Donnerstag, 30. Juni 2022

Gerhard Roth: "Die Imker"
Mit Phantasie und Wahnsinn wider diese Welt

Ein dichter Nebel lässt eines Tages fast die gesamte Menschheit verschwinden. Wenige Überlebende versuchen, dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Gerhard Roths nachgelassener Roman „Die Imker“ ist eine facettenreiche Dystopie und dabei so schizophren wie sein Erzähler.

Von Angela Gutzeit | 29.05.2022

Der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth 2018 und sein nun letzter Roman „Die Imker“
Der im Februar dieses Jahres gestorbene österreichische Schriftsteller Gerhard Roth verbindet in seinem posthumen, dystopischen Anstaltsroman "Die Imker" die Liebe zu Bienen mit seiner Faszination für Sinn und Unsinn des Wahns. (Foto: imago/GEPA pictures/Michael Riedler, Buchcover: S. Fischer Verlag)
Unter den vielen eigenwilligen Einzelgängern in der österreichischen Literaturlandschaft seit 1945 nahm der Schriftsteller Gerhard Roth eine ganz besondere Position ein. Nicht nur weil er unfassbar produktiv war, sondern weil sich dieses in rund vier Jahrzehnten geschaffene Riesenwerk in der Summe seiner Einzelteile zu einer Art Universalgeschichte ausgegrenzten Lebens fügt. Formal der geheimnisvollen Struktur eines Bienenkorbs nachempfunden: Viele autonome, „frei fliegende“ Elemente bilden ein korrespondierendes Ganzes. Der Organismus des Bienenvolks habe keinen festen Umriss, schrieb Gerhard Roth zur Erklärung des ästhetischen Prinzips seines großen Erfolgsromans „Landläufiger Tod“ von 1984:
 „Seine Form verändert sich je nach Klima und Nahrungsangebot. Diese Erklärung war für mich, auf der Suche nach einer Konstruktion für den Roman, eine Inspiration.“
1990 hatte der Bienenfreund Gerhard Roth den Insekten einen Dokumentarfilm gewidmet, 1997 sogar ein Buch. Die Bienen, sie bevölkern eine Vielzahl seiner Bücher. So ist es kaum verwunderlich, dass sein letzter großer Roman den Titel trägt: „Die Imker“.

Insasse im "Haus der Künstler" in Gugging

Roths Protagonist ist hier der schizophrene Anstaltsinsasse Wilhelm Herman, der eigentlich, wie wir zu Beginn lesen, Franz Lindner heißt, aber, da er sich verfolgt fühlt, eine andere Identität erhalten hat. Der 62-Jährige, der von seinem Umfeld jedoch weiterhin Franz Lindner genannt wird, hat im anstaltseigenen „Haus der Künstler“ im niederösterreichischen Gugging eine dauerhafte Bleibe gefunden.
„Hier bin ich mit mir allein, was das größte aller Abenteuer ist. Ich leide nicht unter Einsamkeit, aber ich suche sie auch nicht. Wie ein Molch lebe ich hier im Dunklen – das Universum ist in mir selbst. Meine Gedanken sind Planeten, Kometen, Milchstraßen, Sternennebel, Schwarze Löcher – mit einem Wort Mystifikationen. Sicherlich bin ich nicht der erste Mensch, der die Entdeckung macht, sternengleich zu sein, im Gegenteil, die Form dieser Existenz wartet nur darauf, von Menschen erkannt und gelebt zu werden.“

Visionen eines Psychotikers

Wer Roths Schaffen verfolgt hat, kennt diese Figur bereits unter anderem aus dessen eingangs erwähntem Roman „Landläufiger Tod“. Der Sohn eines Bienenzüchters war in diesem Buch stumm. Seine phantasmagorischen Visionen ermöglichten ihm jedoch in unbekannte, für alle anderen unsichtbare Dimensionen vorzudringen. Dank seiner speziellen Wahrnehmungsfähigkeit vermochte es Lindner, sich der Natur anzuverwandeln und sogar die Sprache der Tiere zu verstehen. Diese Eigenschaften besitzt nun Roths Held im Imker-Roman ebenfalls. Hier ist Franz Lindner zwar nicht mehr absolut sprachlos, aber überwiegend schweigsam. Die Ärzte legen ihm nahe, seine offensichtlich zunehmenden Halluzinationen zu Papier zu bringen. Und so lässt Roth seinen Protagonisten Lindner als Ich-Erzähler die Rolle eines Chronisten übernehmen. Es geht um ein seltsames Geschehen, das Lindner erlebt haben will, das sich jedoch jeglichen Maßstäben der sogenannten Wirklichkeit entzieht, trotzdem aber ‚Wahrheit‘ für sich beansprucht. Franz Linder berichtet im Folgenden von einem Ereignis, das sich am 1. April eines ungenannten Jahres abgespielt haben soll.
„Ich erwachte früh am Morgen. Wie verabredet wartete ich schon darauf, von meinem Neffen Eugen aus der Anstalt abgeholt zu werden. Seit dreißig Jahren beschäftigt auch er sich mit Bienen, bald so lange wie mein Vater, der es auf über vierzig Berufsjahre brachte. Immer wieder blickte ich aus meinem Fenster in den Laubwald.
(…)
Auf der linken Seite kam jetzt eine eigelbe Wolkenformation ins Bild, der ich anfangs jedoch wenig Beachtung schenkte. Ich wollte auf die Uhr schauen, als jemand mit Fäusten gegen die Glastür des Eingangs schlug. Zu meiner Überraschung war sie noch immer verschlossen, obwohl beim Pflegepersonal eigentlich Schichtwechsel war. Ich fand den Schlüssel, und gleich darauf sah ich meinen Neffen Eugen, seinen achtzehnjährigen Sohn Walter und den Foxterrier Gazpacho, die Einlass begehrten. Sie drängten so ungestüm herein, dass ich befürchtete, es sei etwas Schreckliches geschehen. Aufgeregt, aber stumm zeigten sie hinter sich ins Freie. Dort kroch gerade ein ungeheurer gelber Nebel den Berghang hinunter. Ich verstand nicht, was geschehen war, denn kurz zuvor war der Himmel noch blau gewesen. Wie immer schwieg ich, doch schienen sie mir anzumerken, dass ich betroffen war. Der gelbe Nebel breitete sich schneller aus, als ich erwartet hatte. Instinktiv hatte ich sofort die Tür wieder geschlossen und darauf geachtet, dass nichts davon in das Haus drang. 'Was ist das?', rief Walter aufgeregt. 'Etwas Furchtbares', antwortete mein Neffe hastig, und der Hund bellte, bevor er sich angsterfüllt auf den Fußboden legte.“
Als der gelbe Nebel sich verzogen hat, verlassen die Bewohner und das Pflegepersonal die Anstalt. Draußen sehen sie abgestürzte Flugzeuge, umgekippte Autos und leere Geschäfte. Und wo sich gerade noch Menschen bewegten, finden sich nur noch deren Kleidung, Schuhe, Schmuck und Gebisse. Eine beängstigende Stille umgibt die ratlose Schar.

