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StartseiteCampus & KarriereDeutsch schon in der Grundschule31.05.2003

Deutsch schon in der Grundschule

Die Germanistische Fakultät der Universität in Nitra

Deutsch lernen slowakische Kinder schon in der Grundschule. Ihre Deutsch-Lehrerinnen und Lehrer werden unter anderem an der Germanistischen Fakultät der Universität in Nitra ausgebildet. Nitra liegt gut 70 Kilometer östlich von Bratislava und ist die viertgrößte Stadt der Slowakei. An der Germanistischen Fakultät an der Universität in Nitra studieren derzeit rund 2000 angehende Deutschlehrer und Übersetzer. Knapp 20 von ihnen sitzen im Seminar von DAAD-Lektorin Anja Reisinger. Es geht in dieser Stunde um deutsche Literatur des 20 Jahrhunderts.

Im Literatur-Seminar von Anja Reisinger sitzt auch Michal Woretzki aus Jelina in der Nordslowakei. Er studiert Germanistik im achten Semester. Angefangen hatte er mit dem Studium, weil er Deutschlehrer werden wollte. Aber

Aber jetzt hat sich was verändert, jetzt möchte ich als Übersetzer arbeiten, ich arbeite teilweise schon als Übersetzter an der Akademie der Wissenschaften hier in Nitra, und Deutschlehrer möchte ich schon nicht mehr werden.

Gründe? Erstens sind das Lohnbedingungen, Lehrer werden nicht so gut bezahlt in der Slowakei und 2. ist es auch die Anstrengung, die mit diesem Beruf zusammenhängt. Am Anfang verdient man 200 Euro im Monat.

Als Übersetzer würden Sie mehr verdienen ?

Nicht unbedingt, aber wenn man mehr arbeitet, würde man mehr verdienen, was vom Lehrerberuf nicht gesagt werden kann.

Diese Einschätzung gilt auch für den Verdienst von Hochschullehrern. Die verdienen - je nach Einstufung - zwischen 15.000 und 24.000 Kronen, das sind 400 bis 600 Euro im Monat. Diese Gehälter stammen aus einer Zeit, in der die Lebenshaltungskosten wesentlich niedriger waren. Aber die Preise für Wohnungen, Lebensmittel, Kleidung und Möbel galoppieren davon, vor allem Waren aus dem westlichen Ausland sind für die meisten Slowaken unerschwinglich. Mittlerweile gibt es in allen größeren Städten westliche Warenhausketten, darunter Ikea, die englische Tesco-Gruppe und französische Lebensmittelmärkte, die rund um die Uhr geöffnet haben, an 365 Tagen im Jahr.

Bei Ikea liegen die gleichen Artikel in den Regalen wie in Köln, Straßburg oder Amsterdam. Und sie kosten auch annähernd das gleiche wie im westlichen Ausland. Lehrer oder andere staatliche Angstellte haben keine Chance, sich mit Möbeln und Deko-Artikeln aus dem schwedischen Möbelhaus einzurichten. Das ist einer der Gründe, warum sich viele Slowaken fragen, welche Folgen die geplante EU-Ost-Erweiterung für sie hat:

Ein Beispiel ist ja, dass ein Brötchen hier so wenig kostet, dass man das nicht in Cent umrechen kann, und davor haben die Leute natürlich Angst, dass sie ihr Leben nicht mehr finanzieren können. Sie haben ja ohnehin schon Zweit- und Dritt-Jobs, mehr arbeiten können sie nicht mehr.

So Anja Reisinger. Die Deutschlehrerin ist seit anderthalb Jahren an der Germanistischen Fakultät. Seither lernt sie selbst slowakisch und ist für Seminare für deutsche Literatur verantwortlich.

Ich lebe ganz normal, gehe zur Arbeit, habe hier eine Wohnung, Freunde, lerne Slowakisch, gehe ins Kino. Filme werden zum Teil nicht synchronisiert, so kann man am Kulturleben auch mit geringen Slowakisch-Kenntnissen teilhaben. Insgesamt ist das Leben aber sicherlich langsamer als in Deutschland, weil man teilweise organisatorische Hürden überwinden muss.

Sie hat große Unterschiede im täglichen Leben in Deutschland und in der Slowakei festgestellt:

Wenn ich sage, jetzt habe ich grade kopiert, dann hat es für mich eine andere Bedeutung, weil ich mehrmals den Kopierer einschalten musste, ausschalten musste. Ich weiß dann wirklich, was ich getan habe, während es in Deutschland so ist, dass ich das überhaupt nicht bemerkt habe, dass ich ein paar Seiten kopiert habe. Aber hier wird wieder mit dem Papier gespart, ich muss das Papier besorgen, ich muss vielleicht noch in Deutschland beim DAAD Mittel beantragen, damit ich kopieren kann. Wenn ich an meine Studenten Kopien verteile, dann ist nichts selbstverständlich, da steckt schon ein Haufen arbeit drin.

Ganz am Anfang, erinnert sich Anja Reisinger, habe sie öfter den Fehler gemacht, die Slowakei geografisch nach Osteuropa zu sortieren - bis sie ein Kollege darauf aufmerksam machte, dass sie damit das Selbstverständnis der Slowaken verletze:

Die Slowaken sind ja sehr stolz, in der Slowakei den geografischen Mittelpunkt Europas zu haben, und wenn man sie nach ihrer Identität fragt, wird man immer wieder hören, wir sind Mitteleuropäer.

Dieser Hinweis war auch für mich im weiteren Verlauf meiner Reise durch die Slowakei ziemlich hilfreich, denn

Man tut sich leichter im Land, wenn man nicht ständig vom "Osten" spricht, dann denken die Leute, wieder so eine Westdeutsche, die sich ohnehin nicht für uns interessiert. Das Ost-West-Denken wird auch mit einem gewissen Desinteresse verbunden, nach dem Motto: Die machen sich ja nicht mal Gedanken, wo sie sind, denn die Slowaken verstehen sich nicht als Osteuropäer. Wenn man weiß, dass Bratislava grade mal 80 Kilometer von Wien entfernt liegt, dann fragt man sich, warum soll nach 80 Kilometern Osteuropa beginnen.

[Autorin: Birgit Becker]

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