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StartseiteWirtschaft am Mittag"Man macht sich attraktiv im Kampf um die besten Köpfe"23.05.2018

Die Rückkehr der Werkswohnungen"Man macht sich attraktiv im Kampf um die besten Köpfe"

Laut einer Studie des Berliner Beratungsinstituts RegioKontext geht der Trend bei Firmen wieder hin zur Werkswohnung. Nachfrage und Auslastung sprächen eine deutliche Sprache, sagte Projektleiter Simon Wieland im Dlf. Sowohl große als auch kleine Unternehmen wollten so Mitarbeiter an sich binden.

Simon Wieland im Gespräch mit Ursula Mense

Der geplante Verkauf der alten Zechensiedlung " Augustastrasse " in Gelsenkirchen loeste bei den Mietern grosse Sorgen aus. 3. August 1981. | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Klaus Rose)
Werkswohungen waren früher im Einzugsbereich großer Arbeitgeber wie z.B. der Zechen im Ruhrgebiet sehr beliebt - laut einer Studie kommen sie jetzt wieder (picture alliance / dpa / Klaus Rose)

Ursula Mense: Eigentlich ist es ein klassisches Modell und war nach dem Krieg sehr verbreitet. Firmen bieten Werkswohnungen für ihre Mitarbeiter. Preiswert und in der Nähe des Unternehmens. Viele Zechen hatten das, auch Bayer oder lange Zeit die Bahn mit ihren Eisenbahnerwohnungen. In den 80er-Jahren wurden sie überflüssig. Aber seit einiger Zeit gibt es eine Renaissance sowohl bei großen Firmen wie VW oder Audi als auch im Mittelstand.

Herausgefunden hat das RegioKontext aus Berlin und eine Studie dazu verfasst. Mit Projektleiter Simon Wieland konnte ich vor der Sendung darüber sprechen. Ich habe ihn gefragt, was die Beweggründe der Firmen sind und wer sich bereits für Mitarbeiterwohnungen entschieden hat.

Simon Wieland: Ein ganz tolles Beispiel, was wir in der Studie auch aufgegriffen haben, passiert in Ingolstadt. Dort baut das kommunale Wohnungsunternehmen in Kooperation quasi mit Audi Wohnungen für Auszubildende oder Menschen in Ausbildung, Studierende auch oder Trainees. Die haben dort ein altes Bürogebäude umgewandelt in Ein-Zimmer-Appartements, die die Studierenden oder die Auszubildenden dann für die Zeit der Ausbildung anmieten können. Das Ganze ist voll möbliert, mit Internet, Strom und allem Drum und Dran und sehr genau auf die Bedürfnisse dieser Zielgruppe zugeschnitten und trotzdem zu einem bezahlbaren Preis, der dann wirklich auch den Wohnungsmarkt in Ingolstadt sinnvoll ergänzt. Da sieht man, wie auch in einer Kooperation sehr toll neues Mitarbeiterwohnen entstehen kann.

Das ist vielleicht aus dem Bereich Süddeutschland eher. Was auch noch interessant ist, sind die Stadtwerke Köln. Die sind eigentlich ein Player, der schon ganz lange in dem Thema drin ist, selbst traditionell auch Wohnungen für die eigene Belegschaft vorhält, die aber jetzt angefangen haben, in den letzten Jahren ihr Portfolio zu erneuern, auch neue Wohnungen zu bauen, weil sie sagen, wir wollen auch nicht nur einfache Busfahrer, Busfahrerinnen ansprechen, sondern auch Führungskräfte, die jetzt in den Neubau investiert haben und den Bestand vor allem grundlegend saniert haben. Dort haben wir natürlich einen Player in einer ganz anderen Größenordnung, die auch irgendwie eine kommunale Verknüpfung haben als Stadtwerke Köln, die aber auch sehr innovative Konzepte vorhalten, um wirklich auch in unmittelbarer Nähe zum Arbeitsort, was ja bei den Stadtwerken besonders wichtig ist, neue Wohnungen für die eigene Belegschaft zu bauen.

"Man erwirtschaftet dabei eine kleine Rendite"

Mense: Es handelt sich dabei um zwei recht große Unternehmen. Da geht man davon aus, dass die jetzt möglicherweise auch noch finanzielle Reserven haben. Oder wie funktioniert das, dass sie tatsächlich dann ihren Mitarbeitern den Wohnraum auch preiswerter anbieten können?

