Mittwoch, 01. Februar 2023

Mohamed Mbougar Sarr: „Die geheimste Erinnerung der Menschen“
Der „schwarze Rimbaud“

T. C. Elimane, Autor des Kultbuchs „Das Labyrinth des Unmenschlichen“, ist verschollen. Der senegalesische Prix-Goncourt-Preisträger Mohamed Mbougar Sarr schickt seinen Erzähler auf eine atemberaubende Spurensuche.

Von Christoph Vormweg | 25.12.2022

Mohamed Mbougar Sarr: „Die geheimste Erinnerung der Menschen“
In Mohamed Mbougar Sarrs Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ geht es virtuos selbstreferentiell um die Metaebenen von Literatur und Kritik. Es ist nicht zuletzt ein Plädoyer für das einzig bewohnbare Land, das der Bücher. (Foto: ©DR Philippe Rey, Buchcover: Carl Hanser Verlag)
Suchen kann zur Leidenschaft werden. Davon zeugen unzählige Werke der Weltliteratur. Auch der Erzähler von Mohamed Mbougar Sarrs Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ sieht in der Suche einen existentiellen Sinn seines Schreibens. In diesem Fall ist die Suche ganz handfest. Die Lektüre eines der letzten Exemplare eines freilich fiktiven Kultbuchs aus dem Jahr 1938 mit dem Titel „Das Labyrinth des Unmenschlichen“ elektrisiert ihn dermaßen, dass er die Spur des verschollenen Autors T. C. Elimane aufnimmt.
„Eines zumindest kann man über einen Schriftsteller und sein Werk mit
Gewissheit sagen: Beide gehen zusammen durch das denkbar vollkommenste Labyrinth, ein langer Rundweg, auf dem ihr Ziel und ihr Ausgangspunkt ineinander übergehen: die Einsamkeit.“

Kreisen um das Objekt der Faszination

Der Titel „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ stammt aus einem Zitat, in dem der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño über das Absterben literarischer Werke reflektiert. Wenn der letzte Leser stirbt, ist auch das Werk tot. Das will Mohamed Mbougar Sarrs Erzähler verhindern.   Bei seinen Recherchen nach T. C. Elimane geht er wie ein Biograph vor, liest Texte und Kritiken, die 1938 über dessen aufsehenerregendes Buch „Labyrinth des Unmenschlichen“ erschienen sind, er kontaktiert Experten und Zeitzeugen.
So gleicht die Lektüre einem endlosen Kreisen um das Objekt der Faszination. Die Perspektiven ändern sich ständig. Deshalb ist der Roman in drei Bücher mit jeweils zwei bis drei Textblöcken unterteilt. Hinzu kommen vier Biographeme, das heißt biographische Einfühlungsversuche in einem jeweils ganz eigenen Stil. Diese vielstimmige Verschachtelung macht den Reiz des Romans „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ aus. Aber sie ist in ihrer Komplexität auch eine besondere Herausforderung an Leserinnen und Leser. Der Erzähler fragt sich in seiner Unsicherheit:
„Wie umgehen mit einem Werk, das weder vergessen noch nacherzählt noch zum Schweigen gebracht werden kann?“

Hat der fiktive Autor alles nur geklaut?

Im Zentrum steht für Sarrs Erzähler die Frage, wann der Vorwurf des Plagiats, also der Plünderung anderer Werke ohne Nennung der Herkunft gerechtfertigt ist. Darauf spielt schon die Widmung an den Schriftsteller Yambo Ouologuem aus Mali an. 1968, nach Erscheinen des Buchs „Das Gebot der Gewalt“, wurde Ouloguem des Plagiats bezichtigt, weil er, ohne Anführungszeichen zu setzen, Techniken der Zitat-Collage verwendet hatte. Kritiker nutzten den Plagiatsvorwurf gegenüber Ouologuem, um diesen höchst unbequemen, politisch brisanten Autor mundtot zu machen.
Und T. C. Elimane, der als Autor so fiktiv ist wie sein „Labyrinth des Unmenschlichen“? Ist sein Werk, fragt sich der Erzähler, ein Geniestreich, gleichsam eine höhere Form der Kunst, oder schlicht zusammengeklaut? Der Erzähler von Mohamed Mbougar Sarrs Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ will wissen, was an T.C. Elimane so aufsehenerregend war, dass er 1938 von manchen schon als „schwarzer Rimbaud“ gehandelt wurde.
„Seine Seele ähnelt einem dunklen Stern, der alles, was sich ihm nähert, anzieht und verschlingt. (…) Sein Buch hatte etwas von einer Kathedrale und einer Arena; wir traten ein wie in das Grabmal eines Gottes, und am Ende knieten wir in unserem Blut, das als Trankopfer für das Meisterwerk vergossen wurde. Eine einzige Seite von ihm genügte, um uns die Gewissheit zu geben, dass wir einen Schriftsteller vor uns hatten, ein Hapaxlegomenon, einen dieser Sterne, die nur einmal am Himmel der Literatur erscheinen.“

