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StartseiteAus Religion und Gesellschaft"Ich möchte in dieser Zeit nicht Gott sein" 29.07.2020

Die Lyrikerin Mascha Kaléko"Ich möchte in dieser Zeit nicht Gott sein"

Als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, schrieb Mascha Kaleko: „Wir haben keinen Freund auf dieser Welt. Nur Gott.“ Später klagte sie Gott an. Die Religiosität der Dichterin passe in keine Schublade, sagen Theologen heute. Sie sei eine „zarte Pflanze“.

Von Burkhard Reinartz

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Die Schriftstellerin Mascha Kaleko (undatiert). Sie wurde am 7. Juni 1907 in Chrzanow (Galizien) geboren und verstarb am 21. Januar 1975 in Zürich. | (B0329_Röhnert)
Mascha Kaléko (B0329_Röhnert)
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Einer ist da, der mich denkt.
Der mich atmet. Der mich lenkt.
Der mich schafft und meine Welt.
Der mich trägt und der mich hält.
Wer ist dieser Irgendwer?
Ist er ich? Und bin ich Er?

Was weiß der Fisch von Religion?
Das fragte ich mich immer schon?
Denn was da fleucht in Berg und Tal
Singt schmetternd seinen Dankchoral;
Sogar im Sumpf die Kröten,
Sie scheinen fromm zu beten.

Jedoch kein Fisch - ob Hecht ob Salm -
Singt kein Hosianna, keinen Psalm!
Es scheint: die Ichthyologie
Kennt keine Fisch-Theologie.

Mascha Kaléko

"Das ist überhaupt ein wunderbares Phänomen, wie eine Autorin, die längst vergessen war, wirklich eine unglaubliche Reichweite und auch Tiefenwirkung bei ganz, ganz vielen Menschen hat, die sich sonst keinen Lyrikband im Buchhandel kaufen würden. Ich glaube, es sind ganz viele Dinge, die da zusammenkommen. Es ist diese schöne, einfache Sprache. Das ist Lyrik auf einem hohen Niveau, die aber gut nachzuvollziehen und zu verstehen ist. Die also nicht im Avantgarde-Gefängnis bleibt."

Sagt Johann Hinrich Claussen, Theologe und Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

"Das zweite ist, dass sie ganz intensive Empfindungen so vorstellt, dass viele Menschen sie nachempfinden können: Liebesgedichte, Trost-Gedichte, Gedichte über Einsamkeit, Verzweiflung, Resignation, aber eben auch Gedichte, in denen Religiöses anklingt in einer solchen Weise, dass viele Menschen das für sich aufnehmen können."

Ich habe mit Engeln und Teufeln gerungen
genährt von der Flamme, geleitet vom Licht,
und selbst das Unmögliche ist mir gelungen,
aber das Mögliche schaffe ich nicht.


Mascha Kaléko wird am 7. Juni 1907 im galizischen Chrzanów als erstes Kind einer jüdischen Familie geboren. Heute gehört der Ort zu Polen, damals war er Teil der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Der Vater Fischel Engel ist russischer Staatsbürger, die Mutter Rozalia stammt aus Mähren in Österreich. Ihre Kindheit beschreibt Mascha später in dem Gedicht "Anno Zwounddreißig". In einer historischen Rundfunkaufnahme aus dem Jahr 1963 liest sie es hier selbst:

Ich bin als Emigrantenkind geboren
In einer kleinen, klatschbeflissnen Stadt,
Die eine Kirche, zwei bis drei Doktoren
Und eine große Irrenanstalt hat.

Mein meistgesprochnes Wort als Kind war »Nein«.
Ich war kein einwandfreies Mutterglück.
Und denke ich an jene Zeit zurück -
Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein.

"Ein Vaterkind, der Ferne zugetan"

Als Mascha sieben ist, emigriert die Familie 1914 nach Deutschland. Viele osteuropäische Juden verlassen damals aus Angst vor Armut und Verfolgung ihre Heimat. Das empfindsame Kind leidet unter dem Verlust der vertrauten Umgebung. Die Familie zieht erst nach Frankfurt, dann nach Marburg und nach dem Ende des Ersten Weltkrieges nach Berlin. Drei Ortswechsel in zehn Jahren lassen in Mascha ein Gefühl von Verlassenheit und Heimatlosigkeit entstehen, das sie ein Leben lang begleiten wird.