Wieland: Die machen das aus der Motivation heraus, diesen Mitarbeitervorteil zu haben. Aber es bezahlt kein Unternehmen drauf. Das geht auch steuerrechtlich gar nicht so einfach, weil in dem Moment, in dem Sie eine Wohnung günstiger anbieten, als sie am Markt verfügbar wäre, müssen Sie sich mit verschiedenen steuerrechtlichen Aspekten auseinandersetzen, und das scheuen die Unternehmen häufig. Deswegen ist das günstiger Wohnungsbau, der entsteht, aber in der Regel mindestens auf dem Niveau des örtlichen Mietspiegels.

Grundsätzlich gilt beim Thema Mitarbeiterwohnen, dass es kein Zuschussgeschäft für die Unternehmen ist. Man erwirtschaftet dabei eine kleine Rendite. Aber die große Rendite ist natürlich vor allem der Mitarbeiter, den man als Unternehmer gewinnen kann und den man ans Unternehmen binden kann.

Mense:  Also eine Art Lockmittel?

Wieland: Als eine Art Lockmittel. Man stärkt die eigene Arbeitgebermarke. Man macht sich attraktiv im Kampf um die besten Köpfe. Dadurch kann man sich auch junge Talente sichern und denen dann ein entsprechendes Zusatzangebot machen. Gerade für die Stadtwerke Köln, ein Unternehmen, was ja auch irgendwie tarifgebunden ist und jetzt nicht einfach mehr Geld zahlen kann, sind das natürlich wichtige Mittel, um sich da einen entscheidenden Vorteil zu schaffen.

Mitarbeitern lieber Wohnraum schaffen als mehr zahlen?

Mense: Das war nämlich eigentlich meine Frage. Warum zahlen dann die Unternehmen, jetzt vielleicht die Stadtwerke Köln nicht, aber andere Unternehmen könnten ja einfach sagen, wir zahlen höhere Gehälter.

Wieland: Das Problem ist: Wenn Sie jetzt eine Lohnzulage für Wohnen zahlen, entstehen ja keine neuen Wohnungen. Das heißt, der Wohnungsmarkt wird nicht dauerhaft entlastet. Als Unternehmen treten Sie dann in einen Wettstreit, in eine Spirale ein, müssen immer mehr Lohn zahlen, um die Mitarbeiter an sich zu binden. Und in dem Moment, in dem Sie selbst aktiv werden als Wohnungsanbieter oder in Kooperation Wohnungen bereitstellen, haben Sie diesen Vorteil. Das ist ja auch nicht nur eine Frage des Geldes. Gerade wenn ich als Mitarbeiter vielleicht neu in eine Stadt komme, ist die Wohnungssuche ja auch immer mit viel Aufwand verbunden, und wenn mir dann der Arbeitgeber sagen kann, passen Sie auf, wenn Sie zu uns kommen, kriegen Sie nicht nur einen tollen Arbeitsplatz, sondern auch noch eine Wohnung, dann habe ich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Mense: Nun haben Sie ja zwei große Unternehmen genannt. Ist das denn auch interessant für mittelständische Firmen?

Wieland: Es ist durchaus für verschiedene Unternehmensgrößen interessant. Wir haben das Beispiel eines kleinen Alarmanlagen-Herstellers im Landkreis Starnberger See bei München, der auch auf betriebseigenen Flächen schon seit längerer Zeit überlegt hat, Wohnungen zu bauen, weil er ein ganz massives Problem hat, neue Fachkräfte für diesen Beruf zu gewinnen und für sein Unternehmen zu gewinnen und der jetzt dort Wohnungen baut, auch günstige Wohnungen baut. Wir finden die Beispiele im gesamten Bundesgebiet und wir finden sie vor allem bei verschiedenen Unternehmensarten, von kommunalen Unternehmen bis zu DAX-Konzernen, bis aber auch zu kleinen privaten mittelständischen Unternehmen.

Mense: Haben Sie auch mit Mitarbeitern gesprochen? Sind diese Wohnungen auch tatsächlich attraktiv, sind die schön, wohnen die da gerne?

Wieland: Wir haben leider tatsächlich kein Interview mit einem Mitarbeiter geführt. Aber die Zahlen sprechen eigentlich für sich. Wenn man sich anschaut, wie hoch die Nachfrage ist, wie gut die Auslastung der Wohnungen ist, dann spricht das wirklich eine deutliche Sprache, dass das sehr nachgefragt ist. Und eigentlich alle Unternehmen, mit denen wir gesprochen haben, die sich im Bereich Mitarbeiterwohnen engagiert haben, sagen, dass sie es auch wieder machen würden, und denken auch darüber nach, das Ganze auszuweiten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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