Samstag, 06.06.2020
 
Seit 17:05 Uhr Streitkultur
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Soziologen und die Krise17.12.2009

Die Soziologen und die Krise

Tagung des Sonderforschungsbereiches "Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel"

Viel ist über die Wirtschaftskrise geschrieben worden. Spürbar ist sie für manche Menschen trotzdem nicht. Gibt es sie also überhaupt, diese Krise? Über die Wahrnehmung von Wirtschafts-, Lebens- und anderen Krisen diskutierten Soziologen auf der Tagung "Krisen verstehen" an der Humboldt-Universität.

Von Isabell Fannrich-Lautenschläger

Die Krise - ein typisches Phänomen der westlichen Kultur? (AP)
Die Krise - ein typisches Phänomen der westlichen Kultur? (AP)

"Man könnte ja zum Beispiel sagen, die heutige Krise ist eigentlich gar keine, denn es ist im Grunde ja nichts passiert. Gut, es haben ein paar Leute Geld verloren. Man könnte aber auch einfach nur sagen: Das Geld ist nicht weg, das haben nur andere. Die Arbeitslosigkeit hält sich im Rahmen. Es sind keine Institutionen zusammengebrochen außer Banken. Aber es wird neue Banken geben."

Was ist daran die Krise, fragt Thomas Mergel zugespitzt. Um das zu verstehen, hat der Professor für Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Berliner Humboldt-Universität die Tagung "Krisen verstehen" konzipiert.

Ihn interessiert vor allem der Charakter von Krisen als Zwischenzeit, in der - um mit dem italienischen Marxisten Antonio Gramsci zu sprechen - das Alte tot und das Neue noch nicht geboren ist.

"Im Zusammenhang mit der jetzigen Krise haben wir uns da einige Fragen zu stellen begonnen, wie wir uns Krisen im Zusammenhang mit Nicht-Krisen vorstellen. Wir haben normalerweise ja die Idee, dass es stabile Zeiten gibt, und dann kommt ein schneller harter Umbruch und dann kommt wieder die nächste stabile Zeit. Das ist so, wie wir es gerne denken. Aber eigentlich befindet sich ja zumindest die westliche Moderne in einer Zeit ständigen Wandels. Man könnte sagen, Krise ist immer."

Dies scheint zuzutreffen, führt man sich die täglichen Medienberichte vor Augen: Die Wirtschaft unterliegt einem permanenten Strukturwandel, das Klima verändert sich, Energiekrisen spitzen sich zu. Neben politischen und sozialen Unruhen strapazieren die vielfältigen persönlichen Lebenskrisen des 21. Jahrhunderts den Begriff.

Treten in der Moderne mehr Störungen auf als früher - oder ist lediglich die negative Zuschreibung inflationär?

Der Berliner Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Alexander Nützenadel, warnt davor, Krisen auf die Postmoderne zu begrenzen. Zugleich plädiert er für einen sparsamen Gebrauch des Begriffs:

"Wir können nicht in allen Zusammenhängen und jeden Monat eine neue Krise verkünden, sondern wir müssen den Begriff der Krise auf solche fundamentalen Umbrüche beschränken, so wie wir sie jetzt im Moment auch erleben, wo also nicht nur Konjunkturschwankungen in kleinerem Maße sich vollziehen, sondern wo wir tatsächlich auch einen Zusammenbruch von Institutionen haben und das System als solches zunächst einmal infrage gestellt wird."

Bemerkenswert für Nützenadel in diesem Zusammenhang ist, dass ausgerechnet jene Disziplin sich bedeckt hält, von der man zumindest Erklärungsversuche für die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise erwarten könnte: die Wirtschaftswissenschaften. Die Ökonomen scheinen selber in einem Tief zu stecken, sagt Nützenadel.

Dabei müssten sie doch die besten Antworten parat haben, war die Ökonomie im 18. und 19. Jahrhundert doch explizit eine Krisenwissenschaft, so die These des Historikers. Jedoch wandten sich die Forscher zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr den konjunkturellen Schwankungen zu und ließen die wirtschaftlichen Zusammenbrüche außen vor. Weder die große Depression von 1929, noch spätere internationale Krisen konnten sie vorhersagen.

"Natürlich sprechen Ökonomen auch von der Krise. Aber sie arbeiten in der Regel nicht mit einem Krisenbegriff, weil sie den Krisenbegriff als zu unscharf ablehnen. Und das hängt damit zusammen, dass andere Disziplinen, die Sozialwissenschaften, die Kulturwissenschaften, diesen Begriff vielleicht auch etwas überstrapazieren, und dass der Krisenbegriff sozusagen ein ubiquitärer Begriff moderner Gesellschaften geworden ist."