Vom Verschwinden der Menschen

Ein Untergangsszenario, das an Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ oder an Thomas Glavinics alptraumhaftes Buch „Die Arbeit der Nacht“ erinnert. Ein unerklärliches Ereignis wirft hier wie dort einzelne überlebende Menschen auf ihre nackte Existenz zurück. Es zwingt sie zu grundlegenden Reflexionen, entblößt jedoch auch ihre Ängste und Aggressionen. Nur ist in Gerhard Roths Roman nicht zuletzt die Perspektive, aus der erzählt wird, eine grundlegend andere. Indem er mit Franz Lindner eine schizophrene, halluzinierende Künstlerpersönlichkeit als Ich-Erzähler wählt, durchkreuzt er vorn herein die Möglichkeit einer kohärenten Erzählung. Es gibt hier keinen logisch nachvollziehbaren Plot, keine Einbindung in einen gesellschaftlichen und zeitlichen Zusammenhang. Zwar wird eine Geschichte erzählt, aber die Bilder und Szenen, die Roth hier entwirft, werden wie beim Drehen eines Kaleidoskops immer wieder ver-rückt, anders sortiert. Der vielfach gebrochene und zersplitterte Text selbst wird so zur Zustandsbeschreibung seines Helden Franz Lindner.
Es ist also wahrlich nicht einfach, in diesem Roman die Orientierung zu behalten und dem schlingernden Kurs des dystopischen Geschehens zu folgen. Franz Lindner verlässt mit dem Oberarzt Brandner, der Ärztin Christine Schäfer und weiteren Patienten und Pflegepersonal die Anstalt, um sich mit ihnen auf dem kleinen Gehöft des Tierarztes Eugen Lindner - er ist der Neffe des Ich-Erzählers -, eine provisorische Existenz aufzubauen und die dort angesiedelte Bienenzucht zu sichern. Es ist kalt. Immerfort schneit es. Die Natur zeigt sich unwirtlich und abweisend. Abbild einer unerklärlichen Zerstörung. Offensichtlich aber haben etliche Tiere das rätselhafte Inferno überstanden. Nicht nur die Bienen, auch andere Insekten, Hunde und ganze Krähenschwärme. Auch weitere Menschen tauchen auf und schließen sich in wechselnder Besetzung der Gemeinschaft an: Künstler eines Wanderzirkusses, Bewohner eines SOS-Kinderdorfes, zwei Gefängnisinsassen, die Traumleserin Lisha, die Afrikanerin Malia, mit der Franz Lindner eine Liebesbeziehung eingeht, der deutsche Major Heinrich Tann sowie der Feldwebel Alois Lechner.
„War es nicht merkwürdig, dass gerade wir, zum Großteil 'unnütze', 'unbrauchbare' Menschen, die Katastrophe im April überlebt hatten? Ich grübelte darüber nach. Mir fielen die beiden Kriminellen ein, die Madox erschossen hatten, und die Stimme im Naturhistorischen Museum … alle waren ebenfalls Eingesperrte gewesen … die SOS-Kinderdorf-Bewohner … die Zirkustiere, die wir auf unserer Flucht angetroffen hatten … Sie fügten sich … zusammen wie ein Puzzlespiel. War es ein Irrtum gewesen, überlegte ich, dass die Kriminellen ebenso freigekommen waren wie die sogenannten Geisteskranken? … Und wenn es ein Irrtum gewesen war, wer hatte sich geirrt? Die Natur?“

Tiere sprechen zum Helden

Es gehört zu den zentralen Motiven in Gerhard Roths Werk, dass Menschen in Katastrophen unterschiedlicher Art verwickelt werden. Frühere Romane wie „Die Hölle ist leer“ oder die „Irrfahrt des Michael Adrian“, Roths sogenannte Venedig-Romane, spielten mit dem Genre des Kriminalromans. Gewalt, Mord und Todessehnsucht trieben in diesen Büchern die Handlung voran. Auch hier begleitet von Paranoia, Fieberträumen und wahnhaften Zuständen ihrer Protagonisten. So kann dieses Weltuntergangsszenario in Roths Roman „Die Imker“ nicht wirklich überraschen. Es fügt sich ein in Roths pessimistische Sicht auf die Spezies Mensch. Deren Vergehen, so muss man Roth verstehen, ist die Hybris, mit der sie sich über die Natur erhebt. Der Mensch als Zerstörer, der seine Grenzen nicht erkennt. Eine Abweichung der Evolution. Einzig im vermeintlichen Unwissen der Tiere und der angeblichen Unvernunft der Irren und Weggesperrten zeigt sich nach Roths Verständnis ein erweitertes Bewusstsein. Aber auch diese Gegenwelt, so zeigt sich, ist letztendlich nicht frei von Widersprüchen und Gewalt. 
Im Roman „Die Imker“ erkundet die Überlebensgemeinschaft nach dem Einbruch der Katastrophe in unterschiedlicher Besetzung die nähere Umgebung. Mit dem Soldaten Lechner fliegen einige von ihnen sogar in entferntere Städte. Überall dasselbe Bild einer menschenentleerten Welt. In der österreichischen Heimatregion wechseln diese Versprengten mehrmals ihre Standorte. Mal siedeln sie sich in einer Kaserne an, dann in einem Kloster, als sie merken, dass offensichtlich noch eine weitere Menschen-Kolonie überlebt hat, die ihnen allerdings, so zeigt sich, feindlich gesinnt ist. Unaufhaltsam kommt diese näher. In seinen Visionen und Träumen vermag Franz Lindner den sich anbahnenden Kampf vorauszusehen. Auch hört er wieder die Stimmen der Tiere.
„Zwei Nächte vergingen, in denen ich kaum schlief. Immer wieder trat ich an das Fenster im Abtzimmer und versuchte, etwas zu hören oder zu sehen, doch auch die Krähen hatten nichts Neues zu vermelden. Das Schönwetter hielt unterdessen weiter an … Am vierten Tag nach dem Ballonstart der drei Männer erschienen die Krähen wieder auf dem Vorplatz, und ich hörte sie aufgeregt 'Es ist so weit! Es ist so weit!' krächzen. Als ich das Fenster öffnete, flogen einige von ihnen zu mir hinauf, um mir lautstark die Nachricht mitzuteilen. So schnell ich konnte, informierte ich die beiden jungen Männer darüber.“
Ein surreales, bizarres Szenario entfaltet Gerhard Roth hier auf fast 600 Seiten. An einer Stelle des Romans erwähnt der Autor Pauls Klees berühmtes Gemälde „Angelus Novus“ und die Interpretation Walter Benjamins vom Engel der Geschichte, der entsetzt auf die Trümmer der Vergangenheit blickt. Dass sich Roth diesem Denken verwandt fühlt, ist unübersehbar. Und so umkreist er geradezu manisch die menschliche Natur mit ihrem Hang zu Kampf und Zerstörung.
"'Auch der Krieg ist irreal', antwortete der Feldwebel. 'Die Verwüstung, das Chaos – alles irreal. Wir kennen den Krieg, aber wir begreifen ihn nicht. Niemand begreift, was wirklich vor sich geht. Selbst die Soldaten nicht, die ihm ausgeliefert sind. Sie sind mit einem Schlag zu Nummern geworden und betreten Niemandsland. Sie überleben und sterben als Zahlen im Niemandsland … als Niemande."  

