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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenBeginn einer europäischen Tragödie17.05.2018

Der Prager FenstersturzBeginn einer europäischen Tragödie

Er sollte eine der größten europäischen Katastrophen auslösen: Der Prager Fenstersturz, der sich in der kommenden Woche zum 400. Mal jährt. Der Krieg, der darauf folgte, ist auch schon von Zeitgenossen als Dreißigjähriger bezeichnet worden: ein Kampf um Macht, Religion und Wahrheit.

Von Barbara Weber

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Zeichnerische Darstellung des Prager Fenstersturzes, der zum Dreißigjährigen Krieg führte. Chromolithographie von 1936. (Datum geschätzt) (imago / Leemage)
Zeichnerische Darstellung des Prager Fenstersturzes, der zum Dreißigjährigen Krieg führte. Chromolithographie von 1936. (Datum geschätzt) (imago / Leemage)
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"Wir befinden uns hier im Museum des Dreißigjährigen Krieges."

Wittstock an der Dosse. Die spätmittelalterliche Bischofsburg beherbergt heute das Museum. Hier besiegten die Schweden 1636 die kaiserlich-kursächsische Armee. 

"Wenn ich das auslöse…" Antje Zeiger, Direktorin des Museums, steht vor einem großen Uhrwerk aus dem 17. Jahrhundert mit vielen Zahnrädern, die ineinandergreifen. "Das ist gewissermaßen unser akustischer Fahrstuhl und damit landen wir im Jahr 1618 mit dem Beginn des 30jährigen Krieges am 23.Mai 1618."

Mit Pistolen und Degen bewaffnete protestantische böhmische Adelige stürmen damals die Böhmische Kanzlei in der Prager Burg. Sie können und wollen nicht akzeptieren, dass die ihnen von dem katholischen Kaiser Rudolf II. zugesicherte Religionsfreiheit von seinem Nachfolger Matthias nicht gewährt wird. Nach einem hitzigen Wortgefecht mit den kaiserlichen Statthaltern werden diese aus dem Fenster geworfen.

Sie überleben das Desaster – doch das Schicksal nimmt seinen Lauf und mündet in einem brutalen, 30 Jahre dauernden Krieg.

"Der Prager Fenstersturz war ja der Aufstand des protestantischen böhmischen Standes gegen den katholischen Habsburger Kaiser", sagt der Journalist Dr. Rainer Hermann, "und war eine nationale Angelegenheit", denn die Opfer waren böhmische Bedienstete des Kaisers Matthias, seine Vorgeschichte wiederum verwoben mit dynastischen Begehrlichkeiten und religiösen Zwistigkeiten.

"Im Heiligen Römischen Reich als der Zentralregion in Europa ist der konfessionelle Gegensatz das alles-überlagernde damals, hier die Altgläubigen, die Katholiken, dort verschiedene protestantische Gruppierungen, die Lutheraner und die Calvinisten."  

Der Historiker Prof. Heinz Duchhardt beschreibt in seinem aktuellen Buch die Vorgeschichte der sich anbahnenden Katastrophe.

"Es kommt aber hinzu, dass das Kaisertum in der damaligen Zeit extrem schwach war."

Das gilt für Kaiser Matthias, aber auch für seinen Bruder und Vorgänger Rudolf II, "der eher im Hradschin in Prag sitzt, um seine Kunst zu bewundern und sich von seinen Wahrsagern die Zukunft vorhersagen zu lassen, der aber politisch nicht mehr aktiv ist."

Die Vorgeschichte

Seit den 1590er-Jahren lebte Rudolf II, König von Böhmen und Kaiser des Heiligen Römisches Reiches in Prag, ein Schöngeist, der in späteren Jahren wohl depressiv wurde.

Sein Bruder, Erzherzog Matthias von Österreich, wittert die Chance, ihm die böhmische Krone zu entreißen und zieht mit seinen Truppen plündernd bis Prag. Kaiser Rudolf schafft es, die protestantischen böhmischen Stände auf seine Seite zu ziehen, indem er ihnen mit dem sogenannten Majestätsbrief weitgehende Rechte einräumt:

"Prag, 9.Juli 1609. Wir Rudolf … geben zum ewigen Gedächtnis mit diesem Briefe jedermann bekannt: Allen drei Ständen unsers Königreichs Böhmen, welche den Leib und das Blut unsers Herrn Jesu Christi unter beiderlei Gestalt empfangen, (gestatten wir)…  die freie Ausübung ihrer christlichen Religion … ruhig und ungehindert  … Und weil die Katholiken in diesem Königreiche ihre Religion frei und ungehindert ausüben dürfen, ..."

…dürfen das auch die Protestanten und Calvinisten.

"… eine völlige Gleichheit … wobei wir sie allergnädigst schützen wollen … ihre christliche Religion … frei und nach Gefallen überall ausüben (zu) können." 

Zudem sichert der Kaiser den Ständen die freie Wahl ihres Königs zu, den Besitz ehemals kirchlicher Güter und das Recht, protestantische Kirchen zu bauen.

