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StartseiteLange NachtTrümmer, Träume und Traumata13.10.2018

Die Lange Nacht über Familiengeschichten in UmbruchzeitenTrümmer, Träume und Traumata

1949, 1968, 1989 - drei Wegmarken der deutschen Geschichte. Der Neuanfang in Trümmern und in zwei getrennten Staaten, die Studentenrevolte im Westen und die Hoffnung auf einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz im Osten, schließlich die friedliche Revolution in der DDR und die Wiedervereinigung.

Von Regina Kusch und Andreas Beckmann

Die sogenannten "Trümmerfrauen" arbeiten im Mai 1945 in Berlin an der Beseitigung der Trümmer von im 2. Weltkrieg zerstörten Häusern. (picture-alliance / Ursula Röhnert)
Berlin 1945: Wiederaufbau einer in Trümmern liegenden Stadt (picture-alliance / Ursula Röhnert)

Diese politischen Umwälzungen haben Generationen geprägt. Sie haben Diskussionen provoziert, in der Öffentlichkeit wie auch in Familien. Sie haben Fragen und Vorwürfe ausgelöst, der Kinder an die Eltern, aber auch umgekehrt.

Es ging um Lebensträume und -ängste, um Aufbrüche und Versagen, um Verfehlungen, die eigenen und die vermeintlichen der anderen. Viele Erfahrungen und Gefühle waren den anderen Generationen oft schwer vermittelbar. Nicht selten haben sich Familien auf Jahre entzweit.

In der Langen Nacht erzählen Großeltern, Eltern, Kinder und Enkel von ihren Empfindungen, als zum ersten Mal die Hymne des neuen Staates erklang, von der Wut, als die Bilder vom Sturm aufs Springerhaus oder von russischen Panzern in Prag über die Bildschirme flimmerten. Sie erzählen von Skepsis und Hoffnung, als die Mauer fiel.

(Wdh. vom 3./4.1.2009)

Familie Links

Christoph Links im Gespräch (Deutschlandradio / David Kohlruss)Der Verleger Christoph Links (Deutschlandradio / David Kohlruss)

Roland Links, Germanist, ehem. Lektor und Verlagsleiter, "Volk und Welt" und Kiepenheuer Leipzig, verstarb 2015
Weitere Informationen zu Leben und Werk 

Christoph Links, Verleger und Publizist
Ch.Links Verlag in Berlin
Mehr zu Christoph Links

Johanna Links, Lektorin im Aufbau Verlag. Mehr Informationen

Familie Rating

Ehrenpreisräger Arnulf Rating bei seinem Auftritt mit Zeitung in der Hand. (Gert Fabritius)Arnulf Rating erhielt den Ehrenpreis des Abends, die "Ahlen Wurscht". (Gert Fabritius)

Arnulf Rating , Kabarettist in Berlin
Udelgard Robisch, Künstlerin in Zell unter Aichelberg
Robert Rating, Kabarettist und Musiker in Berlin

zu Arnulf Rating
Querköpfe mit Arnulf und Robert Rating 10. Oktober 2018
In einer aktuellen Ausgabe der Dlf-Kabarettsendung "Querköpfe" wird die künstlerische Vater-Sohn-Beziehung zwischen Arnulf und Robert Rating beleuchtet.

Familie Poppe

Ulrike Poppe (geb. Wick), Bürgerrechtlerin und DDR-Oppositionelle, erste Brandenburger Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur seit dem 1. März 2010. (Deutschlandradio / Bettina Straub)Ulrike Poppe (geb. Wick), Bürgerrechtlerin und DDR-Oppositionelle, erste Brandenburger Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur seit dem 1. März 2010. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Peter Wick war Historiker in Ost-Berlin.
Brigitte Wick war Übersetzerin in Ost-Berlin
Ulrike Poppe , "Demokratie Jetzt", Ev. Akademie Berlin, hat im September 2017 das der eines Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur aufgegeben.
Jonas Poppe, Musiker bei "Kissogram in Berlin
zu Jonas Poppe

Immer nach vorne schauen – Familie Viebranz

Bernd Viebranz, führt die älteste Autowerkstatt Berlins
Gisela Viebranz

Gisela Viebranz: "Die große Angst war, wie die Luftbrücke war, wie wir nix zu essen gekriegt haben. Und wie die Amerikaner uns alle eben versorgt haben. Da war die große Angst. Da war die große Gefahr, dass alles eben vereinnahmt wird."

Gisela Viebranz war zehn, als am 12. Mai 1949 die Berliner Luftbrücke endete. An diesem Tag endete auch ihre Angst, noch einmal unter sowjetische Herrschaft zu geraten, so wie vier Jahre zuvor. Damals hatte ihre Familie noch in Schlesien gelebt, wo die Eltern einen Hof bewirtschafteten. Doch dann kam die Rote Armee.

Gisela Viebranz: "Vater wurde verschleppt von den Russen, es hieß, er muss in ein Lazarett, aber ... die sind alle nach Sibirien gekommen und uns haben dann die Polen rausgeschmissen. ... Das war damals eben so ... und dann ist Mutti mit uns drei Kleinen mit so einer Mistkarre und ein bisschen was zu essen drauf, so sind wir geflüchtet. ... Wenn Mutti uns versucht hat uns irgendwo drauf zu setzen, auf einen Wagen, der irgendwo vorbeifuhr, dann haben wir geschrien wie am Spieß, wir haben wunde Füße gehabt, es war heiß im Sommer wie wir geflüchtet sind und wir wollten nur zusammenbleiben. ... Ja, und so sind wir dann nach Berlin."

Die Mutter versorgte die Kinder und wenn sie sie abends ins Bett gebracht hatte, ging sie noch arbeiten. Gisela Viebranz machte sich nach Schule und Ausbildung mit einem Konfektionsgeschäft selbstständig.

Gisela Viebranz: "Ich hab früh angefangen mit einem Kind, 19einhalb war ich, und es war ja auch eine schwere Zeit und meine erste Ehe war auch nicht so doll. Ich weiß nicht, ich habe irgendwo versucht allein vorwärts zu kommen und irgendwas zu machen."

Sie hat ihren Sohn groß gezogen und das Geschäft am laufen gehalten. Auch heute, mit 70 Jahren, arbeitet sie noch, allerdings nicht mehr im eigenen Betrieb, sondern in dem ihres dritten Mannes, Bernd Viebranz. Dem gehört die älteste Autowerkstatt Berlins, an einem geschichtsträchtigen Ort ganz im Norden der Stadt, unmittelbar an der ehemaligen Grenze. Von Geschichte redet er aber nicht so gern, höchstens von der Geschichte der Werkstatt. Sein Vater hat den Betrieb 1933 gegründet. Da war Bernd Viebranz noch lange nicht geboren, er kam erst 1945 auf die Welt. Von den Erzählungen seines Vaters hat er behalten, wie schwer es damals war, das Benzin in die Autos zu pumpen. Als der Vater zur Wehrmacht musste, übernahm die Mutter diese Aufgabe.

Bernd Viebranz: "Meine Mutter war damals die einzige Frau in ganz Berlin, die an einer Tankstelle stand. Die haben alle gesagt, das geht nicht, aber meine Mutter hat so viel Zuspruch gehabt, die Funktionäre sind ja hier auf der 96 Richtung Saßnitz, Rügen gefahren, die hatten ja da ihre Wochenendhäuser, die haben dann alle bei meiner Mutter getankt. Meine Mutter hat in einem guten Monat fast 30.000 Liter mit der Hand gepumpt."

Als sein Vater aus der Gefangenschaft zurückkam, fing er neu an mit einer winzigen Garage, in der er Autos reparierte. Am 17. Juni 1953 marschierten protestierende Arbeiter aus dem Osten direkt an seinem Hof vorbei. Als 8jähriger verstand Bernd Viebranz kaum, worum es damals ging. 1961 beim Mauerbau war er schon 16, aber viel wichtiger für ihn war damals ein anderes Ereignis: er fuhr sein erstes Rennen – auf einem kleinen Rundkurs in einem Berliner Wald.

