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StartseiteAus Religion und GesellschaftDas Gefühl der verlorenen Zeit 17.03.2021

Die Spiritualität des WartensDas Gefühl der verlorenen Zeit

Die Corona-Pandemie stellt uns auf eine harte Geduldsprobe. Wann der Lockdown endet, wann es einen Impftermin gibt, wann der normale Alltag zurückkehrt, das sind politisch brisante Fragen. Das Wartenkönnen war einst eine Tugend, jetzt erscheint es als Zumutung.

Von Michael Reitz

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Eine junge Frau steht an einem Bahngleis und schaut auf die Uhr (IMAGO / Westend61)
Anstatt durch Warten und innere Ruhe wieder zu Kräften zu kommen, können wir es in der Regel gar nicht aushalten, bis der nächste Aktivitätsschub von uns erwartet wird (IMAGO / Westend61)
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Das Warten ist aus der Mode gekommen, sein Ruf ruiniert: In unserer Epoche steigern sich mit geometrischer Geschwindigkeit die Prozessorleistungen der Computer, Informationen sind in kürzester Zeit zu haben. Ganze Wirtschaftszweige leben davon, uns die Wartezeiten auf Bahnhöfen, U-Bahnhöfen oder Telefon-Hotlines zu verkürzen. Kaum etwas hat das Warten wieder so sehr in den Mittelpunkt gerückt wie die Covid 19-Pandemie: Warten auf das Ende des Lockdowns, auf die Öffnung der Grenzen, auf den Impfstoff.

Sehnsucht der Seele

In vielen religiösen Traditionen nimmt das Warten eine zentrale Stellung ein. Juden ersehnen den Messias, Christen die Wiederauferstehung und das Jüngste Gericht, und während des Ramadan wünschen Muslime den Tag des Fastenbrechens herbei.

In Psalm 13 fragt David: "Wie lange noch, Herr, vergisst du mich ganz? Wie lange noch verbirgst du dein Gesicht vor mir? Wie lange noch muss ich Schmerzen ertragen in meiner Seele, in meinem Herzen Kummer Tag für Tag?"

"Diese Ungeduld ist ein Teil des christlichen Lebens, nicht nur im Sinne von, wir warten auf das Wiederkommen des Herrn am Ende aller Tage, sondern auch dieses, wann ist das endlich zu Ende?", sagt Barbara Rudolph, Oberkirchenrätin und Seelsorgerin in der Evangelischen Kirche des Rheinlands. "Für mich als Christin in der Seelsorge ist dann wichtig, Menschen diese Worte nicht zu verbieten, sondern ihnen zu sagen, das ist das Leben oft, dass wir nicht mehr können und diese Frage nur noch herausschreien. Und in dem "wie lange noch?", liegt ja beides – die Verzweiflung, aber auch die Hoffnung, dass sich was ändert."

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Wir fürchten uns vor dem Warten, kommen nicht auf die Idee, es als Zeit der Muße zu sehen und zu nutzen. War es in der Antike durchaus üblich, dem Müßiggang und dem Warten einen hohen Stellenwert beizumessen, ist diese Haltung im 21. Jahrhundert nurmehr der berühmten "Auszeit" vorbehalten.

Für die Gladbecker Pfarrerin Birgit Krenz-Kaynak liegt hier eines der Grundübel unserer Zeit: "Heute zu sagen, lasst uns warten, harren darauf, dass diese Welt eine andere wird, da würden schnell Leute sagen: Hör auf zu warten, pack lieber an, oder mach dich nicht lächerlich mit großen Visionen. Und diese Spannung – wir Christen sagen ja immer, da kommt noch was. Die Welt ist immer noch offen für Entwicklung. Und das betrifft die Welt als Ganzes, aber auch für uns als Einzelne. Und das zu sagen, ist auch eine Aufgabe, die mühsam ist, finde ich." 

Religiosität als Sand im Getriebe 

Religiosität, so Birgit Krenz-Kaynak, wirkt da wie Sand im Getriebe der ewig ratternden Aktionismus-Maschine. Krenz-Kaynak: "Es ist leider eine der Grundhaltungen von Religiosität, zu warten. Wir warten ja auf irgendwas dauernd. Wir warten auf Einsicht. Und es hat auch damit etwas zu tun, weil warten ja auch sagt, etwas, nach dem ich mich sehne, was wichtig ist, ist noch nicht da. Und ich kann nicht so viel tun, um das zu beschleunigen, dass es kommt. Also eine überaus wache, aufmerksame Haltung, die da drin ist."