Wahlverwandte von Hieronymus Bosch bis David Lynch

Bruchstückhaft, gemäß den wechselnden Bewusstseinszuständen des Ich-Erzählers, offenbaren sich die Verheerungen, denen die Überlebenden ausgesetzt sind. Dabei ist dieser Erzähler oft nicht von seinem Autor Gerhard Roth zu trennen. So verweist Franz Lindner mehrmals auf den Roman „Landläufiger Tod“ von Roth, den er, Lindner, einst geschrieben haben will. Dazu die zahlreichen Exkurse zur Bienenkunde, zur Fotografie, zur Psychiatrie, zur Gehirn- und Traumforschung, zu Kunstwerken von Pieter Breughel, Hieronymus Bosch, sowie zu Romanen von Edgar Allen Poe und Victor Hugo, zu Filmen von David Lynch und Andrei Tarkowski. Dies alles sind Themen und Wahlverwandtschaften des Österreichers Gerhard Roth. In etlichen Szenen des Romans „Die Imker“ gibt Roth zudem deutliche Hinweise auf sein eigenes ästhetisches Programm und Selbstverständnis. So im Kapitel "Der andalusische Hund". Die kleine versprengte Gemeinschaft schaut sich abends den gleichnamigen Film von Luis Buñuel und Salvatore Dalí an. Roth lässt Franz Lindner notieren:
„Ebenso wie die Logik Formeln, Sprache, Gedanken erzeugt, sollte das assoziative Denken in Form von Bildern und Szenen vorgeführt werden. Entstanden ist ein rätselhaftes Kunstwerk aus Intuition und alltäglichen sowie paranoiden Vorstellungen, mit dem einzigen Ziel, das ungeschnittene Rohmaterial von Gedanken, Erinnerungen und Zwangsvorstellungen im Gehirn und seine bildlichen und akustischen Aufnahmen aus der Wirklichkeit durch scheinbar wahllos zusammengewürfelte Szenen zum Vorschein zu bringen. 'Ein andalusischer Hund' hat für mich eine längere Lebensdauer als das Buch 'Die Traumdeutung' von Sigmund Freud, dessen Ablaufdatum vorprogrammiert war und von dem nur die Methodik erhalten bleibt. Denn Freuds Arbeit spiegelt in erster Linie Folgen der gesellschaftlich bedingten Zwangsmoral im Unbewussten der Menschen seiner Zeit wider, während 'Ein andalusischer Hund' das Unbewusste auf zeitlose Weise illustriert.“
Das Unbewusste und Rätselhafte illustriert Roth unter anderem auch durch immer wieder eingeschobene Reihungen surreal-aphoristischer Einzelsätze, die sich über mehrere Seiten hinziehen können und jeweils mit der Überschrift "Gedichte" gekennzeichnet sind. Ein Verfahren, das Roth bereits im „Landläufigen Tod“ anwendete.
„Gedichte II ('Sprachbilder')
Atlas des Unsichtbaren
Eine Reise in die Heimat der Sprache
Die Knospen am Nussbaum sind die Sporen des Hahnes.
Aus einer Weinflasche und Spielkarten bastelt der Bäcker den Blitzableiter, der das Haus in Brand setzt.
Der Käfer nimmt den Kotflügel als Fächer.
Wer den Kuckuck schießt, muss den Ehering schlucken.
Das Flugzeug des Präsidenten landet auf der Kegelbahn.
Damals hieß der Fluss Sumpfblut.
Zu Mittag erhalten alle, die zu spät kommen, Froschköpfe.
Die Schuldirektorin fing 111111 Fliegen in einem Sommer.
An den Wäscheleinen hängen die Unterhosen des Brautwerbers.“

