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StartseiteEssay und DiskursZu teuer, um gut zu sein?03.10.2016

Die Kunst und der MarktZu teuer, um gut zu sein?

Mehr als jede andere Kunstform hat die bildende Kunst das Problem, dass für die Werke oft unvorstellbar hohe Summen bezahlt werden. Das stößt und stieß immer wieder auf Kritik.

Von Martin Zeyn

Besucher betrachten am 02.05.2014 Kunstwerke der US-Künstlerin Dorothy Iannone in der Berlinischen Galerie in Berlin. Viele Berliner Galerien laden vom 2. bis 4. Mai beim "Gallery Weekend Berlin" zu einem Rundgang durch ihre Ausstellungen ein. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa (picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka)
Ist die bildende Kunst korrumpiert? (picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka)

Das Reinheitsgebot, dass Kunst und Mammon auseinander gehalten werden müssen, fordern Leitartikler ebenso wie Feierabend-Sachverständige. Ist die bildende Kunst korrumpiert?

Stehen wir wieder am Beginn eines feudalen Zeitalters, an dem sich nur ganz wenige Bilder und Skulpturen leisten können? Oder sollten wir einfach darauf verzichten, von "der" Kunst zu sprechen und einfach besser differenzieren: in Sammlerkunst, Ausstellungskunst und Kunst, die in kein Schema passt?


Das Manuskript zur Sendung:

Der Kunst geht es gut. Die Museen verzeichnen Jahr für Jahr Besucherrekorde, immer noch werden neue Häuser eröffnet und Sammler überschreiben der öffentlichen Hand Millionenwerte.

Der Kunst geht es schlecht. Die Blase am Kunstmarkt ist keine Blase mehr, sondern Hybris, die Künstler verkommen zu Marken, die liefern, was gefragt wird, Sammler bestimmen längst, was Museen zeigen können, und Kritik bleibt aus, so wie im Auto-Brummbrumm- und Mode-Chi-Chi-Journalismus, um bloß keine Anzeigenkunden zu verschrecken.

Wie genau es der Kunst geht, ist schwer zu sagen. Für Kassandrarufe wie Jubelchöre gibt es gute Gründe. Zwei Dinge stehen fest: Noch nie wurde so viel Geld mit Kunst gemacht. Und noch nie haben so viele Menschen dieses Spektakel beobachten können. Auktionsrekorde schaffen es regelmäßig selbst in die Tagesschau, superreiche Sammler wie Eli Broad in Los Angeles oder François Pinault in Venedig machen ihre Sammlungen in megaschicken Privatmuseen zugänglich. Die Bildende Kunst ist sicher nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen, dazu ist ihr Erwerb zu teuer, aber sie ist der hottest talk of the town, sie ist die Kunstform, die am meisten von sich reden macht. Also doch alles gut?

Kritik an der Kunst ist so alt wie die Kunst selber

Wie es um die Kunst steht, lässt sich ganz genau sagen - und auch wenn der Augenschein ein anderer ist - es geht ihr nicht gut. Für die icon architecture, für diese nicht nur grandiosen, sondern auch solipsistischen Architektenvisionen, denen hier die Auftraggeber kaum Schranken wie etwa Nutzwert auferlegen, für diese Knaller-Bauwerke werden letzte zentral gelegene Grundstücke freigeräumt, damit auch jeder sieht, was da den Städten als Geschenk dargebracht wird - mit prominenter Nennung des edlen Spenders. Die neuen Tempel des Bürgertums seien nicht mehr die Kirchenbauten, wie die Kritiker Georg Seeßlen und Markus Metz bitter anmerken, sondern die Privatmuseen. Hier werde der Freiheit und dem Unternehmergeist gehuldigt. Die Kunst, die wir in edlem Interieur zu sehen bekommen, ist Kunst für die Superreichen. Also Werke von Damien Hirst, Takashi Murakami oder Andreas Gursky, groß und teuer. Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich spricht hier von "Siegerkunst", die gerne grell, großmäulig und großflächig daherkommt:

"Siegerkunst ist (…) Kunst von Siegern für Sieger. Sie ist zum wichtigen Ingrediens einer exklusiven Lebenswelt der Erfolgreichsten (…) geworden."