Ein seltener Vorgang, denn der Grundgedanke in Europa ist " … dass der Glaube des Herrschers mit dem Glauben der Untertanen übereinstimmen muss." So der Historiker Heinz Duchhardt.

"Das gilt für Spanien zum Beispiel. Das gilt aber auch für Dänemark oder für Schweden. Daneben gibt es aber Gemeinwesen, zu denen etwa die Niederlande gehören, die formal eine Art Staatskirche haben, aber unter der Hand alle anderen konfessionellen Gruppierungen dulden, tolerieren, wenn man so will. Dazu zählt England. England hat eine Staatskirche, aber wenn die Katholiken ein Mindestmaß an Goodwill erkennen lassen, dann werden sie nicht behelligt. Dazu zählt Frankreich. Frankreich hat seit 1598 das Edikt von Nantes, das in diesem katholischen Reich den Protestanten ein Bleiberecht und bestimmte begrenzte Bezirke überlässt, indem sie ihren Glauben nachgehen können." 

Bi-konfessionell im damaligen Europa sind nur zwei Gemeinwesen:

"Das eine ist das Heilige Römische Reich, wo jeder einzelne Territorialstaat seine eigene Konfession hat, die vom Fürsten bestimmt wird und die Eidgenossenschaft, die Schweiz."

Die tolerante Haltung des Kaiserhauses endet, als Rudolf stirbt. Die Kurfürsten wählen seinen Bruder Matthias am 20.Januar 1612 zum Nachfolger. Der soll über den Majestätsbrief gesagt haben: 

"Ein Werk der Not und nicht für Nachfolger verbindlich."

Zudem installiert er seinen Neffen Erzherzog Ferdinand 1617 zum neuen König von Böhmen. Er übergeht damit die protestantischen Stände und ihr im Majestätsbrief zugebilligtes Recht, einen eigenen König zu wählen. Erzherzog Ferdinand wiederum regelt in einem Geheimvertrag mit Spanien, dass das Königreich Böhmen endgültig erblich an die Habsburger fallen soll. 

Damit legte er die Lunte an das Pulverfass Europa.

"Das ist der Gegenreformator der damaligen Zeit, ein Protestantenfresser wie er nicht schlimmer sein kann. Und die Protestanten wittern in ihm den zukünftigen Kaiser, das pfiffen die Spatzen von den Dächern, wittern in ihm das rote Tuch für die Zukunft." 

Nicht ganz zu Unrecht, wie die Geschichte später lehrte.

Der Auslöser

Ausgelöst wurde die Empörung durch den Abriss der evangelischen Kirche in Klostergrab und die Schließung der St. Wenzels-Kirche in Braunau. 

Um ihre alten Rechte durchzusetzen, wollten die böhmischen Stände ein Exempel statuieren. Eine Delegation zog zum Prager Schloss, wo die ungeliebten Statthalter des Kaisers ihres Amtes walteten. Sie stellten die Statthalter Wilhelm Slawata und Jaroslav Borzita von Martinicz zur Rede. Es kam zu einem längeren Wortgefecht, bei dem auch eine Anklageschrift verlesen wurde, bis schließlich Wenzl Wilhelm von Ruppa das Wort ergriff – nachzulesen in der "Geschichte des Böhmischen Krieges 1618-1621", veröffentlicht in Prag:

"Es ist mir sehr leid, also das mir mein Herz Wehe tuet, was da jetzunder geschieht. Ich habe das lang gefürcht und vorgesagt, es werde nichts gutes daraus erfolgen."

Was folgt, ist aus der Geschichte hinlänglich bekannt und wird von einem nicht näher genannten Zeitzeugen wie folgt beschrieben:

"Und haben also die vorgemelten Personen selbst, erstlich den Herrn v. Martinicz, indem er sich Gott dem Allmächtigen mit diesen Worten "Jesu, fili Die vivi miserere mei, Mater Die memento mei" treulich befehlend, in schwarzen, kannavassenen Mantl samt Rapier und Dolch, aber ohne Hut, welcher mit schöner von Gold und Edelsteinen gezierter Schnur ihm aus der Hand weggerissen, mit blosen Haubt voran zum Fenster hianus in den, gar bei 30 Ellen tiefen und steinerigen, Schloßgraben jammerlich gestierzet und ausgeworfen."

Da Martinicz unaufhörlich "Jesu-Maria" gerufen haben soll, "… hat ihm solcher erschröcklicher Wurf und Fall, aus sonderbahrer, durch vornehmste unser lieben Frauen Vorbitte erlangten Gnade und Barmhertzigkeit Gottes, nicht allein an leben nichts, sondern auch an der Gesundheit gar wenig geschadet."

So wollen auch einige gottesfürchtige Zeugen beobachtet haben, dass die heilige Jungfrau Maria "… ihm mit ihrem ausgebreiteten und unterlegten Mantl in dem Fall gleichsam aufgehalten, desto sanfter zu der Erden mählich fallen lassen und also von gewissen Tod beim Leben und Gesundheit gnädiglich zu erhalten geholfen hat."