Die Willkür der Literaturkritik

Der Erzähler von Sarrs Roman studiert 2018 in Paris und führt Tagebuch über seine Recherchen. Allein ist er in seiner Bewunderung für T. C. Elimane nicht. Regelmäßig trifft sich der ehrgeizige senegalesische, französisch schreibende Schriftsteller-Nachwuchs zum Streitgespräch. Und nicht der als Urvater der frankophonen senegalesischen Literatur geltende Léopold Sédar Senghor ist ihr Vorbild, sondern T. C. Elimane. Er ist der Maßstab für das eigene Schreiben.
Ins Visier nehmen Elimanes Jünger die zweifelhafte Macht der Literaturkritik, die dessen Karriere zerstört hat. Wer glaubt, dass sich in den achtzig Jahren zwischen 1938 und 2018 etwas gebessert habe, den belehrt die zum Kreis gehörende Marème Siga D. mit satirischem Elan eines anderen.
„Wird über Literatur, über ästhetische Werte gesprochen, oder spricht man über Personen, über ihre Hautfarbe, ihre Stimme, ihr Alter, ihr Haar, ihren Hund, das Fell ihrer Katze, ihre Wohnungseinrichtung, die Farbe ihres Sakkos? Spricht man über das Schreiben oder über die Identität, über den Stil oder die medialen Bilder, die es erübrigen, einen Stil zu haben, geht es um die literarische Schöpfung oder die Sensationsgier, den Personenkult?“
So entpuppt sich das von der Kritik 1938 aussortierte Kultbuch von T. C. Elimane als Keim für einen furiosen, vielspurigen, oft ironischen, zuweilen drastisch realistischen Roman. Durch die Struktur seines Plots öffnen sich Mohamed Mbougar Sarr Türen für ungeahnte Ausflüge rund um die Welt, für Zeitsprünge aus dem Hier und Heute durch ein ganzes Jahrhundert. Denn der verschollene T. C. Elimane wäre, wenn er noch lebte, über hundert Jahre alt.

