Sonntag, 16.06.2019
 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenZuwanderer brauchen Unterstützung02.07.2015

Deutsch als ZweitspracheZuwanderer brauchen Unterstützung

Für die vielen Zuwanderer, die derzeit nach Deutschland kommen, ist es elementar, die deutsche Sprache zu lernen. Nur so haben sie eine Chance auf Bildung und Teilhabe in unserer Gesellschaft. Eine Herausforderung nicht nur für Migranten, sondern auch für Schulen und Lehrkräfte hierzulande.

Von Dörte Hinrichs

Weiterführende Information

Willkommensklassen Sprachdiplom für Flüchtlingskinder

Deutsch lernen Musik integriert die Neuankömmlinge

Sprachunterricht Studenten bringen Flüchtlingen Deutsch bei

Sprachpool Kita Wie Migrantenkinder besser Deutsch lernen können

"Ich bin in die internationale Förderklasse 1 kommen, Schuljahr war fast zu Ende. Also, die konnten schon Deutsch und ich war da und konnte fast gar nichts verstehen. Das war sehr schwer. Ungefähr 16 Nationen waren da, auch so viele Sprachen, und der Unterricht war alles Deutsch und nicht alles verstanden. Ich hatte Angst, Angst, ausgelacht zu werden, Fehler zu machen." "Für mich war das auch sehr hart, weil ich habe mich irgendwie wertlos gefühlt. Und als ich nach Hause gegangen bin, habe ich geweint und gesagt: Nein, diese Sprache werde ich nie im Leben lernen", berichten Johana Ritter aus El Salvador und Fahranaz Hasami aus Afghanistan. Als sie vor fünf Jahren in Deutschland ankamen, fühlten sie sich fremd und konnten kein Wort Deutsch. Die heute 23-Jährigen haben sich in der internationalen Förderklasse in Köln kennengelernt. Die haben sie zwei Jahre gemeinsam besucht, wie auch die Berufsgrundbildungsschule. Ihr Deutsch ist mit der Zeit immer besser geworden, aber es hat ihnen am Anfang etwas Wichtiges gefehlt: "Jemanden zu haben, der sagt. Du schaffst das, es wird besser immer, mit der Zeit lernt man, unterstützen einfach, das hat uns, das hat mir erst einmal gefehlt."

Lehrer als Gatekeeper

Johana Ritter und Fahranaz Hasami hatten Glück. Sie trafen irgendwann auf Mona Massumi. Sie hat in internationalen Förderklassen unterrichtet und arbeitet seit zwei Jahren am Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln. Sie versteht sich nicht als Exotin, aber "insgesamt kann man natürlich sagen, dass Lehrkräfte mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen relativ wenig noch präsent sind. Wie die beiden ja auch schon beschrieben haben, das war ja erst mal der intuitive Zugang, vielleicht eher über das Äußere. Dennoch möchte ich mich ja als erstes als Fachlehrerin verstehen und das, was die beiden Schülerinnen ja auch gesagt haben, das Interesse, was ihnen wichtig war von einer Lehrkraft signalisiert zu bekommen, das ist erst einmal auch unabhängig des Migrationshintergrundes zu sehen."

Dennoch: Für die beiden Zuwanderinnen ist Mona Massumi zu einer wichtigen Vertrauensperson geworden. Sie hat ihnen geholfen bei der Praktikumssuche, beim Bewerbungsschreiben und sie konnten sich mit ihr über Diskriminierungserfahrungen austauschen. Lehrer sind oft wichtige Gatekeeper, die die Tür zum Bildungserfolg öffnen oder schließen können, gerade auch für Flüchtlinge, so Professor Hans-Joachim Roth, stellvertretender Direktor des Mercator-Instituts an der Universität Köln: "Aktuell ist das Hauptproblem, dass wir nicht genügend Lehrkräfte haben, die über die Kompetenzen verfügen, in solchen Klassen zu arbeiten. Das gilt für alle Bundesländer, dass hier jetzt Fortbildungsmaßnahmen eingesetzt werden, dass man schon über die Veränderung der Ausbildung an der Universität und in den Studienseminaren nachdenkt, also dass die Frage, ob die zum Beispiel im Tandem arbeiten – das wäre eine sehr gute Maßnahme – die ist momentan sehr schwierig, weil wenn ich irgendwo jemanden im Tandem arbeiten lasse, habe ich an anderer Stelle eine Person weniger."

