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StartseiteKultur heuteSpirituelle Rituale, urbane Vergnügungsriten09.08.2018

Die kubanische Malpaso Dance Company in HamburgSpirituelle Rituale, urbane Vergnügungsriten

Es war ihr erster Auftritt in Europa: Die Malpaso Dance Company aus Kuba, ein junges Ensemble, das sich von etablierten Tanzgruppen abheben will, eröffnete das Sommerfestival auf Kampnagel. Ihr Gründer, Osnel Delgado, tanzte früher bei der bekannten Compania Danza Contemporanea de Cuba.

Von Elisabeth Nehring

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Die Malpaso Dance Company beim Sommerfestival 2018 auf Kampnagel (Anja Beutler)
Die Malpaso Dance Company beim Sommerfestival 2018 auf Kampnagel (Anja Beutler)
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Eine in Europa noch nicht bekannte, im Festivalzirkus bislang völlig unbeschriebene Company mit technisch hochversierten Tänzerinnen und Tänzern, ein politisch interessantes, weil in der Öffnung begriffenes Herkunftsland, zwei Repertoirestücke mit Crowd-Pleaser-Qualitäten und die Auftragsarbeit einer Choreografin, die hierzulande für ihre experimentellen, mitunter provokativen Arbeiten geschätzt wird – mit so einer Programmkombination kann eine Eröffnung doch fast gar nicht mehr schief gehen, oder?

Geschmeidige Bewegungsqualitäten

Die Antwort fällt je nach Perspektive aus; einem Großteil des Publikums jedenfalls hat der dreiteilige Abend der Malpaso Dance Company aus Cuba gefallen – zu Recht wegen der beeindruckenden Tänzer, die ihre Körper auf atemberaubende Weise beherrschen. Das zeigt sich besonders in der Choreografie Indomitable Waltz von Aszure Barton, die nicht nur mit losen Gelenken und daraus entstehenden katzenweichen Bewegungsqualitäten arbeitet, sondern mit auch unglaublich virtuosen Überraschungsmomenten, in denen die Tänzer quasi laut- und mühelos von den Füßen auf den Kopf und wieder zurückfallen. Ein Reigen verschiedener Bewegungsformen, Dynamiken und souverän vertanzten Gefühlslagen zieht vorbei – mal ist das Zusammentreffen der Tänzer intim und verinnerlicht, dann wieder erscheinen sie frech und frisch oder melancholisch und sehnsüchtig – doch leider (und hier beginnt das Problem) immer genauso, wie es die Tonlage der unterschiedlichen Musiken von Nils Frahm, Michael Nyman und Alexander Balanescu vorgibt. In der Eins-zu-eins-Umsetzung des musikalischen Temperaments in Tanz bleibt Choreografin Aszure Barton in inzwischen recht altbacken wirkenden Konventionen stecken. Und auch die Motivation aller Begegnungen und dargestellten Emotionen in den verschiedenen Akten dieses halbstündigen Stückes eröffnete sich nicht wirklich.

Modern Dance, Hip Hop und Yoga

Einen anderen Umgang mit Musik findet Osnel Delgado, Mitbegründer der Malpaso Dance Company und einer ihrer prägenden Choreografen. Für die Produktion "24 hours and a dog" musiziert der kubanisch-amerikanische Jazzmusiker und Grammy Preisträger Arturo O’Farrill mit seiner Band live auf der Bühne.

In der losen, von einem Tag in Havanna inspirierten Szenenfolge aus Soli-, Duetten und Gruppenauftritten zeigt sich, wie stark die Handschrift Osnel Delgados vom amerikanischen modern dance beeinflusst ist. Zwar löst er die geraden Linien und beherrschten Drehungen häufig in Bewegungselemente anderer Techniken wie dem Hip-Hop oder dem Yoga auf, doch lässt die kontrollierte Körperspannung seiner Tänzer und ihr mitunter sehr bemühtes Lächeln niemals nach. Wirklich frei tanzen sie sich nicht, dafür bleibt die Choreografie zu stark in eingeübten, formalisierten und auch standardisierten Mustern verhaftet.

So blieb Hoffnung und Neugierde auf Cecilia Bengolea, die eigens von Sommerfestivaldirektor András Siebold mit einer Neukreation für die Malpaso Dance Company beauftragt worden war und die für die Uraufführung von Liquidotopie einige Wochen in Havanna verbracht hatte.

Zu wenig Zeit zum Üben?

Zu wabernder Ambientmusik  steckt sie fünf Tänzer und eine Tänzerin in eng anliegende, weiße Ganzkörperanzüge, die bis über Mund und Nase gezogen werden können und lässt diese vermummten Gestalten vor farbig wechselndem Hintergrund in wellenförmigen Bewegungen über die Bühne gleiten. Spirituelle Rituale und urbane Vergnügungsriten mögen hier Pate gestanden haben. Der spannendste Moment kommt zum Schluss, wenn die Gruppe zusammensitzt und sich zwischen zweien ein hoch konzentriertes Duett entwickelt. Aber kaum ist das Interesse so richtig erwacht, ist dieses nur rund zwanzigminütige Stück schon zu Ende und zwei Beobachtungen bleiben zurück: Erstens, dass Cecilia Bengolea offensichtlich viel zu wenig Zeit zum Proben hatte und zweitens, dass die kubanischen Tänzer zwar hervorragend tanzen können, wenn sie genau wissen, was zu tun ist, aber weniger überzeugen in der Ausgestaltung noch im Werden begriffener Bühnensituationen.

Vor dem Hintergrund, dass auf dem Internationalen Sommerfestival zunehmend Hoch- und Popkultur, Mainstream und Unkonventionalität miteinander verbunden werden sollen, kann die Einladung an die kubanische Malpaso Dance Company für diese Eröffnung zwar nachvollzogen werden – doch damit das Konzept aufgeht, hätte auch das dritte Stück ein starkes Statement und keine halb fertige Sache sein müssen. So aber wurde zwar ein hoher Schauwert garantiert, die Balance zwischen Unterhaltung und Innovation aber nicht gehalten.

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