Ein Puzzle starker Stimmen

Indem der Erzähler die Fährten anderer Spurensucher aufnimmt, weitet sich „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ zu einem Puzzle starker Stimmen. Frauen stehen im Vordergrund, vor allem die bereits zitierte Marème Siga D., die in Amsterdam lebt. Die 60-jährige ist eine Verwandte von T. C. Elimane und im Senegal als heimatvergessene, sexfixierte Skandalautorin verschrien. So verwundert es nicht, dass sie den neugierigen, noch unerfahrenen Erzähler erst einmal in seine Schranken verweist. Mit Marème Siga D. demonstriert Mohamed Mbougar Sarr seine Vorliebe für schlagfertigen, zuweilen derben Humor:
„Typen wie du begehen alle denselben Irrtum. Ihr meint, die Literatur könne das Leben korrigieren. Oder vervollständigen. Oder ersetzen. Das ist falsch. Schriftsteller, und ich kannte viele, gehörten schon immer zu den schlechtesten Liebhabern, denen zu begegnen mir vergönnt war. Und weißt du warum? Wenn sie mit dir schlafen, denken sie bereits an die Szene, in der sie diese Erfahrung verarbeiten. Jede ihrer Liebkosungen ist verdorben von dem, was ihre Vorstellungskraft daraus macht oder machen wird, jeder Stoß ihrer Lenden wird von einem Satz geschwächt. Wenn ich während des Liebesspiels mit ihnen rede, höre ich beinahe ihr 'murmelte sie'.“
Marème Siga D., die sogenannte „Spinnenmutter“, ist Jahrzehnte nach dem hochbegabten Elimane geboren worden. Da lebte der Schriftsteller schon lange nicht mehr in ihrem kleinen senegalesischen Heimatdorf. Ganz im Sinne der „oral history“, der in den Familien und Dörfern mündlich weitererzählten Geschichten, lässt Marème Siga D. auch ihren verstorbenen Vater als Zeitzeugen aus der Erinnerung wiederauferstehen. Ihr Ton ist schonungslos realistisch.
"Das Zimmer: Du warst noch nicht eingetreten, da drehte es dir bereits den Magen um, es stank nach Alter, Krankheit und Siechtum, weil der Körper alle Scham verliert, wenn das Ende naht. Ich kannte meinen Vater nur als alten Mann. Ich hasste ihn deshalb umso mehr, wie auch dieses Zimmer, das er in den letzten Jahren seines Lebens fast nicht mehr verließ. Das Leben und er hatten am Ende ihre Verbindung aufgelöst. (…) Bevor sein Gesicht, das eines Blinden, vor mir erscheint, steigt mir dieser Gestank in die Nase. (...) Seit meiner Kindheit bis zu dieser Nacht, in der er mich holen ließ, kannte ich ihn nicht anders. Es war 1980, ich war zwanzig, er zweiundneunzig.“
Mit ihrem Vater, einem mehrfach verheirateten Seher, verbindet Marème Siga D. eine tiefe Hassliebe. Denn sie kämpfte ihr Leben lang vergeblich um seine Aufmerksamkeit. Bei dieser Begegnung wird jedoch Tacheles geredet. Jeder erläutert in aller Härte die eigene Sicht der Dinge. Denn es wird kein nächstes Mal geben. Marème Siga D. will ihre Heimat verlassen, um nach Frankreich zu gehen.

Senegalesisch-französisches Kaleidoskop

Mit jedem Kapitel verschachtelt und relativiert Mohamed Mbougar Sarr die Perspektiven auf T. C. Elimane immer weiter. Mit jeder Figur ändert sich auch der Stil. So können und müssen Sabine Müller und Holger Fock ihre herausragenden übersetzerischen Fähigkeiten spielen lassen: von der Einfühlung in Marème Siga D.'s oft polternde, alle Wunden offenlegende Erzählwut über das geschichtsgeladene Vermächtnis, in dem ihr Vater den Alltag im Senegal vor Ankunft der weißen Kolonialherrn aufleben lässt, bis hin zu dem zehnseitigen Langsatz, der den zeitlich weit zurückliegenden Bewusstseinsstrom von Elimanes Mutter, der angeblich dementen Mossane, einfängt. Sie hat verkraftet, dass ihr Ehemann Assane für Frankreich in den Ersten Weltkrieg zog und nicht wiederkam. Aber dass auch ihr hochbegabter Sohn zum Studium nach Paris gegangen ist, ohne wieder von sich hören zu lassen, kann sie nicht verwinden.
„Assane verließ uns, traurig, aber glücklich fortzugehen, ich blieb bei Ousseynou, das Kind kam auf die Welt und wurde Elimane Madag genannt, es war mein Kind, und sein Vater war unwichtig, Assane oder Ousseynou, der Vater war unwichtig, wichtig war nur, dass ich es liebte, und ich liebte es, als hätte ich den Jungen allein gezeugt, und ja, ich habe ihn allein gezeugt, ich habe ihn geliebt und er weiß es, wo auch immer auf dieser Welt er jetzt ist, er weiß, dass ich ihn geliebt habe und dass er eine Mutter hat, die auf ihn wartet, auch wenn er es manchmal vergisst, in seinem tiefsten Inneren weiß er, dass ich auf ihn warte“
Mohamed Mbougar Sarrs Kunst ist es, viele Erzählstränge, Informationen und Eindrücke zu lancieren, ohne dass sein Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ schwerfällig wirkt. Die kriminalistische Suche nach T. C. Elimane und die Frage, wer oder was seine Kritiker später einen nach dem anderen in den Selbstmord trieb, trägt den Plot. Hinzu kommt die Rekonstruktion von Elimanes zahllosen Affären, von denen eine seiner Geliebten erzählt, sowie die Sexabenteuer des jungen Erzählers im Hier und heute. Auch detaillierte Milieu-Beschreibungen fehlen nicht: so aus der Pariser Striptease-Szene, in der sich Marème Siga D. über Jahre durchschlug, oder aus der Runde der Exil-Schriftsteller von Buenos Aires. An Ironie und Humor fehlt es bei alldem nie.
„Wie und warum der Afrikaner hierhergekommen ist?, fragte Gombrowicz. Was für eine seltsame Frage. (…) Ich weiß nicht einmal mehr, wie ich hierherkam, und auch nicht, warum ich nach dem Krieg geblieben bin. (...) Aber Elimane? Ich glaube tatsächlich, dass er es mir nie gesagt hat. (…) Über solche Dinge spreche ich nicht mit ihm. Elimane ist wie ich ein Exilant. Wir haben uns auf Anhieb als solche verstanden und erkannt. Wir sprechen über alles gern, nur nicht über das Exil. Wie dem auch sei, über das Exil gibt es nichts zu sagen. Ich kenne kein langweiligeres Thema auf der Welt.“

