Montag, 03. Oktober 2022

Sechs Monate neues DFB-Präsidium
"Kluft zwischen Profis und Amateuren eher größer geworden"

Sechs Monate nach dem Antritt des neuen DFB-Präsidiums ist für viele an der Basis die Zentrale in Frankfurt immer noch "sehr weit weg." An der Amateurbasis sind die Sorgen vor dem Winter groß. Enttäuscht ist man von der fehlenden Unterstützung nach der EM der Frauen im Sommer.

Von Matthias Friebe | 18.09.2022

Ein Torwart schlägt auf Kunstrasen einen Ball ab, aufgenommen am 23.03.2013 in Dresden (Sachsen) während eines Punktspiels in der 3. Kreisklasse Dresden der "Alten Herren" zwischen den Löbtauer Kickers und der SG Weißig.
Nach einem halben Jahr mit dem neuen DFB-Präsidium gibt es weiter viele Fragen an der Amateurbasis. (picture alliance / ZB / Thomas Eisenhuth)
Es war kein kleines Ziel, das sich der neue DFB-Präsident Bernd Neuendorf zu seinem Amtsantritt vor einem halben Jahr gesteckt hatte: Er wollte die Profis und die breite Basis bei den Amateuren versöhnen, mindestens aber die Kluft zwischen ihnen verkleinern. Nach sechs Monaten fallen die Einschätzungen dazu an der Basis unterschiedlich aus. Was in Frankfurt in der DFB-Zentrale passiere, "das ist nach wie vor ganz, ganz, ganz weit weg."
Das sagt zum Beispiel Diana Räder-Krause, die Vorsitzende des Fußballkreises Vorpommern-Greifswald. Sie ist eine von nur drei Frauen an der Spitze eines der mehr als 250 Kreise im DFB. Ihr Kollege Wolfgang Eßer aus dem Rhein-Erft-Kreis meint, Bernd Neuendorf werde sicher vieles angehen. „Aber in dem großen Apparat dauert es, glaube ich, ein bisschen, bis dann Ergebnisse spürbar werden.“
Nach einem halben Jahr könne man aber – so Eßer, noch keine großen Fortschritte erwarten. Dennoch: Ein bewusstes Signal, eine symbolische Geste vermisst Frank Ludewig seit der Neuwahl. Der Vorsitzende des Fußball-Kreises München hat den Eindruck, „dass die Kluft eher größer geworden ist und zwar gerade auch in dem Hinblick, wenn man sieht, wie sich die Fußballer und Funktionäre im Profifußball benehmen.“

Schiedsrichtermangel führt zu ersten Absagen

Das sei leider immer seltener vorbildhaft gerade für den Nachwuchs und führe tatsächlich zu Problemen an der Basis. Meckern, schimpfen, beleidigen. Viele Profis sind keine guten Vorbilder für die Amateure, die Auswirkungen werden besonders im Schiedsrichtermangel deutlich. Immer weniger haben heute noch Lust, sich in ihrer Freizeit auf dem Platz beschimpfen zu lassen oder im schlimmsten Fall sogar körperlich angegriffen zu werden. In manchen Kreisen, wie in Vorpommern bei Diana Räder-Krause sind die Ausmaße schon deutlich spürbar.
„Ostern haben wir im Kreis einen kompletten Spieltag abgesagt, weil wir erstens ein Zeichen setzen wollten gegen die Misere und zweitens, weil wir es auch nicht geschafft hätten, alle Partien ansetzen zu können.“
Ein Schild "Wer den Schiedsrichter beleidigt oder beschimpft, muß mit dem Verweis vom Sportplatz rechnen! Der Vorstand" hängt am Funktionsgebäude der SG Motor Trachenberge am Sportplatz Aachener Straße.
Kritik und Beleidigungen in Richtung von Schiedsrichtern sind im Amateurbereich ein größeres Problem. (picture alliance / dpa / dpa-Zentralbild / Robert Michael)
Man stehe mit diesem Problem aber nach wie vor allein da, so Räder-Krause, die viele Jahre selbst Spiele gepfiffen hat. Sie vermisst die Unterstützung von Landesverband und DFB. Neue Konzepte und Ideen brauche es, sagt sie, wie man mehr Schiedsrichter gewinnen könne. Eine schnelle Ausbildung für Assistenten könnte ein Weg sein oder die unkomplizierte Hilfe zur Selbsthilfe.
„Im Alten-Herren-Bereich, dass die Alten Herren aus ihrer Mannschaft einen wählen, der dann zumindest eine kurze Ausbildung bekommt und dann als Schiedsrichter fungiert.“
Einen Spieltag absagen musste der Rhein-Erft-Kreis zwar noch nicht. Wolfgang Eßer, erst seit wenigen Tagen neuer Kreisvorsitzender, sieht dennoch auch den Bedarf, Trainer und Eltern am Spielfeldrand zur Ruhe aufzurufen. Gerade im Nachwuchsbereich sollte es doch um Spaß gehen „und nicht um Gewinnen oder Verlieren. Denn dieses Denken bringen immer die Erwachsenen von außen rein."

Impulse von der Frauenfußball-EM "verpufft"

Eines der großen Themen beim Start des neuen DFB-Präsidiums vor einem halben Jahr war auch eine gezieltere Förderung des Frauen- und Mädchenfußballs. Doch hier macht sich Enttäuschung breit. „Da ist jetzt für mich schon ein bisschen bedauerlich,“ so Frank Ludewig aus München, „dass die Impulse, die von der Fußball-Europameisterschaft in England gekommen sind, die ja durchweg positiv waren, mehr oder weniger verpufft sind.“ In vielen Vereinen, die in seinem Kreis Frauen- und Mädchenfußball anbieten, sei der Eindruck entstanden, „dass sie im Regen stehen gelassen werden.“
Man vermisse Projekte des DFB, finanzielle Zuschüsse und sei es nur ein symbolischer Betrag, der die Entwicklung des Frauenfußballs an der Amateurbasis fördert. Wolfgang Eßer aus dem Rhein-Erft-Kreis nimmt hier den Dachverband in Schutz.

Keine Euphorie wie bei Steffi Graf und Boris Becker

„Damals im Tennis mit Steffi Graf und Boris Becker, da hat ja auch nicht der Tennis-Bund eine große Kampagne gestartet, sondern das kam aus der Bevölkerung. Sie haben das gesehen und bewundert an den Bildschirmen und dann ist eine Euphorie entstanden, die der Verband geleitet hat. Hier sehe ich sie im Moment noch nicht.“
Eine Euphorie für Frauenfußball beobachten auch die anderen Kreisvorsitzenden nicht. Diana Räder-Krause erinnert sich daran, dass es bei früheren EM-oder WM-Turnieren mehr Unterstützung aus der Frankfurter Zentrale gegeben habe durch Pakete oder Kampagnen rund um das Turnier. Das sei dieses Mal dieses Mal ausgeblieben und deshalb geht die Kreisvorsitzende aus Vorpommern-Greifswald davon aus: „Ich glaube nicht, dass es so nachhaltig wird wie vor vier oder acht Jahren, dass die Mädchen jetzt kommen. Da ist hier nichts getan worden, das ist einfach an uns vorbeigegangen.“
An niemanden vorbeigehen werden die Probleme des kommenden Winters. Die Energiekrise ist natürlich auch in vielen Vereinen Thema und wird quer durchs Land diskutiert.

"Die Vereine haben Schiss"

„Das glaube ich, das wird schon dramatisch“ formuliert es Diana Räder-Krause, ihr Münchner Kollege Frank Ludewig wählt ganz ähnliche Worte. „Die Vereine haben Schiss vor dem, was auf sie zukommt.“ Vielen sei völlig klar, dass die Kosten explodieren werden. „Die Vereine haben Mitteilung bekommen, gerade in der laufenden Woche, von den Energieunternehmen. Ich gehe auch davon aus, dass es Vereine geben wird, die da in Not geraten werden.“
Hilfen müssten für diese Fälle organisiert werden, das ist aber im Vorhinein kaum möglich, weil das Ausmaß aktuell noch nicht absehbar ist und die Situation so dynamisch, dass kaum eine Vorbereitung möglich ist, so Ludewig. Nur noch unterschwellig sind auch in dieser gerade begonnenen neuen Spielzeit die Corona-Sorgen gegenwärtig. Mit der Erfahrung der letzten Jahre braucht es zwar die eine oder andere pragmatische Lösung, die ganz großen Probleme erwartet aber niemand mehr. Mindestens genauso groß ist der Gesprächsbedarf, gerade in München, aber mit Blick auf den Ukraine-Krieg.
„Da ist man sich einig. Wenn eine humanitäre Notlage entsteht oder sich noch verschärft, dass dann der Fußball ein Stück zurücktreten muss. Da muss man helfen, das ist selbstverständlich.“

Fußball-WM in Katar "eher Nebengespräche"

Auch da sind die Ausmaße und Folgen nicht abzusehen, möglich und vorstellbar ist es dennoch, dass auch in diesem Winter wieder viele Turnhallen und Sportplätze gebraucht werden könnten.
Krieg, Energie, Corona, all das treibt die Vereine und Verbände an der Fußball-Basis um. Dass in zwei Monaten aber eine Fußball-Weltmeisterschaft beginnt, das sind „eher Nebengespräche“, sagt Diana Räder-Krause aus Vorpommern-Greifswald. „Also man unterhält sich, guckt man, guckt man nicht, boykottiert man, boykottiert man nicht. Sie wird nicht so wahrgenommen, wie es zu anderen ist.“