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StartseiteTag für TagDas Christkind ist ein Ladenhüter06.12.2019

DevotionalienDas Christkind ist ein Ladenhüter

Einst gehörten Heiligenfiguren, Rosenkränze und Kruzifixe zur Grundausstattung frommer Familien. Diese Zeiten sind vorbei. Die Devotionalienbranche hat sich verändert. Ein Besuch in der Welt von Wunschkerzen und Weihwasserbecken.

Von Gabriele Höfling

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Verkäuferin Nina Bursche präsentiert im Aachener Domshop die Devotionalien, darunter eine bunte Auswahl von Kreuzen (Deutschlandradio / Gabriele Höfling)
Im Aachener Domshop werden Devotionalien verkauft (Deutschlandradio / Gabriele Höfling)
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Die Auswahl an Devotionalien, die mir Verkäuferin Nina Bursche im Aachener Domshop zeigt, ist groß: Von Kreuzen und Engeln in den unterschiedlichsten Größen und Materialien, über Kerzen und Briefkarten bis hin zu Ikonen und Krippen: Wer auf der Suche nach Devotionalien ist, der wird hier fündig - und der Domshop, wo man auch Bücher und Aachener Gin kaufen kann, läuft gut.

Nina Bursche erzählt: "Sie sind jetzt hier mit mir an unseren Schiebewänden, da haben wir hauptsächlich Kreuze aus verschiedensten Materialien, also zum einen aus Schiefer, das sind jetzt so die, ich sage jetzt mal, modernsten Kreuze, die sich in den letzten Jahren gut entwickelt haben, weil die einfach auch sehr schön sind und immer ein Hingucker sind."

Ich frage: "Dann sehe ich jetzt hier noch so kleine Behälter, das ist, glaube ich, für Weihwasser. Könnte ich mir jetzt nicht vorstellen, dass ich das sofort mitnehme, wie ist das, läuft das noch gut?

Nina Bursche lacht - und verneint. "Das sind die Weihwasserbecken, da haben wir auch noch eine ganz kleine Auswahl da, also die werden schon mal fürs Enkelkind gekauft, zur Taufe oder so. Aber wirklich eher selten.

Der Geschmack hat sich gewandelt

Doch das ist nicht überall so. Das Geschäft mit den Glaubensgegenständen befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Manche würden auch sagen: Es ist in einer Krise. Diese Erfahrung macht auch Michael Helgers. Er ist Inhaber eines Devotionaliengeschäfts im Wallfahrtsort Kevelaer. Sein Laden "Christliche Kunst Bauer" ist seit etwa 1890 im Familienbesitz.

Michael Helgers sagt: "Die Umsätze haben wir lange einigermaßen gleich halten können, auch dadurch, dass wir seit zwölf Jahren einen Internetshop haben, der auch sehr gut läuft. Aber man muss kreativ sein und man muss sich wirklich bemühen, die neuen Strömungen und die neuen Interessen der Kunden mitzuberücksichtigen beim Warensortiment."

Wer da nicht mithalten kann, hat es schwer. Von den ursprünglich rund 40 Geschäften, mit denen Helgers sich vor Jahrzehnten zu einem "Verbund religiöser Fachhändler" zusammengeschlossen hatte, sind nur noch sieben übrig. Ehemals klassische Devotionalien wie reich geschmückte Kreuze mit dem Corpus Christi oder möglicherweise etwas süßliche Heiligenfiguren verkaufen sich kaum noch. Insgesamt seien "streng religiöse" Motive nicht mehr so gefragt, sagt Helgers:

"Früher war man sich sicher, dass der Nachbar sich über einen Rosenkranz oder eine Madonnenstatue freut. Heute ist man da eher skeptisch, man ist nicht mehr so genau informiert, wie der Nachbar oder wie der Verwandte zum Glauben steht. Deswegen geht der Trend bei den Geschenken mehr hin zum allgemein Besinnlichen, zu einem Spruch, der zwar emotional, der besinnlich ist, aber nicht mehr so eindeutig religiös."

"Nicht in die Beliebigkeit abrutschen"

Bei den Kunden des Aachener Domshops zum Beispiel werden ausgefallenere Materialien wie Glas immer beliebter, Sinnsprüche auf Schiefer werden ebenso angeboten wie sogenannte Wünschelichter: Schlichte weiße Wachskerzen mit einem einzigen Wort als bunter Aufschrift dienen als Dankes- oder Geburtstagslicht. Für Religionswissenschaftler Martin Radermacher von der Universität Bochum ist die veränderte Nachfrage nach Devotionalien Ausdruck eines gesellschaftlichen Bedeutungsverlusts der Religion - hin zu einer eher allgemeinen, individuellen Spiritualität.