Heimatland der Bücher

Über allem schwebt in Mohamed Mbougar Sarrs Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ die Faszination für die Literatur, für das, wie es heißt, „Königreich der Bibliothek“, das „Heimatland“ der Bücher. Nur dieses Land ist in den Augen von Marème Siga D. „bewohnbar“. Für sie besteht von Anfang an kein Zweifel, dass T. C. Elimanes „Labyrinth des Unmenschlichen“ ein geniales „Buch der Bücher“ ist, eine aus Zitaten collagierte Symbiose der Weltliteratur, ohne Schluss, also offen. Es führe vor, wie neue Kunst entstehen könne, wenn man die gelesenen Bücher als Material benutze und hellsichtig verzahne: nicht im Sinne eines banalen Plagiats, sondern als Neuschöpfung.
„Aber warum weiterschreiben, es auch künftig probieren nach Tausenden von Büchern wie dem 'Labyrinth des Unmenschlichen', wenn man
den Eindruck hat, dass ihnen nichts hinzuzufügen ist?“
fragt sich der Erzähler. Die Antwort, die er sich gibt, liest sich wie das literarische Zukunftsprogramm des 32-jährigen Mohamed Mbougar Sarr:
„Wir schrieben, um auszudrücken, dass wir nicht mehr wussten, was wir auf der Welt anderes tun sollten als zu schreiben, ohne Hoffnung, aber ohne uns einfach damit abzufinden, unbeugsam, mit Freude und bis zur Erschöpfung, mit dem einzigen Ziel, so gut wie möglich daraus hervorzugehen, das heißt mit offenen Augen: alles sehen, nichts verpassen, nicht blinzeln, (...) lieber riskieren, sich die Augen zu verderben, weil man unbedingt alles sehen will, nicht so, wie ein Zeuge oder ein Prophet sieht, sondern so, wie ein Wachsoldat sehen will, ein auf sich allein gestellter, zitternder Wachsoldat in einer bettelarmen und dem Untergang geweihten Stadt.“

