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"Die Mehrheit des iranischen Volkes schämt sich"

Die Israel-feindlichen Äußerungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad sind nach Meinung des Publizisten Bahman Nirumand nicht repräsentativ für die Mehrheit der Bevölkerung. Seit der Wahl Ahmadinedschads habe sich eine resignative Stimmung breitgemacht. Besonders die junge Generation wünsche sich eine völlig andere Gesellschaft.

Moderator: Doris Simon |
    Doris Simon: Vorsichtiges aber anhaltendes Zurückrudern, das ist die unausgesprochene Devise nach der sich seit Samstag Irans führende Politiker verhalten. Jetzt ist es auch in Teheran durchgedrungen, dass auch die ältesten und dümmsten Propagandaparolen ganz gefährlich nach hinten gehen können, wenn der Staatspräsident sie loslässt. Der alte Hassspruch von Ayatollah Khomeini, nach dem Israel von der Weltkarte gefegt gehört, erklingt dann eben noch viel hässlicher als er sowieso ist. Am Telefon ist jetzt der iranische Publizist und Journalist Bahman Nirumand. Guten Morgen!

    Bahman Nirumand: Guten Morgen, Frau Simon!

    Simon: Herr Nirumand, sind die Iraner eigentlich stolz auf ihren Präsidenten, weil er sich scheinbar etwas traut oder schämt man sich im Iran eher für den Ahmadinedschad?

    Nirumand: Ich glaube die Mehrheit des iranischen Volkes schämt sich für diese Worte, denn man weiß ja wie schlimme Folgen solche Äußerungen haben können. Ich weiß überhaupt nicht, welcher Teufel den Staatspräsidenten geritten hat, sich in so eine Position zu begeben. Ich meine solche verbal-radikalen Äußerungen sind nichts neues im Iran, aber dass sie aus dem Munde eines Staatspräsidenten kommen und dann das auch noch in einer solchen Situation, wo Iran außenpolitisch in großen Schwierigkeiten steckt, das ist schon ein bisschen mehr als nur verbale Äußerungen.

    Simon: Herr Nirumand, bekommen die Iraner durch die Information eigentlich mit, wie sich die Welt aufregt über das Israel-Zitat?

    Nirumand: Ja! Erstaunlicherweise schreiben auch die iranischen Zeitungen darüber. Ich meine man muss wissen, die Führung, die Staatsführung im Iran ist nicht einheitlich. Es gibt verschiedene Strömungen. Ahmadinedschad gehört zu den Radikalislamisten, aber wir haben Moderate, Konservative, Reformer und die sind auch in etwa so in der Presse vertreten, und die Weltmeinung oder die Äußerungen, die im Ausland getan werden spiegelt sich in der iranischen Presse wieder.

    Simon: Wen, Herr Nirumand, will denn der Präsident mit solchen Parolen ansprechen?

    Nirumand: Das sind einige Millionen, die ihn auch gewählt haben. Das sind Menschen, die ideologisch verbrämt sind. Menschen aus unteren Schichten der Gesellschaft. Menschen, die sich nur durch Hass und Emotionen mobilisieren lassen. Das sind Menschen, die in Armut stecken und Hoffnungen schöpfen aus solchen Versprechen, die der Präsident ihnen gibt. Aber ich glaube, diesen Bonus, den er hatte, verliert er langsam, weil man merkt schon, dass das zu nichts Gutes führen kann.

    Simon: Wie bekannt ist es eigentlich im Iran, dass das Land durchaus Beziehung zu Israel unterhält, so zum Beispiel auch mit Waffen handelt?

    Nirumand: Das ist weniger bekannt. Man weiß zwar, dass es geheime Treffen mit Vertretern der USA gegeben hat. Aber weniger mit Israel, aber die Eingeweihten wissen das schon.

    Simon: Zwei Drittel aller Iraner sind unter 30 Jahren, 70 Prozent. Wie empfänglich, aus Ihrer Kenntnis, sind die jüngeren im Iran für solche Propaganda?

    Nirumand: Ich glaube die jüngeren interessieren sich wenig für solche radikalen Äußerungen. Es ist überhaupt eine merkwürdige Situation im Iran eingetreten, seit der Wahl Ahmadinedschads als Präsidenten. Es ist eine resignative Haltung, die die Menschen haben, vor allem Jugendliche, die eine völlig andere Gesellschaft anstreben, die etwas anderes wollen, die nicht ständig mal jenen hassen und jenen verherrlichen wollen. Eine andere Gesellschaft finden sie im Iran vor, als die die durch Ahmadinedschad repräsentiert wird.

    Simon: Also eine schwer gespaltene Gesellschaft im Iran?

    Nirumand: Eine völlig gespaltene, heterogene Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der die Mehrheit tatsächlich dieses Regime nicht haben will. Und das seit etlichen Jahren! Chatami hat, als er die Präsidentschaft übernommen hatte, gewisse Hoffnungen geweckt, aber die sind leider auch verloren gegangen. Es ist eine merkwürdige Situation im Iran und ich denke irgendwie müsste aus, ich weiß nicht woher, aber eine Änderung stattfinden, weil es ist eine schwierige Situation, in der das Volk Irans jetzt steckt.

    Simon: Sie sagen selber: eine Änderung aus, sie wissen nicht woher, das heißt es ist keine in Sicht. Wie reagieren denn diese vielen Menschen im Iran, die nicht eins sind mit dem Regime, die ganz was anderes wollen, darauf dass sie anscheinend nichts tun können, ist das der Rückzug ins Private oder ist das Opposition?

    Nirumand: Es ist Rückzug ins Private, es ist auch Opposition. Ich meine, die Schimpfen auf den Straßen, wenn man in ein Taxi steigt in Teheran, dann unterhalten sich in diesen Sammeltaxis sofort die Leute und schimpfen auf die Regierung, auf die Situation und äußern sich sehr klar, über das was sie empfinden. Aber im Grunde ist die Opposition nicht organisiert und das haben die Mullahs erreicht, dass das Volk oder die Oppositionellen sich nicht organisieren können und konnten. Und das ist das schwierige, was die politische Situation im Iran ausmacht.

    Simon: Die Iraner sind ja einiges gewöhnt und eher geduldig. Jetzt aber durch den Ärger, durch die Atompläne des Staatspräsidenten und nun auch durch die Äußerung, gibt es so etwas wie Zukunftsangst im Iran?

    Nirumand: Ja, eine Zukunftsangst, niemand weiß, also wenn ich mit Freunden im Iran telefoniere und frage wie sieht die Situation aus, dann sagen sie: wir wissen nicht, Morgen kann was passieren. Irgendwie muss etwas geschehen. Alle warten darauf, dass irgendetwas geschieht was diese Gesellschaft verändert, aber was, das vermag niemand so fest zu sagen.

    Simon: Herr Nirumand, zum Abschluss die Frage: Wird es nächstes Jahr zum Jerusalemtag in Teheran dieselben Parolen und Sprüche wieder geben.

    Nirumand: Ich hoffe nicht!

    Simon: Herzlichen Dank, das war Bahman Nirumand, ein iranischer Publizist und Journalist! Vielen Dank für das Gespräch!

    Nirumand: Danke auch!