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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Die offizielle Sicht der Dinge10.07.2006

Die offizielle Sicht der Dinge

Butz Peters über den Terror der RAF

Wer erschoss Wolfgang Grams?, fragt Butz Peters, der vor Jahren die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" moderierte und heute als Rechtsanwalt Prominente vertritt. Von der Gültigkeit der Antwort in seinem Buch "Der letzte Mythos der RAF" gibt sich Peters überzeugt: Der RAF-Terrorist Grams habe sich wie von den Ermittlungsbehörden festgestellt bei dem Polizeieinsatz am 27. Juni 1993 auf dem Bahnhof des mecklenburgischen Städtchens Bad Kleinen selbst erschossen.

Von Thomas Moser

In den 70er und 80er Jahren erreichte das Morden der RAFseinen Höhepunkt. (Stock.XCHNG / Ahmed Al-Shukaili)
In den 70er und 80er Jahren erreichte das Morden der RAFseinen Höhepunkt. (Stock.XCHNG / Ahmed Al-Shukaili)

Warum das Buch und warum jetzt? Es ist nicht die Antwort auf die Frage, wer Wolfgang Grams erschoss, denn die steht für Butz Peters längst fest:

"Er erschoss sich selbst! Die Fakten sind eindeutig.""

Was Peters vor allem bewegt, ist, dass das offizielle Urteil über die Aktion in Bad Kleinen nicht überall in der Gesellschaft geteilt wird:

""Tatsache ist, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Vorgänge noch immer im Dunkeln liegen. Die Medien nennen Bad Kleinen ’ungeklärt’, unisono von der 'Bild'-Zeitung bis zur 'taz'. Seit 13 Jahren umranken die 39 Schüsse Verschwörungstheorien und Legenden, eingebrannt, so scheint es, in das Volksgedächtnis."

Peters stört ein bestimmter Umgang mit der RAF: Jugendliche, die Baader-Meinhof-T-Shirts tragen, oder die RAF-Kunstausstellung vor einem Jahr in Berlin. Er sieht darin ein Weiterleben der RAF-Mythen:

"Das sieht man ja auch in der Bewegung 'RAF goes Pop', wie also RAF-Motive für Werbeanzeigen verwendet werden. Es gibt RAF-T-Shirts, es gibt sogar in Berlin mittlerweile schon RAF-Kondome. Also die RAF ist zu einer Art Modesymbol verkommen. Sie ist mehr oder minder heute für nicht wenige zu einem Hype geworden, nämlich Erinnerung an eine rebellische Zeit, in der noch was los war und die Menschen nicht ganz so angepasst waren, wie in der heutigen Zeit."

Also macht sich Peters daran, den Mythos RAF zu zerstören. Mit inzwischen dem dritten Buch über die Gruppe. Bad Kleinen mit dem Tod von Wolfgang Grams ist für Peters der "letzte Mythos der RAF". Er rollt den Fall wieder auf, und zwar mit dem alten Material: vom Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Schwerin; dem Bericht der Bundesregierung und den Gerichtsbeschlüssen, die die Klagen von Grams’ Eltern zurückwiesen. Justiz und Politik sind der Überzeugung: Grams’ Tod war Suizid. Bemerkenswerterweise wird die dritte Möglichkeit, der Kopfschuss war ein Unfall, der passierte, als Grams auf die Schienen fiel, nicht in Betracht gezogen. Peters ist korrekt genug, auch die Ungereimtheiten des Falles aufzuführen: zum Beispiel die angebliche Pistolenhülse aus Grams’ Waffe, die erst Tage nach der Spurensicherung zufällig gefunden wurde; Grams’ Waffe, die von den Ermittlern gereinigt wurde und keine Fingerabdrücke mehr aufwies; die Waffe eines Polizisten, die erst eine Woche später für die Ermittlungen abgegeben wurde, oder die Jacke eines Polizisten, auf der sich Blut von Grams befand, die aber aus bis heute unerfindlichen Gründen aus dem Asservatenschrank verschwand. Für Peters sind das aber lediglich Ermittlungsfehler:

"Betrachtet man die Fakten, ist nichts mehr ungereimt. Es hat unendlich viele Pannen bei der Spurensicherung der Polizei gegeben. Die Kugel, die Sie angesprochen haben, wurde in der Tat von der BKA-Tatorttruppe am Abend des Tattages übersehen. Oder auch die Jacke, die ist gestohlen worden in Zürich in einem gerichtsmedizinischen Institut, ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Nur, alle Untersuchungen, die notwendig waren, die gemacht werden sollten, waren vorher von Instituten gemacht worden."

Auf die Idee, dass Manipulationen vorliegen könnten, kommt Peters nicht. Ungeklärt ist schließlich die Rolle, die ein V-Mann des Landesamtes für Verfassungsschutz von Rheinland-Pfalz bei der Aktion spielte. Seine Existenz wurde erst drei Wochen später enttarnt. Die Staatsschutzorgane hatten versucht, das zu verhindern. Und obwohl doch Medien die Fehler und Täuschungsversuche der Staatsschützer aufdeckten, ist für Peters der Skandal von Bad Kleinen vor allem ein Medienskandal, verursacht von der WDR-Sendung "Monitor" und dem "Spiegel", die unbegründeterweise den Verdacht streuten, Polizeibeamte hätten einen Gesuchten regelrecht hingerichtet. Der Bundesinnenminister soll damals zurückgetreten, der Generalbundesanwalt entlassen und der Vizepräsident des Bundeskriminalamtes versetzt worden sein wegen nichts? Weil Medien falsch berichteten - Rauch ohne Feuer? Für Peters kann die Akte Bad Kleinen geschlossen werden:

"Es ist eindeutig geklärt: Er erschoss sich selbst. Grams, von fünf Polizeikugeln getroffen, war sicher, dass wenige Sekunden später seine Festnahme erfolgen würde, und er hatte auch vor Augen die lebenslange Haftstrafe für den Mörder. Genau dieselbe Strafe, die seine Begleiterin in Bad Kleinen und Lebensgefährtin Birgit Hogefeld erhielt."

Dabei ist ein Hauptkapitel der RAF-Geschichte bis heute ein schwarzes Loch – die so genannte dritte Generation der RAF von 1984 bis zu ihrer Selbstauflösung 1998. Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld, die in Bad Kleinen verhaftet wurde, sollen diese dritte Generation mitbegründet haben - und zwar zu einem Zeitpunkt, als die RAF praktisch zerschlagen war. Die Mitglieder der Vorgänger-Generationen unter Andreas Baader, Ulrike Meinhof oder Brigitte Mohnhaupt waren entweder tot oder im Gefängnis, alles in allem fast 100 an der Zahl. Und trotzdem soll sich in dieser Situation die RAF aus dem Nichts neu gegründet haben und schlagkräftig gewesen sein? Dieser RAF III werden in den 80er und 90er Jahren eine Reihe von Attentaten und neun Morde zugeschrieben, unter anderem an MTU-Chef Ernst Zimmermann, Siemens-Vorstandsmitglied Karl-Heinz Beckurts, Ministerialdirektor Gerold von Braunmühl, Deutsche Bank-Chef Alfred Herrhausen und Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder. Allerdings:

"Bei den meisten Taten tappen die Ermittler noch völlig im Dunkeln.”"

Von den neun Morden ist bis heute keiner aufgeklärt. Wer die Täter waren, wissen die Ermittler nicht. Bundeskriminalamt und Bundesanwaltschaft können noch nicht einmal sagen, welche Personen überhaupt zur RAF III gehörten, 20 Jahre danach. Auf einem Fahndungsplakat des BKA von 1990 werden als mutmaßliche Mitglieder der RAF zehn Personen gesucht. Drei davon waren in der DDR untergeschlüpft und nicht an den Attentaten beteiligt; bei sieben, von denen sich drei später stellten, ist eine Beteiligung an Taten der RAF nicht nachzuweisen. Birgit Hogefeld wurde zwar zu lebenslanger Haft verurteilt, aber zum Beispiel nicht wegen des Mordes an Herrhausen. Eine Beteiligung daran konnte ihr nicht nachgewiesen werden, und Grams auch nicht. Dieser Anschlag vom 30. November 1989 war ein regelrechtes High-Tech-Attenta", eine durch eine Infrarot-Schranke ausgelöste Sprengstoffexplosion auf den Wagen des Sprechers der Deutschen Bank. Die Ermittler habe die hohe technische Perfektion dieses Anschlages erschreckt, schreibt Peters. Doch wer soll diesen aufwändigen und komplizierten Anschlag bewerkstelligt haben, wenn es die bis dahin Verdächtigen der RAF nicht waren? Unsichtbare und unfassbare Terroristen - "Phantome", wie Peters schreibt:

""Sie sind für die Ermittler deswegen Phantome, weil die Ermittler gar nicht wissen, wer es eigentlich gewesen ist, also wer dazugehört."

Doch können Phantome Morde verüben oder Erklärungen schreiben, wie die zur Aktion in Bad Kleinen, von der das BKA ebenfalls nicht weiß, wer sie verfasst hat. Bad Kleinen war das Ende des bewaffneten Kampfes der RAF, schreibt Peters. Aber nicht das Ende der Fragen. Wo Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld in den neun Jahren vor Bad Kleinen lebten, auch das wüssten die Fahnder bis zum heutigen Tage nicht, liest man zum Beispiel weiter. Das Landesamt für Verfassungsschutz von Rheinland Pfalz müsste allerdings mehr wissen. Denn dessen V-Mann Klaus Steinmetz fuhr die Eltern von Grams im Sommer 1992 zum Aufenthaltsort der beiden Gesuchten, ein Jahr vor Bad Kleinen. Allerdings ist fast alles, was mit diesem V-Mann zusammenhängt, bisher im Dunkeln. Wie lange hatte der Verfassungsschutz schon den Kontakt zur RAF? Warum wurden Grams und Hogefeld nicht längst festgenommen? Mit Steinmetz wurde nach Bad Kleinen zum ersten Mal ein V-Mann in den Reihen der RAF enttarnt. Doch war er wirklich der erste und einzige, wie der Verfassungsschutz erklärt und Peters glaubt. Offene Fragen sieht er jedenfalls nicht mehr. Den V-Mann, der dem Verfassungsschutz immerhin neun Jahre gut genug gewesen sein soll, qualifiziert er ab:

"Der Klaus Steinmetz war immer ein Aufschneider, war immer jemand, der mit dem Kopf durch die Tür ging, war jemand auch, der einen ungemeinen Charme hatte. Nur so ist es ihm gelungen, überhaupt an die Kommandoebene der RAF heranzukommen. Es ist ja vorher nie einem V-Mann, trotz größter Anstrengung der Staatsschützer, gelungen, zur Kommandoebene der RAF vorzustoßen. Klaus Steinmetz ist dieses gelungen, aber ohne Frage: Er ist ein windiger Typ."

Der Verfassungsschutz hatte vorher zum Beispiel schon Kontakte zur Terror-Bewegung 2. Juni in Berlin. 1974 wurde dort der Student und V-Mann Ulrich Schmücker ermordet, die Tatwaffe lagerte unerkannt jahrelang beim Berliner Verfassungsschutz. Butz Peters teilt weitgehend die offizielle Sicht auf die Geschehnisse. Über die RAF und Bad Kleinen hat er viel Material zusammengetragen, was durchaus von zeitgeschichtlichem und dokumentarischem Wert ist. Aber er stellt nicht alle Fragen. So richtig es ist aufzuklären, wer Wolfgang Grams erschoss, so nötig aber auch, wer Detlev Karsten Rohwedder erschoss oder wer Alfred Herrhausen tötete. Ansonsten würden übrigens auch die RAF-Mythen, wenn auch auf andere Weise, weiterleben.

Butz Peters: Der letzte Mythos der RAF. Das Desaster von Bad Kleinen.
Ullstein Verlag, Berlin 2006, 304 Seiten
18 Euro

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