Freitag, 27.11.2020
 
Seit 07:35 Uhr Börse
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Geschichte der Grippe21.02.2008

Die Geschichte der Grippe

Eine historische Untersuchung an der Universität Saarbrücken

Im Gegensatz zu anderen Erkrankungen liegt ihre Geschichte noch weitgehend im Dunkeln: Die Rede ist von der Grippe, die beinahe die europäische Geschichte umgeschrieben hätte - wäre Philipp II. damals tatsächlich an ihr gestorben. An der Saarbrücker Universität sind nun Pandemien der Krankheit im 16. Jahrhundert nachgewiesen worden.

Von Annina Müller

Eine der verheerendsten Epidemien war die Spanische Grippe von 1918. (Bellarmine Universität)
Eine der verheerendsten Epidemien war die Spanische Grippe von 1918. (Bellarmine Universität)

Man schreibt das Jahr 1580. Eine schreckliche Krankheit breitet sich plötzlich mit rasender Geschwindigkeit aus. Sie kommt vom Süden, wahrscheinlich von Italien, nach Deutschland und arbeitet sich bis nach Skandinavien und England hoch. Die Rede ist nicht etwa von dem Schwarzen Tod, also der Pest. Es handelt sich um die erste nachweisbare Grippepandemie im 16. Jahrhundert. Wolfgang Behringer, Professor der Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität des Saarlandes, hat sich mit dem damaligen Krankheitsbild beschäftigt:

"Eine Pandemie ist ne Krankheit, die in relativ großer Schnelligkeit große Teile der Bevölkerung ergreift. Überregional. Für Grippepandemien ist charakteristisch, dass sehr viele Menschen betroffen sind. Sie glauben zu sterben, der Schrecken ist groß, aber die meisten erholen sich später wieder. Deswegen hat die Seuchenforschung sich der Grippeepidemien vor dem 18. Jahrhundert kaum angenommen, sondern sich auf Krankheiten spezialisiert, bei denen die Mortalität höher war, also Typhus, Cholera, die Pest, die Pocken. Im Fall der Pandemie von 1580 kann man allerdings sagen, dass doch eine Sterblichkeit von 5 Prozent festzustellen war, das ist ganz enorm."

Die Symptome waren diffus: heftige Rückenschmerzen und Kopfschmerzen, Schwere, hohes Fieber, Schüttelfrost, der Katharr oder wie man damals sagte "die Flüsse". In manchen Teilen Europas, vor allem in Frankreich, scheint auch Keuchhusten damit verbunden gewesen zu sein. Diese Anzeichen sind auch die Namensgeber der Krankheit, weiß Wolfgang Behringer:

"Das ist ja eben auch die Bedeutung des französischen Ausdruckes ‚la grippe’, die Leute werden ergriffen, gepackt, über Nacht und können sich kaum mehr bewegen vor Schmerzen oder vor Kopfweh. Oft dient diese Symptomatik auch überhaupt zur Bezeichnung der Krankheit, zum Beispiel in England ist wiederholt die Rede von ‚the ache, the new ache’, also der neue Schmerz, der neue Schrecken."

Auch auf andere Begriffe ist Wolfgang Behringer gestoßen: Auf "Borstsuke" (oder Brustseuche), "Spanischer Fips", "Bremer Pip und Ziep" oder "la coqueluche" im Französischen. Behandelt wurde die Grippe des 16. Jahrhunderts üblicherweise mit dem Aderlass. Eine Methode, die bereits damalige Zeitgenossen bemängelten. Denn dieses Verfahren schwächte die Kranken mehr, als dass es sie heilte. So auch bei einem prominenten Beispiel:

"Besonders im Fall der Maria Anna von Österreich, der Königin von Spanien, hegten schon die Zeitgenossen den Verdacht, dass sie an diesen ständigen Aderlässen letztlich gestorben ist, letzten Endes im gleichen Maße als an der Grippeerkrankung."

Die Grippe gab es wahrscheinlich bereits vor dem 16. Jahrhundert, aber die dünne Quellenlage lässt sichere Diagnosen etwa für das Mittelalter nicht zu. Dafür fand Wolfgang Behringer für die Zeit von 1500 bis 1800 zahlreiche Belege für Grippewellen, im Schnitt zählte er drei bis sechs weltweite Ausbrüche pro Jahrhundert. Für seine Forschungen nutzte Behringer zeitgenössische Quellen. Einen guten Einblick in die damalige Epoche vermittelten die europaweit geführte Korrespondenz des Hans Fugger sowie Briefe und Tagebücher von Hans Khevenhüller, dem kaiserlichen Botschafter in Spanien.

"Die Briefe werden ja geschrieben und verschickt, deswegen halten sie einen Momenteindruck, einen Schnappschuss fest. Während in Memoiren oder in anderen Verwaltungsquellen, die im zeitlichen Abstand geschrieben werden, da verwischt sich ja der Eindruck und der Schrecken ist schon gesunken, weil die Krankheit schon wieder vorbei ist. Sie dauert ja normalerweise nur drei bis vier Wochen, dann sieht man, man ist nicht gestorben und geht wieder zur Tagesordnung über. Also dieser Moment des Schreckens und dieser Umgang damit ist das eigentlich Spannende, es eröffnet einen Zugang auf die Mentalität und die Mentalitätsgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts."

Das 16. Jahrhundert, also die Frühe Neuzeit, war ein Zeitalter geprägt von Spannungen und Religionskriegen. In Schlachten kämpften meist die Katholiken gegen die Protestanten. In Deutschland waren das die Calvinisten, in Frankreich die Hugenotten. Die medizinischen Kenntnisse waren noch rückständig, die Hygiene war dürftig, vor allem bei der armen Bevölkerung. Doch auch alles Geld der Welt konnte nicht vor der Grippe schützen. Das Virus verschonte keinen, auch nicht die reichen Schichten oder die Könige.

"Das ist auch ein ganz interessantes Kapitel. Wir können praktisch sehen anhand der berühmten, besser dokumentierten Personen, wie weit verbreitet die Krankheit war. Bei Philipp II. von Spanien, das war der mächtigste Herrscher der damaligen Zeit - das spanische Weltreich reicht ja von Belgien bis zu den Philippinen - er war ganz akut gefährdet, er wäre beinahe an der Grippe gestorben, er hat schon die letzte Ölung erhalten. Das heißt, er war praktisch abgeschrieben. Seine Frau eilt an sein Krankenbett und pflegt ihn. Aber Philipp II. wird letztlich wieder gesund, während seine junge Frau an der Grippe stirbt samt ihrem ungeborenen Kind."

Stellt man sich vor, auch Philipp II. wäre vorzeitig gesorben, wird die Bedeutung einer doch eigentlich banalen Grippeerkrankung für die historischen Abläufe deutlich. Zwar ist dies ein Kapitel der "virtuellen Geschichte", aber bereits Hans Fugger und Hans Khevenhüller haben ihre Sorgen über die Zukunft geäußert. Das zeigt, dass solche Mutmaßungen gar nicht so abgehoben sind. Der Tod des katholischen Königs hätte die Weltgeschichte fundamental verändert. Das spanische Weltreich, die Supermacht der damligen Zeit, wäre mangels Thronfolger auseinandergebrochen. Auch der Katholizismus in Deutschland und Österreich wäre bedroht gewesen, gar die gesamte Existenz der katholischen Kirche.

Neben diesen Spekulationen hat die Grippe die Geschichte aber auch real beeinflusst: In Nürnberg etwa wurde ein Reichstag abgesagt. Geplant und aufwändig vorbereitet wurde er ursprünglich für August 1580. Doch Kaiser Rudolf II. erkrankte am Kaiserhof in Prag. Und auch Feldzüge nahmen aufgrund des Grippevirus eine unverhoffte Wendung:

"Diese schnelle Ausbreitung der Krankheit wirkt sich auch auf die zeitgenössischen Kriege aus. Zum Beispiel den Versuch der Spanier, Portugal zu erobern. Wir haben ja schon gesagt, Philipp II. erkrankt im Feldlager und kommt nicht mehr voran. In Frankreich gibt’s Ähnliches. Einer der Feldherren, ein hugenottischer Feldherr, schreibt von seiner Verzweiflung, als seine Truppen von ‚la coqueluche’ ergriffen wurden und kampfunfähig waren am nächsten Morgen. Also, er hat schon das Schlimmste für den Protestantismus befürchtet, hat aber dann festgestellt, dass die Krankheit auch die gegnerische Seite erfasst hat und die auch kampfunfähig waren. Und es kommt dann tatsächlich zum Friedensschluss, dem Frieden von Fleix, der ein Erschöpfungsfrieden war aufgrund der Grippe."

Auch in der Neuzeit treten immer wieder Pandemien mit immensen Auswirkungen auf: Die "Spanische Grippe" zum Beispiel raffte nach dem Ersten Weltkrieg in nur zwei Jahren weltweit über 25 Millionen Menschen dahin.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk