Dienstag, 10.12.2019
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteGesichter Europas30 Jahre nach dem Atomunfall von Tschernobyl23.04.2016

Die andauernde Katastrophe30 Jahre nach dem Atomunfall von Tschernobyl

Der Reaktorunfall von Tschernobyl gilt als die größte technologische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Für Weißrussland wurde er zum nationalen Inferno. Der Großteil der Radioaktivität, die am 26. April 1986 und in den Tagen danach aus dem Reaktorblock vier entwich, ging über weißrussischem Gebiet nieder.

Von Nicole Scherschun und Leila Knüppel

In Tschernobyl explodierte ein Reaktor am 26. April 1986, hier eine Aufnahme vom 1. Oktober 1986. (imago stock&people)
In Tschernobyl explodierte ein Reaktor am 26. April 1986, hier eine Aufnahme vom 1. Oktober 1986. (imago stock&people)
Mehr zum Thema

Graphic Novel über Tschernobyl Mit viel Gefühl

Umwelt Atomkraft-Debatte leicht erklärt

Lagebericht aus Tschernobyl Aufräumen in unruhigen Zeiten

Tschernobyl Geld für die neue Hülle offenbar sicher

Ulrich Becks "Risikogesellschaft" Kassandra und die Katastrophe

Fukushima

Über ein Fünftel der Landesfläche ist bis heute verstrahlt. 30 Jahre sind seitdem vergangen. Ein Ende der Katastrophe ist aber nicht abzusehen: Kinder, die erst nach dem Reaktorunfall geboren wurden, leiden unter Erbgutschäden und Missbildungen. Etwa zwei Millionen Menschen sind offiziell als Tschernobyl-Opfer anerkannt - jeder fünfte Weißrusse.

Bildergalerie„Achtung! Hier beginnt die radioaktiv verstrahlte 30 Kilometer-Zone“, warnt ein Schild: Kurz nach dem Reaktorunfall am 26. April 1986 wurden die Bewohner aus dieser Region evakuiert. Nun darf nur hinein, wer eine Ministererlaubnis hat. Hinter diesem Zaun beginnt die 30-Kilometer-Zone: Kurz nach dem Reaktorunfall am 26. April 1986 wurden die Bewohner aus dieser Region evakuiert. Nun darf nur hinein, wer eine Ministeriumserlaubnis hat.Der Zoologe Valeri Jurko beobachtet seit über zehn Jahren die Tiere in der Zone: Biber, Wölfe, Luchse und viele seltene Vogelarten haben hier eine Heimat gefunden. Auch viele Elche haben sich in der radioaktiven Zone angesiedelt. Trotz Strahlung. Denn der Mensch kann sie hier nicht stören.Die rostigen Fähren am Rande des Pripjat – einer der größten Flüsse Weißrusslands. Früher war hier eine beliebte Fährverbindung. Heute ist es hier still. Nur noch Vögel sind zu hören.Die rostigen Fähren am Rande des Pripjat – einer der größten Flüsse Weißrusslands. Früher war hier eine beliebte Fährverbindung. Heute ist es hier still. Nur noch Vögel sind zu hören.: Von Pflanzen überwuchert, dem Verfall preisgegeben: Häuser des kleinen weißrussischen Dorfs Krasnoselje, zehn Kilometer vom Tschernobyl-Reaktor entfernt. Einige Tage nach dem Unglück mussten die Bewohner in der 30-Kilometer-Zone rund um den Tschernobyl-Reaktor ihre Häuser verlassen. Dass es für immer war, ahnte kaum einer.Drinnen sind noch immer Möbel, Küchengeräte, Kinderspielzeug auf dem Boden verteilt. Die Bewohner durften bei der Evakuierung nur das Nötigste mitnehmen.Weiße Gardinen, Bilder an den Wänden: Doch abgeblätterte Tapeten und eingebrochene Dielen erzählen vom Verfall des evakuierten Dorfs.Auf den halbverrotteten Matratzen in den verlassenen Häusern machen es sich gerne auch einmal Wildschweine bequem. Wer das Haus betritt, sollte vorher also lieber laut anklopfen, um die Tier zu verteiben. Die Puppen aus dem Kinderzimmer liegen noch im Haus. Viele andere Gegenstände haben Plünderer mitgenommen. Reporterin Nicole Scherschun im Gespräch mit dem weißrussischen Zoologen Valeri Jurko. Er ist einer der wenigen Menschen, die in der verstrahlten 30-Kilometer-Zone unterwegs sind.Die Scheiben sind längst zerbrochen. Bald wird auch das Dach dieses Hauses einstürzen.Blick hinaus auf die Dorfstraße von Krasnoselje. Vom Weiten sehen die Häuser noch bewohnt aus. Doch hier lebt seit 30 Jahren niemand mehr.An einem der wenigen Kontrollpunkte begegnen wir Menschen: Beamte, die die Zufahrtstraßen zur verstrahlten Zone bewachen.

Die 30-Kilometerzone rund um den Reaktor ist mittlerweile zum "Radiationsökologischen Landschaftspark" erklärt worden. Die Dörfer wurden evakuiert und teilweise abgerissen, der Boden abgetragen. Nun breitet sich die Wildnis aus. Trotz Strahlenschäden leben dort zahlreiche Tiere: Wildschweine, Wölfe, Elche - und auch viele bedrohte Arten.

30 Jahre nach dem GAU setzt ausgerechnet Weißrussland auf Kernenergie. Präsident Alexander Lukaschenko lässt mit russischer Hilfe einen Meiler nahe der litauischen Grenze errichten. Trotz Protesten soll dort das erste Atomkraftwerk des Landes entstehen.

Manuskripte zum Nachlesen:

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk