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StartseitePolitische Literatur (Archiv)"Die Darstellungen der Opfer selten zu Rate gezogen"30.07.2007

"Die Darstellungen der Opfer selten zu Rate gezogen"

Eine Zwischenbilanz des Editionsprojekts über NS-Vernichtungslager

"Der Ort des Terrors" ist ein auf inzwischen neun Bände angelegtes publizistisches Großprojekt überschrieben, in dem Wolfgang Benz und Barbara Distel die - so auch der Untertitel - "Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager" darstellen wollen. In diesem Frühjahr ist nun Band 5 der Reihe erschienen. In seinem Zentrum steht Auschwitz, also jenes Konzentrationslager, das als Synonym für die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gilt.

Eine Rezension von Hans G. Helms

Das Konzentrationslager Auschwitz (1945) (AP Archiv)
Das Konzentrationslager Auschwitz (1945) (AP Archiv)

"Zum Wesen nationalsozialistischer Herrschaft gehört das System des Terrors, das in der Regie der SS ganz Europa mit einem Netz von Konzentrationslagern überzog ( ... ). Insgesamt existierten 24 Hauptlager mit etwa 1000 Außenlagern. ( ... ) Die Spuren vieler Orte dieser Lager sind getilgt, damit sind sie auch aus der Erinnerung verdrängt, und ihre Existenz ist vergessen. ( ... ) Die historische Forschung hat sich des leidigen Themas erst spät angenommen. Lange blieb die Historiographie der Verfolgung im Konzentrationslager ganz den ehemaligen Häftlingen überlassen."

Mit diesen Sätzen wecken die Herausgeber Wolfgang Benz und Barbara Distel im Vorwort zu Band 1 ihrer Mammutedition Der Ort des Terrors die Erwartung auf eine grundlegende Forschungsarbeit, die die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager um einen Quantensprung des Begreifens der NS-Verbrechen voranbrächte. Das ist nicht der Fall. Es werden lediglich bereits vorliegende Forschungsergebnisse zusammengetragen und in eine vorgegebene Struktur gepresst. Unerfüllt bleibt auch die Hoffnung auf eine Darstellung aus der Sicht der Opfer, die zu Hunderten ihr Leiden in den Lagern konkret beschrieben haben. Zumal, wie es im Vorwort heißt,

"die Strukturen des KZ-Systems gut erforscht sind."

Anders als in den Publikationen mancher deutscher Historiker und der des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, das ehemalige Auschwitz-Häftlinge begründet haben, werden im Ort des Terrors die Darstellungen der Opfer selten zu Rate gezogen. - Bis heute entschließen sich junge Leute zu einer Reise nach Auschwitz zumeist, nachdem sie in der Schule von einem Überlebenden gehört haben, welche Verbrechen an ihnen selbst und den Millionen Toten begangen wurden. Überlebende wird es bald nicht mehr geben. Möchte dann ein die administrative Sicht der SS reflektierendes Kapitel Jugendliche motivieren, in Auschwitz die Verbrechen begreifen zu lernen und an der Erhaltung der Gedenkstätte mitzuwirken? In diesem von 7 auf 9 Bände erweiterten Standardwerk kommen die Opfer bloß als Zahlenkolonnen vor, nicht als Individuen. Man wird es wohl nur zum Nachschlagen benutzen.
Es verdrießt, dass selbst ein solches Opus magnum von gravierenden Fehlern nicht frei ist.

Ein Phantasieprodukt ist der Abschnitt "Musterstadt" Auschwitz. Er stützt sich auf die gleichnamige Studie von Sybille Steinbacher, die sich mit den im Zuge der NS-Germanisierungspolitik entworfenen Planungen für die Stadt Oswiecim befasst. Obwohl Steinbacher einräumt, dass von den Projekten kaum eins realisiert wurde, wird in dem Abschnitt behauptet:

"In unmittelbarer Nachbarschaft des Konzentrationslagers Auschwitz wurde ( ... ) die Stadt zur mustergültigen 'Wohnstadt' und Werkssiedlung für deutsche I.G. Farben-Mitarbeiter umgestaltet."

Ohne sich von Idealplänen leiten zu lassen, baute die IG Auschwitz eine kleine Siedlung am Ostrand von Oswiecim für ihre wichtigsten Mitarbeiter im Bunawerk Monowitz. Nie entstanden ist ...

"eine "neu errichtete SS-Siedlung ( ... ), die bald den Charakter eines eigenen Stadtviertels für tausende SS-Leute mit ihren Familien annahm."

In der Einleitung zu den Standort- und Kommandanturbefehle(n) des Konzentrationslagers Auschwitz heißt es richtig:

"Das Wachpersonal lebte teils in Unterkünften auf dem Gelände des Stammlagers, teils außerhalb des Lagerbereichs in Wohnhäusern, die ( ... ) von der SS beschlagnahmt worden waren."

Die Entscheidung der I.G. Farben am 6. Februar 1941, in Dwory bei Oswiecim ein gigantisches Buna- und Hydrierwerk zu errichten, veranlasste die SS, Häftlinge als Sklavenarbeiter an die Industrie zu vermieten.

"Zu den "ausschlaggebenden Faktoren der Standortwahl Auschwitz (gehörte) das Arbeitskräftepotential des Konzentrationslagers. Himmler ( ... ) befahl ( ... ), das Lager auf eine Kapazität von 30 000 Häftlingen auszubauen, von denen ein Drittel zur Sklavenarbeit im Bunawerk vorgesehen war."

In Regie der I.G. Farben entstand 1942 auf dem Werksgelände das Lager Monowitz, das erste und größte Außenlager bei Industriebetrieben. Der Verleih von Häftlingen führte zu einer Umstrukturierung im Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS. Im Kapitel Auschwitz wird fälschlich behauptet:

"Die "Organisation der SS ( ... ) in Auschwitz entsprach der in den anderen Konzentrationslagern".

Nein. Speziell in Auschwitz wurde der Arbeitseinsatz ausgegliedert. Dazu Franciszek Piper:

"Formell dem Lagerkommandanten untergeordnet, unterstand (der Arbeitseinsatzführer) tatsächlich dem ( ... ) Wirtschafts-Verwaltungshauptamt, von dem er die Anweisungen über die Kommandantur vermittelt erhielt. ( ... ) 'Die Lagerkommandanten selbst dürfen eigenmächtig keine Arbeiten von dritter Seite annehmen, noch Verhandlungen hierüber führen'."

Das Stammlager Auschwitz I konnte die der IG Auschwitz zugesagten 10 000 Arbeitssklaven nicht bereitstellen, weil die Häftlinge infolge von Hunger, Seuchen, Schwerstarbeit und Terror nicht lange überlebten. Um über mehr Arbeitssklaven zu verfügen, befahl Himmler die Anlage von Auschwitz II Birkenau auf dem Sumpfgelände von Brzezinka. Das Kapitel vermittelt den Eindruck, als wäre Birkenau kontinuierlich realisiert worden. Tatsächlich blieb der Ausbau bald stecken. Auf Grund welcher politischen Kontexte er schließlich fortgesetzt werden konnte, erhellen hier nicht berücksichtigte Dokumente und Studien. Am 15.09.1942 berichtete Oswald Pohl, der Chef des WVHA, Reichsführer Himmler über eine Besprechung mit Rüstungsminister Speer:

"Reichsminister Prof. Speer hat die Vergrößerung des Barackenlagers Auschwitz in vollem Umfang genehmigt und ein zusätzliches Bauvolumen von 13,7 Millionen Reichsmark bereitgestellt. ( ... ) Wenn dieses Bauprogramm durchgeführt ist, können in Auschwitz insgesamt 132 000 Mann ständig untergebracht werden. ( ... ) Reichsminister Prof. Speer will ( ... ) kurzfristig den Einsatz von zunächst 50 000 arbeitsfähigen Juden ( ... ) gewährleisten. Die ( ... ) notwendigen Arbeitskräfte werden wir in erster Linie aus der Ostwanderung abschöpfen."

Mit seinen Zusagen und Anforderungen beschleunigte Speer die Endlösung der Judenfrage, indem er die SS anspornte, Juden aus ganz Europa nach Auschwitz zu deportieren. Die Historikerin Susanne Willems resümiert Speers Ziel:

"Die Auftragslage der deutschen Industrie (gab) die Sollzahlen der Deportationen nach Auschwitz vor, und weil von den Deportierten nur die arbeitsfähigen für die Sklavenarbeit in Frage kamen, war die Selektion aller anderen in die Gaskammern Bedingung des Projekts, Auschwitz zur Drehscheibe des europäischen Sklavenmarkts auszubauen."

Die Material- und Kostenaufstellung der Zentralbauleitung Auschwitz enthält folglich außer Baracken, Wach- und Kommandanturgebäuden, Drahtzaun und dem Gleisanschluss nach Birkenau auch die vier Krematorien samt Gaskammern, deren gesprengte Trümmer heute noch vom Massenmord zeugen. In von ihr entdeckten und publizierten Akten, berichtet Willems,

"bezeichnete die SS (das Ausbauprogramm für Auschwitz-Birkenau) als 'Sonderprogramm Prof. Speer' und 'zusätzliches Bauvolumen Reichsminister Prof. Speer'. Speers Name war das Programm für den Ausbau von Auschwitz. (Erst) Speers Interesse an der massenhaften Versklavung der als arbeitsfähig selektierten Deportierten in der Rüstungsindustrie (ermöglichte es), den Ausbau des Lagers Birkenau Ende 1942 überhaupt fortzusetzen."

Im Mai 1943 ließ Speer zwei seiner Mitarbeiter den Baufortschritt in Birkenau kontrollieren. Sie wurden vom obersten SS-Bauherrn und vom KZ-Kommandanten empfangen. Es ging vor allem um die Seuchengefahr wegen fehlender Be-und Entwässerung. Dann besichtigte man gemeinsam die gesamte Anlage und verhandelte beim Lunch im SS-Führerheim über die benötigten Eisenkontingente. Schon wenige Tage später teilte Speer die angeforderten Mengen zu, und Birkenau wurde weiter ausgebaut.

Forschungsmängel wie die kritisierten und die generelle Sicht aus der Verwaltungsperspektive der SS mindern den Informationswert des Kompendiums beträchtlich. Immerhin ist dem Ort des Terrors ein Verdienst zuzubilligen: Es besteht in der erstmaligen Zusammenfassung des vorfindlichen Wissens über das reichsweite Netz der mehr als eintausend Außenlager, in denen die meisten KZ-Gefangenen als Sklavenarbeiter für die Unternehmen der deutschen Kriegswirtschaft bis zum letzten Tag der Naziherrschaft zu Tode geschunden wurden.

Hans G. Helms über den Band "Hinzert, Auschwitz, Neuengamme". Er ist als Band 5 in der von Wolfgang Benz und Barbara Distel herausgegebenen Edition "Der Ort des Terrors - Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager" bei C. H. Beck in München erschienen. 591 Seiten, 59,90 Euro.
Die Gesamtedition soll bis Frühjahr 2009 abgeschlossen sein.

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