So und jetzt wird sich mancher fragen, was daran denn neu sein soll. Kritik an der Kunst ist mutmaßlich so alt wie die Kunst selber. Belegt sind religiöse Eiferer wie die Byzantiner Bilderzerstörer, der Florentiner Mönch Savonarola oder die calvinistischen Ikonoklasten, die darin eitlen und gotteslästerlichen Tand sahen. Später dann kamen die zahllosen Manifeste der Avantgarden gegen Spießbürgerkunsthandwerk hinzu und zuletzt die hektographierten Flugblätter in den 70er-Jahren, als kommunistisch-maoistische Jugendgruppen den Vorwurf aufwärmten, es mit Klassenkunst zu tun zu haben, die eine bessere, weil rotere Gesellschaft nicht mehr brauchen werde.

Was Wolfgang Ullrich davon unterscheidet: Er ist ein Kenner und Freund zeitgenössischer Kunst und er war bis zu seiner Streitschrift Siegerkunst - Neuer Adel, teure Lust eher ein gelassener Betrachter, der in seinen Zeitschriftenbeiträgen den Kunstmarkt beobachtete, aber nicht den Richter spielte. Nun aber befürchtet er eine Refeudalisierung der Kunst - Bilder für die happy few, die Millionen für Kunst berappen können. Und zwar nur solche Kunst, die extra dafür geschaffen wird, den exquisiten Ansprüchen der Sammler gerecht zu werden.

"Er war so populär zu Lebzeiten, so gefeiert und so rasch ließ er sich dazu überreden, an der Umwandlung seiner eigenen Arbeit in Kitsch mitzuwirken."

Geld spielte in der Bildenden Kunst immer eine große Rolle

Hier geht es nicht um die Siegerkünstler, hier tritt die US-amerikanische Kunsthistorikerikone Rosalind Krauss das Spätwerk eines gewissen Auguste Rodin zu Klump. Ein Bildhauer-Genie, das gegen Ende nur Kopien seiner selbst ablieferte. Geld und Ruhm sind nicht erst im 21. Jahrhundert geschickte Verführer. Also warum die Aufregung? Mehr als in jeder anderen Gattung spielte Geld in der Bildenden Kunst immer eine große Rolle. Vor den Großgaleristen und Supersammlern gab es Päpste, Könige und Stahlmagnaten, die Kunst förderten und in großem Umfang kauften.

Vieles hat sich geändert. Kunst ist so teuer wie nie. Und Geld so billig wie nie. Sheikha Al-Mayasa bint Hamad bin Khalifa Al-Thani soll laut der Wirtschaftsagentur Bloomberg eine Milliarde Dollar jährlich zur Verfügung haben, um Kunst für das Emirat Katar kaufen zu können. Gab es früher einen Picasso, der in 70 Jahren ungebrochener Produktivität circa 50.000 Werke herstellte und es so zu einem veritablen Reichtum brachte, so gibt es heute mindestens ein Dutzend Künstler, die zu den reichsten Menschen des Planeten zählen dürften. Gerhard Richter, der bestritt, über 450 Millionen zu besitzen, wie die "Bild" behauptet hatte, aber nicht der Wochenzeitung "Die Zeit" sagen wollte, wie viel es in Wahrheit sind, oder Damien Hirst, der in einer einzigen Auktion seiner Werke fast 200 Millionen Dollar einnahm.

Wobei ich nicht weiß, was moralisch angreifbarer ist, die Massierung des Reichtums auf einige wenige Künstler oder das Verdammen von Künstlern, bloß weil ihre Arbeiten sich gut verkaufen lassen?

Es geht Kritikern wie Wolfgang Ullrich, Georg Seeßlen oder Dave Hickey nicht um den persönlichen Reichtum. Sie vermuten, dass dieses Geld Einfluss auf die Kunst selbst habe. Verhandelt wird also nicht die individuelle Korrumpierbarkeit, sondern wie das Geld den Kunstmarkt zu einem Jahrmarkt der Eitelkeit, Poser und Neureichen gemacht habe. Bilder, Skulpturen oder Videos werden zur Dekoration, zu Insignien der Macht, zum Ausweis der Geschmackssicherheit und vor allem der Potenz, die Mitbietenden ausgestochen zu haben. Mein Murakami, mein Hirst, mein Richter, mein Andreas Gursky, mein Jeff Koons, mein Matthew Barney, mein Neo Rauch, mein Doug Aitken, mein Paul McCarthy. Mein, Mein. Natürlich kann der superpotente Sammler sein Geld auch mit Fußballklubs oder mit 130 Meter langen Jachten durchbringen, aber während da niemand das Sammeln als Sammeln lobt, ist dies bei der Kunst anders. Wolfgang Ullrich glaubt nicht, dass es wie bei Mäzenen darum gehe, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Der besondere psychologische Reiz, das Faszinosum an der Siegerkunst läge darin begründet, dass nur hier sich mit einer unerschöpflichen Ressource gemessen werden kann: Niemand könne alle Kunst kaufen. Und das frustriere nicht etwa, nein, das entflamme erst:

