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StartseiteWirtschaftsgesprächWirecard fliegt aus dem DAX13.08.2020

Deutsche Börse ändert RegelnWirecard fliegt aus dem DAX

Nach den bislang geltenden Indexregeln wäre der insolvente Zahlungsdienstleister Wirecard erst zum 21. September aus dem deutschen Leitindex DAX geflogen. Nun geht es plötzlich doch schneller – aufgrund einer überraschenden Entscheidung der Deutschen Börse.

Von Klemens Kindermann

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Sitz der Wirecard AG in Aschheim Dornach mit Wirecard-Logo (imago/Sven Simon)
Mit Wirecard ist erstmals ein Dax-Konzern in die Insolvenz gerutscht (imago/Sven Simon)
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Wie kommt es zu dem vorzeitigen DAX-Rauswurf von Wirecard?

Die Deutsche Börse stand im Fall Wirecard unter Handlungsdruck. Es gab sehr viel Kritik daran, dass der insolvente Zahlungsabwickler einfach weiter im DAX geführt wird – trotz der spektakulären Insolvenz im Juni nach dem milliardenschweren Bilanzskandal. Einen vergleichbaren Fall hatte es bislang allerdings auch nicht gegeben. "Es ist schon wirklich ein Unikum, dass ein DAX-Konzern direkt in die Insolvenz geht", so Andreas Lipkow von Comdirect. Am Abend des 12. August 2020 nach Börsenschluss teilte die Deutsche Börse dann mit, dass sie ihr Regelwerk überarbeitet – nach einer Befragung von Investoren und Fondsmanagern.

Wirecard Firmenlogo bei Nacht (imago/Passion2Press/MarkusFischer) (imago/Passion2Press/MarkusFischer)Wirecard - Die schillernde Karriere im DAX, eine Chronik
Schon der Börsengang von Wirecard war unkonventionell: Das Unternehmen sicherte sich seinen Platz an der Börse mit einem Trick. Doch immer wieder gibt es kritische Berichte über den Finanzdienstleister.

Bislang musste ein Unternehmen nur dann aus dem DAX ausscheiden, wenn es sich entweder in Abwicklung befand oder der Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens mangels Masse abgelehnt wurde. Künftig soll ein DAX-Konzern den Index schon nach einem Insolvenzantrag verlassen müssen, und zwar binnen zweier Handelstagen. Diese Neuregelung soll nicht nur für den DAX gelten, sondern auch für die anderen Auswahlindizes MDax, SDAx und TecDAX.

Wann wird Wirecard endgültig aus dem DAX verbannt?

Die Umsetzung der Neuregelungen wird noch etwa eine Woche dauern. Voraussichtlich scheidet Wirecard nach Handelsschluss am 21. August aus dem deutschen Vorzeigesegment DAX aus. Hätte die Deutsche Börse jetzt nicht gehandelt, wäre dieses insolvente Unternehmen noch länger bei den Blue Chips Deutschlands gelistet worden, nämlich bis zum 21. September, dem nächsten regulären Termin, bei dem die Zusammensetzung des DAX geprüft wird.

Klaus Nieding  (imago/Hoffmann) (imago/Hoffmann)Nieding: DAX-Unternehmen sollten mehr Kriterien erfüllen (05:41)
Künftig sollten nicht nur Handelsvolumen und Marktkapitalisierung über die Aufnahme eines Unternehmens in den DAX entscheiden, forderte der Vize-Präsident der Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Klaus Nieding im Dlf. Gegen den möglichen Wirecard-Nachrücker Delivery Hero äußerte er Vorbehalte.

Ausschlaggebend für die Mitgliedschaft im DAX sind der Börsenumsatz, also das Handelsvolumen, und der Börsenwert, das heißt die Marktkapitalisierung eines Unternehmens. Die notwendigen Voraussetzungen kann Wirecard seit dem Absturz der Aktie nicht mehr erfüllen. Vor zwei Jahren bei der Aufnahme in den DAX lag deren Kurs noch bei fast 200 Euro, Börsenwert 24 Milliarden Euro. Am Abend des 12. August 2020 notierte die Wirecard-Aktie bei 1 Euro 61.

Wer könnte Wirecard im DAX ersetzen?

Als Kandidat wird vor allem der Lebensmittel-Lieferdienst Delivery Hero genannt, der in mehr als 40 Ländern Bestellplattformen für Essen lokaler Anbieter betreibt und 25.000 Mitarbeiter beschäftigt. Damit dürften die neuen Zeiten beim DAX anbrechen: Delivery Hero ist in Deutschland gar nicht mehr geschäftlich aktiv, da das Deutschland-Geschäft an den niederländischen Konkurrenten Just Eat Takeaway ("Lieferando") verkauft wurde.

Wie geht es bei Wirecard weiter? 

Die Münchner Staatsanwaltschaft geht mittlerweile von einem "gewerbsmäßigen Bandenbetrug" bei dem Unternehmen aus, das Luftbuchungen von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt hat. Wichtig wird das erwartete Gutachten des vorläufigen Insolvenzverwalters Michael Jaffé. Es dürfte entscheidend dafür sein, welche Wirecard-Firmen künftig noch fortgeführt und welche gegebenenfalls abgewickelt werden. 

Es "brennt" bei Wirecard - der Finanzdienstleister stellt Insolvenzantrag (Fotomontage) (imago/Sven Simon) (imago/Sven Simon)Der Fall Wirecard - Multiples "Organversagen" von Kontrollen und Aufsichten
Mit Wirecard ist erstmals ein Dax-Konzern in die Insolvenz gerutscht. Während die Justiz ermittelt und Anleger ihre Verluste beklagen, läuft die Debatte, wieso Hinweisen auf mögliche Luftbuchungen nicht nachgegangen wurde.

Im Bundestag ist für den 31. August eine weitere Sondersitzung des Finanzausschusses zu Wirecard angesetzt. Wegen der Fülle der Fragen, wurde für diesen Termin vorsorglich auch schon mal der 1. September mitreserviert.

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