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StartseiteKalenderblattDie erste "rote Gräfin"10.08.2005

Die erste "rote Gräfin"

Vor 200 Jahren wurde die Politikerin Sophie von Hatzfeldt geboren

Unbeugsam pochte Sophie Gräfin von Hatzfeldt darauf, dass sie dieselben Rechte habe wie ein Mann, und nahm sie sich. Dabei kam ihr der Schriftsteller Ferdinand Lassalle zu Hilfe. Er inszenierte ihre Scheidung als revolutionären Kampf. Zusammen mit Lasalle trat die Gräfin dem neu gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein bei, und nahm, als er bald darauf starb, seinen Platz an dessen Spitze ein.

Von Ulrike Rückert

Der Schriftsteller und Politiker Ferdinand Lassalle erkämpfte für die Gräfin 23 Jahre nach ihrer Zwangsverheiratung die Scheidung, und hatte starken Einfluss auf ihre politischen Ideen. (AP Archiv)
Der Schriftsteller und Politiker Ferdinand Lassalle erkämpfte für die Gräfin 23 Jahre nach ihrer Zwangsverheiratung die Scheidung, und hatte starken Einfluss auf ihre politischen Ideen. (AP Archiv)

"Meine Eltern haben das größte Unrecht gegen mich begangen, sie haben mich als Kind von 16 Jahren des Vorteils wegen in eine Ehe verkauft, von der sie wussten, dass sie sehr unglücklich für mich sein musste."

Gräfin Sophie von Hatzfeldt wehrte sich und pochte darauf,

"dass ich absolut die gleichen Rechte habe wie der Graf, dass was für ihn gilt, auch für mich gilt."

Sie rauchte Zigarren, reiste viel und hatte Liebhaber. Der Ehekrieg machte sie zur Skandalfigur im preußischen Biedermeier. Doch eine Scheidung ließ die Familie lange nicht zu. Sie war schon 23 Jahre verheiratet, als der junge Ferdinand Lassalle sich ihr 1846 als Advokat anbot. Er betrachtete das adlige Ehedrama nicht als Privatsache.

"Ich sah vor mir, in der Person eines einzelnen individuellen Lebens, die Verkörperung aller empörenden Ungerechtigkeiten der veralteten Welt, die Verkörperung aller Missbräuche der Macht, der Gewalt und des Reichtums, allen Druck unserer sozialen Ordnung."

Lassalle inszenierte die Scheidung als revolutionären Kampf. Im Austausch mit ihm entwickelte Sophie von Hatzfeldt neue politische Ansichten. Gemeinsam zog das ungleiche Paar nach Düsseldorf und spielte dort 1848 eine zentrale Rolle. Der Polizeipräsident:

"Bekanntlich gehören die Gräfin von Hatzfeldt und der berüchtigte Literat Lassalle zu den tätigsten und gefährlichsten Leitern der Umsturzpartei in der Rheinprovinz."

Acht Jahre dauerten die Scheidungsprozesse. Danach widmete sich Lassalle wissenschaftlichen Projekten, unterstützt von der Gräfin. 1861 reisten sie nach Italien und trafen Garibaldi und andere Führer der Einheitsbewegung. Das folgende Jahr verbrachte Sophie von Hatzfeldt in Zürich. Zusammen mit dem 48er-Emigranten und Italienkämpfer Wilhelm Rüstow reiste sie durch Süddeutschland.

"… und Sie können denken, dass ich keine Gelegenheit zur Wühlerei versäume."

Im Mai 1863 wurde Lassalle Präsident des neu gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins und entfaltete eine intensive politische Aktivität. Da war Sophie von Hatzfeldt wieder an seiner Seite. Den ADAV betrachtete sie als ihr gemeinsames Anliegen.

"Unser Denken ist ein gleiches und identifiziertes geworden."

Doch ein Jahr später kam Lassalle bei einem Duell zu Tode. Um sein Lebenswerk zu bewahren, wurde Sophie von Hatzfeldt mit 59 Jahren zur aktiven Politikerin. Auch die Führer der Arbeiterbewegung hielten sie für die geeignete Integrationsfigur.

"(...) die Sache [wird sich] durch die Gräfin (…) am besten durchsetzen lassen (...) "

schrieb Wilhelm Liebknecht an Karl Marx. Fast zwangsläufig entstanden daraus Konflikte. In vielen deutschen Ländern - auch Preußen, Sachsen, Bayern - war Frauen die Mitgliedschaft in politischen Vereinigungen verboten. Sophie von Hatzfeldt konnte deshalb nur als graue Eminenz agieren. Sie brauchte einen Mann als Sprachrohr - eine undankbare Rolle, die niemand spielen wollte. Und immer mehr Funktionäre fanden, die Gräfin solle gehen.

"Warum? Weil ich eine Frau bin? Diesen Grund erkenne ich sogar im Allgemeinen nicht an, im Speziellen für mich gar nicht. (...) Sie scheinen mir einen großen Vorwurf daraus zu machen, dass ich es wage, in diesen Angelegenheiten eine eigene Meinung zu haben und dieselbe zu äußern. Ich finde, dass ich ein ebenso großes Recht dazu habe als irgend jemand."

Doch sie verstrickte sich in Flügelkämpfe und geriet zunehmend unter Beschuss. "Altweibergeschwätz", hieß es. Sie sei eine jener

"…Unholdinnen, welche nichts Ganzes, sondern von beiden Geschlechtern ein karikaturähnliches Gemisch sind."

Als 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet wurde, verlor der ADAV viele Mitglieder. Man gab der Herrschsucht der Gräfin die Schuld,

"… der sich aber kein Mann unterstellen dürfe; denn das zeuge von keinem männlichen Charakter. "

1875 schlossen sich Sozialdemokraten und ADAV zur Sozialistischen Arbeiterpartei zusammen. Da hatte Sophie von Hatzfeldt sich schon zurückgezogen. Nur einmal griff sie noch ein: als Bismarcks Sozialistengesetz die Arbeiterpartei bedrohte. Zwischen Bismarck und Lassalle hatte es geheime Verhandlungen gegeben, Informationen darüber spielte sie jetzt August Bebel zu. Drei Jahre später, 1881, starb die "rote Gräfin", von der Öffentlichkeit unbemerkt.

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