"Er überhöht sich als doppelt mächtig und damit letztlich als absolut souverän: erfolgreicher als andere im Geldverdienen, mächtiger als andere beim Geldausgeben."

Der Ankaufsetat einiger Museen ist geradezu lächerlich

Na und? Soll doch jeder sein Geld verpulvern, wie er mag. Und bei Bildender Kunst schadet der Sammler ja niemandem, sondern nützt zumindest ein paar Künstlern und Galerien.

Es geht nicht um eine besonders bizarre Form der Kapitalvernichtung, bei der viele Nullen zu Farbe auf Leinwand transformieren. Das billige Geld hat längst eine zentrale Säule der Kunstvermittlung unterspült. Die Kunstgeschichte schreiben nicht mehr die Museen und die Kuratoren, die Kunstgeschichte werde vom Geld geschrieben. Galerien fördern nicht mehr, sondern wollen nur eine schnelle Mark machen - so der US-amerikanische Kritiker und Ex-Galerist Dave Hickey im Magazin Monopol.

"Ich habe mich aus der Kunstwelt zurückgezogen. Wenn vier Galerien das große Geld unter sich verteilen und unterschiedslos 30 Künstler in der ganzen Welt verkaufen, (…) dann sind es Investmentbanken."

Megaseller wie der Galeristenmogul Larry Gagosian haben mittlerweile weltweit ihre Dependancen, um überall dasselbe zeigen zu können. Das dann die Siegersammler kaufen. Weil teuer gleich gut sein müsse beziehungsweise zumindest von Bedeutung, dominieren die Supersammler die Museen, die sich schon lange aus diesem Bieterwettstreit verabschieden mussten. Kein öffentliches Museum kann 100 Millionen für einen Klimt bezahlen, keine 300 Millionen für einen Gauguin oder selbst ein paar läppische Millionen für einen wichtigen Richter. Der Ankaufsetat einiger Häuser ist geradezu lächerlich, beim Hannoveraner Sprengel Museum beträgt er aktuell 50.000 Euro, nachdem er jahrelang allerdings bei Null lag. Der Münchner Galerist Bernd Klüser merkte einmal bitter an, wenn er heute einem Museum eine Arbeit verkaufen wolle, dann müsse er dazu gleich den Sammler mitbringen, der sie bezahle. Wenn aber die öffentlichen Häuser so klamm sind, dann bestimmen halt andere darüber, was die Museen zeigen können.

Das macht die Bildende Kunst wirklich einzigartig. Im Buchmarkt gibt es natürlich auch den Bestseller, aber niemand, der ernstgenommen wird, erklärt das easy reading zur Kunst.

Den Zusammenhang zwischen Geld und Kunst hat es immer gegeben

Wieso das in der Kunst anders ist? Weil über die Bedeutung eines Künstlers eine überschaubare Gruppe aus Kuratoren, Kritikern und bedeutenden Sammlern entscheidet, über den Erfolg von Siegerkünstlern entscheiden ganz wenige, nur eine Handvoll Superreicher, denn hier geht es nur um viele Nullen. Denn wenn teuer das zentrale, das alles entscheidende Merkmal ist, dann ist das Museum keine wichtige Instanz mehr, sondern nur noch ein temporärer Aufbewahrungsort, bis Kasse gemacht werden kann. In Stein gegossene Dauer, wie sie das Museum verspricht, spielt keine Rolle mehr, was zählt, ist der dritte Schlag mit dem Auktionshammer. Und all das definiert, wie über Kunst gesprochen wird. Wichtig ist nicht mehr die Rezension oder der Katalogbeitrag, wichtig sind nur noch die Anekdoten der Sammler, wie der Kunsthistoriker Walter Grasskamp anmerkt: Künstlerklatsch als Provenienz, Anekdoten statt Analyse, Insiderwissen statt Außenperspektive.

