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StartseiteHintergrundDie Bluttat von Erfurt:03.05.2002

Die Bluttat von Erfurt:

Von ungehörten Hilferufen, fassungslosen Lehrern und verzweifelten Eltern

Claudia Sanders

Die kräftigen, klaren Glockenschläge des Erfurter Doms scheinen die lähmende Trauer aus der Stadt vertreiben zu wollen. Der Tag sieben nach dem blutigen Amoklauf: Die Menschen sind noch weit davon entfernt, wieder zum Alltag zurückzukehren. Wie konnte es zu dieser Bluttat kommen? Akribisch hat der 19jährige seine Tat vorbereitet – über Monate hinweg. Und niemand hat etwas bemerkt. Weder die Eltern, noch die Lehrer.

Auch ganz wichtig ist, dass wir eine enge gute Zusammenarbeit haben zwischen Jugendhilfe und Schule, zwischen Familienhilfen und Schulen. Damit eben frühzeitig erkannt wird, wenn ein Kind/Jugendlicher sich in einer schwerwiegenden Krise befindet und man frühzeitig dann auch reagieren kann.

Meint Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn und zieht damit eine erste Konsequenz aus dem Amoklauf: Die Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern müsse unbedingt verbessert werden. Robert S. ging seit einem halben Jahr nicht mehr zur Schule: Rausgeschmissen, nachdem er ein Krankenattest fälschte, um sich zu entschuldigen- und die Eltern wussten von nichts. Vor einer Woche wünschte ihm seine Mutter noch viel Glück beim Abitur, bevor er das Haus verließ und 16 Menschen kaltblütig erschoss.

Robert habe angeblich selbst seine Familie über den Schulverweis informieren wollen, erklärt der Ministerpräsident von Thüringen, Bernhard Vogel. Dies sei formal zulässig gewesen, weil der Schüler volljährig war. Winfried Krauß, der Präsident des deutschen Lehrerverbandes:

Die Lehrer müssen intensiver auf Eltern zu gehen, sie müssen den Mumm haben bei Auffälligkeiten die Eltern in die Schule zu bitten, sie müssen die Eltern telefonisch und schriftlich informieren und sie müssen sicherlich auch gemeinsam mit den anderen Fachlehrern überlegen, ob man nicht eine zusätzliche Elternkonferenz einberuft, wenn es in einer Klasse knistert.

Der 19jährige hätte seinen Eltern nicht nur den Rausschmiss erklären müssen, sondern auch, dass er nun völlig ohne Schulabschluss da steht. Wer in Thüringen während der Oberstufe von der Schule fliegt, kann noch nicht einmal den Hauptschulabschluss vorweisen, selbst, wenn er die 10. Klasse erfolgreich überstanden hat: Eine Vorschrift, die einmalig in Deutschland ist, und, so der Thüringer Kultusminister Michael Krapp, die eingeführt worden sei, um den Zulauf an die Gymnasien zu bremsen.

Also: völlig versagt - Robert schweigt, seine Eltern bleiben ahnungslos. In anderen Bundesländern hätte der Amokläufer sein Schulversagen nicht so leicht verheimlichen können. Theoretisch wenigstens. Christian Pfeiffer, Justizminister in Niedersachsen:

Nach niedersächsischem Recht wäre es glatt ausgeschlossen, bei uns ist die strikte Anordnung, dass vor so einschneidenden Maßnahmen wie einem Schulverweis unbedingt informiert werden muss. Die Eltern werden eingeladen zu der Sitzung, egal wie alt ihr Sohn oder ihre Tochter ist, bei der über den denkbaren Ausschluss des Schülers entschieden wird. Die Eltern haben ein Recht sich zu beteiligen, müssen sogar eingebunden werden, falls sie vor das Verwaltungsgericht gehen wollen und sie müssen informiert werden, damit sich im Fall eines Schulausschlusses jemand um den Sohn oder die Tochter kümmert.

Und auch im Schulgesetz von Thüringen ist ähnliches geregelt: Der Schüler und dessen Erziehungsberechtigte müssen vor einem Schulausschluss gehört werden, heißt es da. Doch der Volljährige untersagte den Lehrern jeden Kontakt zu seiner Familie - so berichtete es Ministerpräsident Bernhard Vogel. Eine besondere Zusammenarbeit zwischen Roberts Eltern und den Lehrern scheint es nicht gegeben zu haben. Winfried Krauß, der Präsident des deutschen Lehrerverbandes:

Ja, aber dafür hätten wir dieses tragische Ereignis in Erfurt nicht gebraucht, um zu wissen, dass halt eine gewisse Distanz entstanden ist, zwischen diesen beiden wichtigsten Erziehungseinrichtungen. Nun muss man zur Ehrenrettung der Lehrer sagen und zur Ehrenrettung der Mehrzahl der Eltern sagen, dass beide Teile, beide Institutionen weitestgehend unkompliziert miteinander umgehen. Aber es gibt natürlich auch Lehrer die resigniert haben, und vielleicht auf Grund überhöhter oder etwas aggressiv vorgetragener elterlicher Ansprüche. Und es gibt natürlich auch Eltern, die vor ihren Kindern jede schulische Maßnahme unterminieren und bereits wegen einer drei in einer Stehgreifaufgabe den Rechtsanwalt bemühen. Also, da hängt der Segen dann ein bisschen schief, zwischen diesen beiden Erziehungseinrichtungen.

Ein bisschen schief? Das kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen untersuchte vor kurzem, wie häufig Schulschwänzer eine kriminelle Karriere einschlagen. Ihr Fazit, verkürzt dargestellt: Wer die Schule häufig schwänzt, begeht auch eher Straftaten. Und nebenbei fanden die Wissenschaftler noch etwas ganz anderes heraus. Christian Pfeiffer, der bis zu seiner Berufung als Justizminister der Leiter des kriminologischen Forschungsinstitutes in Niedersachsen war:

In der Hälfte der Fälle, in denen Jugendliche intensiv die Schule geschwänzt haben, haben die Eltern nichts erfahren, weil die Schule sich nicht darum gekümmert hat. Sie hat das manchmal absichtlich und manchmal unabsichtlich nicht offiziell zur Kenntnis genommen, überhaupt nicht darauf reagiert, den Jugendlichen gewähren lassen. Vielleicht nach dem Motto: "Der stört sowieso nur den Unterricht, ist doch gut, wenn er weg bleibt". Manchmal aber auch schlicht übersehen, irgendwas wird sich schon ergeben haben, man ist mit so vielen anderen Dingen beschäftigt und das etwa nicht nur in einer bestimmten Region Deutschlands, sondern überall wo wir geforscht haben: In Bayern genauso wie in Leipzig oder Hannover oder sonst wo.

Auch Robert S. hat die Schule geschwänzt. Das als Entschuldigung eingereichte, aber gefälschte Krankenattest war letztlich der Grund für seinen Schulverweis. Wussten die Eltern, dass ihr Sohn die Schule schwänzte? Oder wurden sie nicht informiert?

Es gibt eine Pflicht der Schule, was die Minderjährigen betrifft, was die volljährigen Schüler betrifft, wird es sogar schon ein bisschen schwierig, wir haben Schüler, die der Schule untersagen, Volljährige, überhaupt noch Kontakt mit den Eltern aufzunehmen. Ich würde sagen, die Schulen sollen ab sofort den Mut haben – so lange die Kinder zuhause wohnen und solange man darauf hoffen kann, dass die Eltern noch ein bisschen prägende Wirkung ausüben können auf ihre Kinder, dass auch die Leute beruflicher Schulen, die Leute von Gymnasien, also der Schulen, die mit Volljährigen zu tun haben, bei gehäuften Schulschwänzereien, bei drastisch absinkenden Leistungen und bei sonstigen Auffälligkeiten, den Mut haben, auch wenn dann möglicherweise von volljährigen Schülern mit dem Rechtsanwalt gedroht wird, den Mut haben, die Eltern zu informieren.

Was bedeutet, ausschließlich auf den "Mut" von Lehrern zu setzen, ob sie diesen Konflikt eingehen möchten. Anders hingegen die Situation in Großbritannien. Dort will man sich nicht alleine auf die Courage des Lehrers verlassen. So genannte "Schulverträge" sollen das Nötige zwischen Lehrern und Eltern regeln: Die Eltern verpflichten sich, das Kind pünktlich zum Unterricht zu schicken. Und die Schule ihrerseits kontrolliert, ob die Kinder auch in der Klasse sind. Wenn nicht, wird sofort mit den Eltern telefoniert. Ein ähnliches Modell gibt es bereits in einigen bayrischen Schulen. Winfried Krauß, der Präsident des deutschen Lehrerverbandes:

Darum haben viele Schulen in Deutschland, zum Beispiel in Bayern, nach der Ermordung der kleinen Natalie in der Augsburger Gegend vor einigen Jahren, sich ein sehr straffes Kontrollsystem angeeignet. In der Früh um acht Uhr müssen die Lehrer der ersten Stunde ins Sekretariat zurückmelden, wer nicht da ist. Dann sagt die Sekretärin, der und der ist krank gemeldet und wenn es da und dort noch etwas unaufgeklärtes gibt, dann wird spätestens um fünf nach acht bei den Eltern, möglicherweise auch am Arbeitsplatz der Eltern angerufen- das passt manchen Eltern gar nicht.

Die Zahl der Schuleschwänzer nimmt so rapide ab. Doch noch ein anderer, mindestens genauso wichtiger Effekt wird erreicht und stärkt schließlich die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern, meint der niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer:

Es kommt dadurch überhaupt das Gespräch zustande und dann freilich merkt man, es gibt Jugendliche die bleiben hartnäckige Schwänzer, da hilft die Androhung von Kontrolle nicht und das ist dann ganz klar ein Signal, dass man die Jugendhilfe braucht, den psychologischen Dienst, dass die Schule alleine mit dem Problem nicht klar kommt.

Robert S. scheint solch ein "Fall" gewesen zu sein. Die Lehrer kamen nicht weiter. Und die Eltern blieben außen vor, sahen die Signale nicht, konnten sie vielleicht auch nicht erkennen. In einem offenen Brief schrieb die Familie:

Seit dieser schrecklichen Tat vom vergangenem Freitag fragen wir uns immer und immer wieder, woher der Hass und die Verzweiflung von Robert kamen und warum wir nicht davon früher erfahren haben.

Obwohl der Amokläufer erst 19 Jahre jung war, wollte er offenbar mit aller Macht andere töten und selber sterben. So unverständlich diese grausame Tat ist, den Wunsch zu sterben, haben zahlreiche Kinder und Jugendliche. Und sie setzen ihn um – nur weniger spektakulär und nicht mit dem Wunsch verbunden, andere mit in den Tod zu reißen. Jeden Tag töten sich drei Kinder und Jugendliche in Deutschland. Experten schätzen, dass es täglich 40 Suizidversuche von bis zu 25jährigen gibt. Freunde und Eltern bleiben ratlos zurück.

Hilfe bietet in solchen Fällen zum Beispiel die Beratungsstelle "Neuhland" in Berlin. Deren Mitarbeiter wenden sich gezielt an suizidgefährdete Kinder und Jugendliche. Im Schnitt 1.000 Menschen – nur aus dem Raum Berlin- wenden sich jährlich an die Mitarbeiter von "Neuhland". Suizidgedanken- und versuche seien ein Hilferuf. Oft genug verhalle dieser aber ungehört, glaubt Gerd Storchmann vom Verein "Neuhland".

Es ist wirklich das große Problem, dass das Umfeld das oft nicht wahrnimmt Es ist andererseits so, dass wir wissen, dass 95 Prozent aller Suizidversuche angekündigt werden. Das heißt, man muss sensibel auf die Botschaften hören, die solch ein Kind/Jugendlicher sagt, die sind immer ernst zu nehmen, also, es kommen zum Beispiel Sätze wie: "Es hat alle keinen Sinn mehr" oder " Ich kann nicht mehr" oder "Ich fall euch zur Last" oder dieses berühmte malen, Kreuze malen und Särge malen, was ein Anzeichen sein KANN für Suizidgedanken. Was besonders wichtig ist: Wenn ein Jugendlicher sich zurückzieht, wenn er sein Verhalten verändert, wenn er die Freunde nicht mehr sehen will, wenn er Sachen verschenkt, die ihm wichtig sind, und all dies sind Anzeichen, die man wahrnehmen kann und sollte. Und man sollte den Jugendlichen darauf ansprechen, es ist bloß oft so, dass es nicht wahrgenommen wird.

Ob es so auch den Eltern von Robert S. gegangen ist? Vielleicht wollten sie auch nicht wahrhaben, was sich vor ihren Augen abspielte.

"Wir waren bis zu dieser brutalen Wahnsinnstat eine ganz normale Familie und haben Robert anders Gekannt....",

... schreiben die Eltern in ihrem offenen Brief.

Es kann sein, dass das Umfeld einfach sehr beschäftigt ist, dass die Eltern genug mit ihren eigenen Problemen zu tun haben und gar nicht so die Dramatik, Probleme des Kindes Jugendlichen sehen. Es kommt oft vor, dass die Probleme, die Jugendliche haben nicht so wichtig, nicht so ernst genommen werden, dass die Eltern aus ihrer Erwachsenensicht sagen: "Na ja, da musst du durch, das habe ich früher auch erlebt, und ich hab das auch geschafft und das ist doch alles nicht so schlimm, und das sind Botschaften, die bei dem jugendlichen ganz schlecht ankommen, also, da fühlt der sich nicht ernst genommen, da fühlt der sich nicht wahr genommen in seiner Problematik und wird auch wütenden und will dann auch nicht mehr reden. Das wichtigste ist: Man muss die Jugendlichen ernst nehmen und gucken, dass man ins Gespräch kommt, das passiert oft aber leider nicht.

Das Hilfskonzept der Beratungsstelle für suizidgefährdete Kinder und Jugendliche scheint dabei einfach: Zuhören und sich Zeit nehmen. Heute offenbar keine Selbstverständlichkeit mehr.

Na, fängt so an, wie ich es eben beschrieben haben, dass wir den Jugendlichen zuhören, dass wir gucken, was ist das Problem, was schildert er uns. Dadurch passiert schon was, er fühlt sich ernst genommen und dann schaut man, das etwas genauer an, unter Umständen muss man auch Vermittlungsgespräche führen, mit den Eltern, mit den Lehrern.

Eltern sind oft genug hilflos, wenn es um die Erziehung ihrer Kinder geht. Ist der Kontakt zum Nachwuchs erst einmal abgebrochen - wird nicht mehr geredet, weil man sich nichts mehr zu sagen hat - ist es schwer, wieder einen Weg zurück zu finden. Soweit dürfe es gar nicht erst kommen, meinen Experten. Auch aus Unwissenheit würden manche Eltern in der Erziehung Fehler machen. Doch wer gesteht sich schon gerne ein, dass er tatsächlich Unterstützung braucht, um mit dem Nachwuchs noch klar zu kommen? Die Hilf- und Sprachlosigkeit deutscher Väter und Mütter scheint auf jeden Fall zuzunehmen. Jörg Schütt ist der Direktor einer Sonderschule für so genannte "Erziehungsschwierige Kinder" in der Nähe von Bonn, im Rhein-Sieg Kreis.

Als ich anfing, an dem Schultyp, war das typische Aufnahmealter an der Schule für Erziehungshilfe elf bis 12 Jahre, manchmal noch später, und jetzt ist es so, dass wir Kinder aus den Kindergärten gemeldet bekommen, beziehungsweise die Kindergärten die Kinder schon fast nicht nehmen können, weil die so auffällig sind in ihrer Fehlentwicklung, oder in ihrer Nicht-Entwicklung, dass die auch in einer normalen Kindergartengruppe nicht mehr führbar sind. Und dann sind wir relativ schnell mit dabei. Die müssen natürlich schulpflichtig sein, aber es gibt keine Institution, die im Vorfeld schon greift … Wir haben jetzt jedes Schuljahr eine komplette Klasse mit ersten Schuljahrs Kindern, die vorher noch nicht in der Schule waren oder das Erste wiederholen, jeweils 10 Kinder, und vor fünf Jahren noch, da waren es vielleicht ein oder zwei Kinder und vor zehn Jahren hatten wir gar keine in dem Bereich.

Allein in Nordrhein-Westfalen steigt der Bedarf an Plätzen für Erziehungsschwierige jährlich um sieben Prozent. Diese Schulen sind heiß begehrt, aber rar gesät. Und es sind nicht nur die Kinder aus vermeintlich schlechten Verhältnissen, die dort landen. Erst vor kurzem habe er einen Siebenjährigen aus einer anscheinend intakten Familie aufgenommen, beschreibt Schütt seinen Schulalltag. Das Kind konnte noch nicht einmal einen Stift richtig halten: Es hatte ihm niemand gezeigt. Von einer positiven Entwicklung weiß der Schuldirektor aber zu berichten: Die Bereitschaft der Eltern, mit der Schule zusammen zu Arbeiten, sei gestiegen.

Das hat eigentlich zugenommen. Früher war Elternarbeit bei uns wirklich- wie soll man sagen - viel Mühe für wenig Effekt und jetzt, die Kinder sind auch jünger geworden, das kommt dazu. Unser Durchschnittsaufnahmealter hat sich deutlich abgesenkt und wenn Eltern jetzt kommen, dann sind die deutlich besorgt. Von sagen wir mal 20 die neu kommen, wollen 18 mitarbeiten.

Je jünger, die Kinder, desto größer das Engagement der Eltern. Diese Beobachtung wird in Australien beispielsweise konkret umgesetzt. Der niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer:

In Australien gibt es mittlerweile fast 100 Elternschulen, angedockt an Kindergärten. Die Idee ist, das hat man empirisch getestet, Eltern von dreijährigen Kindern, von vierjährigen, haben die höchste Bereitschaft sich Rat zu holen. Das sind die, die dann auch Bücher kaufen "Wie erziehe ich mein Kind richtig?", leider werden die Bücher kaum gelesen, die verschwinden dann im Bücherschrank, an dem Kauf sieht man aber, sie haben so einen Moment, wo man das Kind noch sehr liebt, wo es noch harmlos ist, aber langsam quengelt es, es wird nervig und man braucht Hilfe.

In diesen australischen Elternschulen werden Filme vorgeführt, die einzelne Aspekte der Erziehung unter die Lupe nehmen. Die Streifen sind so gut gemacht, dass sie mittlerweile sogar schon zur besten Sendezeit im Fernsehen laufen. In den Elternschulen wird aber auch konkrete Einzelberatung angeboten. Für diese Väter und Mütter ist es kein Tabu, sich Erziehungstipps geben zu lassen.

Und das Tolle ist: Man erreicht nicht nur die liberalen, netten Eltern, die sowieso immer kommen, man erreicht auch die schwierigen, die Alleinerziehenden, die in Schwierigkeiten sind, weil sie immer alles mit sich alleine ausmachen müssen, die, die als Einwanderer gerade angekommen sind und neugierig sind. Also, wenn man es spannend macht, kostenlos und unterhaltsam, dann hat man eine Chance wirklich einzusteigen und man bietet Beratung für Problemfälle an.

Ob solche Modelle den Amoklauf von Erfurt verhindert hätten? Niemand kann das beantworten. Christian Pfeiffer:

Ich vermute, dass die Kommunikation im Elternhaus stark gestört war, da muss es keinerlei Vertrauensverhältnis gegeben haben, dass die überhaupt nichts gemerkt haben. Und da er nie jemanden angegriffen hat, er ist weder einem Lehrer an die Gurgel gegangen, noch hat er Schüler erpresst, also zusammengeschlagen.. war unauffällig, aber er hat geschwänzt, darüber wurde jedoch hinüber weggegangen .. war nicht erkennbar, nur für sehr geschulte Leute .. er ist völlig auf die Waffen abgefahren .. da hätte man misstrauisch werden müssen, aber im Nachhinein weiß man es immer besser, also kein Vorwurf, das jemand was nicht erkannt hat.

Vermutlich, so Pfeiffer, trugen auch die brutalen Computerspiele, die Robert besaß, das ihre dazu bei und verstärkten die Aggressionen des 19jährigen. Schließlich gibt es aus der Sicht von Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, nur einen Weg, solch ein Drama in Zukunft zu verhindern: Sich "Zeit nehmen".

Darum meine ich, wenn uns das gelingt, die sicherste präventive Maßnahme gegen Gewalt wäre, dass wir einfach mehr Interesse am Mitmenschen zeigen, dass wir die sozialen Antennen ausfahren, dass wir ein zwischenmenschliches Frühwarnsystem entwickeln, dass wir eine Kultur des Zuhörens entwickeln und gerade auf solche Schüler, auf einzelgängerische Schüler, so unbequem die auch sein mögen, zu zu gehen.

Die Familie von Robert S. schließt ihren offenen Brief mit den Worten:

"Bis jetzt haben wir nicht die Zeit gefunden, um unseren Sohn und Bruder zu trauern, wir denken an die Opfer und sind mit unseren Gedanken bei ihren Familien.

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