Sonntag, 26. Juni 2022

Archiv


"Die Menschen werden nicht ewig stumm bleiben"

In ihrem Buch "100 Tage - meine Gefangenschaft im Iran" berichtet die Exil-Iranerin Roxana Saberi über ihre unmenschlichen Haftbedingungen. In vielen Gefängnissen gebe es Folter und sexuellen Missbrauch. Langfristig, so hofft Saberi, werden aber auch die Menschen im Iran gegen ihre Machthaber aufstehen.

Roxana Saberi im Gespräch mit Christoph Heinemann | 11.03.2011

Christoph Heinemann: Der frühere iranische Staatspräsident Rafsanjani hat in dieser Woche einen wichtigen Posten verloren; er wurde als Vorsitzender des sogenannten Expertenrates abgelöst. Die Personalie gilt als Zeichen für die langsame Entmachtung des einst einflussreichen Politikers, der von 1989 bis _97 Präsident war und heute in Opposition zu Staatschef Ahmadinedschad steht. Einblicke in die dunkelsten Seiten des iranischen Regimes gewährt die iranisch-amerikanische Journalistin Roxana Saberi. Ihr Buch "Hundert Tage – Meine Gefangenschaft im Iran" liegt seit dieser Woche in deutscher Sprache vor. Saberi, Tochter eines Exil-Iraners und einer Japanerin, berichtete seit 2003 als Reporterin aus dem Land, 2009 wurde sie verhaftet. Ich habe sie vor dieser Sendung nach den Umständen ihrer Verhaftung gefragt.

Roxana Saberi: Ich lebte bereits seit sechs Jahren im Iran. Seit zwei Jahren schrieb ich an einem Buch über die iranische Gesellschaft. Ich war fast damit fertig und wollte das Land verlassen, als ich im Januar 2009 verhaftet wurde. Sie nahmen mich mit, um mich mehrere Stunden lang zu verhören. Am gleichen Abend wurde ich in das Evin-Gefängnis gebracht, das im Iran als besonders berüchtigt gilt.

Heinemann: Wieso haben die iranischen Behörden Sie überhaupt verhaftet? Die wussten doch, dass die US-Regierung große Anstrengungen zu Ihrer Freilassung unternehmen würde

Saberi: Das weiß ich nicht mit Gewissheit. Vielleicht wollten sie nicht, dass ich das Buch schreibe. Ich kann Iraner in ihrer eigenen Sprache befragen, ohne Übersetzer und ohne Aufpasser, die als Informanten tätig sein könnten. Genauso gut kann es sein, dass sie andere Journalisten einschüchtern wollten. Die iranischen Behörden behaupten, ihre Regierung werde von ausländischen Spionen bedroht.

Heinemann: Sie wurden zunächst zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Wie verlief das Gerichtsverfahren?

Saberi: Das ganze Verfahren dauerte etwa 30 Minuten. Ich hatte kaum Zeit, den Fall mit meinem Anwalt vorher zu besprechen. Mein Anwalt verhielt sich während des Prozesses ziemlich schweigsam. Er sagte mir vorher und auch danach, dass er unter ziemlich großem Druck der Behörden stand. Anwälte im Iran können unter großen Druck geraten; einige, die eine andere Meinung als die Behörden vertraten, landeten im Gefängnis. Sie hatten gefälschte Beweise gegen mich; sogenannte Zeugen, die ebenfalls unter Druck standen, lieferten falsche Aussagen gegen mich. Ein falsches Geständnis, das sie mir unter Druck abgerungen hatten, das ich aber mehrmals widerrufen hatte, war schließlich der Hauptbeweis gegen mich. Also: ein Witz von einem Verfahren, leider aber ziemlich üblich in solchen Fällen im Iran.

Heinemann: Wie haben Sie die Richter hinterher davon überzeugen können, dass keinerlei Spionage im Spiel war?

Saberi: Sogar die Leute, die mich ins Gefängnis gebracht haben, wussten, dass ich keine Spionin war. Als ich mein Geständnis widerrief, sagte mir mein Vernehmungsbeamter: "Wir wussten von Anfang an, dass dies falsch war". Für die Machthaber ist das die beste Methode, um Stimmen, die sie nicht hören wollen, zum Schweigen zu bringen. Sie werden bestimmter Verbrechen wie Spionage oder Verletzung der nationalen Sicherheit beschuldigt und ins Gefängnis gebracht. Ich bin letztendlich durch die internationale Unterstützung freigekommen, die ich glücklicherweise erhalten habe.

Heinemann: Wie waren Ihre Haftbedingungen?

Saberi: Ich bin nicht körperlich gefoltert worden, aber das passiert dort. Es gibt viele Berichte darüber, auch über sexuellen Missbrauch. Menschen sind unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. In diesem Jahr sind bereits dutzende Häftlinge hingerichtet worden, auch politische Häftlinge. Es gibt außerdem die sogenannte weiße Folter, die keine Spuren auf dem Körper hinterlässt, die aber den Verstand zerstören kann: eine Kombination aus Isolierung, Manipulation und Einschüchterung, die dazu führt, dass der Gefangene Dinge sagt, die seinen eigenen Prinzipien und Überzeugungen widersprechen. Häufig gibt es verlängerte Einzelhaft. Bei mir dauerte es zwei Wochen, andere machen das Monate oder Jahre durch. Ich durfte mehrere Wochen lang keinen Anwalt sprechen. Andere sehen monatelang keinen Anwalt. Und wenn dann einer kommt, ist es nicht der Anwalt ihrer Wahl. Ich durfte meiner Familie nicht sagen, wo ich war. Ich musste sie über meinen Aufenthaltsort belügen. Auch das passiert ziemlich häufig.

Heinemann: Hatten Sie Kontakt zu anderen Häftlingen?

Saberi: Nach zwei Wochen wurde ich aus meiner Zelle herausgelassen und konnte andere Gefangene treffen. Ganz unterschiedliche Frauen, die fast alle dafür bestraft wurden, dass sie grundlegende Menschenrechte eingefordert hatten: Eine studentische Aktivistin war darunter, zwei Frauen, die vor einer Bäckerei gerufen hatten: "Wir wollen Brot!", eine im humanitären Bereich arbeitende Frau und zwei der sieben inhaftierten Anführer der iranischen Bahai-Minderheit. Zumindest diese beiden sind heute noch im Gefängnis.

Heinemann: "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk, ein Gespräch mit Roxana Saberi, Autorin des Buchs "Hundert Tage – Meine Gefangenschaft im Iran". - Die iranische Führung wertet die Aufstände in einigen arabischen Staaten als Teil eines islamischen Erwachens, inspiriert von der iranischen Revolution von 1979. Beobachter weisen aber darauf hin, dass diese Aufstände überwiegend säkularer Natur sind, also nicht religiös motiviert. Glauben Sie, dass das Regime in Teheran beunruhigt ist über die Entwicklung in einigen arabischen Staaten?

Saberi: Sie schauen sich genau an, was dort vor sich geht, und sie sähen es sicher gern, wenn dort ihnen freundlich gesinnte islamische Regierungen die Macht übernähmen, oder jedenfalls Regierungen, die Amerika oder Israel nicht nahestehen. Ich glaube nicht, dass sie sich säkulare demokratische Regierungen in diesen Ländern wünschen, denn sie sind besorgt, dass sich dies auch auf die Lage im Iran auswirken könnte.

Heinemann: Stärken diese Aufstände die iranische Opposition?

Saberi: Ich weiß, dass viele Iraner überzeugt sind, dass sie damit angefangen haben, 2009 nach der Präsidentschaftswahl. Viele Iraner sind stolz darauf. Auch nach den Protesten in Ägypten und Tunesien flammten die Demonstrationen im Iran wieder auf. Dies hatte einen Einfluss, und wir müssen abwarten, was in der Zukunft passiert.

Heinemann: Ein iranischer Diplomat, der sich im letzten Monat von dem Regime abgesetzt hat, sagte, die iranischen Führer würden ihre eigenen Leute eher abschlachten, als dass sie die Macht an diejenigen übergeben würden, die sich von den arabischen Aufständen beflügelt fühlen. Sehen Sie das auch so?

Saberi: Ich weiß nicht, was in den Köpfen der Führung vor sich geht. Aus meiner Erfahrung im Gefängnis weiß ich, dass da Leute im Amt sind, die in ihrem Machtstreben so blind sind, dass sie zu allem bereit sind, auch dazu, auf Rechten, Freiheit und Leben der Menschen herumzutrampeln, nur um an der Macht zu bleiben. Kurzfristig mag es ihnen gelingen, Stimmen zum Schweigen zu bringen. Langfristig sähen sie Unzufriedenheit, Misstrauen und Verachtung. Und die Menschen werden nicht ewig stumm bleiben.

Heinemann: Roxana Saberis Buch "Hundert Tage – Meine Gefangenschaft im Iran" ist in dieser Woche in deutscher Sprache erschienen.