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StartseiteTag für TagZum 200. Geburtstag des Báb29.10.2019

Die Bahai-ReligionZum 200. Geburtstag des Báb

Mitte des 19. Jahrhunderts bricht im damaligen Persien ein junger Kaufmann mit den Traditionen des Islams: Er fordert Schulbildung für Kinder, betont die Gleichwertigkeit von Mann und Frau. Dieser "Báb" gilt als Wegbereiter der Bahai-Religion. Ihre Anhänger feiern heute seinen 200. Geburtstag.

Von Frank Aheimer

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Das Grab des Bàb: Schrein am Berg Carmel in Haifa, Israel  (imago stock&people / Chromorange)
Unter der goldenen Kuppel in Haifa, Israel, liegt der Begründer der jüngsten Weltreligion begraben (imago stock&people / Chromorange)
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Wir schreiben das Jahr 1819. In Shiras, einer Stadt im Süden Persiens erblickt Seyyed Ali Muhammad als Sohn eines Kaufmanns das Licht der Welt. Im Alter von 25 Jahren ist er überzeugt, eine Botschaft an die Menschheit verkünden zu müssen. Seine Lehren - die seiner Zeit weit voraus sind - führen zum größten Umbruch in der Geschichte Persiens und zur Entstehung einer neuen Weltreligion. Er bricht mit den Traditionen des Islam und gibt sich den Titel: der Báb.

"Das arabische Wort Báb heißt "die Pforte" - "die Tür", also ein Báb, der den Zugang zu einer religiösen Heilsgestallt bringt," sagt Manfred Hutter, Professor der Vergleichenden Religionswissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Er hat sich mit der Geschichte des Báb beschäftigt. "Der Báb hat eben in seinem offenbaren Verständnis auch in einigen Texten angedeutet: Es wird einer kommen, den Gott offenbaren wird. Das passt in die Theologie hinein, in einer so genannten fortschreitenden Offenbarung: In größeren oder kleineren Zeitabschnitten offenbart sich Gott wieder durch einen Propheten durch eine Manifestation des Göttlichen in der Welt."

Zeit des Messianismus

In allen Religionen finden sich Prophezeiungen über einen Verheißenen. Egal ob es sich um den noch kommenden Messias handelt oder um die Rückkehr Christi, um einen Avatara im Hinduismus oder den zwölften Imam. So auch vor 200 Jahren: Viele Menschen sind damals der Überzeugung, die Zeit sei gekommen. Armin Eschraghi, Islamwissenschaftler an der Goethe-Universität Frankfurt:

"Das 19. Jahrhundert ist insgesamt eine Zeit des Messianismus. Wir sehen, dass sowohl im christlichen, im europäischen Kontext, sich zahlreiche messianische Bewegungen bilden und eben auch im Orient und darunter speziell im Iran. Tausend Jahre sind vergangen, seit der schiitische Machdi in die Verborgenheit gegangen ist. Man erwartet seine Rückkehr als endzeitlicher Erlöser."

1844 erhebt der Báb diesen Anspruch. Er sei dieser Erlöser. Er sei das von den Propheten vergangener Zeiten verheißene Sprachrohr Gottes. Seine Botschaft darüber hinaus: Alle Menschen stammen vom gleichen Schöpfer. Geschlecht oder Nationalität spielen vor Gott keine Rolle. Udo Steinbach:

"Der Báb war ein Sozialrevolutionär - wenn sie so wollen..."

Neue soziale Bewegung

In Gottes Augen sei es egal, ob man ein König oder ein Ziegenhirte sei. Eine Botschaft, die Persien in seinen Grundfesten erschüttert, wie Nahost-Experte Udo Steinbach erklärt.    

"Die Bábi-Bewegung begann ja in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts. Also in einer Situation, die gekennzeichnet war durch eine absolute Monarchie, die keine wirkliche Legitimation hatte. Durch eine wachsende Einmischung von außen. Insbesondere der Russen und der Engländer und durch eine wachsende ökonomische Krise zu Lasten der einheimischen Bevölkerung. Und da kommt dann eben ein Mann mit einer Heilsbotschaft aus Schiras. Die Argumente, die er bringt, sind Argumente, die eine religiöse Dimension haben und zugleich ausgehen von der Gleichheit der Menschen. Von der Friedfertigkeit der Lösung der Konflikte, von der Gleichheit von Mann und Frau und so weiter …"

Innerhalb kürzester Zeit entwickelt sich der neue Glaube zu einer der größten sozialen Bewegungen im Iran. Armin Eschragi:

"Der Báb stößt mit seiner Botschaft zunächst auf breites Gehör in verschiedensten gesellschaftlichen Schichten. Wir haben eine Fülle von Quellen, die nicht nur aus der Innensicht der Bábi oder Bahá‘i geschrieben sind, sondern auch aus Hofchroniken, die alle belegen, dass eine erstaunliche Bandbreite von unterschiedlichen Menschen sich dieser neuen Bewegungen angeschlossen hat: Geistliche, Staatsmänner, also Angehörige des Hofes, Handelsleute, Bauern, Gebildete, einfache Menschen, Männer und Frauen. Das ist durchaus bemerkenswert! Und in dieser Zeit verbreitet sich die Bewegung wie ein Lauffeuer über den gesamten Iran und über Teile des Irak."

