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StartseiteSonntagsspaziergangEine Stadt im Aufbruch23.11.2014

Derry/LondonderryEine Stadt im Aufbruch

Die nordirische Stadt Londonderry, die oftmals auch nur "Derry" genannt wird, teilt sich in die katholische Westseite und den protestantischen Ostteil. Obwohl die Bevölkerung sich hier und dort bewusst von "den anderen" abgrenzen will, bekommen Touristen den Bruch in der Stadt meist nur am Rande mit.

Von Harald Jüngst

Ein Wandgemälde an einem Haus erinnert an die Opfer des "Bloody Sunday", den Blutsonntag von Londonderry am 30. Januar 1972, als eine irisch-nationalistische Demonstration durch britische Sicherheitskräfte niedergeschlagen wurde. (picture-alliance/ ZB )
Ein Wandgemälde an einem Haus erinnert an die Opfer des "Bloody Sunday", den Blutsonntag von Londonderry am 30. Januar 1972, als eine irisch-nationalistische Demonstration durch britische Sicherheitskräfte niedergeschlagen wurde. (picture-alliance/ ZB )
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"Ich wünschte, ich wäre wieder zu Hause in Derry, ja ich wünschte, ich wäre wieder zu Hause in Derry"!

Derry-Londonderry, eine Stadt im Aufbruch, ein Ort im Umbruch, auf dem Weg, das vorurteilsbedingte nordirische "Schmuddeleckenimage" kräftig aufzupolieren. Doch auch wenn sich Panzer, Bomben und Heckenschützen schon lange aus dem Alltag der Stadt verabschiedet haben, ziehen sich immer noch die blutigen Erfahrungen des Terrors als Narben durch fast alle Familien. Die ideologischen Fronten mit ihren politischen Perspektiven scheinen immer noch unüberbrückbar zu sein.

"My name is Adrian Carr. I will consider myself an Irish Republican. I live in Derry. I come from a Catholic background."

"My name is Winston Irvine ,I'm a Protestant ,I live in Londonderry, I'm British."

Derry-Londonderry: Eine Stadt - zwei Namen, zwei Welten - mit zwei diametral-heterogenen Anschauungen. Der River "Foyle" trennt den katholischen Adrian Carr und den protestantischen Winston Irvine sowie die restlichen 100.000 Einwohner und auch deren national-religiöse Identitäten. Auf Adrians Westseite leben fast ausschließlich die katholischen Iren. Die machen rund drei Viertel der Stadtbevölkerung aus. Eine Vereinigung mit der Republik im Süden steht seit fast 100 Jahren auf ihrer emotionalen und auch politischen Tagesordnung. Dementsprechend zeigt man hier "Flagge". An vielen Häusern, Pubs und Straßenlaternen wehen hier in "Grün-Weiß und Orange" die Fahnen der Republik Irland und auch die Bordsteinkanten markieren in denselben Farben "Irisches Territorium".

In den katholischen Schulen werden die Kinder überwiegend mit den traditionellen irischen Sportarten "Gaelic Football "und "Hurling" sozialisiert. In den dortigen Pubs singt man voller Stolz in irischem Gälisch die Nationalhymne der Republik.

Im Ostteil der Stadt, auf der anderen Seite des "Foyle River", auf Winston's "Waterside", - glaubt das restliche Viertel der Stadtbevölkerung überwiegend protestantisch und fühlt sich britisch - "very British". "No surrender !" - "Wir kapitulieren nicht!", liest man hier an den Hausgiebeln. Diese der englischen Krone gegenüber loyalen Bürger beharren auf der Union mit Großbritannien. Stolz weht das "Rot ,Weiß und Blau" des "Union Jack" und genauso sind auch hier die Bordsteinkanten coloriert. Die protestantischen Kinder werden hier auf der "Waterside" überwiegend in den "britischen" Sportarten Rugby und Cricket trainiert. Mit selbstverständlicher Inbrunst wird hier "God save the Queen" intoniert.

Kein ideologisches Zerren an Besuchern

Von all diesen problematischen Wirkungen dieser schier fest in Herz, Seele und Kopf eingemeißelt scheinenden, historisch verwurzelten, konträren Gesetzmäßigkeiten der Menschen in Derry/Londonderry bleibt der Besucher wirklich verschont. Ganz im Gegenteil: Der Fremde erfährt Diplomatie, Verständnis für Nachfragen, wird ganz und gar nicht in die eine oder andere ideologische Richtung gezerrt.

