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StartseiteSport am WochenendeDer Sport als vollendetes Schmierentheater01.01.2011

Der Sport als vollendetes Schmierentheater

Wie 2010, so toll wird auch 2011

Jürgen Roth wirft einen Blick zurück auf das Sport-Jahr 2010. Von den Olympischen Winterspiele über Sebastian Vettels Formel-1-Weltmeisterschaft bis hin zum Ausblick auf 2011 mit einem möglichen schwarzen Bildschirm bei der Leichtathletik-WM.

Von Jürgen Roth

Vorbereitungen zur IOC-Vollversammlung in Singapur (AP)
Vorbereitungen zur IOC-Vollversammlung in Singapur (AP)

"2010 stellte ein besonderes Sportjahr dar", hieß es kürzlich formvollendet in der Thüringer Allgemeinen, und auch der ORF Wien blickte zufrieden zurück:

"Die Kegelweltmeisterschaften mit Teilnehmern aus neunzehn Nationen fanden in Ritzing statt, die U-20-B-Basketball-EM ging in Oberwart und Güssing über die Bühne."

Tu felix Austria, aber hallihallo!
Vermutlich mit einem kraftvollen "Horrido!" auf den Lippen holte Viktoria Rebensburg in Vancouver Gold im Riesenslalom, zeigte den Österreichern die lange Nase und erklärte: "Bei Olympia muss man riskieren oder probieren, sonst gewinnt man nur Himbeeren oder Bananen." Beziehungsweise ein Glas Ananassaft mit Wermut.

Noch in der Retrospektive bekam sich der "Spiegel" angesichts der angeblich durch und durch grandiosen Winterspiele nicht mehr ein. Weil die Wettbewerbe in den jüngsten Toptorheitsdisziplinen Snowboard, Freestyle, Skicross, Shortrack und Hampeldipampel so gut besucht waren, flötete das Blatt zum Jahresausklang:

"Die olympische Bewegung wurde entstaubt. Die Spiele in Kanada waren ein Fest der jungen Disziplinen."

Ich jedoch sage euch: Wenn der erste Shortracker freestylish die vereiste Crossroad vor meiner Haustür quert und dabei einen Snowboarder grüßt, der über den Bürgersteig gleitet, wandere ich nach Dubai aus und eröffne da eine Schlittenhundeschule.

Nein, nicht Mexitinien erhielt den Zuschlag für das Championat 2022, sondern Liechtenstein, Unfug: Malta, Quatsch, Katar natürlich, welches Land denn sonst. Wäre ja gelacht gewesen, hätten sich die Gaudi-Burschen und Wonneproppen im FIFA-Exekutivkomitee ausnahmsweise mal nicht äußerst erkenntlich für die kleinen Gaben aus allerlei staatlichen und anderweitigen Schwarzgoldtöpfen gezeigt, aus arabischen und russischen Säckeln, die wohl hinsichtlich der Vergabe der WM 2018 an das ehemalige Reich des Bösen von Platinpremier Putin persönlich bis zum Platzen befüllt worden waren.

Das ganze Schmierentheater in der Gauneroase Zürich respektive Schweiz, in der korrupte Weltsportfunktionäre strafrechtlich nicht belangt werden dürfen, ward flankiert nicht nur, wie der "Spiegel "berichtete, von einem holden "Heer von Regierungschefs, Abgesandten europäischer Königshäuser und arabischer Emirate, Fußballidolen und Verbandsfürsten", sondern auch von Enthüllungen der BBC und des Schweizer Tagesanzeiger über einen neuen wunderschönen Bestechungs- und Versaubeutelungsvorgang innerhalb des Fußballweltverbandes, über den, wenn's kein anderer anpackt, ich demnächst wirklich ein Theaterstück in Shakespear' schem Zuschnitt zusammenkloppen werde, mit der Hauptfigur Joseph Seppl Blatter als Variante von Richard III. oder Philipp II.

Nun, diesmal mussten sich diverse Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees, unter ihnen der sattsam bekannte brasilianische Schmiergeldentgegennehmer und Ricardo Teixeira, vorhalten lassen, etliche Millionen eingesteckt zu haben, die BBC belegte insgesamt 175 Geheimtransaktionen der appetitlichsten Art. Und die Reaktion des Gutsherrn Blatter? Nebbich!

Mehr noch: Blatter, über den die Schweizer Gammelgazette "Blick" kürzlich zusammenschleimte, der Patron sei auf Grund seiner - Obacht! -

"Bescheidenheit und Demut" so "charismatisch", tat, ohne dass er grün, rot und blau zugleich anlief, kund: "Es gibt keine systematische Korruption in der FIFA. Das ist Unsinn."

