Mittwoch, 01. Februar 2023

Tatsuo Hori „Der Wind erhebt sich“
Unerhörte Traurigkeit

Die Originalausgabe der Novelle „Der Wind erhebt sich“ erschien Ende der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts in der japanischen Zeitschrift Kaizō. Ihr Autor Tatsuo Hori wurde keine 50 Jahre alt. Seine Novelle erzählt mit wenigen Worten von Liebe, Tod und Trost.

Von Shirin Sojitrawalla | 02.01.2023

Tatsuo Hori: "Der Wind erhebt sich"
Tatsuo Hori: "Der Wind erhebt sich" (Buchcover: Mitteldeutscher Verlag, Hintergrund: IMAGO / Panthermedia / leungchopan via imago-images.de)
Tatsuo Hori erzählt eine traurige Novelle. Die unerhörte Begebenheit darin ist der Tod der geliebten Frau. Die Verlobte des Ich-Erzählers, eine zarte Kindfrau, ist an Tuberkulose erkrankt, und beide zusammen reisen in ein zauberbergähnliches Sanatorium in die japanischen Berge. Dort vergehen die Tage so sachte wie das Streichen des Windes. Der Titel des autobiografisch gefärbten Buches ergibt sich aus einer Zeile von Paul Valery:
„Der Wind erhebt sich, nun gilt es zu leben...“

Zauberbergähnliche Kulisse

Der Wind zieht sich leitmotivisch durch dieses schmale Buch. Es erzählt eine Liebesgeschichte, die wie alle guten Liebesgeschichten nicht gut ausgeht. Darüber hinaus berichtet es von den widerstreitenden Impulsen des Ich-Erzählers, einem Schriftsteller, der seinen Weg an der Seite seiner todkranken Verlobten und einen Platz in der Welt sucht. Im Laufe der Handlung beginnt er über sie zu schreiben. Gut möglich, dass es sich bei der vorliegenden Novelle um genau diesen Text handelt.
Der Autor Tatsuo Hori litt selbst an Tuberkulose und starb 1953 im Alter von nur 48 Jahren. In „Der Wind erhebt sich“ nehmen die Schilderungen des Alltags im Sanatorium breiten Raum ein:
„Ihre Lider waren noch leicht geöffnet, aber der Blick dahinter völlig ausdruckslos, sodass ich annahm, sie schliefe. Ich strich ihr die wirren Haarsträhnen aus dem blassen Gesicht und sanft über ihre verschwitzte nasskalte Stirn. Die Spur eines rätselhaften Lächelns huschte über ihre Lippen, als würde sie die Wärme meiner Anwesenheit spüren.“

Wehmütig wispernder Ton

Es ist eine sehr leise Prosa, die unterschiedliche Tonarten bereithält, von Sabine Mangold in ein weiches Deutsch übertragen. Die Zugfahrt ins Sanatorium bekommt eine erichkästnerhaft verspielte Note, bei der Schilderung der Station mit den Sterbenskranken klingt momentweise Gottfried Benns „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“ an, dann wieder und ganz überwiegend herrscht ein wehmütig wispernder Erzählton. Der keine 90 Seiten lange Text gliedert sich in zwei Teile, hinzu kommt ein kurzer Prolog und eine Einstimmung, in der sich der Ich-Erzähler an früher erinnert. Im ersten Teil begleiten wir das Paar, im zweiten lesen wir die Tagebucheinträge des Mannes, wobei beide im Ton seltsam gleich bleiben. Der erste Teil ist mit Frühjahr überschrieben, der zweite mit Winter. Ein Jahr also vergeht innerhalb der erzählten Zeit des Romans.
„Es folgten Tage absoluter Ruhe. Das Krankenzimmer lag im Halbdunkel, die gelben Markisen waren vollständig heruntergelassen. Sogar die Schwestern kamen und gingen wie auf Zehenspitzen. Ich hielt mich fast nur bei ihr auf. Nachts wachte ich ganz allein über das Krankenlager. Manchmal blickte sie in meine Richtung und versuchte, etwas zu sagen. Sofort legte ich den Finger an die Lippen, um sie daran zu hindern.“

Prosa auf Zehenspitzen

Auf Zehenspitzen kommt diese Prosa daher, feinnervig wie Mottenflügel, manchmal ein bisschen zu süßlich, das Wort Herz fällt hinreichend oft. In seinen tagebuchartigen Einträgen kommt der Ich-Erzähler auch auf Rainer Maria Rilkes „Requiem für eine Freundin“ zu sprechen. Er zitiert zwei Absätze, darunter die schwermütige Schlusssequenz:
„Komm nicht zurück. Wenn du’s erträgst, so sei
tot bei den Toten. Tote sind beschäftigt.
Doch hilf mir so, daß es dich nicht zerstreut,
wie mir das Fernste manchmal hilft: in mir.“
Rilke widmete sein Requiem der 1907 im Alter von 31 Jahren im Kindbett gestorbenen Malerin Paula Modersohn-Becker. Auch Tatsuo Hori hat mit „Der Wind erhebt sich“ ein Requiem geschrieben – für die Verlobte im Buch sowie seine tatsächlich jung gestorbene Frau und womöglich, das eigene kurze Leben vorausahnend, auch für sich selbst. 
Tatsuo Hori: „Der Wind erhebt sich“
aus dem Japanischen von Sabine Mangold
Mitteldeutscher Verlag, Halle
84 Seiten, 16 Euro.