Brisante Forderungen

Doch die Botschaft des Báb, so Eschragi, stößt beim islamischen Klerus auf erbitterten Widerstand: "Die Schriften des Bab gelten als neues heiliges Buch, das den Koran ablöst. Zugleich finden wir sehr viele Aussagen von gesellschaftlicher Brisanz: Der Bab fordert die Errichtung eines Postwesens, ein System der Nachrichtenübermittlung, zu dem alle Menschen Zugang haben, nicht nur Mitglieder des Hofes. Er fordert die Einrichtung von Druckereien. Der Bab fordert dazu auf, Bildung zugänglich zu machen. Er spricht von einer Schulpflicht für Kinder und darüber hinaus finden wir eine ganze Menge von Regelungen und Gesetzen, die direkt auf den Machtmissbrauch der Religion durch den Klerus abzielen."

Überall im Land kommt es zu Verhaftungen. Britische Kaufleute übermitteln einen Bericht, der am 19. November 1845 in der Londoner Times abgedruckt wird:

"Eine neue Sekte hat sich vor kurzem in Persien etabliert, deren Leitung ein persischer Kaufmann innehat, der sich nach seiner Pilgerreise in Mekka zum Nachfolger des Propheten erklärte. Wie man mit Dingen dieser Art in Shiras umgeht, zeigt der folgende Bericht:  Vier Personen wurden vor Gericht gestellt und einer unverzeihlichen Gotteslästerung für schuldig befunden. Jeder von ihnen wurde von einem Henker an einer durch ein angefertigtes Loch in der Nase gezogenen Schnur durch die Stadt geführt. Die Henker zogen manchmal mit solcher Gewalt an der Schnur, dass die Unglücklichen abwechselnd nach Gnade bei den Henkern und nach Vergeltung des Himmels riefen."

Verfolgung ung Gräueltaten

Am 9. Juli 1850 wird der Báb in Tábris öffentlich hingerichtet. 750 Soldaten nehmen in drei Reihen Aufstellung und feuern. Überall im Land kommt es zu Gräueltaten gegen die Anhänger des Báb. Tausende werden getötet. Am 6. Januar 1851 berichtet der britische Botschafter in Teheran in einem Brief an London:

"Alle Gefangenen wurden von den Soldaten kaltblütig mit Bajonett getötet, um den Verlust ihrer Kameraden zu rächen. Religiöser Hass, angeheizt von Blutrache, könnten hier zusammengewirkt haben, um diese unbarmherzige Tat zu verursachen. Man sagt, vierhundert Personen seien auf diese Art umgekommen, unter denen wohl auch Frauen und Kinder waren."

Ende 1852 ist der Glaube des Báb fast völlig ausgelöscht. Nur noch ein Anführer hat überlebt Baha'u'llah, so Eschragi:

"Baha'u'llah war ein früher Anhänger des Báb, stammte aus einer dem Hof nahestehenden Familie, und setzt sich sehr für die Förderung dieser neuen Religion ein. Er wird Anfang der 1850er-Jahre eingekerkert. Wird allerdings im Gegensatz zu vielen anderen Bábis nicht hingerichtet, sondern des Landes verwiesen. Und Baha'u'llah beansprucht, dieser vom Bab verheißene Gottesbote zu sein. Aus Sicht der Bahai sind somit sowohl der Báb als auch Baha'u'llah, Gottesboten. Insofern wird auch oft von einer Zwillingsoffenbarung gesprochen. Weil innerhalb kurzer zeitlicher Distanz zwei Gottesboten aufgetreten sind.

Baha'u'llah verbringt 40 Jahre seines Leben in Gefangenschaft. Seine Verbannung endet in Palästina, sagt Eschragi: in der Bucht von Haifa im heutigen Israel:

"Baha'u'llah tritt mit seinem Anspruch dann eben auch weit über den Iran und die schiitische Welt hinaus, indem er Sendbriefe an westliche Herrscher der damaligen Zeit richtet - die Königin von England, den Zar von Russland, sogar an den damaligen Papst - und hier den Anspruch vertritt auf eine Universalreligion." 

Die sterblichen Überreste des Bab ruhen heute unter einer goldenen Kuppel in einem Schrein am Berg Carmel in Haifa, Israel.  

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