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StartseiteSport am WochenendeForschungszentrum oder Doping-Labor?15.11.2020

DHfK LeipzigForschungszentrum oder Doping-Labor?

Vor 70 Jahren wurde in Leipzig die deutsche Hochschule für Körperkultur, kurz DHfK, gegründet. Vor 30 Jahren wurde sie wieder geschlossen. Die Hochschule sorgte in der damaligen Sportwissenschaft für sensationelle Neuerungen. Umstritten ist jedoch ihr Beitrag zum Staatsdoping in der DDR.

Von Jennifer Stange

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Die Skulptur Speerwerfer steht vor dem Gebäude der ehemailigen Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig. Dort befinden sich jetzt Räume der sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig und der Handelshochschule Leipzig. Der vordere Teil des Speeres an der Skulptur ist abgebrochen. Ausschnitt aus der Skulptur Speerwerfer the Sculpture Speerwerfer is before the Building the ehemailigen German College for Corporate culture DHfK in Leipzig there are to Now Spaces the Sports Science Faculty the University Leipzig and the Business School Leipzig the Front Part the to the Sculpture is canceled Part of out the Sculpture Speerwerfer  (imago images / Klaus Martin Höfer)
Die Skulptur eines Speerwerfers steht vor dem Gebäude der ehemailigen Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig. (imago images / Klaus Martin Höfer)
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Die DHfK, die deutsche Hochschule für Körperkultur in Leipzig hat während und nach ihrem Bestehen viele Namen bekommen: "Keimzelle des DDR Sportwunders"  "Anabolika-Hochburg", oder auch "Zentrale des staatlich betriebenen Zwangsdopingsystems". Für Sportsoziologin Petra Tzschoppe sind das Zerrbilder: "Ich finde es eben sehr verkürzt, wenn man es nur so auf die Schlagworte Doping, Medaillenschmiede, Leistungssport verkürzt und wenn man nicht willens oder imstande ist, zwischen der deutschen Hochschule für Körperkultur und dem Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport zu differenzieren, die tatsächlich eigenständige Einrichtungen waren."

Petra Tzschoppe arbeitet an der sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig, der zusammengeschrumpften Nachfolgeeinrichtung der DHfK. An der ehemaligen Hochschule für Körperkultur hat sie aber noch studiert und promoviert und legt Wert darauf, auch ein anderes, breiteres Bild ihrer Sporthochschule zu zeichnen: "Ich selber hatte beispielsweise als Promotionsthema, mich mit dem Verhältnis von Kunst und Sport beschäftigt und habe in der Folge dann auch im Bereich Sportästhetik gearbeitet."

Sensationelle Neuerungen in der Sportwissenschaft

Die DHfK hat seit den fünfziger Jahren Diplomsportlehrer ausgebildet, Trainer und Sportfunktionäre systematisch gefördert, Nachwuchsforschung betrieben und an der Weiterentwicklung der Disziplinen geforscht. Was heute selbstverständlich ist, waren damals in der Sportwissenschaft sensationelle Neuerungen.

"DDR-Schwimmerinnen überraschten etwa mit hautengen, nahtlosen Trikots. Im Strömungskanal erforschten DHfK-Wissenschaftler die ideale Gleitlage für Schwimmer", beobachtet ein "Spiegel-Reporter", der 1975 mit einer Delegation des bundesdeutschen Sportbundes (DSB) die DHfK besucht. Sein Kollege von der Wochenzeitung "Die Zeit" sieht in der DHfK vor allem eine "Zuchtanstalt für Sportidole" und zitiert aus dem Studienplan: Die Studierenden hätten "im Auftrag der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei mit hohem Staatsbewusstsein die gesellschaftlichen Aufgaben bei der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft" Hilfe zu leisten.

Eine Medikamentenschachtel mit einem Blister voll Oral-Turinabol. (Imago / Steinach) (Imago / Steinach)Doping im DDR-Sport - Aufarbeitung auch nach 30 Jahren nicht abgeschlossen
Auch 30 Jahre nach der Wende kämpfen Opfer des DDR-Staatsdopings um Anerkennung und Entschädigung.

Politische Prosa sei das eine, meint Petra Tzschoppe, die gesellschaftliche Realität auch in der DDR etwas anderes: "Das Etikett der roten Hochschule, darauf basierend, dass ein ideologischer Überbau Teil des Studiums auch gewesen ist, das gilt für jede andere Hochschuleinrichtung in der DDR auch." 

