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StartseiteInterview"Wir wollen Vertrauen zurückgewinnen"01.02.2020

Der Synodale Weg der katholischen Kirche"Wir wollen Vertrauen zurückgewinnen"

Bei den Teilnehmern am Synodalen Weg sei die Verantwortung zu spüren, in der katholischen Kirche Reformen auf den Weg zu bringen, sagte Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, im Dlf. Diese seien notwendig angesichts eines geradezu dramatisch werdenden Priestermangels.

Thomas Sternberg im Gespräch mit Jürgen Zurheide

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Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, spricht am 24.05.2016 in der Kongresshalle in Leipzig (Sachsen). (picture alliance / dpa / Sebastian Willnow)
Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (picture alliance / dpa / Sebastian Willnow)
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Die katholische Kirche geht neue Wege. Beim "Synodalen Weg" sitzen 230 Menschen zusammen, Bischöfe und Laien, Männer und Frauen, die über die Zukunft der Kirche reden. Die große Frage ist, wie verbindlich ist das, was dabei herauskommen wird. Dazu der Vorsitzende des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, Thomas Sternberg.

Jürgen Zurheide: Herr Sternberg, zunächst einmal, was ist das? Ich habe in den Unterlagen gelesen, und die Agenturberichte schreiben so eine Art Brainstorming in der katholischen Kirche. Übersetzen Sie mir das bitte.

Thomas Sternberg: Das ist kein Ausdruck, der von mir gekommen ist. Es ist auch mehr als ein Brainstorming. Ein Brainstorming, das hat es schon gegeben zwischen 2011 und 2015, als eine erste Reaktion auf die Erschütterung vor zehn Jahren durch die Missbrauchsskandale. Das, was jetzt passiert, das sind schon deutlich verbindlichere Formen. Hier sind 230 Delegierte zusammen, die eigentlich ziemlich genau den Katholizismus in Deutschland spiegeln, und die werden Beschlüsse fassen.

"Wir müssen in der Kirche Reformen machen"

Zurheide: Kommen wir noch mal, bleiben wir einen Moment bei der Methode, bevor wir auf die Inhalte kommen. Was ich auch gelesen habe, es geht um zuhören, es geht um den Perspektivwechsel, also nicht das schnelle Urteilen, was in unserer Gesellschaft ja heute so üblich ist. Der Anspruch ist schön. Was haben Sie gestern erlebt?

Sternberg: Gestern, das war Auftakt, neben den wirklich erhebenden Dingen, wo auch wirklich sehr viele gesagt haben, wie sehr sie auf diesen Prozess vertrauen und wie sie da mitmachen, war das auch Geschäftsordnungsdebatte. Jeder, der so etwas kennt von irgendwelchen Versammlungen, weiß, dass Geschäftsordnungsfragen meistens auch dazu genutzt werden, sehr grundsätzliche Dinge noch mal zu thematisieren. Das hat gestern durchaus auch lange gedauert, aber eigentlich waren alle froh, als dann die Satzung, die Geschäftsordnung mit über 90 Prozent verabschiedet war und wir dann wirklich zu der Sacharbeit kommen konnten, die sich bis gestern Abend um halb zehn hinzog.

Zurheide: Es gab ja auch Vorbehalte, die da geäußert worden sind von manchen Bischöfen, die, wenn ich jetzt die platte Variante wähle, eher als konservativ gelten, oder?

Sternberg: Ja, dass in einem Gremium von 230 Leuten, auch dann noch so bunt besetzt vom Kardinal bis zur Jugendlichen, dass da auch unterschiedliche Stimmen da sind, versteht sich. Es gibt da tatsächlich einige, die es, glaube ich, nicht so gern hätten, wie es ist, aber man muss sich klarmachen, was wir jetzt – und das ist neu – für Mehrheiten in der katholischen Kirche haben. Wir haben einen Prozess, der einstimmig von der Bischofskonferenz beschlossen worden war im letzten März, dann mit der Bitte an das ZdK, doch mitzumachen, dann in unseren Gremien lange Debatten und auch dann schließlich ein einstimmiger Beschluss, das gemeinsam mit den Bischöfen zu tun. Das Ganze ist ein Miteinander, das schon rein optisch etwas ganz Neues ist, denn als wir eingezogen sind in den Dom, war nicht mehr zu unterscheiden, wer von denen ist jetzt Bischof, wer von denen ist Ordensmensch, wer von denen ist der Vertreter oder Vertreterin eines Verbandes oder einer Diözese über den Diözesanrat. Eine bunte Mischung, die alle die Verantwortung spüren, wir müssen in der Kirche Reformen machen.

"Demokratische Reformen in der Gestaltung von Kirche und Welt"

Zurheide: Kommen wir zu den Themen, ich habe hier verschiedene auf dem Zettel: die Rolle der Frauen natürlich, die sexuelle Gewalt. Sie haben das angesprochen. Überhaupt Sexualität ist ein wichtiges Thema oder Sexualmoral. Was steht ganz vorne, auch nach den Gesprächen gestern?

Sternberg: Ich denke, diese vier Themen, da stellt sich doch heraus, dass eines der ganz, ganz wesentlichen Themen ist die Frage nach Macht und Machtverteilung, denn das ist ja nicht nur eine Frage, die auch grundsätzlich bei Missbrauch eine ganz entscheidende Rolle spielt. Das stellt sich auch immer deutlich heraus, dass überall da, wo Machtunterschiede, wo Abhängigkeiten da sind, dass da offensichtlich die Versuchung, etwas zu verbrecherischen Taten zu nutzen, sehr groß ist, generell die Frage, wie geht man eigentlich hier in Kirche mit Macht um, wie gibt es so etwas wie demokratische Reformen in der Gestaltung von Kirche und Welt. Das sind Fragen, die sich sehr dringlich stellen angesichts eines geradezu dramatischen und katastrophal werdenden Priestermangels.

Zurheide: Kein Widerspruch, Euer Ehren, nur Macht und Hierarchie, das ist ja die sozusagen DNA der katholischen Kirche, oder habe ich da bisher was falsch verstanden?

Sternberg: Ach, DNA … Ich glaube, auch da hat es ganz unterschiedliche Formen gegeben. Also das, was sich im 19. Jahrhundert entwickelt hat als eine sehr, sehr straffe Hierarchie und das, was sich dann in der Nachkriegszeit in Westdeutschland mit einer starken Konzentration auf die Bistumsleitung entwickelt hat, das ist alles nicht gottgegeben. Wissen Sie, ich bin Kirchenhistoriker. Da stellt man fest, es hat schon sehr, sehr verschiedene Epochen gegeben, in denen die Kirche in jeweils ihrer Form auf die Zeit geantwortet hat. Wenn man das nicht tut, wenn man diese Zeitveränderungen nicht auch so wahrnimmt, gibt es ein Problem. Wir hatten in den 60er-Jahren in der katholischen Kirche ein Konzil, das wesentlich neue Erfahrungen und neue Positionen setzte, die in den 70er-Jahren in Deutschland in der Würzburger Synode umgesetzt wurden, aber man hat den Eindruck, seit Ende der 70er-Jahre ist nicht mehr so richtig viel passiert. Da hat es irgendwie so ein Stocken gegeben. Auch das wird jetzt aufgebrochen.

"Wir sind gemeinsam Kirche"

Zurheide: Welche Hoffnungen haben Sie, dass das gelingt?

Sternberg: Ich bin mit meinen Hoffnungen nicht allzu überoptimistisch, aber nachdem ich gestern auch gesehen habe, mit wie viel Ernsthaftigkeit und mit wie viel auch Willen zur Zusammenarbeit hier vorgegangen wird, bin ich doch wirklich sehr hoffnungsfroh, dass die Form, hierarchisch durchregieren zu wollen, einfach zu sagen, ich bin in der bischöflichen Position, ich habe das Sagen und ziehe das durch, das ist lange nicht mehr die Mehrheit auch bei den Bischöfen und ist auch lange nicht das Selbstverständnis von den Laien, als seien wir jetzt so eine feste geschlossene Gruppe, die sich gegen eine – wie man das dann gerne nannte – Amtskirche durchsetzt. Das ist lange vorbei. Wir sind tatsächlich der Auffassung, wir wollen das gemeinsam tun, und wir sind gemeinsam Kirche, und wir wollen dann helfen, wieder Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, Vertrauen in die katholische Kirche. Das ist doch das erste Ziel. Es ist nicht die Frage, wie wir unsere eigenen Reformen zurechtbringen, sondern wie können wir wieder zu mehr Vertrauen und Glaubwürdigkeit kommen.

Zurheide: Dann gibt es die Debatte ums Zölibat, die wird auch lange schon geführt, auch auf unterschiedlichen Ebenen. In Rom gibt es ja auch entsprechende Überlegungen. Jetzt hat auch Frau Kramp-Karrenbauer, die CDU-Chefin, gesagt, sie fordert das Ende. Ist das hilfreich?

Sternberg: Frau Kramp-Karrenbauer ist zunächst auch mal Mitglied des ZdK, insofern sagt sie das auch als Mitglied des ZdK. Ich meine, das ist eine Auffassung, die sehr viele Menschen haben, wobei, ich diskutiere sehr ungern, schon gar öffentlich, über das Zölibat. Da gibt es auch gute Gründe für ein Zölibat. Nur wichtiger als die Frage der Zulassung zum Priesteramt, wichtiger noch als die Frage, wie ist die Lebensform eines Priesters, ist die Frage, wie können wir sicherstellen, dass wir auch noch in 20 Jahren Eucharistiefeiern in den Gemeinden und unter den Katholiken haben, wie können wir die Eucharistiefeier sicherstellen. Dann muss man sich fragen, wenn das nicht mehr mit klassischen Priestern möglich ist, wie können wir dann zu Priestern kommen. Das ist eine ganz, ganz wesentliche Frage, die natürlich diskutiert werden muss. Die Forderung nach der Weihe von sogenannten Viri probati ist nicht neu, die wird nur auch mittlerweile immer lauter, und zwar nicht nur hier in Deutschland, sondern das ist doch in sehr, sehr vielen Ländern. Wir merken auch die internationale Aufmerksamkeit für unseren Prozess. Das sind nicht die Dinge, die nur hier in Deutschland diskutiert werden.

"Die Frage nach der Präsenz der Eucharistie"

Zurheide: Das heißt, angesichts des Priestermangels haben Sie damit eigentlich doch eine Antwort gegeben. Ja, habe ich das richtig verstanden?

Sternberg: Für mich ist das sehr klar, dass wir zum Beispiel zur Weihe vom Viri probati kommen müssen, aber das heißt nicht, dass man das Zölibat abschaffen muss. Das kann auch nebeneinander existieren. Wie gesagt, das sind Fragen, die Frage nach der Präsenz der Eucharistie, die ist ganz, ganz zentral, und dann natürlich ganz, ganz zentral, was immer wieder aufkommt, aber auch erst seit den 70er-Jahren, die Frage nach den Frauen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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