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StartseiteForschung aktuellDie Spur der Knochen02.12.2010

Die Spur der Knochen

Was die Teergruben von La Brea über das Sozialverhalten ausgestorbener Tiere verraten

Paläontologie. - Das Gebiet von Los Angeles war in der jüngsten Eiszeit eine locker bewaldete Küstenebene, belebt von zahlreichen, zum Teil sehr großen Säugetieren. Viele von ihnen blieben in den Asphaltgruben stecken, die heute noch zu sehen sind. Die Gruben von Rancho La Brea liefern heutigen Paläontologen Tausende von Fossilien und gehören zu den bedeutendsten Fundstätten der Welt.

Von Dagmar Röhrlich

Künstlerische Darstellung einer Säbelzahnkatzen-Attacke auf ein Riesenfaultier. (Holger Kroker/Page Museum for Paleontology)
Künstlerische Darstellung einer Säbelzahnkatzen-Attacke auf ein Riesenfaultier. (Holger Kroker/Page Museum for Paleontology)

"Säbelzahnkatzen sind Klasse: Es sind Katzen von der Größe eines afrikanischen Löwen mit riesigen Eckzähnen und sehr beweglichen Kiefern, die sie sehr weit öffnen können, um die Säbelzähne in ihre Beute zu schlagen und sie zu töten."

Trevor Valle ist ein Fan von Säbelzahnkatzen und hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht: Er ist stellvertretender Laborleiter des Page Museums in Los Angeles. Dieses Museum beherbergt die Fundstücke aus Teergruben direkt vor der Tür. Seit jeher bleiben Tiere in diesem klebrigen Teer hängen, der von einem großen Ölfeld unter Los Angeles stammt. Diese Gruben machen Rancho La Brea, so heißt das Gebiet, zu einer der berühmtesten Fossillagerstätten der Welt - und noch heute. Valle:

"Wir finden hier in Rancho La Brea sehr viel mehr Fleisch- als Pflanzenfresser. Der Grund ist, dass die steckengebliebenen Pflanzenfresser Räuber anlockten, die auf eine gute Mahlzeit hofften."

So fanden auch zahllose Säbelzahnkatzen ihr Ende im Teer. Das passierte während der Eiszeiten, als die Gegend von Los Angeles ganz anders aussah als heute. Valle:

"Wenn wir zurück in die jüngste Eiszeit gehen könnten, wäre es in Los Angeles wie auf Safari. Wir sähen furchteinflößende Kreaturen: Mammuts, Amerikanische Löwen, Kurzgesichtige Bären, Riesenfaultiere - einige der größten Säugetiere, die jemals existiert haben."

Die Teergruben von Rancho La Brea dokumentieren die Zeit, als riesige Säugetiere die Erde bevölkerten. Vor 10.000 Jahren verschwanden diese Riesen - und mit ihnen auch die Säbelzahnkatzen. Bis heute verraten ihre Knochen jedoch viel über ihre Lebensweise:

"Sie haben anscheinend wie Löwen aus einem Versteck im Gras oder hinter Büschen heraus gejagt. Dabei schlichen sie sich langsam an ihre Beute an, die sie dann mit einem schnellen Spurt zur Strecke brachten. Säbelzahnkatzen waren Großwildjäger mit schwerem Körperbau und Schultern wie Wrestler, mit denen sie für den Todesbiss den Kopf ihrer Beute am Boden halten konnten. Ihr Hinterkörper verrät, dass sie Sprinter waren, keine Langstreckenjäger. Und ich glaube, dass sie in Gruppen jagten."

Dafür sprächen viele Funde in den Teergruben, erklärt Blair van Valkenburgh von der University of California in Los Angeles:

"In Rancho La Brea finden wir ziemlich gute Hinweise darauf, dass sie sozial lebten. So finden wir ihre Knochen fast ebenso häufig wie die der Dire-Wölfe, der großen Cousins der heute lebenden Wölfe. Und die jagten ganz sicher in Rudeln."

Bei den Säbelzahnkatzen verraten verheilte Knochenbrüche, dass sich die Gruppe um ihre Verletzten kümmerte - ein eher wolftypisches Verhalten. Auch sonst gibt es zwischen Säbelzahnkatzen und Wölfen Parallelen. Van Valkenburgh:

"Bei afrikanischen Löwen sind die Männchen sehr viel größer und kräftiger als die Weibchen, weil die Männchen untereinander um die Herrschaft kämpfen. Bei Säbelzahnkatzen fehlen ausgeprägten Geschlechtsunterschiede. Das zeigt, dass die Männchen nicht dauernd um ihr Rudel kämpften. Säbelzahnkatzen werden eher wie Wölfe mit einem Alphapaar an der Spitze gelebt haben. Vielleicht halfen Onkel und Tanten dabei, die Jungen großzuziehen."

Die Jungen könnten auch ein Grund für das für Katzen ungewöhnlich gut ausgeprägte Sozialverhalten sein, vermutet Blair van Valkenburgh. Schließlich wachsen Säbelzähne langsam, und man muss schon kräftig und sehr geschickt sein, um sie richtig einzusetzen, denn die großen, schmalen Reißzähne sind sehr zerbrechlich. Wahrscheinlich waren die Kleinen deshalb lange auf die Fürsorge der anderen angewiesen.

Hinweis: Am Sonntag, 5. Dezember, 16:30 Uhr, hören Sie in Wissenschaft im Brennpunkt ein Feature über die Eiszeitfunde in Rancho La Brea: Das Ende der Riesen

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