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Startseite@mediasresDie gedruckte Freiheit des Wortes ist zu teuer12.06.2017

Die kremlkritische "New Times"Die gedruckte Freiheit des Wortes ist zu teuer

In Russland wird eine unbequeme Stimme leiser. Das regierungskritische Magazin "The New Times" erscheint nicht mehr im Print-Format, sondern nur noch im Internet. Mehr ist finanziell nicht mehr zu stemmen, heißt es zur Begründung. Wie es im Netz genau weiter geht, ist unklar.

Russian opposition journalists, Zoya Svetova holds a copy of weekly The New Times outside a court in Moscow, on December 13, 2013. Svetova and The New Times were sentenced today to just over one million rubles fine ( about 25,000 euros) for "defamation" against two judges.  (AFP / ALEXANDER NEMENOV )
Die Print-Ausgabe des regierungskritischen Magazins "The New Times" wird eingestellt (AFP / ALEXANDER NEMENOV )

Die liberale Elite des Landes liest "Nowoe Wremja", oder "The New Times"; manch eine bekundet dies auch öffentlich, wie zum Beispiel die Schauspielerin Tatjana Lasarewa.

"Jedes Mal, wenn ich in einen Laden gehe, suche ich am Tresen die 'New Times'. Und ehrlich gesagt, wenn ich sie nicht sehe, ist mein erster Gedanke: So, das war's, verstehe, es gibt das Magazin nicht mehr."

Lasarewa wirbt in einem kurzen Video auf Facebook für das Magazin.

"Abonniere Ehrlichkeit. Abonniere Mut. Abonniere die 'New Times'. Die Freiheit des Wortes, sie ist teuer."

Die Kampagne hat nicht viel genützt. Die letzte Print-Ausgabe zeigt zwei stilisierte, geschlossene, traurige Augen. Eine Träne rinnt herab. "Danke, dass ihr mit uns wart", steht darunter.

Damit ist eingetreten, wovor Chefredakteurin Jewgenija Albaz schon Ende des vergangenen Jahres gewarnt hatte: Um das Jahr 2017 zu überstehen, benötige das Magazin 20.000 Abonnenten.

"So viele haben wir nicht zusammenbekommen. Nicht einmal die Hälfte. Viele Leute haben uns geschrieben, dass das Magazin viel kostet. Das ist mir selbst unangenehm. Aber leider ist das ein sehr teures Vergnügen, ein Magazin hoher Qualität herauszugeben."

Sagte Albaz im Radiosender Echo Moskaus. Im letzten Heft schreibt sie, vor allem Spenden einzelner Vermögender hätten es noch ermöglicht, weiter wöchentlich zu erscheinen. Das Magazin hat politischen Journalismus gedruckt, der in staatlich gelenkten Medien längst nicht mehr möglich ist. Die letzte Print-Ausgabe widmet sich beispielsweise auf etlichen Seiten der Aufrüstung im Inneren Russlands: wie sich Armee und die Nationalgarde darauf vorbereiten, mögliche Aufstände niederzuschlagen. Doch Werbekunden bekomme das Magazin keine mehr.

"Unsere Werbekunden habe Angst bekommen, als unsere Korrespondentin Natalia Morar nach ihrer Veröffentlichung über 'Eine schwarze Kasse des Kremls' ausgewiesen wurde. Genau in dieser Zeit ist uns der letzte Werbekunde abhandengekommen."

Wer sich gegen die Regierung stelle, erläutert Albaz, müsse Nachteile fürchten: Die Firmen gewännen keine Ausschreibungen mehr oder bekämen plötzlich unangemeldeten Besuch, etwa von Finanzbehörden.

"Alle wissen, dass die Ermittler in jeder beliebigen Sekunde zu einem kommen können."

Daneben beklagt sie direkte politische Einflussnahme auf den Vertrieb. So sei die Zahl der Kioske, vor allem in der Hauptstadt Moskau, in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Die meisten verschwanden während einer Nacht, als sie abgerissen wurden. In den Provinzen, schreibt die Chefredakteurin, sei es gar vom guten Willen und damit von der Willkür des jeweiligen Gouverneurs abhängig, ob das Magazin verkauft werden dürfe. Außerdem macht die digitale Revolution auch vor dem russischen Pressemarkt nicht Halt, argumentiert der Medienexperte Igor Jakowenko.

"Solche Magazine sind ein bisschen wie ein Baum im Herbst: Bald verliert er seine Blätter. Die 'New Times' ist gut, aber ihr Problem besteht darin, dass sie ein Multimedium sein muss. Diese Medien müssen in ihre Internetseiten investieren. Das heißt, es gibt eine einheitliche Redaktion, und das gedruckte Magazin wird von starken Online-Versionen flankiert - das bedeutet von einer guten Seite."

Genau die, eine gute Seite, hatte die "New Times" bis vor kurzem nicht. Auf der Seite war lediglich das digitale Abo erhältlich, doch es gab so gut wie keinen frei verfügbaren journalistischen Inhalt. So restriktiv agieren die übrigen freien Medien Russlands nicht - was auch ein Grund dafür sein könnte, dass sie dem Druck der Digitalisierung bislang besser standgehalten haben. Inzwischen sind die Inhalte der "New Times" frei im Netz verfügbar. Wie das Blatt künftig Geld verdienen will, ist nicht abzusehen.

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