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StartseiteEuropa heuteDie älteste Post der Welt wird privatisiert11.10.2013

Die älteste Post der Welt wird privatisiert

Börsengang der Royal Mail stößt auf großes Interesse

Nicht einmal die privatisierungsfreudige Maggie Thatcher wagte es seinerzeit, die Royal Mail zu verkaufen. Doch obwohl fast 70 Prozent der Briten dagegen sind, will die konservativ-liberale Regierung 60 Prozent der britischen Post in Privatbesitz überführen.

Von Jochen Spengler

Ein Briefkasten und ein Postwagen der britischen "Royal Mail" in London (AP)
Ein Briefkasten und ein Postwagen der britischen "Royal Mail" in London (AP)
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Schlechte Nachrichten für die Royal Mail

Es dürfte Gewinner und Verlierer geben. Und für den bulligen Billy Hayes ist klar: Loser sind die 150.000 Zusteller und Sortierer der Royal Mail, jener geschätzten britischen Institution, deren Fahrzeuge, Fahrräder und runde Briefkästen sämtlich in typischen mittelrot daherkommen.

"Es sind die Geschäftsführer die damit ein Vermögen verdienen; wir Postmitarbeiter werden an den Folgen leiden, die die Privatisierung für unsere Arbeitsbedingungen haben wird."

Tatsächlich hat die Geschäftsführung der ältesten Post der Welt schon angekündigt, künftig mit deutlich weniger Leuten auskommen zu wollen. Und Gewerkschaftsboss Billy Hayes lässt seine mehr als 100.000 Postler längst über einen Streik abstimmen. Dass sie zehn Prozent der Aktien geschenkt bekommen – was jedem einzelnen rund zweitausend Pfund bringen wird, tröstet keineswegs. Sagt etwa Bob, ein Mittvierziger, der seit über zehn Jahren bei Wind und Wetter mit seinem Fahrrad Briefe in Südlondon ausliefert.

"Ich habe definitiv Angst. Das einzige, was wir erleben werden, ist, dass wir mehr arbeiten müsse, für weniger Geld. Wenn ich etwa 3.000 Pfund weniger Lohn bekomme im Jahr, aber Aktien für 2.000 Pfund erhalte, dann habe ich am Ende doch einen Verlust."

Bob hat schon für den Streik gestimmt, der ab 23. Oktober das Unternehmen lahmlegen könnte; aber den Börsengang nicht mehr aufhalten kann.

Was schlecht ist für die Postler, muss nicht schlecht sein für den Steuerzahler. Doch auch der dürfte ein Minusgeschäft machen. Schließlich hat die Regierung die Royal Mail erst einmal verkaufsfein herrichten müssen. Dazu hat sie die Pensionslasten von zehn Milliarden Pfund dem Steuerzahler aufgebürdet. Die Einnahmen auf den Verkauf der Post werden aber nur auf rund 3,3 Milliarden geschätzt.

Offen ist schließlich, ob wenigstens die Kunden glücklich werden mit der Privatisierung. Mario Dunn bezweifelt das – er leitet die Anti-Privatisierungsinitiative "Rettet die Royal Mail"und verweist darauf, dass die Firma im letzten Jahr 440 Millionen Pfund Gewinn gemacht hat:

"Sie ist in einer guten Position, im ganzen Land, jeden, sechs Tage die Woche zu einem vernünftigen Preis zu versorgen. Aber wenn sie erst mal Privatleuten gehört, dann wird sie eine Menge der verlustbringenden Dienste einstellen, ich befürchte vor allem, dass Kunden in ländlichen Gebieten die Leidtragenden sein werden."

Eine Reduzierung des Universaldienstes habe man per Gesetz ausgeschlossen, versichert Wirtschaftsminister Vince Cable. Er freut sich auf 3,3 Milliarden Pfund möglichen Privatisierungserlös, aber im Grunde gehe es, so sagt er, um die Zukunftsfähigkeit der Royal Mail:

"Ein Aktienverkauf wird nicht nur für wirtschaftliche Disziplin sorgen; er gibt der Royal Mail Zugang zu privatem Investitionskapital. Damit kann sie sich weiter modernisieren und für das Onlineshopping rüsten, das von einem erfolgreichem Paketdienst und der Logistik abhängt."

Der Staat will vorerst 30 Prozent der Unternehmensanteile behalten; zehn Prozent sind für die Postler vorgesehen. Um die 60 Prozent, die privaten und institutionellen Investoren zugeteilt werden, brach eine regelrechte Stampede aus. "A good idea, companies should be run by the private sector. Probably a good investment. A good idea."

Es gab insgesamt Kaufinteresse im Wert von 15 Milliarden Pfund. Wirtschaftsminister Cable:

"Wir hatten etwa 700.000 Anträge; das ist eine siebenfache Überzeichnung. Es gab großes Interesse und es zeigt, dass unser Ausgabepreis nicht zu hoch war."

Wahrscheinlich ist sogar, dass er mit 3,30 Pfund pro Aktie zu niedrig lag. Auf dem grauen Markt wird das Papier bereits mit vier Pfund gehandelt. Angesichts ihres lukrativen Grundbesitzes und des Millionengewinns, den die Royal Mail im letzten Jahr gemacht hat, wird der Wirtschaftsminister kritisiert, er verscherbele das Unternehmen 80 Prozent unter Wert.

Es sehe immer stärker nach einer verpfuschten Privatisierung aus, sagt Chuka Umunna, Wirtschaftexperte der Labour-Opposition. Und so wird es zumindest einen zweifelsfreien Gewinner der Privatisierung geben: Jene Investoren, die heute zum Zuge kommen; die Regierung versichert, sie wolle vorrangig Kleinanleger bedienen. Sie können sich womöglich schon heute Abend über einen erheblichen Kursanstieg freuen.

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