Stimmt. Es gibt keinen Sand in der Sahara. Das ist Unsinn.

"Ob der Sepp,"
fragte der Journalist Jens Weinreich,
"schon an Pseudologie leidet?"

Also an der Lügenkrankheit? Antwort Weinreich:

"Die Wahrheitsbeugungen, die Blatter begeht, müssen erst noch gezählt werden."

Und damit werden wir im neuen Sportjahr genauso lange zu tun haben wie mit der Ermittlung des Tour-de-France-Siegers Anno 2010. Heureka und halleluja!

Soweit verlief das Sportjahr 2010 mithin wie immer, auf unseren lieben Sport ist halt Verlass, national wie international. Im italienischen Fußball wurde abermals ein gigantischer Betrugsskandal aufgedeckt, der bis in die zweite Bundesliga ausstrahlt, in Spanien hob die Guardia Civil einen Dopingring rund um den notorischen Arzt Eufemiano Fuentes aus, und hierzulande nagelte insbesondere die "Sport Bild", zu der Ioannis Amanatidis von der Frankfurter Eintracht mal fallen gelassen hat: "Schmuddelblatt", "schreibt im großen und ganzen nur Dreck", den üblichen Stiefel aus Ahnungslosigkeit, Nichtigkeit und Hetze zusammen, indem sie zum Beispiel wochenlang den ziemlich untadeligen Michael Ballack derart degoutant demontierte, dass man den Springer-Säcken ein ungarisches Mediengesetz an den Hals wünschte - während der Veranstalter der alpinen Ski-WM im Februar in Garmisch-Partenkirchen ankündigte, Journalisten vor ihrer Akkreditierung geheimdienstlich durchleuchten zu lassen.

Neu war allerdings, dass Sebastian Vettel Formel-1-Weltmeister wurde - wegen seiner "Renngeilheit", unterstrich Michael Schumacher; dass die Nationalmannschaft außer im hasenfüßig vergeigten Halbfinale gegen Spanien mirakulös elegant auftrat - und, meinte die vollkommen narrische B. Z., "mit Selbstvertrauen so groß wie Mozart"; dass der widerliche Boxpromoter Ahmet Öner nach einer Niederlage des Schwergewichtlers Steffen Kretschmann zum besten gab:

"Hiermit ist er frei. Ich übergebe ihn der Masse. Sie kann ihn haben und zu Hause ausstopfen";"

dass im Landtag von Sachsen-Anhalt tatsächlich über den Einsatz von Gummigeschossen und Drohnen bei Sportveranstaltungen debattiert wurde; und dass Handballer und Basketballer gegen das Anti-Doping-Meldesystem protestierten, derweil der Wiener Dopingfahnder Andreas Holzer erzählte:

""Wir stießen während unserer Ermittlungen auf Hobbysportler, die für die Vorbereitung auf einen Marathon rund 7.000 Euro in Dopingpräparate investierten, nur um von Platz 1.042 auf Platz 912 nach vorn zu kommen."

O gesegnete Welt des ubiquitären Sports!

Was steht in den kommenden zwölf Monaten an? Worauf dürfen wir uns freuen? Auf das Sequel von Louis van Gaals Autobiografie, diesmal so dick wie James Joyce' Ulysses? Auf Tennismatches in Wimbledon, die drei Tage und zwei Nächte dauern? Auf die Vergabe der idiotischen Olympischen Winterspiele 2018 an München, da, teilte uns DOSB-Präsident Thomas Bach im Zusammenhang des obstinaten Auftretens der Olympiagegner mit, "das olympische Dorf als Erbe der Spiele die Wohnungsnot in der Stadt lindern" würde? Auf eine Leichtathletik-WM ohne Fernsehbilder, weil ARD und ZDF nur sechs statt der geforderten fünfzehn Millionen Euro für die Rechte rausrücken wollen? Auf eine Frauen-Fußball-WM, über die sogar die OK-Präsidentin Steffi Jones sagt, sie habe "Angst, dass wir in unseren Erwartungen nicht realistisch bleiben"?

Na ja, Dr. Theo Zwanziger schreibt auf der Website seines Ladens: "Ich bin mir jedenfalls sicher, dass die WM gut für unser Land sein wird", und Zwanziger ist ein weiser, ja weitblickender Mann. Nur gut, dass Günter Netzer bekannte: "Ich würde mir nicht zutrauen, ein Frauenfußballspiel zu analysieren", weshalb wir frohgemut nach vorne schauen und dem Sportjahr 2011 schon heute ein herzliches "Hurra!" entbieten. Aber holla!

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