Bernd Viebranz: "Irgendwo durch einen Langstreckenpokal bin ich dann durch die Europameisterschaft zum Nürburgring gekommen. ... Und da kenne ich jede Bodenwelle, weiß wo die Wasserpfützen stehen, wo der Rinnstein ist, den man nicht berühren darf. Oder welche weiße Linie man auch nicht berühren darf, die glitschig ist bei Regen."

Gisela Viebranz: "Also ich möchte sagen, bei meinem Mann sind Autos sein Leben und sein Hobby mit Arbeit verbunden."

Bernd Viebranz: "Ich bin im Benzin geboren."

Als sein Vater 1972 einen Schlaganfall erlitt, übernahm Bernd Viebranz die Werkstatt. Mit 27 Jahren hatte er plötzlich die Verantwortung für Familie und Arbeitsplätze. Seitdem gab es für ihn nur ein Motto:

Bernd Viebranz: "Eigentlich nie still zu stehen, sondern immer voran zu gucken, immer zu gucken, wo ist der Weg, wo es weitergeht. Und versuchen immer den geradlinigen Weg zu gehen."

Die Werkstatt floriert bis heute. Bernd Viebranz hat sie mehrfach ausgebaut und Stiefsohn und Enkel mit in den Betrieb übernommen. Aufhören will er mit noch längst nicht und zurückblicken schon gar nicht, genauso wenig wie seine Frau. Vor allem nicht auf die Anfangsjahre direkt nach dem Krieg.

Gisela Viebranz: "Das war eine schlimme Zeit. Ich weiß nicht, ich schieb das einfach weg, ich möchte gar nicht so erinnert werden. Ich guck mir auch nicht solche tragischen Filme an, wenn sie sie bringen, ich hab es erlebt, ich weiß, wie schlimm das war. Ich muss mich nicht immer neu belasten damit."

Bernd Viebranz: "Oder man muss in der Vergangenheit leben. Und ich bin nicht der Typ, der in der Vergangenheit lebt."

Alexander von Plato, Studiogast dieser Langen Nacht:

Alexander von Plato, lange Jahre Historiker der Fernuni Hagen, hat das Institut für Geschichte und Biographie in Lüdenscheid mitbegründet und zahlreiche Forschungsprojekte zu Oral History, Biografieforschung und zur deutschen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte geleitet.

Mehr Informationen bei Wikipedia

Literatur von Alexander von Plato (Auswahl passend zum Thema):

Plato, Alexander v. und Almut Leh: "Ein unglaublicher Frühling". Erfahrene Geschichte im Nachkriegsdeutschland (Dokumente und Analysen). Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1997

Plato, Alexander v. (Hg.): Die DDR in der Erinnerung, Studienbrief der Fernuniversität Hagen, Hagen 1999.

Plato, Alexander v.: Die Vereinigung Deutschlands – ein weltpolitisches Machtspiel. Bush, Kohl, Gorbatschow und die geheimen Moskauer Protokolle, Berlin 2002.

Plato, Alexander v.: Flucht und Vertreibung. Lebensgeschichte, Erinnerung und Realgeschichte. Vom geteilten kollektiven Gedächtnis in Deutschland, in: Jan Motte und Rainer Ohliger (Hg.): Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft. Migration zwischen historischer Rekonstruktion und Erinnerungspolitik, Essen 2004, S. 131-144.

"Bleierne Zeit in der DDR"

Peter Wick: "Die, die da blieben, weil sie Gründe hatten zu bleiben, die mussten zusehen, dass sie sich ein Refugium suchten, wo sie etwas leisten konnten, was andere vielleicht nicht konnten oder wollten, und was also dann ganz gut war. "

Christoph Links: "Also zumindest für mich gilt es, dass ich versucht habe in den Strukturen auch mitzuarbeiten, was mit zu bewegen, mitzuwirken. Und mein Engagement für Lateinamerika, auch als Lateinamerika-Redakteur der Berliner Zeitung war von tiefstem Herzen in Zeiten, als in Chile der Allende weggeputscht wurde, als der Überfall auf Grenada war, als die sandinistische Revolution attackiert wurde, da war ich schon sehr auf den Seiten der revolutionären Bewegungen dort, was sich mit den außenpolitischen Positionen der DDR durchaus deckte, während ich gleichzeitig zu den inneren Vorgängen hier eher ein kritisches Verhältnis hatte."