Eine Uhr zeigt fünf vor zwölf. (dpa/Patrick Pleul)"Das Kostbare am Warten heißt, dass ich mich bereithalte für etwas", so Pfarrerin Krenz-Kaynak (dpa/Patrick Pleul)

In der Regel, so Birgit Krenz-Kaynak, geraten zum Beispiel Menschen, die ihre Arbeit verlieren nicht nur wegen finanzieller Schwierigkeiten in schwere Krisen. Sondern auch, weil sie sich wegen eines Übermaßes an freier Zeit, das ihnen plötzlich zur Verfügung steht, für minderwertig halten. Es gibt eben in den westlichen Wirtschaftssystemen keine positive Kultur des Wartens, in diesem Fall auf einen neuen Arbeitsplatz. Sollten wir uns deshalb nicht eher fragen, ob wir uns neben einem neuem Kleid oder einer teuren Reise nicht lieber mehr Zeiten des Wartens leisten?

"Das Kostbare am Warten heißt, dass ich mich bereithalte für etwas. Und dass sich im Zuge dieser Wartezeit immer mehr klärt, was das ist und dass es sich mitunter auch verändern kann darüber. Also, wenn es heißt, ich warte auf Einsicht, auf Erkenntnis, dann kann das sein, dass das, die Einsicht, die ich erwarte, dann wenn sie kommt, ganz anders ist als das, was ich vorher so als Idee hatte." 

Durch die Wartezeit verändert sich etwas im Menschen. Von daher wäre es wichtig, das Warten wieder zu lernen und sich in ihm zu üben. Birgit Krenz-Kaynak spricht hier von einem "Pathos des Wartens" – um das es allerdings im 21. Jahrhundert eher schlecht bestellt sei. "Das Pathos des Wartens, kann man sagen, ist ja deutlich in den Hintergrund getreten. Wir warten ja heute auf die Wiederkunft Christi, auf Jüngstes Gericht, auf eine Phase der Gerechtigkeit, warten wir ja nicht mehr mit so einem Pathos, so einem Drang. Sondern das ist ja so in den Hintergrund getreten, dass ich manchmal denke, ja, wenn Jesus jetzt heute wiederkommen täte, da konnten wir vielleicht auch nur sagen, ganz müde: Hallo."

Die erschöpfte Gesellschaft

Der Wert einer Gesellschaft, einer Ökonomie, eines Unternehmens scheint heutzutage immer daran gemessen zu werden, wie lange man auf etwas warten muss. So sieht es jedenfalls Stephan Grünewald. Der Psychologe und Publizist ist Autor des Bestsellers "Die erschöpfte Gesellschaft".

Er sagt: "Wir sind betriebsam, aber dadurch auch besinnungslos, und wir schätzen diese Besinnungslosigkeit, weil dadurch alle Probleme, ungelösten Fragen, Ängste ausgeblendet werden. In dem Moment, wo wir zur Ruhe kommen, stürzen diese Probleme auf uns wieder ein. Und das verstärkt die Tendenz zum Daueraktivismus. Wir wollen diese Gespenster, diese Ängste, diese Probleme vertreiben und sind geneigt, uns direkt wieder in die Mails, in die Meetings oder auch wo immer reinzustürzen."

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Am Warten zeigt sich eine paradoxe Einstellung: Man weiß genau, dass man in dieser Zeit keine Bäume ausgerissen oder Weltreiche erobert hätte – und regt sich trotzdem darüber auf. Das erzwungene Warten erzeugt Ohnmachtsgefühle, denn sein Grund liegt außerhalb unseres Wirkungsbereiches. Wir haben das Gefühl, nicht mehr selbst bestimmen zu können. Es ist ähnlich wie mit der Illusion, den Tod ausschalten zu können: Wir werden das Warten niemals loswerden.