Symbol für den Erfolg der DDR

Doch anders als andere Hochschulen, war die DHfK ein Kind der DDR und jahrzehntelang Symbol für den Erfolg dieses Landes im internationalen Wettkampf. Auch das, so Tzschoppe, sei ein wesentlicher Grund für eine letztlich politische motivierte Abwicklung der Sporthochschule nach 1989 gewesen. Das Kabinett des sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf hatte das Ende der Hochschule beschlossen. Die damals als Grund genannten Dopingvorwürfe hält die Sportsoziologin für vorgeschoben. "Es gab eine eigenständige Einrichtung in der ein Bereich Endokrinologie seit Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre ausgebaut wurde. Das war das damalige Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport, zwar in einer räumlichen Nähe aber in einer institutionellen Eigenständigkeit gearbeitet hat."

Das Leipziger Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport, kurz FKS war nachweislich an der Entwicklung von Richtlinien für die Vergabe der Dopingsubstanzen, sogenannter "unterstützender Mittel" beteiligt und hier wurde auch zum Einsatz von Medikamenten zur Leistungssteigerung geforscht. Zur Erinnerung: 1974 beschließt das Zentralkomitee der SED einen Staatsplan, ein geheimes und umfassendes System zum staatlich organisierten Doping. Der pensionierte Leipziger Sportarzt Bernhard Kobus war nach eigenen Angaben Teil dieses Systems. Als Mitarbeiter eines staatlichen, flächendeckenden Systems sportärztlicher Betreuung, über das auch die Dopingvergabe an die Sportler organisiert war.

So wie Tzschoppe sagt auch er, die DHfK hatte in diesem System keine administrativen Aufgaben. "Es war eine akademische Einrichtung die letztlich Trainer ausgebildet hat und deswegen muss ich die exkulpieren, die DHfK. Man kann es uns anhängen, die Ärzte, die in der sportärztlichen Hauptberatung gearbeitet haben. Und man kann es dem FKS anlasten. Aber das waren Wissenschaftler, so wie Heisenberg über Atomenergie geforscht hat und trotzdem hat er nicht die Atombombe geworfen."

"Das wäre historische Fahnenflucht"

Die Diskussion um moralische Verantwortung steht auf einem anderen Blatt. Jutta Braun, Historikerin am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam widerspricht jedenfalls den Aussagen, wonach die Institutionen der Leipziger Sportlandschaft in der DDR so leicht voneinander zu trennen seien: "Das wäre historische Fahnenflucht wenn man das behaupten würde. Denn die Leute, die am FKS nachgewiesenermaßen für Dopingforschung zuständig waren, hatten gleichzeitig Funktionen an der DHfK."

Denkmal zum Tag der Maueröffnung am 11.11.1989 zwischen Stapelburg und Eckertal, ehemalige innerdeutsche Grenze, Sachsen-Anhalt, Deutschland, Europa  (dpa / imageBROKER / Gabriele Hanke) (dpa / imageBROKER / Gabriele Hanke)"Fehler müssen wir ansprechen können"
Auch im Sport sind Ost und West in den vergangenen 30 Jahren zusammengewachsen, sagt Andreas Michelmann, Präsident des Deutschen Handballbundes. Zum Zusammenwachsen habe leider aber auch das Einebnen gehört.

Das verblüffende in der Auseinandersetzung um Erhalt und Abwicklung sei, so Braun: "Dass gerade der Teil der DHfK, der nun tatsächlich nachgewiesenermaßen dopingbelastet war, nämlich das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport, dass ausgerechnet diese Einrichtung eine Bestandsgarantie erhielt, sogar in einem Artikel des Einigungsvertrags. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass der Sport ein Sonderfall der Wiedervereinigung war, weil hier am Anfang der Westen hoffte, vom Osten lernen zu können, weil die DDR so viel erfolgreicher gewesen war bei Olympia."

Das FKS sollte laut Einigungsvertrag erhalten bleiben. Die Idee, sich am Leistungssportsystem der DDR etwas abzugucken wurde immer heikler, je mehr über Doping in der DDR nach der Wende bekannt wurde.

Braun: "So dass bei der Gründungsfeier 1992 im Gewandhaus in Leipzig die zukünftigen Träger, nämlich das Land Sachsen und auch die Uni Leipzig gar nicht erschienen. Das muss einen gruselige Atmosphäre gewesen sein. Das hat sich dann aber in den Folgejahren wieder beruhigt, auch durch eine personelle und programmatische Erneuerung."

Eine Chance, die auch die DHfK als eigenständige Hochschule verdient gehabt hätte, sagt Petra Tzschoppe.

Anmerkung:
Dieser Beitrag ist der erste Teil einer kleinen Serie, die wir anlässlich des DHfK-Jubiläums und 30 Jhare deutsche Einheit umsetzen. In der nächsten Folge soll es nochmal um das Thema Doping gehen, nämlich um die Frage: wer wusste was? Wie wurde darüber gesprochen an der DHFK und in Leipzig, einem der Zentren des DDR-Leistungssports.

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