Jonas Poppe: "Ich habe oft erlebt, dass die Stasi bei uns in der Wohnung war, mit dem Fuß in der Tür. Einmal waren das fünf Leute, die wir nicht besonders sympathisch fanden, und die haben sich dann auch im Kinderzimmer zu schaffen gemacht. Keine Ahnung, haben wahrscheinlich nach Dokumenten oder irgend so was gesucht, das ist uns schon auf gefallen. Aber ich dachte damals, das ist einfach so, das muss so sein. Ich konnte das nur mit Mitschülern vergleichen und die kannten das nicht so, aber trotzdem habe ich das erstmal so hingenommen. Und habe auch mitbekommen, dass meine Eltern eher so auch darüber Scherze gemacht haben und das scheinbar jedenfalls locker genommen haben. So hatte ich jedenfalls das Gefühl, damals."

Peter Wick: "Wir hatten richtig Angst um die Kinder, die beiden, ... die Enkelkinder, weil wir wussten, wenn die beiden Eltern verhaftet werden, dann kommen die Kinder sonst wo hin."

Ulrike Poppe: "Wir hatten Vollmachten geschrieben für Euch, dass Ihr die Kinder auch kriegen könnt ohne uns. Wir hatten Vollmachten geschrieben auch für Freunde, Marianne Birtler hatte auch eine Vollmacht und noch zwei andere Freunde, weil wir wussten ja nicht, wer verhaftet wird, auch unsere Nachbarin hatte eine Schlüsselvollmacht für die Wohnung, dass sie die Kinder nehmen kann, um sie zu Euch zu bringen, um zu verhindern, dass die Kinder in ein Heim kommen."

Peter Wick: "Oder verschwinden zu irgendeiner Familie."

Ulrike Poppe: "Und manchmal gab es Situationen, ich weiß nicht ob Du Dich erinnerst Jonas, da sind wir beide festgenommen worden, ohne dass wir wussten, dass der jeweils andere auch festgenommen wurde, also ich auf dem Weg, wollte Euch vom Kindergarten abholen und mein Mann auch und da wart ihr im Kindergarten und keiner holte Euch ab und da seid ihr mit einer Kindergärtnerin dann nach Hause gegangen."

Jonas Poppe: "Echt? Kann ich mich gar nicht erinnern."

Ulrike Poppe: "Und ich habe großes Theater gemacht, habe gesagt, ich muss meine Kinder holen und irgendwann haben sie mich dann am Abend entlassen und dann lief ich von einem Freund zum anderen, um rauszukriegen, wo ihr seid. Hatten ja nur ganz wenige eine Telefon und dann habe ich Euch irgendwann abgeholt."

Christoph Links: "Wir haben im Freundeskreis versucht, eben eine Gruppe Gleichgesinnter zu finden, die sich aufeinander verlassen konnte und sich untereinander vertraute und in der Tat hat die Menschenkenntnis auch funktioniert, weil in meinen Stasi-Akten ist auch niemand aus dem nahen persönlichen Bereich, der mich denunziert hätte, sondern das sind Berichte von Kollegen und Kommilitonen und da hatte man schon ein Gespür dafür, wer ist Zuträger der Macht und wer gehört nach oben oder will Karriere machen. "

Ulrike Poppe: "Ich weiß nicht, ob ich das gewagt hätte, wenn ich beispielsweise einen guten Studienplatz bekommen hätte und Aussicht auf eine gute Arbeit, also wenn ich was zu verlieren gehabt hätte, hätte ich mich auch möglicherweise mehr zurückgehalten. Ich war ja nun, als ich mein Studium abgebrochen hatte und dann noch mal neue Versuche unternahm, noch mal ein neues Studium aufzunehmen, ich hatte mich dann für Sozialpsychologie in Jena beworben, irgendwann war mir klar, ich hatte keine Aussicht mehr auf ein nächstes Hochschulstudium, was ich zwar sehr bedauert habe, aber von da an war ich irgendwo auch frei. Ich hatte ja nichts mehr zu verlieren und das, glaube ich, spielt eine große Rolle bei solchen Entscheidungen."