Riskieren, sich die Augen zu verderben

Der Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ führt die existentiellen Kämpfe seiner schreibenden Protagonisten vor Augen. T. C. Elimane, das große Vorbild, muss sie alle durchleben. Deshalb irrt der Senegalese T. C. Elimane über Jahrzehnte um die Welt. Sein verschlungener Weg erlaubt es Mohamed Mbougar Sarr ein verstörendes Kaleidoskop aus Bildern des blutrünstigen 20. Jahrhunderts zusammenzusetzen: mit vorkolonialen, kolonialen und postkolonialen Szenerien, mit Erzählungen aus den Weltkriegen und von der Judenverfolgung im besetzten Frankreich. So sucht Elimane vergeblich das Grab seines frankophilen Vaters Assane, der auf den sogenannten „Feldern der Ehre“ des Ersten Weltkriegs verheizt wurde. Hingegen gelingt es ihm, seinen jüdischen Verleger zu rächen, der nach einer Denunziation in die Gaskammern der Nazis deportiert wurde.
Erstaunlich, dass der in Dakar geborene Arzt-Sohn Mohamed Mbougar Sarr mit Anfang 30 einen so komplexen, wissensprallen und mitreißenden Roman zustande bringt. Allerdings gilt er in Frankreich schon länger als Geheimtipp und Ausnahmetalent, ausgezeichnet etwa mit dem Stéphane-Hessel-Preis. Die Themen seiner ersten vier Bücher spiegeln seine politischen Interessen: vom Dschihadismus über die Migration nach Europa bis hin zur Homosexualität im Senegal. So verwundert es nicht, dass Mohamed Mbougar Sarrs Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ im letzten Teil die Zerrissenheit des heutigen Senegal vorführt: die Verlogenheit der politischen Eliten, die Wirtschaftsinteressen der einstigen Kolonialmacht, die Korrumpierbarkeit der Medien.

Zurück zu den Wurzeln

Der Erzähler recherchiert nicht nur in der Hauptstadt Dakar, sondern auch im Heimatdorf T. C. Elimanes. Nach einem langen Gespräch mit einer Verwandten erscheint ihm seine Suche in einem anderen Licht.
„Da verstand ich, dass er kein Gott war, mochte er noch so einen klugen Kopf haben. Er war ein Mensch. Er lebte mit dem Schmerz der Erinnerungen und mit Fragen ohne Antwort. (...) Unter dem Eindruck der Lektüre habe ich von Anfang an gedacht, Elimanes Geheimnis ließe sich in der Literatur finden; es habe notwendigerweise etwas mit dem 'Labyrinth des Unmenschlichen' und dem Buch zu tun, das darauf folgen sollte. Ich (...) lese das Schweigen in seinem Leben mit meiner zwanghaften Schriftstellerbrille. (...) Möglicherweise ist in der Literatur gar nichts zu finden. Sie ist ein unheimlicher Sarg, schwarz und glänzend, doch möglicherweise enthält er keinen Leichnam.“
Die Literatur als leerer Sarg – sicher ist das eine Anspielung auf den von Roland Barthes und Nachfolgern viel besungenen Tod des Autors. Doch rechnet Mohamed Mbougar Sarr vor allem mit einer Literaturkritik ab, die Talente aus den Ex-Kolonien im französischen Literaturbetrieb bei Bedarf unmöglich macht. Der gekränkte T. C. Elimane läuft anschließend ganz von allein in die Falle des Klischees. Denn als Afrikaner ist er zu stolz, um sich gegen solche Attacken zu wehren. Der Preis, den er zahlt, ist der Verlust der literarischen Kreativität. Im Roman bleibt sein Kultbuch folgerichtig ein Phantom, das vom Erzähler nur in Fragmenten zitiert wird. Die Antwort auf diese Leerstelle ist Mohamed Mbougar Sarrs Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ selbst: durch seine mitreißenden Plot, durch seine stilistische Versiertheit, durch die Verweigerung eines Happy-Ends. Literatur, so die Botschaft, kann viel mehr, als den Markt zu bedienen. Rahmen muss der ungemein belesene Sarr dafür gar nicht sprengen. Er hat einfach nur seine Hausaufgaben gemacht, kennt die Herausforderungen der Moderne genauso wie die der Postmoderne. Er greift die Grundfragen der Literatur auf, die etwa Jean-Paul Sartre stellte: Was ist Literatur? Was kann Literatur? Denn jede Generation, jeder einzelne Autor fängt wieder von vorne an. So bleibt nur zu hoffen, dass dieser junge Schriftsteller nicht, wie viele millionenschwere Goncourt-Preisträger vor ihm, in Lethargie und Sattheit abdriftet. Die nötige Selbstironie dafür scheint Mohammed Mbougar Sarr jedenfalls zu besitzen.
Mohamed Mbougar Sarr: „Die geheimste Erinnerung der Menschen“
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Hanser Verlag, München. 448 Seiten, 27 Euro