Die reale Nervenheilanstalt Gugging

Gerhard Roth hat sich jahrzehntelang mit der labyrinthischen Welt des Wahns beschäftigt und diese – wie eben auch die Kommunikationsweisen der Bienen - zu seinem ästhetischen Prinzip gemacht. Der Ursprungsort seiner Einsichten und Erkenntnisse über den Wahn ist die im Roman genannte Nervenheilanstalt Gugging nahe Wien mit seinen Künstlerpersönlichkeiten im sogenannten  „Haus der Kunst“. In Roths berührendem Bild-Text-Band „Im Irrgarten der Bilder“ von 2012 hat er neben vielen anderen Insassen dem Dichter und Patienten Ernst Herbeck ein Denkmal gesetzt. Gut möglich, dass Gerhard Roth in seiner Figur des Franz Lindner den 1991 verstorbenen Ernst Herbeck, der ebenfalls schizophren war und wie Lindner seinen Namen veränderte, weiterleben lässt. Im Roman „Das Labyrinth“ von 2005 mit seinen zahlreichen autobiografischen Einschüben gab Gerhard Roth deutlich zu erkennen, wie sehr das Thema Wahn und Wirklichkeit sein literarisches Schaffen grundiert:
 „Seit 30 Jahren arbeite ich an einer Abhandlung unter dem Titel ‚Wahn und Sinn – Vom Sinn und Unsinn des Wahns‘. Hunderte Informationen habe ich darüber in meinen Notizbüchern und auf Karteikarten festgehalten, hunderte Kopien aus Büchern angefertigt, hunderte Gespräche mit Nervenärzten, Pflegern, Patienten, Schriftstellern, Künstlern, aber auch mit sogenannten normalen Menschen geführt, um die es mir ja geht. Ich komme zu dem Ergebnis, dass die normalen Menschen ihr Leben lang auf der Suche nach dem Wahnsinn sind, den sie ebenso fürchten wie sie ihn herbeiwünschen. Liegt nicht der allergrößte, der schrecklichste Wahnsinn in der Geschichte der Menschheit selbst, die nach allgemeinen Vorstellungen von ‚normalen‘ Menschen gemacht wird … nichts ist an Grauen und Gewalttätigkeit so reich wie die Geschichte der menschlichen Normalität“.
Rund tausend Menschen aus der Nervenheilanstalt Gugging wurden während der Nazizeit ermordet. Dieses Verbrechen sowie überhaupt das millionenfache Morden und die Nachwirkungen, wie sie sich in der österreichischen Provinz, aber auch in der Hauptstadt Wien im Totschweigen der Opfer oder auch im  Wegsperren unliebsamen Lebens zeigten, hatten einen großen Einfluss auf Roths Schaffen. Sein siebenbändiger Zyklus „Archive des Schweigens“, erschienen in den Jahren 1980 bis 1991, wie auch insbesondere im Roman „Der See“ von 1995, dem ersten Buch seines achtbändigen Zyklus „Orkus“, sind in diesem Kontext zu sehen.

Nur die Phantasie ist der Destruktion gewachsen

Aber Roths Werk greift von Beginn an weiter aus. Es versammelt, was nach seinem Verständnis von der modernen, vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft westlichen und bürgerlichen Zuschnitts ausgegrenzt und auf fatale Weise nicht verstanden wird. Dem ungehörten Teil der Weltgeschichte mit ihren anderen sprachlichen und zeitlichen Dimensionen Ausdruck und Geschichte zu verleihen, sagte Roth einmal, sei sein zentrales literarisches Anliegen. Dass er dieses nun in seinem posthum erschienenen Roman „Die Imker“ in eine Dystopie, in ein apokalyptisches Geschehen kleidet, soll wohl der Einsicht dienen: Die Dynamik der menschengemachten zerstörerischen Entwicklung ist zu mächtig geworden, um sie noch rational erfassen und beschreiben zu können. Nur die Phantasie, das seherische Potenzial, wie sie den Künsten, der Literatur, sowie einigen Texten der Bibel eigen sind - oder eben in den Visionen der Künstlerpatienten in Gugging aufgehoben -, können nach Roths Verständnis davon eine Ahnung geben.
Der Roman „Die Imker“ ist nun der Schlussstein in diesem gewaltigen literarischen Lebensprojekt des Gerhard Roth. Die verzweifelte Dringlichkeit, die aus diesem letzten Text des Österreichers spricht, berührt. Aber zur Wahrheit gehört auch: hier ist viel guter Wille gefragt, um bis zum Schluss dabeizubleiben. Es fehlt dem Buch die Spannung und sprachliche Dichte, die einst Roths hochgelobten Roman „Landläufiger Tod“ auszeichnete. Auch wirkt das dystopische Geschehen allzu bizarr. Aber Roths literarische Nachschöpfung schizophrenen Denkens mit seinen vielen Facetten, Spiegelungen und labyrinthischen Verzweigungen ist bewundernswürdig. In der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit ist sie wohl einzigartig.
Gerhard Roth: „Die Imker“
Mit Illustrationen von Erwin Wurm
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
560 Seiten, 32.- Euro.