Die negative Seite des Wartens, der von außen kommende Zwang dazu warten nicht selten die Ohnmächtigen der Gesellschaft. Flüchtlinge in Übergangswohnheimen; alte Menschen, die die Zuwendung und Fürsorge ihrer Angehörigen vermissen.

Die Hamburger Publizistin Friederike Gräff hat 2015 unter dem Titel "Warten – Erkundungen eines ungeliebten Zustands" ein Buch veröffentlicht. Darin versucht sie, dem Warten auf die Spur zu kommen. Gräff sagt: "Das Ergebnis meiner Warterecherche ist, dass Warten viel mit Macht bzw. eben Ohnmacht zu tun hat. Wer Macht hat, kann warten lassen, wer keine Macht hat, muss warten.

Und da Frauen eben traditionell weniger Macht hatten, ist mein Eindruck, dass sie häufiger warten mussten, und dass es zum Teil auch gesellschaftliche Institutionen, Rollen gab, in denen vorgeschrieben war, dass sie warten mussten – zum Beispiel im Verlöbnis, wo sie ja letzten Endes eine passivere Rolle hatten. Sie mussten warten, dass man ihnen einen Antrag macht."

Wartende im Wartesaal am Hauptbahnhof Leipzig um 1915. (picture alliance/dpa/akg)Bahnhöfe sind Orte des Wartens - hier der Wartesaal des Hauptbahnhofs Leipzig um 1915 (picture alliance/dpa/akg)

Auf der anderen Seite ist es ein Indikator für den gesellschaftlichen Status, wenig oder überhaupt nicht warten zu müssen. Airlines richten spezielle Wartezonen für Premiumkunden ein, "Bahncard Comfort" Inhaber brauchen nicht solange rumzustehen, bis im vollen Zug ein Platz frei wird.

Gräff: "Es ist, glaube ich, kein Zufall, dass heutzutage Firmen versuchen, Kunden dadurch zu gewinnen, dass sie – und zwar demonstrativ – weniger warten müssen. Der Schalter bei der Deutschen Bahn für Bahn-Card-Kunden oder Kunden erster Klasse, da geht es natürlich schneller. Und da sehen alle dann nochmal, oh, da ist die Schlange aber kürzer oder es gibt gar keine Schlange. Das heißt, da ist jemand, der es sich nicht leisten können muss, zu warten. Alle anderen haben da keine Wahl."

Es scheint ein subtiler gesellschaftlicher Befehl zur Daueraktivität zu existieren, der schwer zu durchbrechen ist. Stephan Grünewald sieht hier einen Wertewandel am Werk, der sich unbemerkt durchgesetzt hat.

"Erschöpfungsstolz hat den Werkstolz früherer Zeiten abgelöst. Unsere Arbeitsprozesse sind heute so fragmentiert, dass die Menschen am Ende des Tages oft gar nicht mehr wissen, an welchem Werk sie beteiligt sind. Werkstolz heißt, dass ich stolz zurücktreten kann wie ein Schreiner und sehe, was ich geschafft habe, welche Fortschritte ich gemacht habe und dadurch rundet sich meine Tagesgestalt ab und ich bin stolz auf das Geschaffene. In den heutigen sehr fragmentierten, frikassierten Tagesläufen, wo wir von einem Meeting zum anderen hetzen, wo wir Hunderte von E-Mails beantworten, ist es häufig so, dass am Ende des Tages die Menschen gar nicht mehr wissen, was sie gemacht haben." 

Stephan Grünewald, Portrait (rheingold sprints)Der Psychologe, Mitbegründer des Rheingold-Instituts und Bestsellerautor Stephan Grünewald (rheingold sprints)

So entsteht ein verrückter Kreislauf. Denn anstatt durch das Warten und durch die innere Ruhe wieder zu Kräften zu kommen, können wir es in der Regel gar nicht aushalten, bis der nächste Aktivitätsschub von uns erwartet wird. Die Hamburger Publizistin Friederike Gräff untersucht in ihrem Buch mehrere Formen des Wartens: die frohe Erwartung, zum Beispiel das Warten auf ein Spenderorgan oder auf den verspäteten Zug. Dabei hat sie herausgefunden: Es gibt so etwas wie ein gelingendes Warten.