"Ich glaube, er trägt dennoch, weil er eine bestimmte Wahrnehmung beschreibt, mit der die Moderne sich selbst als Menschen und als Gesellschaft wahrnimmt. Es ändert sich sehr plötzlich etwas. Es sind Beschleunigungseffekte, es kommt vieles zusammen und das führt zu einer Form von Unsicherheit, die wir bewältigen müssen. Und diese Unsicherheiten treten eben heute nicht nur im Ökonomischen oder im politischen Bereich auf, sondern auch was das Subjekt anbetrifft. Insofern haben wir, glaube ich, mit der Krisensemantik so etwas wie eine Befindlichkeit der Moderne vor uns","

... hält Thomas Mergel dagegen.

Andere Epochen und andere Gesellschaften tabuisierten Krisen; die japanische etwa versuchte, Eskalationen religiös umzudeuten, die sozialistische maßte sich an, das Paradies auf Erden verwirklichen zu wollen.

Dabei steckt in der Krisis etwas Positives: Die Idee der Katharsis, die Hoffnung, dass danach alles besser wird, sagt Mergel. Die modernen westlichen Gesellschaften versichern sich erst mittels der Krise ihrer Wandlungsfähigkeit. Der Tief- als Wendepunkt ist westlich geprägt.

""Es gibt eine Spezifität der Krise, die man im westlichen Kapitalismus ansiedeln kann, in der Neuzeit, seit dem späten 18. Jahrhundert. Hier hat sich offensichtlich eine Form herausgebildet, die wir für die Normalform halten, die eben durch diese Formen von Beschleunigung, einer Sprache der Krise, die sich durch den Umbau von Leitdifferenzen auszeichnet. Diese Formen von Krisen finden wir in vielen anderen Gesellschaften nicht."

Dennoch: Krisen gibt es überall. Was allerdings Menschen als einen Erdrutsch oder eine Kehrtwende wahrnehmen, ist kulturell durch Werte und Normen geprägt.

Der Entwicklungsforscher Conrad Schetter hat lange Zeit die afghanische Gesellschaft beobachtet, die sich seit 30 Jahren im Krieg befindet. Für die UNO ist das Land in der Dauerkrise.

Der Bonner Wissenschaftler vertritt die These, dass erst die Intervention der Internationalen Gemeinschaft die Bevölkerung in eine Krise gestürzt hat. Versucht sie doch solche Ordnungen zu etablieren, die ihr als selbstverständlich erscheinen - den lokalen Regelungen aber zuwider laufen. Vor einer Intervention, ...

"… ob militärisch oder zivil oder mit Entwicklungsmaßnahmen, muss ich wirklich wissen, was erstmal als Krise wahrgenommen wird und wo ich überhaupt ansetzen kann, um die Menschen mit ihren Erwartungssicherheiten, mit ihren Erwartungsunsicherheiten abzuholen. Das große Dilemma des Wiederaufbaus in den letzten acht Jahren war, dass er vor allem Erwartungsunsicherheiten generiert hat, statt Erwartungssicherheiten zu schaffen. Ich denke, das ist ein ganz, ganz zentraler Aspekt. Und das führt eine Intervention in die Krise und gibt einem Großteil der Bevölkerung das Gefühl, dass sie sich in einer Krise befinden."

Objektiv gesehen leiden Menschen unter Krisen wie Kriegen oder Umweltkatastrophen. Wie sie beschrieben werden, hängt letztlich vom Standpunkt des Betrachters ab. Wenn ein Kranker zum Arzt geht, kann er das als Krise empfinden, der Arzt aber betrachtet es als Routine.

Diese verschiedenen Perspektiven wollen die Wissenschaftler künftig stärker in den Blick nehmen - nicht zuletzt, weil die Wahrnehmung die Krisenentwicklung mit bestimmt. Alexander Nützenadel:

"Und man könnte vielleicht sagen, es gibt gar keine Krise ohne die Begriffe und ohne die Art und Weise, wie wir Krisen beschreiben. Und man weiß ja auch, dass natürlich die Ankündigungseffekte eine unheimlich große Rolle spielen. Wenn Sie anfangen, über Krisen zu sprechen, können Sie Krisen auch selbst erzeugen. Eine prognostizierte Krise kann eine Krise auslösen und hat deswegen auch Einfluss auf real wirtschaftliche Entwicklungen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk