Mittwoch, 07. Dezember 2022

Alain C. Sulzer: "Doppelleben"
Im toten Winkel der Gebrüder Goncourt

Edmond und Jules Goncourt, Tagebuchschreiber und Namensgeber des Literaturpreises Prix Goncourt, sind die berühmtesten Unbekannten der französischen Literatur. Alain Claude Sulzer hat die Brüder zu Romanhelden gemacht - samt ihrer Haushälterin.

Von Sigrid Löffler | 28.10.2022

Alain Claude Sulzer: "Doppelleben"
In Alain Claude Sulzers biographischem Roman "Doppelleben" geht es um eine ganz eigene Ménage-à-trois. Und um die Frage, warum hellsichtige Naturalisten übersehen, was vor ihrer Nase passiert. (Foto: © Lucia Hunziker, Buchcover: Galliani Berlin Verlag)
Sie waren ein seltsames Paar, Edmond de Goncourt und sein jüngerer Bruder Jules. Sie waren zeitlebens unzertrennlich – Brüder, Junggesellen, reiche Müßiggänger, Kunstsammler und Schriftsteller. Sie lebten und arbeiteten gemeinsam. Sogar ins Bordell gingen sie miteinander. Berühmt wurden sie als Tagebuchschreiber, die eine Skandalchronik vom Leben in der Pariser Literaten- und Künstlerszene in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lieferten. Aus dem Pariser Gesellschaftsleben waren sie nicht wegzudenken, als Chronisten ihres Zeitalters, Klatschreporter und Genies der üblen Nachrede. Und sie hatten eine fatale Haushälterin namens Rose.

Kammerspiel mit drei Protagonisten

Es ist dieser dreifaltige Haushalt, der den Schweizer Autor Alain Claude Sulzer am meisten interessiert. Sein Roman «Doppelleben» ist ein Kammerspiel mit drei Protagonisten. Er handelt nicht nur von der Doppelexistenz der Brüder, die symbiotisch wie Zwillinge zusammenlebten, die sie gar nicht waren. Er erzählt auch vom geheimen Doppelleben ihres Dienstmädchens Rose.
„Anders, als viele glaubten, schliefen die Brüder, außer im Hotel, nicht im gleichen Zimmer, nicht im gleichen Bett, nicht unter der gleichen Decke, auch wenn sie zugegebenermaßen in allem sonst wie ein altes Ehepaar lebten, nur dass es zwischen ihnen nie, niemals zum Streit kam. Ob es stimmte, dass sie sich eine Frau teilten, wusste niemand außer ihnen selbst. Was an körperlicher Arbeit anfiel, verrichteten üblicherweise die Hausangestellten, und in diesem Augenblick dachte Jules unwillkürlich an Rose, ihre törichte Magd, die nicht mehr lebte. Rose geisterte ständig durch Jules’ Gedanken. Das letzte Recht der Toten bestand darin, dass sie die Lebenden störten. Rose machte des Öfteren Gebrauch davon.“
Als Tagebuchschreiber verfügen die Brüder Goncourt über eine unbarmherzige Beobachtungsgabe. Nichts entgeht ihrem kaltäugigen Blick. Alle Schwächen und Fehler ihrer Zeitgenossen protokollieren sie mit boshafter Präzision. Doch was zuhause praktisch vor ihren Augen geschieht, das sehen sie nicht – oder wollen es nicht sehen.

Blindheit der Weitsichtigen

Das Hauptaugenmerk des Romans liegt, mit vielen Rückblenden, auf dem letzten Lebensjahr des jüngeren Bruders Jules. Er war der Begabtere von beiden, ein Ironiker voller Esprit und Einfallsreichtum. Bestürzt beobachtet Edmond, wie Jules, der sich schon als Jüngling mit Syphilis ansteckte, das Endstadium der Krankheit durchleidet. Er sieht die krassen Symptome des geistigen Verfalls an seinem Bruder, will aber die Ursache nicht wahrhaben.
Ebenso wenig wollen die Brüder wahrhaben, was mit ihrer Haushälterin Rose los ist. Sie vertrauen ihr blind, schenken ihr aber als Person keinerlei Beachtung. Erst nach ihrem Tod entdecken sie, dass Rose die ganze Zeit ein Doppelleben geführt hat: Hier die treue anspruchslose Magd, dort das ausgebeutete Opfer eines gewissenlosen Liebhabers, der sie schwängert, um alle Ersparnisse bringt und sitzenlässt. Roses Schwangerschaft bemerken sie gar nicht. Ihr Absturz in Alkoholismus und moralische Verelendung entgeht ihnen genauso wie die Tatsache, dass sie von Rose laufend bestohlen werden.
„So wie die betrogene Ehefrau als Letzte erfährt, was längst alle wissen, hatten auch Edmond und Jules de Goncourt als Letzte erfahren, dass sie seit Jahren von Rose hintergangen worden waren. Es dauerte nur wenige Tage, bis sie Rose verziehen hatten. Bald sahen sie nur noch das Leid, dem sie ausgesetzt gewesen war und gegen das sie sich nicht zur Wehr hatte setzen können. Nach den Enthüllungen empfanden Edmond und Jules nicht nur Bitterkeit, sondern auch Mitgefühl und naturwissenschaftliche Neugier. Wie hätten sie gehandelt, wäre ihnen Roses Doppelleben zu Lebzeiten zu Ohren gekommen? Hätten sie sie vor die Tür gesetzt, oder wären sie so großmütig gewesen, ihr zu verzeihen? Nein, sie hätten sie ihr Leben weiterführen lassen, als wüssten sie von nichts, um sie heimlich dabei beobachten zu können, wie sie ihren Lastern frönte und vom Schicksal verschlungen wurde, kühl und interessiert wie Forscher, die alles benannten und katalogisierten, was sie sahen.“

Ein doppeltes Sterben

Bei Sulzer bildet die Tragödie des Dienstmädchens fast einen eigenen Roman im Roman. Mit viel Empathie wird Roses Todeskampf beschrieben. In diesem Roman der Doppelungen ist auch Roses Sterben eine Doppelung, eine Spiegelung des Todeskampfes von Jules Goncourt. Als Leser erfahren wir bei Alain Claude Sulzer kaum etwas über die öffentliche Wirkung und den Nachruhm der Brüder Goncourt, umso mehr aber über ihr häusliches Binnenverhältnis zu dritt. Und das ist ja auch nicht wenig.
Alain Claude Sulzer: „Doppelleben“
Galiani Verlag, Berlin
293 Seiten, 23 Euro.