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StartseiteBüchermarktEthos und Gemeinschaftsideal29.09.2021

"Die Deutschen und ihre Antike" Ethos und Gemeinschaftsideal

Kaum eine kulturelle Epoche hat größere Wirkung in der deutschen Bildungspolitik gehabt wie die Antike. Stefan Rebenich zeichnet den Weg einer Antikensehnsucht und -erforschung durch zwei Jahrhunderte und durch fünf verschiedene Epochen - vom Kaiserreich über die NS-Zeit bis ins geteilte Deutschland.

Von Katharina Teutsch

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Der Autor Stefan Rebenich und das Cover seines Buchs „Die Deutschen und die Antike. Eine wechselvolle Beziehung“ (Cover Klett-Cotta, Autorenportrait (c) privat)
Stefan Rebenich warnt in seiner Studie vor einer ahistorischen Aktualisierung der Vergangenheit (Cover Klett-Cotta, Autorenportrait (c) privat)
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"Wo stehen wir?", fragte Wilhelm von Humboldt einmal mit Blick auf das hinter ihm liegende 18. Jahrhundert. "Welchen Teil ihres langen und mühevollen Weges hat die Menschheit zurückgelegt?" Da blickte er bereits auf eine lange Antikenrezeption in Deutschland zurück. Der Althistoriker Stefan Rebenich hat jetzt ein Buch über die wechselvolle Geschichte dieser Rezeption geschrieben. Zu Humboldts Zeiten wurden die griechischen Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides gelesen sowie die attischen Redner. Im Lateinischen waren es Cicero und die Dichter des Augusteischen Zeitalters Vergil, Horaz und Ovid. Andere Kulturen des Altertums wie der Alte Orient und Ägypten standen neben der griechisch-römischen Prominenz etwas im Abseits. In der akademischen Rezeption der Antike spielen vor allem Ethos und Gemeinschaftsideal des antiken Menschen eine Rolle. Stefan Rebenich unternimmt auf mehr als 400 Seiten nun einen Parforceritt durch die Geschichte seiner Disziplin, die Altertumswissenschaft. Er beginnt in der Preußischen Akademie der Wissenschaften mit den Master Minds des märkischen Wissenschaftsbetriebs. Erst bekommt Wilhelm von Humboldt seinen Auftritt. Dann Theodor Mommsen, dessen Biograf Rebenich ist. Gemeinsam ist den Leitwölfen der Akademie ihr Ringen um einen Antikenbegriff, den Rebenich als die "säkulare Bildungsreligion" des erstarkenden Bürgertums mit nationalen Sehnsüchten bezeichnet.

Edle Einfalt

"Das neue Bildungsideal, das hier mit Wilhelm von Humboldt assoziiert wird, richtete sich gegen die absolutistische Welt der Stände; denn die neue Bildungselite war radikal meritokratisch."

So wird im Buch immer wieder die ideologische Inanspruchnahme der Antike für die Beschaffenheit des neuen Menschen diskutiert. Bildung wird hier als Prozess der Selbstvervollkommnung nachgezeichnet. Man denke nur an die Winckelmannsche Feier von "stiller Größe" und "edler Einfalt", die er bei den Alten aufzufinden meinte. Ein Topos, der im deutschen Nationalisierungsprozess immer weiter ausgesponnen wird und den Rebenich bis in die biologistischen Tiefpunkte der Disziplin unter Hitler rekonstruiert. Ein Stichwort ist Otto Seecks berühmt gewordene These von der "Ausrottung der Besten", die er in seiner mehrbändigen "Geschichte des Untergangs der Antiken Welt" entfaltete. Deutlich vor der NS-Machtergreifung, aber konform mit dem sozialdarwinistischen Zeitgeist eines Oswald Spengler.

Nebenbei erfährt der Laie interessante Dinge. Zum Beispiel, dass der bayrische König ein Griechenlandliebhaber, ein Philhellene, gewesen sei und aus dieser Leidenschaft heraus den Buchstaben Ypsilon in sein Königreich importiert hatte. Baiern wurde damals noch mit AI geschrieben.

Und man erfährt von einer Institution namens "Reichslimeskommission", in der man im neunzehnten Jahrhundert erbittert um die Deutung des größten Bodendenkmals Mitteleuropas stritt.

Erforschung der Erforschung

Gibt es so etwas wie einen Leitfaden, nachdem man das Buch lesen kann?

Grob gesagt macht Rebenich eine Entwicklung von der Erforschung der Antiken Quellen hin zu einer Erforschung der Antiken Quellenforschung aus. Will heißen:

"Die antike Tradition kann nur geschichtlich verstanden werden. Die Wissenschaftsgeschichte der Altertumswissenschaften zeigt beispielhaft, dass jede Forscherin und jeder Forscher die zeitgenössischen Voraussetzungen bei der Auswahl seiner Themen und Methoden genau reflektieren muss, um die Gefahr einer ahistorischen Aktualisierung der Vergangenheit zu vermeiden – sei sie affirmativ oder aversiv."

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Reine Männerdisziplin

Seien wir ehrlich, von Forscherinnen ist in diesem Buch so gut wie nicht die Rede. Wie Rebenich in seiner Einleitung selbst eingesteht, ist in einer ausgesprochenen Männerdisziplin, in der es über Jahrhunderte um nichts weniger als um alles zu gehen schien, kaum je eine Frau auch nur in die Nähe eines Lehrstuhls gekommen. Das änderte sich erst zaghaft ab dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts.

"Die Geschichte der Frauen in den Altertumswissenschaften und überhaupt ihrer Bedeutung für die Rezeption der klassischen Antike muss in der Tat erst noch geschrieben werden", schreibt Rebenich.

Heute, stellt er zudem fest, müssten sich seine Kollegen ohnehin mehr denn je erklären. Immer weniger Studenten verfügten über philologische Kenntnisse. Vom Umgang mit Originalquellen verstehen nur noch vereinzelte Experten etwas. Deswegen sei es heute um so wichtiger, die "kritische Funktion" der Wissenschaft in jedem einzelnen Fall zu verteidigen gegen rechte oder linke Vereinnahmungen, gegen unzulässige Aktualisierungen und Romantisierungen.

Moderne Identitätsfragen

Die über 2500-jährige Wirkungsgeschichte der Antike ist heute nicht zuletzt mit dieser Studie zum selbständigen Gegenstand der Forschung geworden. Bildungsgeschichte, Wirkungsgeschichte, Diskursgeschichte, Ideengeschichte, Begriffsgeschichte heißen die aktuelleren Fragestellungen der Altertumswissenschaft. Die ganz aktuellen beschäftigen sich mit modernen Identitätsfragen von Zentrum und Peripherie, mit kultureller Hybridität und alternativen Narrativen zu den europäischen Meistererzählungen. Die Antike erscheint etwa im Lichte der Postkolonial Studies oder der Gender Studies noch einmal in einem veränderten Licht.

Was lässt sich also abschließend sagen zu Wesen, Werk und Wirken der Altertumswissenschaften in Deutschland? Die "Resilienz der historischen Formation Antike – ja, auch diesen Begriff finden wir in Rebenichs Studie – sei trotz aller Ups and Downs der Weltgeschichte überwältigend. Wie sagte der alte Schlegel noch 1798?

"Jeder hat noch in den Alten gefunden, was er brauchte, oder wünschte; vorzüglich sich selbst."

Stefan Rebenich: "Die Deutschen und ihre Antike.
Eine wechselvolle Beziehung"
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2021
496 Seiten, 38 Euro.

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