Die Einwohner empfinden den Besuch als Ehre und verkünden Lobendes, Stolzes und auch Selbstbewusstes über die ganze Stadt. Aber auch hinter diesen fremdenfreundlich erscheinenden Fassaden entwickelt sich eine Aufbruchstimmung. Vor allem als vor einiger Zeit die "Fleadh Cheoil na hEireann" das alljährlich zelebrierte, weltweit größte und bedeutendste traditionelle irische Musikfestival zum ersten Mal in seiner über 60-jährigen Geschichte von der Republik Irland über die Grenze nach Nordirland in die Stadt Derry, also in die britische Jurisdiktion wanderte. Dorthin, wo Derry landkartenoffiziell und politisch korrekt als Londonderry notiert und gehandelt wird. Die "Fleadh Cheoil na hEireann"- ein Megaevent mit Brisanz. Schlussendlich bestimmten mehr als 400.000 Besucher eine Woche lang den musikalischen Herzschlag der Stadt, kreierten Partymeilen auf Straßen und Plätzen, in Pubs, Schulen, Konzerthallen und Kirchen.

"It's kind of crazy, lots and lots of people, traditional music, friendly atmosphere, it's been fun -overwhelming!"

Verrücktsein, Menschenmengen, Spaß, die traditionelle Musik und vor allem diese überwältigend freundliche Atmosphäre begeisterten nicht nur diesen ausländischen Besucher.Und ganz besonders die Einheimischen schwelgten unisono :

"It's amazing, it's absolutely fantastic!!"

Die Fleadh Cheoil in Derry - ein Mammutprojekt in jeder Beziehung, erläutert Mitorganisatorin Ann Marie Gallagher:

"Wir haben unheimlich viel Zeit investiert, um Brücken zwischen unseren so heterogenen Gruppen zu bauen. Die Musik hat uns dabei Türen zu gemeinsamen Aktionen geöffnet, die vorher bei anderen Themen immer verschlossen blieben. Ganz besonders wichtig war die Teilnahme des "Londonderry Band Forums". Diese protestantischen Musiker wurden auf allen Bühnen gefeiert. Und vor kurzem noch undenkbar: Sie engagierten sich sogar in unseren irischen Musikworkshops."

Die begeisternd warmherzige und vor allem friedliche Atmosphäre der Stadt und ganz besonders der Umgang der Bürger untereinander soll auf keinen Fall als kosmetische Kurzepisode mit schnell verbleichendem Make-up in die Geschichte Nordirlands eingehen.

"Wir wollen hier zukünftig eine für jeden zugängliche Akademie für traditionelle Musik etablieren. Ganz besonders aber werden wir weitere Kommunikationswege zwischen unseren Gruppen suchen, damit auch die Leute miteinander Kontakt bekommen, die bislang noch nie miteinander geredet haben."

Und so erging es stellvertretend dem protestantisch-britischen Musiker Darren Milligan, der von der "Waterside" mit seinem Highland-Dudelsack zu einer Pubsession in den katholisch-irischen Teil von Derry hineinschnupperte - zum wirklich allerersten Mal.

"Ich war wirklich überrascht, wie willkommen ich war. Die irischen Musiker riefen sofort: 'Komm, spiel uns was vor!' Und so saßen wir bis Mitternacht bei einigen Gläsern Bier und musizierten gemeinsam. Und wirklich, es sind so neue Freunde in mein Leben getreten."

Apropos Musik! Die ist in Derry/Londonderry beileibe nicht nur bei großorganisierten Festivals zu hören. Die Musik gehört zur Stadt wie die Luft zum Atmen, wie Fish und Chips, wie das dickflüssige schwarze Guinness, zelebriert natürlich überwiegend in den atmosphärischen Pubs. Diese "Musik-Session-Tempel" weisen besonders in einer Straße eine besonders bemerkenswerte Dichte auf.

Und das Wetter? Vom Tanga bis zum Nerz sollte das Kleidungsspektrum reichen, damit man den "Vier Jahreszeiten an einem Tag" angemessen begegnen kann. Ann-Marie Gallagher drückt dies prosaisch-schönfärbend so aus. "Liquid Sunshine" - "Flüssiger Sonnenschein". So lautmalt die fast immer positiv "getunte" irische Seele im Norden der Grünen Insel den durchaus wahrnehmbaren meteorologischen Niederschlag.

Wir nähern uns - mit dem Regenschirm in der Hand - einer innerstädtischen leichten Anhöhe. Hier thront das optisch-historische Herzstück: The Walls of Derry.

Stadterzähler John Mc Nulty geht ins Detail:

"Die Stadtmauer wurde von Londoner Geschäftsleuten innerhalb von fünf Jahren - zwischen 1613 und 1618 - erbaut. Sie hat einen Umfang von etwa anderhalb Kilometern und ist die einzige vollständige Stadtmauer Irlands, eine der best erhaltensten überhaupt in Europa. Gebaut wurde sie, um die Stadt vor möglichen französischen und spanischen Invasoren zu schützen."

Diese sehr großzügige Spende der Londoner Gilden und Zünfte veränderte damals im 17. Jahrhundert den ursprünglichen Ortsnamen "Derry" zu "Londonderry". Diese Mauer ist ein Kunstwerk, sie ist vollkommen intakt und wurde nie zerstört. Bis zu zwölf Meter hoch und zehn Meter breit ist das Wahrzeichen der Stadt - rundum - und auch behindertengerecht - begehbar .
Im Terrain innerhalb der Stadtmauern erlebt man kompakt in der Altstadtwelt Derrys die bewegende Geschichte der Stadt. Dazu gehören das "Tower Museum", die "Apprentice Boys Hall" und auch "Austin's" - ein protziges, mit unzähligen Balkons und Säulen verschnörkeltes klassizistisch gestyltes fünf-stöckiges Kaufhaus. Erbaut und eröffnet im Jahre 1830 gilt es als ältestes Kaufhaus der Welt. Nicht zu vergessen: das "Craft Village", ein Minidorf innerhalb der Altstadt mit engsten Gässchen, - bewohnt und bestückt mit Kunsthandwerkern, Galerien und kuscheligen Cafés.

Das älteste Gebäude innerhalb der Stadtmauern wurde 1633 fertiggestellt: Die "St. Columb´s Cathedral", die erste Kathedrale, die nach der Reformation in Irland und den Britischen Inseln erbaut worden ist. Gewidmet wurde sie dem "Heiligen Columb", dem Schutzpatron und Stadtgründer, der bereits im 6. Jahrhundert hier ein Kloster errichtete - in einem Eichenhain- und der heißt in der alten irischen Sprache Gälisch "Doire" .

Die 105-tägige Belagerung Derrys

"Wir befinden uns hier im Vorraum der Kathedrale. Hier liegt etwas ganz Besonderes - erläutert John Mc Nulty - es ist eine Kanonenkugel aus der Zeit der längsten Belagerung Derrys . Und diese Kugel war nicht mit Kanonenpulver gefüllt, sondern innen hohl. Hier befanden sich schriftlich die Bedingungen zur Aufgabe. Doch die Bürger gaben nicht auf. Diese Kanonenkugel wird hier scherzhaft als "die erste Luftpost der Welt" bezeichnet.

Basketballgroß und 57 Kilo schwer ist diese Kanonenkugel, die 1689 während der 105-tägigen Belagerung als einziges Geschoss ins Innere der Stadtmauer gelangte.

Ich verlasse das Kopfsteinpflaster der Altstadt durch das "Butcher Gate", einem der sieben Stadttore. Über die Fahan Street gelange ich auf die Rossville Street. Hier befinde ich mich in der ausschließlich katholischen "Bogside", einem Stadtteil, dessen Bevölkerung während der "Troubles" -so nennt man hier den Nordirlandkonflikt-am meisten unter Terror, Gewalt und Ungerechtigkeiten zu leiden hatte.

Das "Bloody Sunday Memorial" erinnert an den Tod 13 friedlicher Demonstranten, die an dieser Stelle von der englischen Armee erschossen wurden. Dieser "Blutige Sonntag" geschah am 30. Januar 1972. In dieser Rossville Street erblicke ich eine Kunstgalerie ganz besonderer Art. Tom und William Kelly sowie Kevin Hasson, drei Künstler aus dieser "Bogside" haben auf insgesamt zwölf Hausgiebelwänden riesige Gemälde hinterlassen, die wichtige Ereignisse aus dem politisch-historisch-kulturellen Konflikt in der Stadt dokumentieren.