Die Kunst, das ist neu, verliert ihre Liebhaber. Ullrich, Seeßlen oder Hickey sind dafür nur Beispiele, langjährige Beobachter wenden den Blick ab. Die Texte formulieren Verlusterfahrungen. Enttäuschung prägt den Ton: ein grauer, bitterer, harter.

Aber natürlich. Diese Kunst macht die Kunst kaputt. Die Kunst, die sie schätzen, wird ihnen weggenommen von Leuten, mit denen sie sich nicht gemeinmachen wollen. Enttäuschung öffnet einem die Augen. Für etwas, vor dem wir am liebsten die Augen schlössen.

Enttäuschung ist ein mächtiger Energiezustand, klar - schmerzlicher noch als unglücklich verliebt zu sein. Und wie Enttäuschte es gerne tun, malen die von der Kunst Abgefallenen das Heute zu grau und das Gestern zu farbig. Was sie übersehen: Den Zusammenhang zwischen Geld und Kunst hat es so immer wieder gegeben. Die stattlichen Villen von Franz Lenbach oder Franz Stuck in München waren nicht ererbt, sondern mit dem Pinsel ermalt. Damals hießen Siegerkünstler noch Malerfürsten. Sie waren schon zu Lebzeiten berühmt und ihre Werke sehr, sehr teuer, obgleich sie sich keineswegs rar machten, sondern permanent Porträts für die betuchte Kundschaft malten. Aber relativ schnell sank ihr Stern. Heute gelten sie nur noch als Beleg für den Münchner Historismus. Sie sind Fußnoten in der Kunstgeschichte, außerhalb der Stadtgrenzen nur noch Gegenstand für Spezialisten und Liebhaber. Als unbestrittene Herrscher des 19. Jahrhunderts treten die Impressionisten auf - interessanterweise ebenso beim Publikum wie in der Kunstgeschichte. Bilder, die als einer der ersten der große Museumsmann Hugo von Tschudi für Berlin und später München kaufte, gegen großen Widerstand. Kurz gesagt: Ein Liebling der Sammler zu sein, bedeutet nicht automatisch ein Heros der Kunstgeschichtsschreibung, ja nicht einmal des Publikums zu werden. Die Nullen am Ende eines Verkaufspreises transformieren nicht automatisch zu Relevanz. Es gibt also keinen Angriff der Gegenwart auf die Zukunft - das Heute zerstört nicht das Morgen. Das hat immer noch alle Möglichkeiten der Kunst in sich.

Für Siegerkünstler zählt nur der Preis

Okay, Hypes gab es schon immer. Und ja, auch das Haus von Peter Paul Rubens in Antwerpen ist prächtig und alleine die Versteigerung seines Nachlasses ergab über eine Million Gulden. Und das war kein schlechter Künstler. Und Gerhard Richter ist kein banaler Künstler, höchstens einer, der manchmal wie bei seinen Porträts seiner 37 Jahre jüngeren Frau mit dem gemeinsamen Kind leicht unscharfen Kitsch produziert. Ganz anders sieht es bei Murakami, Koons oder Hirst aus, also bei einem Mangamännchen mit meterlangem Ejakulat, einer porzellanenen, überlebensgroßen Sex-Skulptur mit der Ehefrau und Pornodarstellerin Cicciolina oder einem komplett mit Diamanten überzogenen Schädel, der jedem Swarovski‑Strass‑Schmuckstück die Schau stiehlt. Diesen Siegerkünstlern ist es völlig gleichgültig, ob sie gute Kunst machen, wo sie im Ranking irgendwelcher Kunstzeitschriften stehen oder ob wichtige Museen ihre Werke prominent präsentieren - nein, hier spielt nur eine Rolle, wieviel sie zu welchem Preis verkaufen.

Es gibt mehr Nachfrage als Angebot. Also sind die hohen Preise gerechtfertigt. Das ist logisch, erklärt aber nur wenig. Denn warum steigen die Preise bei niederländischen Blumenstillleben des 17. Jahrhunderts nicht auch ins Unermessliche? Deren Zahl ist definitiv begrenzt, die kunsthistorische Bedeutung geklärt. Sind es wirklich die kleinen Formate? Das Sujet? Warum lässt das flatterige Helikoptergeld der EZB nicht auch hier die Preise durch die Decke gehen? Wieso braucht der Supersammler unbedingt Siegerkunst aus den letzten 50 Jahren?

Weil es nicht um Kunst geht und nicht um individuelle Vorlieben. Es geht wie in der Mode um das Must-Have der Saison, den Danh Vo, Anselm Reyle oder wer immer gerade als der kommende Star gilt.

Achtung, wir müssen aufpassen, wir müssen den Klimbim, das Chichi des Kunstmarkts trennen von dem, was Kunst sein könnte, was sie immer noch ist. Und auch wenn es dem Moralempfinden nicht unbedingt entspricht, es ist keineswegs bewiesen, dass Geld und Nähe zu den Mächtigen den Künstler korrumpieren. Der unabhängige und deswegen verkannte, aber unbeirrbar weiter aus sich schöpfende Künstler ist ein Mythos des 19. Jahrhunderts. Sehr eingängig, larger than life, überlebensgroß, aber nicht durch Fakten zu belegen. Der Kunsthistoriker Martin Warnke wies schon vor 30 Jahren in seinem Standardwerk "Der Hofkünstler" darauf hin, dass der Typus Künstler nur an den Höfen entstehen konnte. Dort war er aus den Zunftzwängen entlassen, dort gewährte man ihm Steuerfreiheit, dort erlaubte man ihm, Konventionen und Überlieferungen zu verletzen. Was soll also schlimm sein an der Refeudalisierung der Kunst - die hat die Nähe zur Macht jahrhundertelang ganz passabel überstanden?

Die gesellschaftliche Umgebung prägt den Menschen

"Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt."

Hat Karl Marx gesagt und der wird ja angesichts eines kränkelnden und gelegentlich korrupten Kapitalismus wieder mehr zitiert. Als wäre die Kunstgeschichte nicht voll von heroischen Herrschern in kunstvollen Interieurs, die in Wahrheit Schlächter, Despoten und krasse Verschwender waren. Jacques-Louis Davids Reiterbildnis Napoleons, eines Helden, der die Richtung weist, der das Tier Gesellschaft zähmt, eines Kriegsherrn, der den Tod von gut und gerne drei Millionen Menschen zu verantworten hat. Dem Sein der Kunst täte ein bisschen mehr Bewusstsein ganz gut.

Natürlich hatte Marx recht mit seiner Behauptung. Die gesellschaftliche Umgebung prägt den Menschen. Dennoch ist es Vulgärmarxismus zu behaupten, dass ein einziges Element alles zu dominieren vermag. Das Verhältnis zwischen Maler und Porträtierten war sicher geprägt durch die Macht dessen, der bezahlt. Aber wenn wir die Bilder von Velasquez sehen, dann fällt uns die Verherrlichung der Kleidung auf, der Spitzenkrägen, der schimmernden Stoffe, nicht aber die der Porträtierten. Außer wenn wir ihren Mut zur Hässlichkeit als Ausdruck von Größe umdeuten.

Aber ist das nicht eher ein Trotzdem als ein Deswegen? Gilt hier nicht, was Theodor W. Adorno gesagt hat, dessen Ästhetische Theorie wir andächtig, wie nur leicht entflammbare 20jährige es können, in einer Arbeitsgruppe zu entschlüsseln versucht haben:

"Die Unmenschlichkeit der Kunst muss die der Welt überbieten um des Menschlichen willen."

Kein Paktieren mit niemandem. Keine Welt aufnehmen. Keine Sieger hofieren. Die Unmenschlichkeit der Welt noch toppen.

Ach, die Adorno-Phase. Ich erinnere mich. Schwierige, aber deswegen verlockende Texte. Zirkeltraining für Neuronen. Kompliziert, aber - und das ist ganz wichtig für 20-jährige Überzeugungstäter - eindeutig. Kalt und kalt und doch schwärmerisch. Begeisterung on the rocks, auf Eis aus Abstraktion. Verführerisch, weil da war so viel Böses - Verblendungszusammenhang, Kulturindustrie, Barbarei - und wir waren zwar verzweifelt darüber, nicht auf der Seite der Sieger zu stehen, aber wenigstens - so unser Novizen-Kinderglaube - gehörten wir zu den Guten.

