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"Die Gottfrage wird immer wichtiger"

Manfred Lütz, Autor des Buches "Gott - eine kleine Geschichte des Größten", glaubt, dass die Frage nach Gott keine Frage für Spezialisten ist. Es sei ihm wichtig gewesen, das "merkwürdige Phänomen der Religion" so zu erklären, dass sowohl ein Atheist als auch ein Gläubiger etwas damit anfangen könnten.

Moderation: Jürgen Liminski | 19.09.2007

Jürgen Liminski: Der Verfassungsbogen ist so etwas wie das Firmament. Unter ihm haben alle Platz, die sich für eine friedliche Zukunft des Landes einsetzen. Das wurde auch gestern demonstriert, als der CDU-Politiker und frühere Fraktionschef der Union Friedrich Merz gemeinsam mit dem Fraktionschef der Linken Gregor Gysi ein Buch über den vorstellten, der das Firmament sozusagen in Händen hält. "Gott - eine kleine Geschichte des Größten" heißt das Buch.
Am Telefon ist nun der Autor des Buches, der Chefarzt und Psychologe Manfred Lütz. Zunächst mal guten Morgen Herr Lütz.

Manfred Lütz: Guten Morgen Herr Liminski.

Liminski: Herr Lütz, ein Christdemokrat und ein atheistischer Linker haben Ihr Buch vorgestellt. Ist das nicht symptomatisch für den Einfluss des "C" in der Politik? Oder anders gefragt: ein Christ allein reicht nicht, um ein Buch über Gott vorzustellen. Gilt das "C" überhaupt noch etwas in der Politik?

Lütz: Ich glaube in der Tat, dass die Frage nach der Religion, auch die Gottesfrage immer wichtiger wird. Wir haben das gerade eben im Beitrag von Herrn Eisele gehört. Man muss Gott mehr gehorchen als dem Menschen. Ich glaube die ganze Wertediskussion hängt in der Luft, wenn wir sie letztlich von der Gottesfrage abschneiden. Max Horkheimer, der Gründer der Frankfurter Schule, hat einmal gesagt "warum soll ich gut sein, wenn es keinen Gott gibt". Und auch Jürgen Habermaß - auch Frankfurter Schule - hat die Gottesfrage eigentlich wieder ins Zentrum gestellt, als er gesagt hat "für die Menschenwürde ist die Grundlage eigentlich die christlich-jüdische Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen".

Aber - und das ist mir aufgefallen - es gibt eigentlich kein verständliches Buch ohne kompliziertes Theologendeutsch und so. Nun habe ich mich hingesetzt und dieses Buch "Gott" geschrieben, das mal so alle Argumente allgemeinverständlich, unterhaltsam und auch locker enthält. Es ist sozusagen ein Buch wider schlampigem Atheismus und wider frömmelndem Glauben und soll eine öffentliche Debatte mal wieder antreiben, denn die Frage nach Gott ist nach meiner Überzeugung keine Frage für Spezialisten. Es ist entweder eine Frage für alle, oder eine Frage für keinen. Ich habe das Buch lesen lassen von einem atheistischen Metzger und von Professor Robert Spaemann, einem der bekanntesten deutschen Philosophen, und beide haben es verstanden und das fand ich ganz okay. Gregor Gysi - wir haben es gerade gehört - sagt, er sei Atheist, aber er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, bei der die Solidarität abhanden komme.

Liminski: Nun ist Gysi wie gesagt bekennender Atheist und namhafte Philosophen wie etwa Feuerbach bringen ernst zu nehmende Gründe gegen die Existenz Gottes vor. Oder nehmen Sie das nicht ernst?

Lütz: Feuerbach hat eigentlich Gott nicht widerlegt. Feuerbach hat das einfach vorausgesetzt und er hat dann überlegt, wie man das merkwürdige Phänomen der Religion erklärt. Wenn es Gott wirklich nicht gibt, ist das Phänomen der Religion auch merkwürdig, dass die Leute Ritus-Veranstaltungen besuchen, Prozessionen machen, mit jemandem reden, der gar nicht da ist. Ich bin ja auch Psychiater. Das ist schon psychiatrisch auffällig, wenn man so will. Er hat dann sozusagen psychologische Gründe gesucht, warum das so sein könnte, und er hat dann diese Projektionsthese entwickelt, wo er sagt die Menschen haben viele Wünsche und Sehnsüchte und die projizieren das sozusagen an den Himmel. Ich nenne das immer den Sahnetorten-Beweis. Ich kann mir natürlich wünschen, dass es Sahnetorte gibt. Ich kann mich sehnen nach Sahnetorte. Das heißt natürlich überhaupt nicht, dass es die Sahnetorte wirklich gibt. Da hat Feuerbach Recht. Aber es heißt natürlich glücklicherweise auch überhaupt nicht, dass es die Sahnetorte nicht gibt.

Liminski: Psychologische Ursachen. Das ist doch eine interessante These gerade für Sie als Psychologen?

Lütz: Ich glaube die Psychologie führt in der Frage nach der Existenz Gottes überhaupt nicht weiter. Ich habe Feuerbach mal umgedreht. Man könnte ja mal voraussetzen, dass es Gott gibt, und dann müsste man sich erklären, warum es dieses merkwürdige Phänomen des Atheismus gibt. Dann müsste man sagen na ja, das ist vielleicht Realitätsverlust, Beziehungsstörung, depressiver Nihilismus und dafür gibt es auch gute psychologische Gründe, warum man Atheist ist, obwohl es Gott gibt: mal sturmfreie Bude haben, in der Wirtschaft braucht man keine Rücksicht mehr nehmen und in einer narzisstischen Gesellschaft gibt es sozusagen über einem Narzissten gar keine Stellenbeschreibung mehr. Karl Lagerfeld hat einmal auf die Frage nach Gott gesagt, "es beginnt mit mir, es endet mit mir, basta".

Liminski: Herr Lütz, Sie schreiben recht unterhaltsam über ein seriöses Thema. Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, ein Unterhaltungsbuch über Gott zu schreiben?

Lütz: Na ja, ich war da auch nicht ganz sicher, ob das überhaupt geht. Ich bin dann in Urlaub gefahren, habe überhaupt keine Bücher mitgenommen außer einer Geschichte des Atheismus und habe mir dann einfach einen gescheiten Atheisten vorgestellt und so geschrieben, wie ich mich mit ihm sozusagen unterhalten würde, so allgemeinverständlich. So sind von der Evolutionstheorie bis zur modernen Physik sozusagen alle Argumente drin, aber auch die spannende Geschichte zum Beispiel des Atheismus und die spannende Geschichte des Gottesglaubens, aber eben locker. Deswegen heißt das Buch eben auch "Gott - eine kleine Geschichte des Größten".

Liminski: "Gott - eine kleine Geschichte des Größten". Das war der Autor Manfred Lütz. Besten Dank für das Gespräch, Herr Lütz.

Lütz: Bitte schön!