Ein Fremdling bin ich damals schon gewesen,
ein Vaterkind, der Ferne zugetan.

Ein anonymes Foto von 1920 zeigt Soldaten mit  einem Maschinengewehr von Kapps nationalistischer Brigade beim Einmarsch in Berlin am 13. März 1920.  (imago images / Kharbine-Tapabor )Berlin nach dem Ersten Weltkrieg - von Unruhen und Armut geprägt (imago images / Kharbine-Tapabor )

In Berlin hält Maschas streng orthodoxer Vater die Familie mit verschiedenen Arbeiten in der jüdischen Gemeinde über Wasser. Das Leben im Berlin der Nachkriegszeit ist hart: politische Unruhen, Streiks, Inflation und Massenarbeitslosigkeit. Mascha würde gerne studieren, aber der Vater ist dagegen. Sie beginnt eine Lehre als Bürokraft im "Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands". Der sture Acht-Stundentag im Büro ist für sie grausam. Mascha belegt an der Universität Abendkurse in Philosophie und schreibt erste Gedichte. Die 19-Jährige "Kontoristin" lernt den Philologen Saul Kaléko kennen und heiratet 1926.

"Witzig, geistreich, schnell"

Nach der Währungsreform steigt Berlin wirtschaftlich und kulturell zum Zentrum Deutschlands auf. Doch die Arbeitslosigkeit ist hoch und die politische Lage angespannt. In dieser Zeit beginnen die sogenannten Goldenen Berliner Jahre - ein Tanz auf dem Vulkan mit Vergnügungsveranstaltungen und einer Hochblüte der Kultur. Im "Romanischen Café" - in der Nähe der Gedächtniskirche - treffen sich Schauspieler und Schriftsteller wie Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Else Lasker-Schüler und Kurt Tucholsky. Hierhin zieht es nach Büroschluss auch Mascha Kaléko. Schnell findet die attraktive junge Frau Anschluss an die Bohème-Szene. 1929 erscheinen ihre ersten Gedichte. Die renommierte Vossische Zeitung und andere Magazine wie "Tempo" oder der "Simplicissimus" drucken ihre Verse schon bald regelmäßig.

Mein erster Beitrag zur mittelgroßen Unsterblichkeit wurde promptest gedruckt.

"Sie beginnt ja als eine Stimme der neuen Schicht der Großstadtangestellten. Und das als junge Frau, witzig, geistreich, schnell, verbunden mit den Tageszeitungen. Dann in ihrer weiteren Lebensgeschichte verdichtet sich das, vertieft sich das, bekommt tragische Züge in einer solchen Weise, dass viele Menschen, die ja selber gerade einen Verlust erlitten haben oder einsam sind, darin sich wieder erkennen können."

Sagt Johann Hinrich Claussen. Die Berliner lieben die stenografischen Alltagsbeobachtungen der jungen Dichterin, ihre freche Mischung aus Spott, Ironie und Gefühl – angereichert mit der Lebensweisheit des jüdischen Ostens: heiter und gleichzeitig melancholisch.

Sonne klebt wie festgekittet
Bäume tun, als ob sie blühn
Und der blaue Himmel schüttet
Eine Handvoll Wolken hin.

Großstadtqualm statt Maiendüfte.
- Frühling über Großberlin! -
Süße, wohlbekannte Düfte…
Stammen höchstens von Benzin.

"Die poetische Kraft liegt ganz sicherlich auch in den Reimen, die oft ganz originell sind und eben nicht ausgelutscht. Das andere ist: Ich finde ihre Verknappung auch so gut. Das Einfache ist ja jetzt nicht einfach simpel, sondern es verknappt auf eine Essenz, ohne dem noch manieriert Locken zu drehen."