"Da wird dann irgendwie gepilgert, man geht zum Joga, man geht vielleicht noch alle vier Wochen in den katholischen oder evangelischen Gottesdienst. Und das sieht man dann auch an Devotionalien, die gar nicht mehr so stark protestantisch oder katholisch zuzuordnen sind, sondern vielleicht einfach nur ein Fischsymbol sind."

Wünschelichter im Aachener Domshop - die Kerzen sind mit Worten wie "Dankeslicht", "Trostlicht" und "Achtsamkeitslicht" beschrieben. (Deutschlandradio / Gabriele Höfling)Devotionalien befinden sich im Wandel (Deutschlandradio / Gabriele Höfling)

Nach Ansicht von Devotionalienhändler Michael Helgers birgt die größere Beliebtheit solcher eher allgemein spiritueller Produkte aber auch Gefahren:

"Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in die Beliebigkeit abrutschen. Das heißt, dass wir von einem allgemeinen Geschenkeladen wie Nanu Nana nicht mehr zu unterscheiden sind. Wir achten also schon darauf, wenn wir neue Produkte aufnehmen, dass die ins ursprüngliche Sortiment hineinpassen, dass die also etwas darstellen, was in die religiöse Richtung geht. Also nicht ein Geschenkartikel ganz allgemein gehalten."

Unter Kitschverdacht

Ob nun hoch religiös oder allgemein spirituell: Grundsätzlich, sagt Religionswissenschaftler Martin Radermacher, haben Devotionalien im Glauben eine durchaus wichtige Funktion.

"Ganz einfach gesagt, sind Devotionalien Mittel, um relativ abstrakte religiöse Ideen zunächst einfach mal greifbar und anfassbar und sichtbar zu machen. Man könnte sagen, materielle Anker, die es Gläubigen ermöglichen, ihren Glauben im Alltag einfacher zu leben. Weil ja gerade religiöse Vorstellungen relativ abstrakt sein können."

Auch Kirchengebäude, so verdeutlicht Radermacher, seien im Prinzip der Versuch, das kognitive Konstrukt des Glaubens zu verdeutlichen. Dass nicht wenige Gläubige Devotionalien gegenüber eher kritisch eingestellt sind, führt der Religionswissenschaftler auf die Reformation und deren Bilderfeindlichkeit zurück. Devotionalien nur als Kitsch abzutun, greift für ihn aber zu kurz:

"Also für den Durchschnittsgläubigen mag es ja ein ganz wichtiges Motiv oder Objekt der persönlichen Frömmigkeit sein. Egal, wie einfach es ist. Wenn es sich um ein einfaches Bildchen handelt oder ein kleines Kreuz, was eine wichtige Rolle spielt im Glaubensleben einer Person, dann würde ich das erst mal so ernst nehmen."

Deko mit Dom 

So sieht der Religionswissenschaftler im Wandel der Nachfrage nach Devotionalien auch eine Chance.

"Für die katholische traditionelle Frömmigkeit mag das stimmen, dass Devotionalien weniger werden. Aber dafür gibt es immer mehr so gerade im Bereich der Jugendkultur, der religiösen Jugendkultur, einfachere oder neuere Mittel. Das fängt an mit Schlüsselanhängern oder so Papstbannern, Papstmotiven und so weiter, die man ja auch im weitesten Sinne als Devotionalien betrachten kann."

Und auch bei Nina Bursche im Aachener Domshop schauen ab und an mal junge Leute vorbei - etwa, wenn sie ein Geschenk zu besonderen Anlässen wie einer Hochzeit, einer Taufe oder einem Trauerfall suchen. Nina Bursche:

"Eigentlich finde ich es aber schön zu sehen, dass dann aber trotzdem noch so viele Menschen auf diese Dinge zurückgreifen und auch junge Menschen. Und dass es ihnen dann doch noch wichtig ist, einen Rosenkranz zu haben oder zur Taufe ein christliches Geschenk zu verschenken."

Der veränderte Geschmack der Kunden zeigt sich auch im Weihnachtsgeschäft. Wer im Domshop nach einem Geschenk schaut, sucht laut Nina Bursche zwar meistens etwas "Anspruchsvolles" oder "Niveauvolles". Ein explizit christlicher Bezug muss aber nicht sein. Klar werden auch mal Engel gekauft, ansonsten gehen aber vor allem Kalender gut oder auch Dekoartikel wie Christbaumkugeln mit dem Aachener Dom darauf oder niedliche Tierfiguren aus Holz. Das Christkind in der Krippe dagegen ist ein Ladenhüter.

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