Das Adornosche Reinheitsgebot war sehr effektiv

Und jetzt, vermute ich, ist die Phase vorbei? Jetzt im nicht aufgeklärten, sondern im abgeklärten Zeitalter, in dem Zynismus als Abführmittel verkauft wird, weil dann, was hinten rauskommt, wie Erkenntnis riecht.

Das Adornosche Reinheitsgebot war sehr effektiv. Damit ließ sich etwa wunderbar Becketts Radikalität erklären - auch wenn der nicht darum gebeten hatte. Die Künste hatten nie so eine Bedeutung wie unter Adorno. In seinem Reich war es zwar unwirtlich, aber die wenigen Sonnenstrahlen leuchteten umso heller.

Denn Adorno hat vieles ausgesiebt. Seine Enttäuschung kanalisierte er in einem Strom von Verdikten, ja Verboten. Der Philosoph ließ auf seine Kunstarche, mit der er etwas für die kommende Welt, für das Morgen retten wollte, keinen Walt Disney mitkommen, keinen Chaplin, keinen Jazz, Debussy, Stravinsky. Die alle hat er über die Planke springen lassen und ihnen noch hämische Worte hinterher gerufen.

Ja. Ein maximales Nichts, das sollte Kunst sein, alles andere würde verwässern. Eremitenkunst - karg, verzweifelt und herb.

Und manchmal nur noch eine Litanei über eine herabgesunkene, eine populäre Kultur, die sogenannte Kulturindustrie, die dieses Niveau, die sein Niveau nicht erreichte. Oder mit der bösen Welt fraternisierte, indem sie sie kritisierte, also auf irgend eine Weise mit ihr in Kontakt trat. Deswegen kanzelte Adorno die engagierte Kunst ab:

"Kunst heißt nicht: Alternativen pointieren, sondern, durch nichts anderes als ihre Gestalt, dem Weltlauf widerstehen, der den Menschen immerzu die Pistole auf die Brust setzt."

Teuer ist nicht böse, nicht einmal moralisch verkommen

Der Weltlauf setzt den Menschen die Pistole auf die Brust… Adorno setzte Metaphern gerne die Pistole auf die Brust, denn er hielt sich selbst für einen besseren Stilisten, als er war. Und heute nicke ich, wenn ich lese, wie der nüchterne und, zugegebenermaßen, nicht wohlwollende Kollege Karl Popper Adorno vorhielt, immer dieselben rhetorischen Figuren zu benutzen: ein Jargon des Widerstehens, eine Fetischisierung der Antithese. Und deswegen traue ich mich hier, dem Philosophen Adorno zu widersprechen. Kunst heißt ziemlich oft, Alternativen zu präsentieren, sie sinnlich erfahrbar zu pointieren. Aber wenn es eine große Befreiung gerade der abstrakten und ungegenständlichen Kunst war, nicht mehr repräsentieren zu müssen, dann heißt das eben auch, Kunst darf nach dem Siegeszug des Abstrakten auch mal wieder repräsentieren, Dekor sein, hübsch sein, bunt, verspielt. Weil in dieser Freiheit des Ausdrucks auch jene andere ihren Platz hat, politisch und direkt zu sein, ja, natürlich, und natürlich auch ungegenständlich und weltlos. Kunst ist kein Musterschüler, der vorsagen oder gar vorleben kann, wie aus dieser ziemlich unvollkommenen Welt eine bessere wird. Deswegen muss Kunst aber das Recht haben, einfach manchmal nur Kunst zu sein. Und, pardon, auch teuer. Teuer ist nicht böse, nicht einmal moralisch verkommen. Oder wie Marguerite Duras es wunderbar lakonisch formulierte:

"Der Preis eines Kleides hat nichts mit dem Kleid zu tun. Der Preis eines Gemäldes hat nichts mit dem Gemälde zu tun."

Aha. Und woher kommt diese Erkenntnis, eine Wirkung nicht als Ursache zu nehmen? Doch aus der Enttäuschung über Adorno. Hätte es dein Plädoyer für Pluralität ohne ihn gegeben? "Die Ästhetische Theorie" ist vielleicht Enttäuschung in Reinform - aber eben auch Rettung der letzten verbliebenen Positionen. Ein Destillat, doppelt gebrannt aus Enttäuschung, dass die Kunst nicht mehr vermag.

Kunst entfacht libidinöse Verwirrungen. Nicht bei allen, aber sicher bei mehr Menschen als nur ein paar Sammlern, die sich nicht nur bloß hübsche, sondern atemberaubende Bilder über den Kamin hängen können. Es geht um ein Gegenüber, das uns fasziniert. Um Schönheit, die aber, wie im Falle der Konzeptkunst, auch im Gedanken liegen kann. Wir lernen von der Kunst. Anders als in der Schule, im Konfirmandenunterricht oder in antikapitalistischen - wir sind 99 Prozent - Basisgruppen. Anders. Und deswegen müssen wir manchmal schmerzlich erfahren, dass sie fremd geht, dass sie ganz andere Dinge im Kopf hat, dass sie uns nicht mehr etwas lehren will, sondern einfach sagt: Ich bin, was ich bin. Anders, nicht wie wir. Ein Anderes. Was sie interessant macht, was sie zu Kunst macht.

Blenderkunst schafft Tatsachen

Aber was, wenn das Andere bloß bunt oder groß ist? "Das Kunstwerk im Zeitalter des totalen Kapitalismus" nennen Georg Seeßlen und Markus Metz diese Schwundstufe von Kunst. Vielleicht ist Enttäuschung doch der richtige Umgangston, um ihr zu begegnen, wenn sie sich an den Hals von ein paar Superreichen wirft. Um vielleicht nicht die Kunst zu retten, sondern das, was sie mit uns getan hat. Ich liebe Dich für etwas, was Du hättest sein können: Große Kunst. Und nicht ein paar Nullen.

So etwas wie die Kunst gibt es nicht. Es gibt kein Destillat, keinen reinen Bereich für Kunstpriester und einen unreinen für die reichen Parias. Nein, es gibt eine Kunst für Supersammler, eine für Kunstvereine, Biennalen und die documenta, eine für ambitionierte Enthusiasten und eine für Repräsentationszwecke. Geld spielt nicht in allen Bereichen dieselbe Rolle, sondern mal mehr, mal weniger.

Aber gerade diese Offenheit zerstört doch eine Kunst, die aufgehört hat, nach der Gesellschaft zu fragen, in der sie lebt und nur noch die Interessen von sehr, sehr wenigen beliefert. Die Kulturpolitiker und Landesfürsten so blendet, dass sie lieber einem Sammler ein Privatmuseum hinstellen, als dass sie die eigenen öffentlichen Häuser endlich mit einem ausreichenden Ankaufsetat versehen. Blenderkunst schafft Tatsachen, was logisch ist, denn die Fototermine beim Spatenstich machen mehr her als das Aufstocken eines Etatpostens als Punkt 27 der Vorlage in der dritten Sitzung des Finanzausschusses.

Der Begriff Kunst ist ein unscharfes Label, keine Linse, die etwas hervorhebt. Die documenta hat mit, sagen wir der Sammlung Buchheim, sehr wenig zu tun, obwohl beide unter Kunst abgehandelt werden. Das eine sollte eher unter Tourismusförderung firmieren - unter anderem auch deswegen, weil der ehemalige Marinemaler Lothar-Günther Buchheim in seinem Verlag populäre Hetzschriften gegen die zeitgenössische Kunst vertrieb, mit denen er den Aufbau sowohl seiner Expressionisten als auch seiner Briefbeschwerer-Sammlung finanzierte.

Kunst ist keine moralische Kategorie

Wir müssen aufhören, davon zu reden, dass Kunst etwas mit dem Guten, Wahren und Schönen zu tun hat, moderner ausgedrückt: Kunst ist keine moralische Kategorie. Dazu machen wir sie erst. Kunst ist nur Kunst. Das ist ihre Freiheit. Das ist ihr Füllhorn. Einige Künstler sind nette Kerle, andere nicht. Kunst kann wunderbare Dekoration sein - wie etwa der Zyklus Mark Rothkos in der Tate Gallery, der ursprünglich für das Four Seasons Restaurant in New York geplant war. Oder die poppige Gestaltung des Cafés auf der Biennale von Venedig, für die 2010 der Frankfurter Künstler Tobias Rehberger den Goldenen Löwen erhielt.  

