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StartseiteKalenderblattDer Volkslied-Jäger25.11.2008

Der Volkslied-Jäger

Vor 125 Jahren starb der Musikpädagoge und Liedforscher Ludwig Erk

"Es klappert die Mühle am rauschenden Bach" oder "Der Jäger aus Kurpfalz" - viele Volkslieder wären ohne die Arbeit Ludwig Erks längst in Vergessenheit geraten. Der Musikpädagoge und Liedforscher gilt als einer der bedeutendsten Sammler von Volksweisen. Doch anders als die Gebrüder Grimm, die heute noch durch ihre Märchensammlung in aller Munde sind, ist Erks Name 125 Jahre nach seinem Tod nur noch wenigen bekannt.

Von Sabine Fringes

Volksweisen gehören heute noch zum Repertoire vieler Chöre. (AP)
Volksweisen gehören heute noch zum Repertoire vieler Chöre. (AP)

"In mehr als einer Provinz sind mir Volkslieder, Provinziallieder, Bauernlieder bekannt, die an Lebhaftigkeit und Rhythmus, Naivität und Stärke der Sprache vielen derselben gewiss nichts nachgeben würden; nur wer ist, der sie sammle? Der sich um die Lieder des Volks bekümmre?"

So fragte Johann Gottfried Herder noch im Jahr 1773. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts hatte er mit seiner Begeisterung für das Volkslied viele Wissenschaftler und Literaten angesteckt. Eine der bekanntesten Sammlungen der Zeit erschien zwischen 1806 und 1808 mit "Des Knaben Wunderhorn" .

Doch wie die meisten Sammler ihrer Zeit, so interessierten sich auch Achim von Arnim und Clemens Brentano vor allem für die Texte, die Melodien selbst fanden wenig Beachtung. Um die sollte sich bald ein junger Mann kümmern, der just in diesen Jahren das Licht der Welt erblickte: Ludwig Christian Erk. Einer seiner Lehrer schrieb ihm eine Notiz ins Zeugnis, welche im Nachhinein geradezu als Programm über dessen Leben und Werk stehen könnte:

"Naturgaben des Kindes: "Vorzüglich", Gesinnungsart und Aufführung desselben: "verdient alles Lob", Fleißiger und unfleißiger Schulbesuch von Seiten des Kindes: "hat sich stets durch seinen Fleiß ausgezeichnet"."

Ludwig Christian Erk wurde am 6. Januar 1807 als Sohn einer Bäckerstochter und eines Kantors in Wetzlar geboren. Sein Vater starb früh und so kam er mit 13 in das Erziehungsinstitut seines Paten Johann Balthasar Spieß in Offenbach, wo Erk später selbst Musikunterricht erteilte. Bereits im Alter von 22 trat er mit seinen ersten Schulliedersammlungen an die Öffentlichkeit, die bald ausgesprochene Renner auf dem Buchmarkt seiner Zeit wurden.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein sind sie immer wieder neu aufgelegt und bearbeitet worden. Und auch als Chorleiter hinterließ er Spuren bis in die Gegenwart: Mitte des 19. Jahrhunderts gründete der Vater einer inzwischen fünfköpfigen Familie in Berlin zwei Gesangsvereine, die heute noch seinen Namen tragen.

Doch sein eigentliches, sein wichtigstes Vorhaben war eine wahnwitzige Fleißarbeit: Erk wollte alle in Deutschland vorkommenden Volkslieder sammeln. Und nicht nur das: Jedes Lied sollte in seiner bestmöglichen Überlieferung festgehalten werden. An seinen Schwager, den Pfarrer Ludwig Glock, schrieb er in einem Brief:

"Wenn Du kannst, so nimm recht viel neue Lesarten von den bereits abgedruckten Liedern auf. Denk ja nicht, es sei alles schon mit einem Druck abgeschlossen. Kommt mir auch nur irgendein Lied vor, welches fehlerhaft ist, so wird's von neuem abgedruckt."

Seine "Volksliedjagd", wie Erk sagte, führte ihn durch den Odenwald, an den Niederrhein, in die Mark Brandenburg und nach Schlesien. Mit Münzen lockte er Schüchterne aus der Reserve und notierte dann ihren Gesang. Dabei hielt Erk nicht nur alle Varianten des Textes in minutiöser Genauigkeit fest, sondern auch die des Melodieverlaufs. Selbst die kleinsten Pausen noch schienen ihm wichtig. Auch wer das Lied sang und wann und wo er es zum ersten Mal gehört hatte, schrieb er auf, womit er sich deutlich von dem was in "Des Knaben Wunderhorn" veröffentlicht worden war unterschied.

Die letzten 30 Jahre seines Lebens versuchte Erk die Berge von Material in den Griff zu bekommen. Sein Vorhaben, alle Lieder Deutschlands zu sammeln, hatte er da schon längst aufgegeben.

Am 25. November 1883 starb er, die Erscheinung seines "Liederhorts", der erst zehn Jahre später unter der Mitarbeit von Franz Magnus Böhme veröffentlicht werden konnte, erlebte er nicht mehr. Doch noch heute ist der "Liederhort" mit seinen ausführlichen Quellenangaben das Standardkompendium für alle am Volkslied interessierten Wissenschaftler - und Sänger.

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