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StartseiteDeutschland heuteFast ein Paradies für Rentner11.12.2019

Dessau in Sachsen-AnhaltFast ein Paradies für Rentner

In Deutschland steigt die Lebenserwartung kontinuierlich an, womit es auch immer mehr Seniorinnen und Senioren gibt. Diese leben laut einer Studie im Osten Deutschlands am besten. Die Stadt Dessau schneidet dabei mit am besten ab. Eine Spurensuche bei den Älteren vor Ort.

Von Christoph Richter

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Zwei Rentner sitzen im Schatten des Schlossparks Charlottenburg in Berlin auf einer Bank.  (picture alliance / Ole Spata)
Laut einer ZDF-Untersuchung leben Senioren in Ostdeutschland am besten (picture alliance / Ole Spata)
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Rentnerin Bärbel Kohler schiebt ihr Fahrrad durch eine der zentralen Straßen Dessaus. Auf der einen Seite das neugebaute Bauhaus-Museum, auf der anderen eines der üblichen Einkaufszentren.

"Nach 20 Uhr werden alle Bürgersteige hochgeklappt. Da ist das Leben nicht mehr so okay."

Seit 50 Jahren schon lebt Bärbel Kohler in Dessau, früher war sie Laborantin im Filmwerk ORWO in Wolfen. Es sei schon ein Problem sagt sie, dass die Straßenbahnen und Busse nur bis 20 Uhr fahren würden. Wer später aus dem Theater oder dem Kino komme und kein Auto habe, der habe ein Problem nach Hause zu kommen, sagt sie. Nach acht Uhr abends stehe in Dessau das Leben still, Bärbel Kohler lacht.

Ohne Auto oft problematisch

"Ja, da ist leer. Da ist nichts mehr. Straßenbahnen fahren nicht mehr, da müssen sie einen Ruf-Bus nehmen. Wenn man ins Theater will, braucht ein Auto. Wer dann sein Auto schon abgibt, für den wird es problematisch."

Aber generell sei sie zufrieden mit der Lebensqualität in Dessau. Die Bauhaus-Stadt gilt als eine der besten Adressen für Senioren in Deutschland. Das sagen zumindest die Autoren einer im Auftrag des ZDF kürzlich angefertigten Deutschland-Studie. Nur in Jena, Suhl und dem Hochtaunuskreis seien die Lebensbedingungen für Rentner besser als in Dessau. FDP-Mitglied Peter Kurras ist der Oberbürgermeister der Doppelstadt Dessau-Roßlau:

"Aber wenn Sie aus bundespolitischer Sicht auf die Zahlen schauen, dann haben insbesondere Städte aus dem Osten aufgeholt: Potsdam, Jena, Dessau-Roßlau. Also der Osten hat sich gemausert, würde ich mal sagen. Man kann hier durchaus gut leben. Das ist das Fazit der Studie."

Insbesondere im Bereich Wohnen und Freizeit steht Dessau im bundesweiten Ranking auf einem der ersten Plätze. Insgesamt hat man unter zwanzig verschiedenen Blickwinkeln auf die Stadt geschaut, darunter sind auch Bereiche wie die Krankenhauserreichbarkeit, die Pflegesituation oder wie weit entfernt die nächste Apotheke ist. Die Daten stammen aus dem Zeitraum zwischen 2013 und 2017, die Quellen sind die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder und das Bundesinstitut für Bau-Stadt und Raumforschung. Nicht erfasst ist die Fachärzte-Versorgung. Deshalb sieht die frühere Dessauer Hauswirtschaftlerin Rita Kaspersinsky die Studie nicht ganz so rosig:

"Ich kann sagen, ich hab meine Ärzte, die ich brauche. Aber es ist schwer, bei irgendeinem Facharzt beispielsweise, als neue Patientin, einen Termin zu bekommen. Das ist fast aussichtslos."

Gute medizinische Versorgung - aber häufig Terminprobleme

Als ihr Mann – der vor 20 Jahren nach Dessau kam – einen Augenarzt brauchte, war es nur ihr zu verdanken, erzählt sie, dass er einen Termin bekam. Eine Situation, die sich in den letzten Jahren kaum geändert habe.

"Das ist ein sehr großes Problem. Und wenn ältere Leute hierherziehen, wo sollen die einen Hausarzt oder Facharzt herkriegen. Das ist ein Problem, das in Angriff genommen werden müsste. Und auch gelöst werden müsste."

Dennoch würde Rita Kaspersinsky niemals Dessau verlassen. Denn die Stadt ist ja mit UNESCO Weltkulturerbe-Stätten wie dem Bauhaus und dem Wörlitzer Gartenreich nur so gesegnet, wie sie sagt. Um die Ecke befinde sich das Naturparadies Biosphärenreservat Mittelelbe. Dort sehe es wie am Amazonas aus, sagt Anita Püschel noch. Sie ist 72 Jahre alt und war Schneiderin:

"Sie können ins Theater gehen, sie haben im Amtsblatt Seiten voller Veranstaltungen, wo sie hingehen können. Sie müssen nur rausgehen aus der Wohnung. Dann können sie auch was erleben."

Mit einem Durchschnittsalter von knapp 50 Jahren zählt Dessau zu einer der Städte mit der ältesten Bevölkerung. Nicht nur Deutschland-, sondern auch europaweit. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes ist knapp ein Drittel der Einwohner 65 Jahre und älter. Das Missverhältnis zwischen Geburten und Sterbefällen, sei gravierend, sagt Oberbürgermeister Peter Kurras:

Abwanderung seit einigen Jahren gestoppt - aber Geburtendefizit

"Wir hatten insbesondere Anfang der Neunziger Jahre eine starke Abwanderung. Und wir haben die Abwanderung, ich würde sagen, seit zwei, drei Jahren gestoppt. Aber wir haben ein erhebliches Geburtendefizit, durch die Überalterung. Es sterben immer noch mehr Menschen, als neu geboren werden."

Dessau hat aber nicht nur Probleme, sondern ist eine Stadt mit einer großen Vergangenheit. Nicht nur wegen des Bauhaus. Hier wurde der Aufklärer Moses Mendelssohn geboren, aus Dessau kommt der Komponist Kurt Weill. Der Dessauer Kunstmäzen Eduard Arnhold stiftete 1910 dem preußischen Staat die noch heute bestehende Villa Massimo in Rom. Und Dessau war eine Industriemetropole. Vor hundert Jahren hob hier das erste Ganzmetall-Passagierflugzeug in die Luft. Aspekte, die auch den früheren Marine-Soldaten Heinz Peters aus Lüneburg faszinieren, weshalb der Pensionär überlegt, ganz nach Dessau zu ziehen:

"Vielleicht, ja. Gefällt mir gut."

Rentnerparadies Dessau: Klingt erstmal schön, sagt Oberbürgermeister Peter Kurras noch. Aber so ganz glücklich ist er nicht mit der Beschreibung. Eine gesunde Mischung aus jung und alt, das wäre schön, sagt er noch. Damit würde er viel lieber bundesweit punkten.

"Es treibt einen um. Man will ja auch nicht das Altenheim Deutschlands werden. Aber wir müssen uns mindestens genauso viel Gedanken machen, wie werden wir für Kinder und Jugendliche attraktiv. Und da kann man manchmal schon Sorgenfalten kriegen. Aber das ist mein Job. Es ist okay."

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