Gräff: "Gelingendes Warten bedeutet erstmal, es nicht währenddessen oder im Rückblick als verlorene Zeit zu empfinden, sondern als Zeit, für die man sich letzten Endes entschieden hat oder irgendwann entscheiden konnte."

Warten, so Friederike Gräff, ist nicht automatisch ein negativer Zustand. Wir sind jedoch darauf gedrillt, ihn als solchen zu sehen. Neben dem nervenaufreibenden und zerstörerischen Warten, so die Autorin, gebe es ein Warten, dass als Chance gesehen werden kann. Sie sagt: "Ich glaube, dass es darum geht, irgendwann das zu begreifen als eine Zeit, die man dann trotz allem in bestimmten Möglichkeiten selbst gestaltet. Man sitzt dann eben im Wartezimmer, man hat es nicht in der Hand, wie lange man da sitzt. Aber man hat es in der Hand, was man in dieser Zeit tut und wie man auf diese Zeit guckt. Wenn man 15 Minuten damit verbringt, sich zu ärgern, dass man denkt, ich armseliger Kassenpatient sitze hier noch drei Jahre und alle andere, die zehn Jahre nach mir gekommen sind, sind aus unerfindlichen Gründen vor mir dran, dann ist es mit Sicherheit verlorene Zeit."

Ausgeknockt in der Erledigungsschlange

Was dieses Gefühl der verlorenen Zeit ausmacht hängt jedoch sehr mit den Erwartungen zusammen, die der einzelne an sich selber hat – oder zu haben glaubt. Denn das Damoklesschwert der verplemperten Zeit, des sinnlosen Müßiggangs schwebt immer über uns. Immer kann es sein, dass man etwas Wichtiges übersehen hat, während man wartet und in dieser Wartezeit zur Inaktivität verdammt ist.

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Ein mörderischer Zustand, so Friederike Gräff: "Je mehr man das Gefühl hat, Oh Gott, ich muss eigentlich schon dieses und jenes erledigt haben, Oh Gott, ich muss schon hier sein, desto ungeduldiger und aggressiver wird man natürlich, wenn man durch diese Wartesituation ausgebremst wird. Das ist ja oft ein Grund für diesen großen Ärger, dieses Gefühl, ich werde plötzlich in meiner wunderbaren Erledigungsschlange ausgeknockt – und das erzeugt Ärger."

Friederike Gräff stellt in ihrem Buch unter anderem eine Frage: Wie erkennen wir, wann das Warten kostbar ist? Und wie könnten wir zum Beispiel feststellen, dass wir erschöpfter sind als wir es wahrhaben wollen, um dann eventuell aus dem Aktionismus-Paradigma auszusteigen oder es zumindest in Frage zu stellen?

Für die Würzburger Theologin Christine Büchner ist das Warten eines Christen, wie es sich beispielsweise in der vorösterlichen Zeit darstellt, keineswegs negativ behaftet. Denn es macht wacher und erzeugt spirituelle Tiefe, die in einem permanenten Alarmzustand nicht möglich wäre. Büchner sagt: "Warten ist etwas Passives erstmal. Und insofern, wenn es sich um ein spannungsvolles Warten handelt, glaube ich, dann ist es was Konstruktives. Also, wenn ich in der Situation des Wartens empfänglicher werde für das, was von woanders her auf mich zukommt."

Christine Büchner verweist in diesem Zusammenhang auf die  jüdische Philosophin Simone Weil, die in ihren Schriften des Öfteren vom "Warten Gottes" spricht.

Die französische Philosophin Simone Weil (1909-1943) in jungen Jahren. (imago images/White Images/Leemage)Die französische Philosophin Simone Weil (imago images/White Images/Leemage)

Büchner: "Die Zeit ist die Geduld Gottes, der auf unsere Liebe wartet und um sie bettelt (…) Wenn man davon ausgeht, im christlichen Glauben ist das so, dass Gott die Welt geschaffen hat, dass er in ihr anwesend ist und sich um sie sorgt, dann stellt sich oft die Frage, wieso ist dann so wenig von ihm zu spüren. Aber es ist möglicherweise so, dass er sich gar nicht gegen uns durchsetzen kann und will, sondern so sehr auf uns setzt, dass er halt auf uns wartet, bis wir endlich soweit sind, gewissermaßen, dass er sichtbar werden kann in uns, in unserem Leben und so weiter."

Hinzu kommt, so Christine Büchner: Wenn wir das Warten nicht als mühselige Last auffassen, sondern als Chance, bewusster zu leben, dann lägen im Warten eindeutige Vorteile. Für den Theologieprofessor Aaron Langenfeld zeigt sich das gerade in der Krisenzeit der Corona-Pandemie. Denn der erzwungene Stillstand, das Ausfallen vieler kurzweiliger und ablenkender Aktivitäten zwinge geradezu zur Besinnung und zum Nachdenken.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Langenfeld sagt: "Ich glaube, dass man unweigerlich vor andere Fragen gestellt wird, die man bewältigen muss. Ich glaube aber auch, dass es im Moment noch ein sehr starkes Bedürfnis gibt, auf das Danach zu gucken. Also, wenn das vorbei ist, wird wieder alles normal sein. Und die Frage ist ja, was ist dieses Normal, was dann kommt? Vergessen wir auch die anderen großen Bedrohungen oder Bedrängungen, die wir im Moment erfahren? Man erinnert sich ja kaum noch, aber das große Thema vor Corona war ja die Klimakrise, die nicht weniger existenziell bedrohlich ist, die nicht weniger Auswirkungen auf unser aller Leben hat.

Aufforderung zur Demut

Können wir nicht mehr warten? Laufen wir Gefahr, diese kostbare Fähigkeit zu verlernen? Für Friederike Gräff ist es in diesem Zusammenhang hilfreich, auf  die spirituellen Traditionen zu blicken: "Warten ist in der Religion auch ein Trost – die Vorstellung, dass auf jeden Fall etwas Besseres kommen wird. Ich glaube, man verliert manchmal aus dem Blick, dass die Ursprünge des Christentums ja bei Menschen lagen, denen es sozial eher schlecht ging. Das heißt, die so ein bisschen das Gefühl hatten, es kann eigentlich nur besser werden, und es muss und soll aber auch besser werden. Und ich glaube, es ist kein Zufall, dass wir Christen heutzutage möglicherweise nicht mehr so dringlich warten."

Spirituelle Traditionen haben in Ritualen und Glaubensvollzügen ganz bewusst Zeiträume des Wartens eingebaut. So dient das Fasten beispielsweise nicht nur der Reinigung des Körpers, wie Friederike Gräff erläutert: "Für uns ist das Völlen das ganze Jahr über möglich. Und für uns ist ja eher die Herausforderung. Irgendeine Delikatesse stehen zu lassen, während die Vorräte ja viel kleiner waren damals. Insofern glaube ich, dass das Struktur gegeben hat, diese Wartezeiten und eben auch dadurch Zeiten der Vorfreude sein konnten, auf was Schönes. Und ich glaube, das ist uns so ein bisschen verlorengegangen."

Warten – das beinhaltet für die Pfarrerin Birgit Krenz-Kaynak auch eine unüberhörbare Aufforderung zur Demut. Denn so sehr wir unser Dasein planen, indem wir unsere beruflichen Karrieren vorantreiben oder unsere Lebenswelt verändern möchte und uns das zuweilen auch gelingt – letztes Endes bleibt aber doch, so Birgit Krenz-Kaynak: "Dass ein ganzer Teil dessen, worauf wir warten, was wesentlich zu uns Menschen gehört, und auch worauf wir hoffen, dass das nicht unserem Tun unterliegt, sondern dass wir da Passive sind. Und passiv heißt nicht, dass man sitzt und die Hände in den Schoß legt, sondern passiv heißt, in all meinem Tun – das bleibt uns ja –, dass ich trotzdem weiß: ich mache das nicht. Wer bin ich denn, zu behaupten, ich rette die Welt?"

Es wird es immer einen Rest von Unbeeinflussbarem geben. Wenn das Jahr 2020 uns eines gegeben hat, dann ist es eine schmerzhafte Lektion im Warten. Denn bei aller Hightech-Medizin und all unseren sonstigen großartigen technischen Leistungen hat ein Mikroorganismus auf dem gesamten Planeten das öffentliche Leben lahmgelegt. Monatelang blieb und bleibt und nichts anderes übrig als – Warten.

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