"Bin nur ein armer Großstadtspatz"

Anfangs werden die Verse der Dichterin noch von manchen Kritikern als naive "Gebrauchslyrik" abgestempelt. In dem Gedicht "Kein Neutöner" kokettiert Kaléko selbstbewusst mit ihrem Stil:

Ich singe, wie der Vogel singt
Beziehungsweise sänge,
Lebt er wie ich, vom Lärm umringt,
Ein Fremder in der Menge.

Gehöre keiner Schule an
Und keiner neuen Richtung,
Bin nur ein armer Großstadtspatz
Im Wald der deutschen Dichtung.

Weiß Gott, ich bin ganz unmodern,
Ich schäme mich zuschanden:
Zwar liest man meine Verse gern,
Doch werden sie - verstanden!

Der Gründer des Rowohlt Verlages, Ernst Rowohlt (picture-alliance/ dpa / Rowohlt Archiv)Der Gründer des Rowohlt Verlages, Ernst Rowohlt (picture-alliance/ dpa / Rowohlt Archiv)

Viele große Literaten und Denker bewundern die Kaléko und ihre leichtfüßigen Gedichte: von Erich Kästner bis Thomas Mann, von Albert Einstein bis Martin Heidegger. Im Januar 1933 publiziert der Verleger Ernst Rowohlt ihr erstes Buch: "Das lyrische Stenogrammheft". Zeitungen und Verlage drucken auch ihre kritischen Verse wie das Gedicht "Chor der Kriegswaisen" - ein Antikriegs-Nachruf auf den Ersten Weltkrieg.

Kind sein, das haben wir niemals gekannt.
Uns sang nur der Hunger in Schlaf…
Weil Vater im Schützengraben stand,
zu fallen für Kaiser und Vaterland,
Wenn's gerade ihn mal traf.

Und kam eines Tages ein Telegramm,
wenn der Vater schon lang nicht geschrieben -
Dann zog sich die Mutter das Schwarze an,
Und wir waren kriegshinterblieben.

"Wir haben keinen Freund auf dieser Welt"

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten ändert sich das kulturelle Klima abrupt. Mascha Kaléko wird aus der "Reichsschrifttumskammer" ausgeschlossen und bekommt Schreibverbot. Sie trennt sich von Ihrem Mann Saul und heiratet den Musikwissenschaftler und Dirigenten Chemjo Vinaver, der sich der Aktualisierung jüdisch-chassidischer Chormusik widmet. Die Restriktionen gegen die jüdische Bevölkerung nehmen zu. Im September 1938 verlässt das Paar Berlin - mit dem gemeinsamen Sohn Evjatar und mit dem Ziel New York. Um Haaresbreite entkommen sie den November-Pogromen.

Wir haben keinen Freund auf dieser Welt.
Nur Gott. Den haben sie mit uns vertrieben.
Von all den vielen ist nur er geblieben.
Sonst keiner, der in Treue zu uns hält.

"Mir scheint, dass Mascha Kaléko darin eben auch nicht ganz untypisch für ihre Generation ist, also diejenigen, die aufwachsen noch in einer traditionellen jüdischen Kultur und Familie, sich davon befreien, losmachen, sich selbst säkularisieren und dann aber durch das Grauen der rassistischen Verfolgung im Nationalsozialismus brutal auf ihre eigene jüdische Identität, die sie meinten, schon abgelegt zu haben, wieder zurückgestoßen werden. Und das ist das Besondere, dass sie selber jetzt nicht einfach wieder zurückkehrt in die alte Frömmigkeit, aber noch mal in einer neuen Weise die Schönheit ihrer eigenen jüdischen Herkunfts-Religion wahrnimmt."

Johann Hinrich Claussen, Kulturrbeauftragter der EKD - Berlin Februar 2016  (Deutschlandfunk/ Andreas Schoelzel)Johann Hinrich Claussen, Kulturrbeauftragter der EKD. (Deutschlandfunk/ Andreas Schoelzel)

Die Religiosität der Dichterin passe in keine Schublade, meint Johann Hinrich Claussen. Es sei nicht einfach, sie religiös zu verorten:

"Weil man in der Gefahr ist, als Theologe sozusagen eine ganz zarte Blume mit einer Kneifzange anzufassen und dabei zu verletzen. Zugleich ist es natürlich so, dass sie auch ganz explizit religiöse Gedichte geschrieben hat, in denen Gott vorkommt und der Herr und das Reich der Ewigkeit und solche Dinge, also wo sie richtig aus der Fülle der durch das Judentum und Christentum geprägten Frömmigkeitssprache spricht."

"Lass uns einsam, nicht verlassen sein"

Der Ton ihrer Gedichte wird trauriger und ernster. In der Tradition ihrer chassidischen Vorfahren versucht Mascha Kaléko in dem Gedicht "Gebet" ihr Schicksal in Würde anzunehmen.

Herr, unser kleines Leben - ein Inzwischen,
Durch das wir aus dem Nichts ins Nichts enteilen.
Und unsre Jahre: Spuren, die verwischen,
Und unser ganzes Sein: nur ein Einstweilen.

Was weißt du, Blinder, von der Stummen Leiden!
Steckt nicht ein König oft in Bettlerschuhen?
Wer sind wir denn, um richtend zu entscheiden?
Uns war bestimmt, zu glauben und zu tun.

Lass du uns wissen, ohne viel zu fragen.
Lehr uns in Demut schuldlos zu verzeihn.
Gib uns die Kraft, dies alles zu ertragen,
Und lass uns einsam, nicht verlassen sein

"Was mich daran besonders einnimmt, ist, dass sie in diesen religiösen Sprachformen das Existenzielle ausspricht, das, was sie im Kern berührt. Der religiöse Ausdruck ist für sie eine Möglichkeit, in Ihren Gedichten dem eigenen Leben auf den Grund zu gehen. Und erst dann wird ja religiöse Lyrik interessant und auch fruchtbar für den Leser, wenn es wirklich an das geht, was einen selbst unbedingt angeht."

"Den Hunderttausend, die kein Grabstein nennt"

In den Jahren des Nationalsozialismus und der Shoah verdüstert sich der Ton ihrer Gedichte. In Gedichten wie "Hiobs Enkel" und "Kaddish" wird aus Witz und Spott bittere Anklage.

KADDISH
Wer wird in diesem Jahr den Schofar blasen
Den stummen Betern unterm fahlen Rasen,
Den Hunderttausend, die kein Grabstein nennt,
Und die nur Gott allein bei Namen kennt.

Saß er doch wahrlich strenge zu Gericht,
Sie alle aus dem Lebensbuch zu streichen.
Herr, mög' der Bäume Beten dich erreichen.
Wir zünden heute unser letztes Licht.​

Hinter Stacheldraht stehen Menschen im Vernichtungslager Auschwitz 1945, die Aufnahme ist schwarz-weiß (picture alliance/Ria Novosti/Sputnik/dpa)Im Schatten der Shoa klagt Mascha Kaléko ihren Gott an (picture alliance/Ria Novosti/Sputnik/dpa)

Die Dichterin revoltiert weiter gegen einen Gott, der es zulässt, dass Millionen von Menschen massakriert wurden - eine Revolte erneut im frech-ironischen Kaléko-Tonfall:

Ich möchte in dieser Zeit nicht Herrgott sein
Und wohlbehütet hinter Wolken thronen,
Allwissend, dass die Bomben und Kanonen
Den roten Tod auf meine Söhne spien.

Wie peinlich, einem Engelschor zu lauschen,
Da Kinderweinen durch die Lande gellt,
Weißgott, ich möchte um alles in der Welt
Nicht mit dem lieben Gott im Himmel tauschen.

Lobet den Herrn, der schweigt! In solcher Zeit.
Vergib, O Hirt, - ist Schweigen ein Verbrechen.
Doch wie es scheint, ist Seine Heiligkeit
Auch für das frömmste Lämmlein nicht zu sprechen.

