muss mich ja nicht unbedingt gleich der FDP anschließen. Das liegt mir etwas fern. Aber ich bin wie gesagt für eine strikte Aufklärung. Das ist allerdings etwas anderes als die vollkommen untauglichen Ideen einer Wiederaufnahme des Verfahrens unter dem Aspekt eines Mordauftrags.

Spengler: Christian Semler, eine der Persönlichkeiten der damaligen Studentenbewegung, heute seit langen Jahren Publizist. Danke für das Gespräch.

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