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StartseiteKalenderblattDie "tschechische Lokomotive"21.11.2010

Die "tschechische Lokomotive"

Vor 10 Jahren starb der Leichtathlet Emil Zátopek

Am 21. November 2000 stirbt der Langstreckenläufer Emil Zátopek in Prag an den Folgen eines Gehirnschlags. Sein eigenartiger Laufstil hatte ihm den Spitznamen "Tschechische Lokomotive" eingebracht. Emil Zátopek war einer der erfolgreichsten Leichtathleten der Welt.

Von Thomas Jaedicke

1968 stieg Oberst Zátopek in Uniform auf einen sowjetischen Panzer und sagte den Russen, sie sollen nach Hause fahren - mit schwerwiegenden Konsequenzen. (AP)
1968 stieg Oberst Zátopek in Uniform auf einen sowjetischen Panzer und sagte den Russen, sie sollen nach Hause fahren - mit schwerwiegenden Konsequenzen. (AP)

"Emil Zátopek, die tschechoslowakische Dampflokomotive und dann Alain Mimoun, der sonnengebräunte Mann aus Nordafrika."

Das 10.000-Meter-Finale bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki.

"Emil Zátopek in seinem bekannten Laufstil. Er sieht verkrampft aus. Aber das ist nun einmal Emil Zátopek."

Zátopek gewinnt in Finnland Gold über 5000 und 10.000 Meter und im Marathon. Jeweils in olympischer Rekordzeit. In seiner Karriere wird er vier Mal Olympiasieger und drei Mal Europameister, stellt 18 Weltrekorde auf.

"Bei Emil hat man den Eindruck, als würde er schaufeln, mit bloßen Händen schuften, wie in Trance, wie ein Erdarbeiter",

schreibt Jean Echenoz in seinem Roman "Courir" über Zátopek.

"Emil kämpft sich voran, schwer, zerquält, gemartert, ruckartig. Seine Züge sind entstellt, wie von einem grässlichen Leid zerrissen. Stoßweise schnellt die Zunge hervor, als säßen in seinen beiden Schuhen Skorpione."

Emil Zátopek läuft seine Gegner in Grund und Boden. Als Kind hatte der 1922 in Mähren als Sohn eines Arbeiters geborene Zátopek nie daran gedacht, Läufer zu werden. Doch der Direktor einer Schuhfabrik in Zlin, wo der 19-jährige Lehrling ist, meldet ihn bei einem Rennen an. Emil hatte keine Lust, aber Talent und wurde Zweiter; aus Trotz. Vom Laufen konnte er danach nicht mehr lassen. Allein im Training soll die "Tschechische Lokomotive", wie er wegen seines Laufstils genannt wurde, drei Mal um die Erde gelaufen sein.

Emil Zátopek:
"Für mich ist es egal, ob ich trainiere für zehn Kilometer oder fünf Kilometer. Ich trainiere so, um in beste Form zu kommen. Ich laufe täglich sehr viel Kilometer. Normal 30, aber bis 40, auch bis 50 Kilometer täglich."

Bald startet er auch im Ausland, gewinnt bei internationalen Meisterschaften, und wird 1948 Olympiasieger in London. Das kommunistische Regime der Tschechoslowakei beschließt, Zátopeks Erfolge und seine Popularität für seine Zwecke auszuschlachten. Im Kalten Krieg kommt der schnelle Zátopek als freundlicher Botschafter wie gerufen. Er wird Offizier bei der Armee, steigert sein Pensum und trainiert manchmal sogar in Armeestiefeln.

Emil Zátopek:
"Nun, ich habe es gemacht. Ich war vollkommen im Dienst von diesem Regime. Man dient einer Sache, und der Lohn ist die Hölle."

1968 wird Emil Zátopek aus Partei und Armee ausgestoßen. Denn als die Truppen des Warschauer Pakts im August sein Heimatland besetzen und den Prager Frühling gewaltsam beenden, steigt Oberst Zátopek in Uniform auf einen sowjetischen Panzer und sagt den Russen, sie sollen nach Hause fahren.

Emil Zátopek wird degradiert. Der 45-Jährige, der seit zehn Jahren keine Rennen mehr läuft, wird in eine Uranmine strafversetzt. Nach sechs Jahren kehrt der tschechoslowakische Marathon-Olympiasieger von 1952 nach Prag zurück und bekommt eine Anstellung als Müllmann.

"Wenn Emil mit seinem Besen hinter dem Kübelwagen durch die Straßen der Stadt geht, erkennt die Bevölkerung ihn sofort, alle rennen an die Fenster und applaudieren ihm begeistert", …

… schreibt Jean Echenoz in "Courir":

"Außerdem weigern sich seine Arbeitskollegen, ihn selbst den Abfall einsammeln zu lassen, er kann nur in lockerem Trab hinter dem Wagen herlaufen, von allen angefeuert, wie früher."
Emil Zátopek:

"Mir gefällt es mehr hier als im Ausland. Besonders jetzt, weil man sagt: Wenn ein Schiff sinkt, dann die Ratten laufen weg. Aber ich will nicht wie eine Ratte so weglaufen. Ich will hierbleiben. Im Prinzip bin ich kein Feind von Sozialismus."

Nach zwei Jahren unterschreibt Emil Zátopek, dass er bereut, die konterrevolutionären Kräfte und die bourgeoisen Revisionisten unterstützt zu haben. Nun bekommt er einen Posten als Archivar im Keller des Sportinformationsministeriums. Am 21. November 2000 stirbt Zátopek an den Folgen eines Gehirnschlags. Posthum verleiht ihm der Internationale Leichtathletikverband den Golden Order of Merit für seine Verdienste um die Leichtathletik und seinen inspirierenden Einfluss auf die Jugend.

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