"Für mich ist es total wichtig, dass jede qualifizierte Form von Religion ganz unterschiedliche Empfindungen hat, die oft miteinander im Widerstreit stehen. Das ist eben Religion im vollen Sinne, nicht einfach eine Gläubigkeit in einem einfachen, schlichten Sinne, sondern voller Spannungen. Das ist bei Mascha Kaléko ganz besonders gegeben. Aber dann noch mal mit diesem Witz, der das noch mal aus der Kurve haut. Ich denke an dieses Gedicht 'Kurzer Dialog'."

Herr, du gabst uns die Welt, wie sie ist.
Gib uns doch bitte dazu
Das seinerzeit leider
Nicht mitgelieferte
Weltgewissen.

Kein Lorbeerkranz

Von 1938 bis 1960 lebt und arbeitet Mascha Kaléko mit Chemjo Vinaver und ihrem Sohn, der sich inzwischen Steven nennt, in New York. 1955 bereist sie Europa. Bei Rowohlt erscheinen Neuauflagen ihrer Bestseller aus den 20er- und 30er-Jahren. Sie ist erfolgreich, sehr erfolgreich. Die Akademie der Künste will ihr den Fontane-Preis verleihen, doch sie verweigert dessen Annahme. Ihre Begründung: das Jurymitglied Hans Egon Holthusen war langjähriges Mitglied der SS.

Kein Lorbeerkranz vom Bund der Belletristen;
Kein Kunstverein hat mich in seinen Listen.

Nachdem die Lyrikerin den Fontane-Preis abgelehnt hat, endet ihr Comeback im Nachkriegs-Deutschland. Neue Spielarten der Lyrik gelten jetzt als modern und zeitgemäß. Das Ehepaar übersiedelt 1960 nach Jerusalem, damit Chemjo Vinaver sein Lebenswerk vollenden kann: eine Anthologie jüdisch-chassidischer Gesänge. Mascha Kaléko spricht kein Hebräisch und fühlt sich in Israel fremd. Sie leidet unter Magengeschwüren.

Bin meist so müde, dass das Leben-schwänzen mir nicht schwer fällt.
"Sensibel wie ein feiner Apparat und keine Kraft, das Aufgenommene zu verarbeiten", sagt der Arzt, ein Außenseiter wie wir.

"Ich komm nach Nirgendland"

Auch Maschas Mann erkrankt schwer. 1968 stirbt überraschend ihr Sohn im Alter von 31 Jahren in New York an einer Bauchspeicheldrüsen-Entzündung. Von diesem Schock erholt sich das Paar nicht mehr. Chemjo Vinaver stirbt vier Jahre später. Mascha Kaléko leidet unter Magenkrebs. Sie reist noch einmal nach Berlin und liest dort aus ihren Gedichten. Auf der Rückreise wird sie in Zürich operiert. Zu schwach, um nach Jerusalem zurück zu kehren, stirbt sie am 21. Januar 1975 in einem Spital. Zu ihrer Bestattung auf dem Zürcher "Israelitischen Friedhof" verbat sie sich Trauerreden. Nur die alten Gesänge ihres Volkes erklangen.

Wohin ich immer reise,
Ich fahr nach Nirgendland.
Die Koffer voll von Sehnsucht,
Die Hände voll von Tand.
So einsam wie der Wüstenwind.
So heimatlos wie Sand:
Wohin ich immer reise,
Ich komm nach Nirgendland.

Die Wälder sind verschwunden,
Die Häuser sind verbrannt.
Hab keinen mehr gefunden.
Hat keiner mich erkannt.
Und als der fremde Vogel schrie,
Bin ich davongerannt.
Wohin ich immer reise,
Ich komm nach Nirgendland

"Wenn ich auf das Leben von Mascha Kaléko blicke, dann empfinde ich erst einmal so etwas wie Ehrfurcht, in dem sich Respekt und Schrecken vermischen. Also Erschrecken über das, was sie erlitten und erlebt hat, dann aber auch ein großes, Angerührt-Sein, auch darüber nicht zu verstummen, sondern wunderbare Gedichte zu schreiben, die auch in ihrer Untröstlichkeit anderen Menschen zum Trost werden, wo Menschen in ihrer Verzweiflung eine Sprachform finden für ihre eigenen Gefühle."

Mein schönstes Gedicht
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.

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