"The Peoples Gallery" - die Galerie des Volkes - tauften die Künstler ihre Sequenz dieser "Murals", dieser "Mauergemälde". "Death of the Innocence"- "Tod einer Unschuldigen". John Mc Nulty erzählt die Geschichte eines dieser Gemälde:

"Dieses Bild zeigt die 14 Jahre alte Schülerin Annette Mc Gavigan. Sie wurde von ihren Eltern zum Einkaufen geschickt. Dabei geriet sie in ein Kreuzfeuer zwischen der britischen Armee und einem I.R.A.-Kämpfer. Zwei Kopfschüsse hatten ihr junges Leben beendet. Dieses Bild soll an alle Kinder -waren es Protestanten oder Katholiken- erinnern, die während des Konflikts getötet oder verletzt wurden. Annette war das erste Kind, das während der "Troubles" sein Leben verlor, damals 1971. Diese Malerei hat auch eine internationale Dimension: Bei allen Konflikten überall auf der Welt sind es immer die Unschuldigen, die zu leiden haben."

Fast 4.000 Menschen verloren in Nordirland während der "Troubles" ihr Leben. 30.000 wurden zum Teil schwer verletzt. Ich verlasse diese geschichtsträchtige und sehr bewegende Rossville Street und gelange über die William Street zum "Guildhall Square".

Ein Wasserfeld ,- von 80 Fontänen gespeist - permanent variierend in Höhen, Stärken und Farben umspielt spektakulär Augen und Ohren und je nach Windstärke und Richtung auch die Haut - und weist den Weg zur "Guildhall".

"We are in the Guildhall here in Londonderry- Derry"

So begrüßt mich Gordon Sharp, der Hausmeister, in seinem neugotischen Prachtbau. Die Guildhall, die Halle der Gilden und Zünfte, dient nicht nur als Rathaus, sie wird auch für Ringkämpfe, Operngalas, Hochzeitsparties und Discos vermietet. Sofort fallen mir im üppigen Bankettsaal 23 riesige Buntglasfenster auf, die mir die Stadtgeschichte vom 6. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs im Format von zehn Metern Höhe und zwei Metern Breite erzählen. Ein weiterer Blick- und auch Hörfang - die überdimensionale "Guildhall Organ". Die Pfeifen himmelblau und zusätzlich mit italienischem Blattgold coloriert .Gordon Sharp nennt Zahlen und Fakten.

"Die Orgel hat 3.132 Pfeifen. Die Längsten messen knapp fünf Meter, die Kleinsten acht Zentimeter. Damals -1911- kostete die Orgel 6.800 Pfund. Die Reperaturarbeiten nach dem Bombenanschlag von 1972 beliefen sich auf das Zehnfache - also 68.000 Pfund."

Ich verlasse die "Guildhall" in Richtung " Foyle-Flussufer." Weit links erblicke ich die Foyle Bridge, nicht ganz soweit rechts die doppelstöckige Craigavon-Bridge, die beiden einzigen Flussüberquerungen für den Straßenverkehr. Und genau geradeaus laufe ich direkt auf eine ziemlich neue Brücke, im Jahre 2011 eröffnet. Diese ist exakt 235 Meter lang und vier Meter breit, und ausschließlich für Fußgänger und Radfahrer konzipiert.

Sie verbindet die überwiegend katholische "Cityseite" mit der protestantischen "Waterside". Die Konstruktion: Zwei geschwungene Plattformen vereinigen und verschränken sich in der Flussmitte zu einer Form des Buchstaben "S". "Peace Bridge - Friedensbrücke" wurde sie getauft. Und damit erhielt Derry Londonderry als neues Wahrzeichen eine architektonisch installierte ineinander verschränkte Versöhnungs- und Verständigungssymbolik mit tendenzieller und auch schon wirkender Nachhaltigkeit, meint jedenfalls Ann-Marie Gallagher

"Die Menschen hier betrachteten die beiden großen Straßenbrücken fast ausschließlich als beruflich-geschäftlich notwendige innerstädtische Verkehrsachsen. Die Fußgängerbrücke dagegen birgt so einen entspannten Muße-, Freizeit- und Erholungscharakter.In Zeiten vor deren Eröffnung gab's diese Art von Hin- und Herbewegungen zwischen unseren heterogenen Stadtteilen halt nicht. Die "Peace-Bridge" öffnete so die protestantischen Stadtteile für die Menschen aus der City und genauso umgekehrt gelangten mehr und mehr Menschen von drüben von der "Waterside" in die City."

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