Glaubt man den aufmerksamen Beobachtern, sollen auch die Herren Slawata und Fabricius, der Schreiber, ihren Sturz dank göttlichem Beistand überlebt haben. Andere Zeitzeugen berichten eher prosaisch von einem Misthaufen, der den Stürzenden eine weiche, wenn auch wenig himmlische Landung bescherte. 

Zwar waren Fensterstürze im Mittelalter nichts Ungewöhnliches. Auch wurde die Defenestration in Prag als legale Strafe schon 1419 durchgeführt und steht am Anfang der Hussitenkriege. Doch jetzt war es anders. Der Kaiser in Wien sah den Fenstersturz als persönliche Attacke, Erzherzog Ferdinand und Spanien rüsteten zum Angriff.    

Der Krieg und seine Folgen

Für Historiker unbestritten gelten der Prager Fenstersturz im Mai 1618 und seine Folgen als Beginn des Dreißigjährigen Krieges.

"Manche Historiker bezeichnen dies als eine Art Staatsbildungskrieg. Als der pfälzische Kurfürst die böhmische Königskrone, die ihm die Rebellen anboten, 1619 annimmt, weitet sich dieser Krieg von einem lokalen Aufstand zu einem Bürgerkrieg des Reiches aus."

Brendan Simms ist Professor für die Geschichte der europäischen internationalen Beziehungen in Cambridge und Leiter des Forums für Geopolitik.

"Und in diesem Krieg auf Gesamtebene des Reiches wird um die politisch-rechtliche Balance zwischen Kaiser und Reichsständen einerseits und zwischen den Reichsständen, also den Fürsten und dessen Untertanen andererseits gekämpft. Und dieser Kampf verbindet sich, aber nicht deckungsgleich, mit dem Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Unter ihnen waren vor allen Dingen die Calvinisten am radikalsten, denn ihre rechtliche Stellung wurde damals nicht anerkannt."

Spätestens in dem Moment fühlen sich andere Mächte auf den Plan gerufen:

"Das wird dann internationalisiert durch den Kampf um die Vorherrschaft zwischen den Österreichern, den österreichischen und spanischen Habsburgern einerseits und Frankreich andererseits."

Nur begrenzt kann also beim Dreißigjährigen Krieg von einem Religionskrieg gesprochen werden.

"Nur insofern, dass jede kriegführende Partei religiöse Ziele hatte", sagt Prof. Peter Wilson, Militärhistoriker an der Oxford University. "Man kann nicht so scharf zwischen Religion und Politik trennen, es ging in erster Linie um die verschiedenen Machtpositionen und auch um den kirchlichen Besitz."

Oder anders ausgedrückt: "Es kämpften also in einem multipolaren internationalen Umfeld eine große Anzahl von Akteuren in asymmetrischen Kriegen um die zukünftige Gestaltung von schwachen failed states." 

So lässt sich aus heutiger Perspektive sagen:

"Dieser Krieg hat ganz zweifellos sehr viel mehr als spätere Kriege - vielleicht mit Ausnahme der beiden Weltkriege im 20.Jahrhundert - tiefe Spuren in Deutschland hinterlassen", sagt der Politikwissenschaftler Prof. Herfried Münkler von der Humboldt-Universität Berlin. Zum Beispiel "in der politischen Ordnung, da kann man sagen, ist er der Ansatzpunkt einer neuen Ordnung; im sozialökonomischen Bereich wirft er Deutschland um einige Jahrzehnte zurück. Ein Krieg, der ein Viertel bis ein Drittel der Menschen hinwegnimmt, der ungeheure Wüstungen hinterlässt, ist so etwas wie eine Zäsur im Bewusstsein der Menschen."

Eine Zäsur, die über Generationen bis ins 19. und 20. Jahrhundert fortbesteht. "Als eine traumatische Erinnerung wiederkehrend, also in dem Sinne, so etwas darf sich kein zweites Mal wiederholen, Deutschland darf nicht noch einmal zum Schauplatz eines solchen Krieges werden. Eine Vorstellung, die ja zweifellos durch den Blick auf die zurückliegenden napoleonischen Kriege … befeuert worden ist und die dann dazu führt, dass man in Deutschland glaubt, eigentlich aufgrund der geografischen, geopolitischen Konstellation heraus, offensiv agieren zu müssen, so dass bis hin zum Schlieffen-Plan", der die Grundlage der deutschen Operation zu Beginn des Ersten Weltkriegs bildete.

"Man die Spur an die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg in der deutschen Geschichte beobachten kann, und von daher kann man sagen, weil diese traumatische Erinnerung Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts so dominant geworden ist, ist das 20. Jahrhundert von den Deutschen so geführt und gehandhabt worden, jedenfalls in der ersten Hälfte, wie es geführt worden ist."

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