Mentoren unterstützen und motivieren

Damit Lehrkräfte gezielt zugewanderte Kinder und Jugendliche fördern können, ist das Modul "Deutsch als Zweitsprache", kurz DaZ, verpflichtend für Lehramtsstudierende in Nordrhein-Westfalen im Praxissemester. Es macht zwar nur einen kleinen Teil des Studiums aus, doch man bemüht sich um eine starke Theorie- und Praxisverzahnung. Myrle Dziak-Mahler, Geschäftsführerin des Zentrums für LehrerInnenbildung an der Universität Köln: "Wir gehen hier in die Herkulesstraße, in die Notunterkunft für Flüchtlinge, und Studierende beschulen dort die Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 20 Jahren und machen das regelmäßig. Das wird begleitet von Frau Massumi, also von einer entsprechenden Lehrkraft mit Expertise, also die auch entsprechend ausgebildet und erfahren ist, wird aber auch begleitet durch eine Psychologin. Weil das ist natürlich ein Effekt, den man auch nicht unterschätzen darf: Die Lebenslagen von Flüchtlingen, und möglicherweise eben auch Verletzungen, die die Schülerinnen und Schüler mitbringen - das ist natürlich ein Teil, der auch im Unterricht dann eine Rolle spielt und der auch bei den Studierenden und bei den Lehrkräften aufgefangen werden muss."

In Hamburg hat man vor schon vor acht Jahren ein "Mentorenprojekt für Flüchtlinge" begonnen, wo Lehrer und Studierende gemeinsam die Schüler begleiten, nicht nur im pädagogischen Kontext. Denn das Wissen um und die Unterstützung bei möglichen Traumatisierungen, bei rechtlichen oder familiären Problemen, erhöht die Bildungsbereitschaft. Gleichzeitig ist es wichtig, die sehr unterschiedlichen Ressourcen, die viele zugewanderte Kinder und Jugendliche mitbringen, zu erkennen. "Die Anforderungen an die Differenzierung des Unterrichts, man muss eigentlich sagen Individualisierung des Unterrichts ist in diesen Klassen sehr hoch. Es kommt darauf an, dass die Lehrkräfte die diagnostischen Kompetenzen stärker ausbauen, dass sie in der Lage sind, wirklich bei den einzelnen Kindern zu erkennen, was kann das Kind, wo kämpft es jetzt gerade, was sind die Hintergrundfaktoren, die ich berücksichtigen muss, was hat es evtl. erlebt, was die Lernprozesse schwieriger macht, aber was hat es auch im Sinne der Resilienz erlebt, was die Lernprozesse einfacher macht? Und dann gibt es auch Möglichkeiten, wenn man verschiedene Lernertypen in den Vorbereitungsklassen hat, dass man Tandems bildet, dass man Kleingruppen nochmal einsetzt, das ist so ein Feld, wo man auch sehr differenziert herangehen muss: Wer tut wem in welcher Arbeitskombination eigentlich gut?"

Fähigkeiten der Zuwanderer erkennen

Dabei lässt sich auch das Potenzial der Mehrsprachigkeit in Integrationsklassen nutzen, denn die Jugendlichen bringen ja schon durch ihre Herkunftssprache Sprachlernerfahrung mit. Daneben haben sie viele weitere Fertigkeiten erlernt in ihren Heimatländern, für die es – anders als bei uns – nur kein Zeugnis oder Zertifikat gibt. Für Professor Louis Henri Seukwa von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg geht es darum, Instrumente zu entwickeln, wie man diese Fähigkeiten erkennen und anerkennen kann. "Ich habe mit Menschen geredet, Interviews mit ihnen geführt. Ich frage, beschreiben Sie mir einen Tagesablauf: Sie stehen auf um fünf Uhr, bringen Vieh auf die Weide, gehen in die Plantage danach, und wenn sie zurück sind, gehen sie auf den Markt, helfen ihren Eltern, verkaufen und können ohne Taschenrechner Gelder zurückgeben uns so weiter. Und dann versuche ich zu sehen, welches arithmetische Niveau sie da schon erreicht haben. Da merkt man, das ist nichts mehr für Anfänger, was sie da können. Und im Bereich der Sprache übrigens ist es so, dass je nachdem, ich habe mit Menschen aus dem arabischen Land, sie haben ja keine lateinische Schrift, und man konnte feststellen, man kann Entsprechungen da wiederfinden."

Und genau hieran gilt es anzuknüpfen, indem man gezielt die sprachlichen und kognitiven Kompetenzen erfasst. So können die verborgenen Schätze aktiviert werden, die die Flüchtlinge und Migranten mitbringen. Und die dann auch Bildungskarrieren ermöglichen, wie die von Johana Ritter und Fahranaz Hasami: "Ich mache eine Ausbildung als Restaurantfachfrau in Königswinter und ich bin nächstes Jahr schon fertig. Und werde hoffentlich auch Jahrgangsbeste, so wie in meinem Ausbildungsbetrieb werden auch alle Azubis Jahrgangsbeste und so werde ich auch hoffentlich."

"Ich bin heute in der Fachoberschule für Sozial- und Gesundheitswesen im Robert-Wetzlar-Berufskolleg in Bonn. Nächstes Jahr werde ich mein Fachabitur erwerben und werde gerne studieren."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk