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StartseiteMarkt und MedienDie Geschichten vor der Haustür21.09.2013

Die Geschichten vor der Haustür

Hyperlokale Online-Magazine sollen den Journalismus retten

Weil viele Lokalzeitungen ihr Personal kürzen, leidet auch die Berichterstattung. Vor Ort sieht man aber neuerdings immer häufiger Reporter mit eigenen Internetseiten, die den Begriff Lokaljournalismus sehr wörtlich nehmen - und damit durchaus erfolgreich sind.

Von Kai Rüsberg

Hyperlokale Blogs können sich für die Betreiber finanziell lohnen. (Stock.XCHNG / Vince Varga)
Hyperlokale Blogs können sich für die Betreiber finanziell lohnen. (Stock.XCHNG / Vince Varga)
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Die Zeitung der Zukunft

"‘Hallo Herne‘, ‚Hallo RE‘, ‚Hallo Herten‘ stehen für guten alten Nachrichtenjournalismus."

Günther Mydlak ist noch ein Redakteur vom alten Schlag. Der 55-Jährige ist vor knapp vier Jahren bei der Tageszeitung WAZ mit einer Abfindung ausgeschieden, als dort zum ersten Mal im großen Umfang Redakteursstellen abgebaut wurden. Kurz danach begann er, in seiner Heimatstadt das Lokalmagazin "Hallo Herne" online zu stellen.

"Ich mach das, weil bundesweit der Lokaljournalismus zusammenbricht. Alle Zeitung haben massive Einbrüche an Einnahmen und reagieren gleich und schließen Lokalredaktionen oder dünnen aus, sodass eine vernünftige Arbeit nicht mehr stattfinden kann."

Die Webseite sieht daher klassisch aus, mit Rubriken wie Stadtnachrichten, Polizeibericht, Kultur, Sport und sogar Traueranzeigen gibt es dort. Die Topstorys stammen von einer neuen Ausstellung im Archäologiemuseum, einem Kleintransporter, der im Vorgarten landete und einem Rockkonzert gegen Rechts. "Hallo Herne" hat sich inzwischen in der 160.000 Einwohnerstadt etabliert und neu gestartete Ableger in zwei Nachbarstädten bekommen. Finanziert wird das Angebot über Werbeeinblendungen, berichtet Günther Mydlak stolz.

"2012 haben wir einen Umsatz von 99.000 Euro. 2013 wird es mehr, wahrscheinlich 130.000 Euro."

Fünf Personen und zusätzlich freie Mitarbeiter werden beschäftigt. Von den Einnahmen werden ein Büro und sogar bereits ein Volontär bezahlt.

Julian betreibt in einem Vorort von Darmstadt sein eigenes Onlineportal:

"‘Weiterstadtnetz.de‘ ist die Zeitung und macht Lokalberichterstattung, vom Kaninchenzuchtverein bis zur Gemeinderatssitzung ist alles dabei."

Als angehender Politikwissenschaftler reichte ihm das Angebot der Lokalmedien in dem 24.000 Seelen-Ort nicht aus.

"Vor allem mit einem kritischen Blick, mit kritischen Kommentaren Meinungsbildung herzustellen."

Anders als klassische Zeitungen kann jeder Artikel von Lesern kommentiert oder über Soziale Medien weitergeleitet werden. Zum Teil stellt er seine Interviews als Videos ein und erwischt schon mal den gescheiterten Bürgermeisterkandidaten in einem sprachlosen Moment.

"Herr Jacobi, 22 zu 78. Haben Sie damit gerechnet?" - "Nein. Ich stehe hier und mir ist anzusehen, dass ich enttäuscht bin."

"Mittendrin" nennt sich ein Nachrichtenmagazin für Hamburg-Mitte. Modernes schlichtes Webseiten-Design begrüßt das Publikum schon auf der Startseite - mit vielen Möglichkeiten zur Beteiligung der Leser über Soziale Medien, Umfragen oder Video und Audio. Vor genau einem Jahr startete Isabella David das Magazin zusammen mit anderen Studenten, weil ihr in den Medien zu wenig über die Stadtteile der Millionenstadt berichtet wurde.

"Natürlich begrüßen die Leute, die in ihren Stadtteilen engagiert sind, dass endlich jemand vor Ort ist bei ihren Veranstaltungen, wo große Blätter gar nicht erst auflaufen. Und sie begrüßen, dass wir kritische Hintergrundberichte liefern."

Diese Berichte sind oft auch kleine Videoreportagen oder werden als Audiopodcast produziert, auch wenn es sich technisch vielleicht nicht immer ganz perfekt anhört:

"Am Sonntag demonstrierten die Menschen für den Erhalt der Esso Häuser. Seit 2009 sind die Häuser Eigentum der (…), die sie abreißen wollen."

Zwölf Studenten bilden die ehrenamtliche Redaktion. Der Jahresetat liegt bei knapp 2.000 Euro, die durch Artikelverkäufe an den Lokalteil der TAZ hereinkommen.

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