Mittwoch, 29. Juni 2022

Archiv

Deutscher Herbst 1977
"Am Ende nur den Tunnelblick"

Der Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback vor 40 Jahren markiert den Beginn des "Deutschen Herbstes 1977". Die Terrorgruppe RAF versucht, mit Bombenanschlägen und Entführungen inhaftierte Mitglieder freizupressen. "Sie stellten dem Staat die Machtfrage", sagt der Publizist und RAF-Experte Butz Peters im DLF.

Butz Peters im Gespräch mit Jonas Reese | 02.04.2017

Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer wurde am 05.09.1977 in Köln von RAF-Mitgliedern entführt, drei Polizisten und der Fahrer starben bei der Geiselnahme. Schleyer wurde am 19.10.1977 im Kofferraum eines Autos in der elsäßischen Stadt Mühlhausen ermordet aufgefunden.
Entführung von Hanns Martin Schleyer 1977 (dpa)
Gründonnerstag 1977 werden Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine zwei Begleiter in Karlsruhe ermordet. Es ist der Auftakt der Offensive 1977 der "Roten Armee Fraktion". Die führt später zur größten Staatskrise der Nachkriegszeit, dem "Deutschen Herbst". Noch heute sind einige Details dazu nicht aufgeklärt, das letzte Gerichtsverfahren sogar noch nicht abgeschlossen.
Neue Details aus Archiven freigegeben
40 Jahre später hat der RAF-Experte Butz Peters eine neue Analyse über die Stimmung in Deutschland im Heißen Herbst vorgenommen: Sein Buch "1977 - RAF gegen Bundesrepublik" enthält neue Details aus Archiven, die ihre Sperrfristen aufgehoben haben und der präzise aufgearbeiteten Vorgeschichte im Prozess gegen Verena Becker. "Erst jetzt gibt es einen richtigen, guten, runden Blick auf das Jahr 1977", sagt Peters im DLF
Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin - die erste Generation, die 1970 aktiv geworden ist, sollte befreit werden. Im Mai 1972 startete die RAF eine Offensive in Deutschland mit Bombenanschlägen. Die Folgen: vier Tote und über 80 Verletzte:
"22 RAF-Mitglieder stellten dem Staat die Machtfrage. Man glaubte, durch Entführungen, durch Morde den Staat so weichgeklopft zu haben, dass er die Köpfe der ersten Generation laufen lässt."
"Die Rechtsmoral wäre im Eimer gewesen"
Zugespitzt wurde die Lage durch die Entführung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Bundeskanzler Helmut Schmidt - damals gut drei Jahre im Amt - hatte entschieden, den Forderungen der Entführer nicht nachzugegeben.
"Die Rechtsmoral wäre im Eimer gewesen", erklärt Peters. "Schmidt hat den Versuch, die Machtfrage zu stellen, verhindert - und das hat funktioniert."
Die Stimmung in den 44 Tagen im Herbst: eine bleierne Zeit. Der Staat zeigte sich im Hinblick darauf, die Täter zu fassen, als relativ schwach - es waren am Jahresende 1977 ganze fünf Täter der RAF-Crew gefasst. Obwohl sie das System mit Gewalt ändern wollten, seien sie alle am Ende gescheitert, so Peters.
"Heute geht es um das Töten Ungläubiger"
Parallelen zum Terror heute sieht Butz Peters im Vergleich zu den Aktionen der RAF nur bedingt:
"Heute geht es um das Töten Ungläubiger, früher ging es darum, Häftlinge freizupressen. Gefährdet waren einige Repräsentanten des Staates und ihre Begleiter, jetzt sind es ganz normale Bürger, zum Beispiel wenn man an das Attentat auf dem Breitscheidplatz in Berlin denkt."
Peters treibt die Frage um, wie Hochbegabte, teilweise Stipendiaten der Studienstiftung des Deutschen Volkes wie Gudrun Ensslin, Horst Mahler und Ulrike Meinhof auf die Idee kamen, mit Gewalt den Staat zu ändern.
"Es ist schon interessant, in der Gesamtschau zu analysieren: Diese Vorstellung, man kann mit Gewalt ein System ändern - es hat ja eine Reihe von Anläufen gegeben über die 28 Jahre der RAF und alle sind am Ende gescheitert. Und das ist, wenn man das so Punkt für Punkt nachvollzieht, schon eine spannende Frage: Wie konnten so hochintelligente Menschen am Ende auf so abstruse Ideen kommen."
"Ein völlig unrealistischer Blick"
Die Antwort liefert Peters in der Rückschau über die RAF-Generationen. Übrig blieben immer Gruppen, die am Ende nur den Tunnelblick hatten. Das bestätigen späte Aussagen von RAF-Mitgliedern, die sich wegen des hohen Verfolgungsdrucks abgeschottet hatten. In den kleinen Kreisen, in denen sie diskutiert hatten, waren sie der festen Überzeugung, die Revolution würde kommen, solange sie nur genug Anschläge verübten.
"Das hat zu tun mit der Isolation der RAF-Mitglieder draußen, die sich von allem anderen abgeschottet haben. Und so kam ein völlig unrealistischer Blick zustande, der über 30 Menschen das Leben kostete."