Und das sind ja ausgewählte gute Beispiele. Was aber ist mit Kunst, die zumindest den Blick auf andere Kunst verstellt? Es gehen nicht alle um den Trumm, den knalligen Block aus Siegerkunst herum, nur um zu schauen, was dahinter steht. Die Blockbuster-Ausstellung des Superlativ-Fotografen Andreas Gursky lockt eben viel mehr Besucher an als Marcel Broodthaers verspielte Installationen über die Mechanismen des Kunstbetriebs, durch die ich in Kassel buchstäblich ganz allein gegangen bin.

Gut, es hat immer künstlerisch interessante und weniger interessante Epochen gegeben. Wo das 21. Jahrhundert da landen wird, vermag niemand heute zu sagen. Allerdings erzählen erfahrene Sammler einem von den 80er‑Jahren, als der Kunstmarkt am Boden lag und viele Werke plötzlich billig zu haben waren. Es gibt - wie im Kapitalismus üblich, wenn auch nicht gern gehört - keine zwangsläufige Wertsteigerung. Der Markt unterliegt Moden - und nicht allen Künstlern gelingt es wie dem Phönix Jeff Koons, noch die Vernichtung seiner Reputation - ich kalauere - zu Asche zu machen. Aber selbst wenn dieser Zyklus 60 Jahre anhalten sollte, was der sowjetische Wirtschaftstheoretiker Nikolaj Kondratjev als längste mögliche Prosperitätsphase ansah, selbst dann heißt das nicht, dass die teure Kunst die bessere ist.

Wenn aus einer Blase die Luft entwichen ist, bleibt fast nichts

Periodische Schwankungen des Angebots heißen übrigens Schweinezyklen. Wenn wir die Siegerkunst Schweinezyklen-Kunst nennen würden, dann wäre die Debatte mutmaßlich entspannter. Hier wird eine Sau durchs Dorf getrieben.

Für die Kunst gilt Niklas Luhmanns Erkenntnis, dass Systeme autopoetisch funktionieren. Sie kreieren sich selber ihre Regeln. Innerhalb des Systems funktionieren die Regeln, außerhalb wirken sie absurd. Die Siegerkünstler sind so gesehen eine bizarre und hypertrophe Variante der Malerfürsten, eine extreme Form, ein Säbelzahntiger, dessen riesige Schneidezähne sich dann doch nicht als evolutionärer Vorteil erwiesen haben - Größe schützt vor Aussterben nicht. Schauen wir doch einfach zu, ob die Kunst für die Superreichen den nächsten Börsencrash oder einfach fünf bis sieben Jahrzehnte übersteht. Ob Germany‘s Next Topartist nicht schon bei der nächsten Staffel vergessen ist…

Und besuchen währenddessen jene Ausstellungen, die eine Kunst bieten, die uns nicht mit ziemlich plumpen Überwältigungsstrategien kommt. Diese Blase ist ein Ausschlag, ein Geschwür, ein Furunkel. Gegen Ende des 4. Jahrhunderts mussten Huren, Faustkämpfer und Maler, so die Apostolischen Konstitutionen, ein wichtiges kirchliches Handbuch, mussten Maler also erst ihren Beruf aufgeben, bevor sie getauft werden konnten. So unehrenhaft ist heute der Künstlerberuf nicht mehr. Manchmal denke ich, schade, gerade bei den Siegerkünstlern. Nennen wir sie Megaseller, das kommt der Wahrheit näher. Ein Marktphänomen, geschaffen um sehr potente Kunden zu befriedigen, und Kunst ist dafür nur ein Vehikel.

Vielleicht. Oder hoffentlich. Denn wenn aus einer Blase die Luft entwichen ist, bleibt fast nichts. Keine Narbe, sondern nur eine erschlaffte Außenhaut. Und, ja, Enttäuschung.

Enttäuschung öffnet die Augen. Aber sie verzerrt auch den Blick. Wer in der Kunst nur noch durchkapitalisierte Siegerkunst sieht, übersieht manches. Auch, dass er die Kunst nicht mehr vorurteilsfrei betrachtet. Was einen großen Verlust darstellt. Gerade auch für die, die meinen, betrogen worden zu sein. In vielen von uns steckt ein kleiner Adorno. Der uns viel beigebracht hat. Aber es gilt wie bei allen Lehrern: Die guten haben uns beigebracht, selbst zu sehen. Und da draußen gibt es genug, was betrachtet zu werden lohnt.

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