Als die Mauer fiel

Robert Rating: "Am 10. November morgens hat der Freund von meinem Bruder gesagt, die Mauer ist auf, und meine Mutter hat das erst gar nicht geglaubt, hat sie mir erzählt. Ich weiß noch, dass wir damals Invalidenstraße langgefahren sind und dann kamen da haufenweise Leute rüber und der Kumpel von meinem Bruder hat dann gesagt, oh Gott, die kaufen uns jetzt alle die Turnschuhe weg. Und dann am Abend waren wir alle direkt am Brandenburger Tor und haben gestanden an der Mauer. Auf der Mauer tanzten die Leute und haben gesungen "Die Gedanken sind frei"."

Udelgard Robisch: "Ich habe es nicht geglaubt. Die Leute, die über die Mauer kamen. Man hatte den Prager Frühling noch so lebhaft vor Augen und ich habe gedacht gleich schießt's. Gleich kommt's. Und dass es nicht kam, das war so grandios. Das habe ich schon als erstaunlich erlebt. "

Johanna Links: "Als es wirklich so weit war, war ich zehn. Und es war eine aufregende Zeit, das habe ich schon gespürt, emotional. Wenn man sich abends in der Küche zusammenfand und ständig waren Leute bei uns und man hockte zusammen vor dem Fernseher und man hat sich ständig irgendwie gemeinschaftlich zusammengefunden. Und auch wie wir hier in der Gethsemanekirche waren, das habe ich sehr emotional wahrgenommen ... also das ist alles viel mehr emotionaler als sozusagen politisch geprägt."

Jonas Poppe: "89, nee 90, da wurde mein Vater ja dann kurzzeitig Minister ... und dann kamen Leute von der Süddeutschen und Reporter und Journalisten. Einmal kamen auch ein japanisches Fernsehteam, die wollten ursprünglich, dass meine Eltern mit einem Stasi-IM reden vor der Kamera, also ein IM die sich als Familienfreundin ausgegeben hat und eng mit meinem Vater zusammengearbeitet hat und in Wirklichkeit alles weitergegeben hat als IM an ihren Offizier. ... Weil ihr das wohl nicht wolltet habe ich dann mit ihr vor der Kamera ein Gespräch geführt, habe dafür einen Walkman gekriegt, was ich toll fand als neun- oder zehnjähriger, ... und habe dann nur gesagt, warum hast Du das gemacht, alles ausgeplaudert und sie hat das dann mit ihrer Kindheit erklärt, dass sie eben so kommunistisch erzogen worden sei, im Heim groß geworden ist. Ich konnte da viel auch nicht zu sagen, ich fand das einfach furchtbar, weil wir Kinder auch ein sehr gutes Verhältnis zu ihr hatten und das war auch für uns dann ein kleiner Schock."

Christoph Links: "Für mich kam die Wiedervereinigung zu schnell. Ich gehörte zu denen, die eine reformierte DDR, eine innere Selbsterneuerung bevorzugt hätten. Wir haben im Frühjahr 90 noch überlegt im Freundeskreis, ob man mit einer unabhängigen neuen Partei was erreichen kann. Und diese sehr schnelle Vereinigung dieses Nicht-Auseinandersetzen mit dem Bisherigen fand ich seinerzeit nicht glücklich."

Arnulf Rating: "Was mich gestört hat war natürlich, dass auf einmal im Westen kein anderes politisches Thema mehr durchkam. Also irgendwann Ende November hatten wir für eine Aids-Initiative ein Haus besetzt, wo wir ein Hospiz errichten wollten, einfach auch um darauf aufmerksam zu machen, und was sonst immer in Berlin ein Garant war für Aufmerksamkeit und wo man hätte sagen können, da geht jetzt eine Diskussion los, das hat überhaupt keinen interessiert und das wurde klaglos geräumt und das hat mich fürchterlich geärgert und das hat mich dann auch irritiert, weil es kam so ein roll back in die 70er Jahre und plötzlich war die CDU für Leute wieder eine Hoffnung und das waren Irritationen, die aber mit so einem breiten Strom der Kraft vorgetragen wurde, dass man da machtlos war, völlig machtlos und das war schmerzlich zu erleben."

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